Kommunen ohne Rettungsschirm?

„Daß es ’so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“ (W.Benjamin)

 

In einem vielbeachteten Interview mit dem Berliner Tagesspiegel vom 26.04.2020 wies Wolfgang Schäuble auf einen Krisenzustand hin, der in den vergangenen Wochen in den Hintergrund getreten ist: „Noch immer ist nicht nur die Pandemie das größte Problem, sondern der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt, all die Schäden, die wir Menschen und vor allem wir Europäer durch Übermaß der Natur antun. Hoffentlich werden uns nicht wieder nur Abwrackprämien einfallen, die es der Industrie ermöglichen, weiter zu machen wie bisher.

Tempel von Delphi und Schatzhaus der Athener (Thesaurós) Foto: Napoleon Vier, CC BY-SA 3.0,

Im Moment geht jedoch alles um die Maßnahmen für den Exit aus dem Shutdown und um die Liquiditätssicherung der Unternehmen und Freiberufler. Bricht man die aktuellen Themen auf die Ebene der Landkreise und Kommunen herunter, dann ist die Situation eine verzwickte. Die Vorstellung, dass der Staat die Umsatzdefizite und entsprechende Insolvenzen mit Rettungsschirmen abfangen könnte, erscheint angesichts der kommunalen Haushaltslagen fragwürdig. Im Gegensatz zu Bund und Ländern bewegen sich Kommunen haushaltsrechtlich in deutlich engeren Grenzen, denn für sie gilt der Artikel 109 Abs.3 des Grundgesetzes nicht. Da die Coronakrise die zentralen Einnahmenbereiche (Gewerbesteuer und Anteile der Einkommenssteuer) der Kommunen durch den Shutdown und die Kurzarbeit einbrechen lässt, müssen sie auf die massiven Mindereinnahmen mit Haushaltssperren reagieren. Damit sind sie im Blick der Kommunalaufsicht. Die entsprechenden Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung werden die Kommunen für die kommenden Jahre knebeln.

Wie brisant die Situation ist, zeigt dies Beispiel: Die Stadt Varel hatte am 27.02.2020 den Doppelhaushalt 2020/21 mit knapper Mehrheit beschlossen. In der Diskussion wurde schon zu diesem Zeitpunkt kritisch bemerkt, dass dieser Haushalt nicht nur darauf basiert, die finanziellen Rücklagen der vergangenen Jahre aufzuzehren, sondern dass in ihm auch bestimmte Herausforderungen der kommenden Jahre schlicht ausgeblendet werden. Insgesamt hat man für den Haushalt 2020 eine Schuldenlast von 14,5 Millionen € erwartet, ging dann allerdings schon für 2022 von 19,6 Millionen € aus. Umgerechnet also eine pro-Kopf-Verschuldung von 815,- €. Zu diesem Zeitpunkt hielt man eine Pandemie für ein Phänomen, das am Landkreis Friesland vorbeiziehen würde. Doch es kam bekanntlich anders. Einen Monat später wurde die Kontaktsperre erklärt und der Haushaltsbeschluss nichtig.

Schon einigen Wochen nach dem Shutdown wurde gefragt, wie sich diese rigorosen Schutzmaßnahmen auf den kommunalen Haushalt auswirken werden. Bürgermeister Wagner nahm gegenüber der Redaktion des NWZ-Gemeinnützigen in einem Interview dazu Stellung, vermied es aber konkrete Zahlen zu nennen oder in diesem Zusammenhang den umstrittenen Haushaltsbeschluss vom Februar zu erwähnen. Er sagte lediglich: “In jeder Kommune, also bei Städten, Gemeinden und den Landkreisen, wird es Veränderungen geben. Dabei baue ich auf den angedachten „kommunalen Stabilisierungspakt“, den Wirtschaftsminister Althusmann ins Gespräch gebracht hat. Die Landesregierung muss einsehen, dass den Kommunen wie den Unternehmen geholfen werden muss.“

Die Kommunen und der Landkreis Friesland richteten am 24. April den Hilfsfonds Friesland ein mit einem Gesamtvolumen von drei Millionen €, um regionale Unternehmen zu unterstützen. Die Unternehmen vor Ort unmittelbar zu entlasten, ist so sinnvoll wie dringend geboten. Diese Maßnahmen führen in den Kommunen allerdings zu weiteren Einnahmenverlusten. Der erwähnte Stabilisierungspakt seitens des Landes ist demgegenüber bisher nur eine Idee. Seitens der Landesregierung liegt für ein entsprechendes kommunales Hilfspaket oder eine Lockerung des kommunalen Haushaltsrechtes noch kein Beschluss vor.

„Das Land wird um Liquiditätshilfen auch bei den Kommunen nicht vorbeikommen“, so Wagner. Im Moment geht die Stadtverwaltung davon aus, dass man in der Mitte des Jahres ernsthafte Zahlenwerte haben wird, mit denen die Steuer- und Einnahmenverluste seriös skizziert werden können. Da es allen Kommunen in der Republik gegenwärtig so ergeht, setzt man darauf, dass auch allen geholfen werden muss. Diese Vorstellung dürfte auf die Äußerungen der Bundespressekonferenz vom 13.03.2020 zu den Maßnahmen der ökonomischen Liquiditätssicherung zurückgehen, auf der Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmeier die Kreditvergabe ohne Limit als Rettungsschirm verkündet haben. Für diese KfW-Kredite würde der Staat dann zu 100% bürgen.

Dieses Signal der Sicherheit war sehr wahrscheinlich notwendig, ist aber auch mehr als heikel. Und dieser Rettungsschirm wurde auf der besagten Pressekonferenz für Unternehmen und Freiberufler aufgespannt, nicht für die Kommunen. Der Gedanke des Rettungsschirms ist, den Unternehmen zu helfen, denn eine Insolvenzwelle wäre teurer als die Rettungsmaßnahmen. Es  dürfte aber eine eklatante Fehleinschätzung sein, dass der Staat in diesem Umfang auch die Umsatzeinbrüche der Kommunen abfangen könnte.

Es geht hier um Kredite und damit um Schulden, die zurückzuzahlen sind. Bleiben die Firmen liquide, wären sie sowohl als Unternehmen als auch als Steuerzahler gerettet – und somit auch die Kommunen. Für die kommunalen Haushalte, die schon vor der Corona-Krise auf Kante genäht waren (wie etwa der Doppelhaushalt der Stadt Varel), sind aber die Kredite eines „kommunalen Stabilisierungspakts“ ein wüstes Fangeisen. Die öffentliche Hand muss sie – wie alle anderen auch – zu den Bedingungen des Finanzmarktes beantragen und entsprechend bedienen. Bei einem kommunalen Rettungsschirm würden der Bund und/oder das Land lediglich die Bürgen sein, die Schulden aber bleiben.

Mit dem Shutdown hat es die Kommunen im vollen Lauf erwischt und die Probleme, die sich schon zuvor abzeichneten, werden mit der Corona-Krise nun radikal und in allen Bereichen beschleunigt. In Varel zeichnete sich zum Anfang des Jahres mit der Schließung der Vareler Niederlassung des Zuliefererunternehmens ThyssenKrupp Aerospace eine erste Verunsicherung ab. Die aber wird sich mit dem Stillstand des internationalen Flugverkehrs zu einer veritablen Krise im Flugzeugbau ausweiten, die auch an den vor Ort ansässigen Unternehmen wie Deharde und Aerotec nicht spurlos vorbeiziehen wird. Und auch ein anderer ökonomischer Sektor, der in den vergangenen Jahren enorme Zuwachsraten verbuchen konnte, ist zum Erliegen gekommen: Der Tourismus. Mit einem sogenannten Drei-Stufen-Plan will man sukzessiv die Reste der Saison für die Branche retten. Dabei setzt man auf ein umsichtiges Wiederhochfahren der Konzepte, die in der Vergangenheit erfolgreich waren.

Insgesamt geht man in Varel davon aus, dass die Stadt an einer Haushaltssperre vorbeikommen wird, da sie im Vergleich zu anderen Kommunen als verhältnismäßig finanzstark gilt. Die Vorstellung aber, dass man dort weitermachen könne, wo man im März jäh unterbrochen wurde, erscheint so naiv wie träge. Das oben erwähnte Statement von Wolfgang Schäuble zeigt, dass man in Berlin sehr wohl darum weiß: Die relevanten Probleme, die wir in dem Wachstumswahn konsequent ausgeblendet haben, wurden und werden durch die Pandemie nicht geschaffen, sondern nur verschärft. Die aktuelle Unterbrechung hat die Fehlentwicklungen veranschaulicht, verstellt allerdings auch gleichzeitig den Blick auf die realen Herausforderungen des Klimawandels. Statt dass kleine Kommunen nun die Gelegenheit wahrnehmen und Arbeitskreise schaffen, die konsequent nachhaltige Konzepte des Zusammenlebens und Wirtschaftens entwickeln, setzt man auf die schlichte Vorstellung, dass man weiter machen könnte wie bisher. Schon aus fiskalischen Gründen können wir uns im Stadtrat die Ideen alter Herren und deren Wachstumsfetisch nicht mehr leisten. Die Realwirtschaft wird nicht mit stupidem Konsum und den fiktiven Geldwetten des Finanzmarktes gerettet, sondern mit konkreten Umsätzen, tragfähigen Konzepten der Nachhaltigkeit und realer Solidarität.

Norbert Ahlers

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Kunstwerke brauchen kein Publikum, sie brauchen Gespräche

Als meine Großmutter mit ihrer jungen Familie gerade den Ersten Weltkrieg überstanden hatte und das Wüten der Spanischen Grippe noch weiterhin zahllose Menschen dahinraffte, hungerte man – so erzählte sie – nach Tanz, Theater und Kino. Eine Sehnsucht der Städte, die aber auch in den Badeorten der Provinz zu spüren war.Wie in einem Fieber entstanden neue Stile und Ideen. Ideen, die das 20. Jahrhundert prägten. Von dieser Sehnsucht nach Kunst und Kultur ist gegenwärtig nichts mehr zu spüren oder zu hören. Es wird über die KünstlerInnen geredet, weil ihnen die Einnahmen wegbrechen, über ihre neue Ideen wird nicht gesprochen. Jedenfalls scheint dies für das Oldenburger Land der Fall zu sein.

Die KünstlerInnen selbst aber sind aktiv. Es wird kein Geld verdient, aber die meisten sitzen zu Hause und probieren mit neuen Techniken und neuen Formaten. Diedel Klöver berichtet, dass er in diesen Wochen ständig an neuen Musikstücken arbeite, dass er anderen neue Ideen als digitale Aufnahme zusendet, die diese wiederum weiter entwickeln und ihm als File zurückschicken. Gelegentlich findet man auch Wege zu einer Onlinesession. Bei bildenden KünstlerInnen ist die Situation eine andere: Hier arbeiten die KünstlerInnen weit weniger in Teams, sondern jeder ist für sich allein im Atelier. Vor allem die Einnahmen von Workshops oder die Verkäufe in Galerien sind weggebrochen. Claus Rabba hat unmittelbar darauf reagieren können und bietet seine Malkurse nun online an. So konnte er den Kontakt zu seinen KundInnen und Interessierten aufrechterhalten und die Einnahmeverluste weitgehend abfedern. Hingegen hat der Shutdown manch anderen mit voller Wucht getroffen. KünstlerInnen in Varel haben somit ausgesprochen unterschiedliche Voraussetzungen und Hintergründe.

Nach mehr als einem Monat irritiert es aber dennoch, dass innerhalb der Kunst- und Kulturszene in Varel und Umgebung nicht öffentlich über die weiterreichenden Konsequenzen der Kontaktsperre gesprochen und geschrieben wird. Es wird hier und da ein wenig beklagt und geklagt, gelegentlich suchte die eine oder der andere „neue“ Wege mittels Clips auf Videoplattformen zu gehen, doch eine substantielle Diskussion in der Öffentlichkeit wird nicht geführt. Die neuen Ideen, Bilder und Texte, die nun erarbeitet werden, finden hier vor Ort nicht in die kommunale Öffentlichkeit. Dabei bieten die digitalen Techniken durchaus die Möglichkeit, eine Nähe durch virtuelle Distanz zu schaffen. Es ist ein spannendes Experiment, die konkreten Räume sozusagen in ein Spacelab zu transponieren. Der Kunstraum Varel zum Beispiel hat einen ersten Versuch mit seiner aktuellen Schülerausstellung erarbeitet und entwickelt nun weitere Ideen, die die Axiome der digitalen Ästhetik stärker berücksichtigen möchten. Gegenwärtig werden all diese Aktivitäten nur in Freundeskreisen oder bestenfalls in der jeweiligen Szene wahrgenommen.

Damit stellt die Situation die Kulturarbeit im ländlichen Raum grundlegend in Frage.Wer nicht über Kunstwerke spricht, entbehrt sie offensichtlich auch nicht.

Die Probleme der Zeitgenossen sind offensichtlich andere – und die Bedürfnisse oder gar Sehnsüchte auch. Auf dem Land ziehen sich die meisten vorzugsweise in ihre Hausgärten zurück oder machen Spaziergänge in den Wäldern und Feldern. Manch einer würde nun vielleicht gerne einen Rhabarberkuchen in einem Café genießen, seinen Gedanken nachhängen oder schlicht ein wenig klönen. Viele würden auch ein Schwimmbad oder Sportplätze aufsuchen wollen, weil sie Bewegung und Geselligkeit suchen. Viele vermissen vor allem den Kontakt zu Freunden und Familienmitgliedern. Kunst allerdings fehlt den meisten hier in Varel so sehr wie ein Kino: nicht wirklich oder gar ernsthaft.

Es ist weniger die Pandemie bzw. der Shutdown, als vielmehr der Mangel an Dialogen mit und über die Kunst, der die Kulturarbeit auf ein Randproblem dieser Tage reduziert. Die Schwierigkeiten von KünstlerInnen bzw. Kulturorten wird in der Öffentlichkeit bestenfalls im Zusammenhang mit dem Tourismus wahrgenommen, doch aus der Kunstszene vor Ort selbst wird keine Diskussion eingefordert oder selbst initiiert. Es erschreckt, wie konsequent die KünstlerInnen und VeranstalterInnen kulturpolitische Zusammenhänge ausblenden, sei es nun aus Angst, Gleichgültigkeit oder intellektueller Trägheit. KünstlerInnen wie VeranstalterInnen gehen davon aus, dass man im Herbst irgendwie dort wieder nahtlos anschließen könne, wo man vor der Kontaktsperre aufhören musste. Das ist nicht nur ein Ausdruck von hilfloser Ohnmacht, es ist auch ein Mangel an kulturellem und öffentlichem Leben: Ohne Diskussionen keine Ideen, ohne Ideen keine Alternativen. Insofern ist es so konsequent wie fatal, dass man schlicht dort weitermachen möchte, wo man unterbrochen wurde. Der Horizont dieses Denkens: Kunst und Kultur scheinen dann relevant zu sein, wenn es darum geht, als Event die touristische Attraktivität zu steigern. Das ist ein reales Dilemma, denn alles war auf den Event ausgerichtet, nicht auf die inhaltliche Auseinandersetzung. Der Kunstwert ist aber nicht die Aufmerksamkeit, sondern realisiert sich im aufmerksamen Zuhören und Verstehen. Das braucht Zeit und kein Spektakel.

Das Schweigen der KünstlerInnen ist – je länger es dauert – beunruhigend, denn es zeigt, dass sie nicht mehr das sind, was sie einmal wesentlich waren und was sie vom Kunsthandwerk und Design unterschied: Beobachter aus einer kritischen Distanz, denen die Wirklichkeit unter die Haut geht und die mit ihren Werken zu einem Perspektivwechsel auffordern. Genau dies ist in diesen Monaten dringend geboten. KünstlerInnen, die diese Dringlichkeit nicht empfinden und wahrnehmen, sind keine – jedenfalls in diesem Sinne. Sie sind Kreative oder Kulturschaffende, die vor allem Publikum und Anerkennung suchen.

Es braucht KünstlerInnen, um aus dieser Situation  Chancen und Ideen zu entwickeln – und neue Perspektiven braucht Varel, schon wegen seines kommunalen Haushalts der kommenden Jahre. Kunstwerke brauchen kein Publikum, sie brauchen Gespräche. Die List der KünstlerInnen in ihrem Spiel und ihren Arbeiten ist dringender denn je, denn Krankheiten und Zusammenbruch bewältigt man nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Witz und Spiel.

Es braucht Mut – und den können wir uns gegenseitig zusprechen.

Zuspruch finden wir in Gesprächen und es wäre ein Anfang, wenn die KünstlerInnen wieder in die Öffentlichkeit zu einem Dialog vor Ort zurückfinden könnten – auch in Varel.

Technisches Denkmal in einer Kulturlandschaft – das Kulturzentrum Seefelder Mühle 2019

Norbert Ahlers

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Elternbildung in Varel / Teil 2

Elternbildung – oder man kann nicht lernen, nicht zu lernen.

Sollen die Oberschulen in Varel weiterhin eine Zukunft haben, dann müssen sie andere werden, als sie sind. Konkret: Sie könnten sich mit dem Format der Elternbildung ein Profil schaffen, das über den konventionellen Schulbetrieb hinausgeht und somit tatsächlich eine Alternative gegenüber dem populären Gymnasium darstellt.

Schulhöfe in Varel – trotz der verschiedenen Schulkonzepte dokumentieren die leeren Flächen eine beunruhigende Gemeinsamkeit.

Elternbildung ist im Wesentlichen ein Lernen, das sich von dem konventionellen Unterricht unterscheidet. Im Kern steckt die Idee, dass Eltern das Lernen für sich neu entdecken und so die eigene Erziehungskompetenz stärken. Eltern, die selbst lernen, können Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit besser begleiten.

Zudem könnte man mit einer gehörigen Portion Chuzpe auch sagen, dass Schulen, in denen Erwachsene lernen, keine sinkenden Schülerzahlen haben. Doch was so simpel klingt, ist alles andere als einfach. Es bedarf dazu nicht nur der engagierten und konstruktiven Offenheit aller Beteiligten, sondern auch ungewöhnlicher Pädagogen: Denn ist es schon eine Herausforderung, Jugendliche zu motivieren, so ist Bildungsarbeit mit Erwachsenen die pädagogische Königsdisziplin.

Wie ist aber die Lage in Varel?

Als am 03.12.2019 in einem Pressegespräch Landrat Sven Ambrosy überraschend erklärte, dass man die Beschlussvorlage Nr. 0802/2019 zurücknehme, atmeten viele Eltern und Schüler in Obenstrohe auf. Der Vorschlag, die Oberschule Obenstrohe zu schließen, war damit in der Kreistagssitzung nicht mehr Gegenstand der Diskussion. Hintergrund für die geplante Schließung waren die Arbeitsergebnisse des Schulentwicklungsplans 2019 für den Landkreis Friesland. Der Protest des Schulelternsprecherrats, der SchülerInnen, der Eltern und der politischen Fraktionen in Obenstrohe waren jedoch so massiv wie engagiert, dass man kurz vor der letzten Kreistagssitzung 2019 die erwähnte Vorlage von der Tagesordnung strich.

Seitdem ist es um das Thema still geworden. Die Schulen sind durch die Corona-Krise, den Unterrichtsausfall bzw. die Umstellung auf Homeschooling mit anderen Herausforderungen konfrontiert. In dieser Situation interessiert sich niemand für die Ergebnisse und problematischen Perspektiven des Schulentwicklungsplans, gleichwohl müssen sie diskutiert werden. Sie basieren auf dem sogenannten Hildesheimer Bevölkerungsmodell, mit dem anhand des konkreten Zahlenmaterials der jeweiligen Einwohnermeldeämter auch Kommunen und kleinere Regionen präzise Bevölkerungsprognosen entwickeln können. Danach werden die Schülerzahlen für die Oberschulen folgendermaßen beschrieben:

Sollen es 2020/21 in Obenstrohe noch 232 SchülerInnen sein, so rechnet man 2024/25 nur noch mit 179 SchülerInnen. Zum Vergleich: Für die OBS Arngast werden 2020/21 312 und 2024/25 271 SchülerInnen erwartet, für das LMG für die Sekundarstufe I 2020/21 834 und 2024/25 gar 988 SchülerInnen. An zwei Oberschulen in Varel werden 450 SchülerInnen unterrichtet. Das ist noch nicht einmal die Hälfte der Schülerzahlen, die zum örtlichen Gymnasium gehen.

Bildungspolitisch ist das ein Dilemma, denn neben der Entwicklung der Schülerzahlen wurden die Erwartungen an das örtliche Gymnasium in dieser Diskussion weitgehend ausgeblendet. Dabei macht es keinen Sinn, den elterlichen Entschluss in Frage zu stellen, ihre Kinder auf ein Gymnasium zu schicken, wenn gleichzeitig ein Abitur in vielen Bereichen als Zugangsvoraussetzung für fast alle weiteren beruflichen Entwicklungen ist.

Das Gymnasium ist so populär geworden, dass fast die Hälfte der Schüler der Sekundarstufe I diesen Weg gehen (2016 erreichten bundesweit 52 % die Hochschulreife, davon ca. 41% über das gymnasiale Abitur), die andere Hälfte entscheidet sich für die Oberschulen, in denen sowohl Haupt- als auch Realschulabschlüsse absolviert werden können. Das ist eine grundlegend andere Situation als z.B. zu Beginn der 90er Jahre im 20. Jahrhundert, wo bundesweit ca. 31 % die Allgemeine Hochschulreife erreichten, ganz zu schweigen von den 60er Jahren, wo in Westdeutschland 7% die Allgemeine Hochschulreife erlangten. Im Kern ist dieser Zuspruch gegenüber dem Gymnasium nur zu begrüßen und es ist eine enorme Leistung, dass diese Schulform sich der Herausforderungen angenommen hat. Ursprünglich war sie weder strukturell noch dem eigenen Selbstverständnis nach auf diese Massen ausgerichtet.

Allerdings kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Entwicklung die anderen Schulformen deklassiert und in dieser Lage müssen die Oberschulen nun ihre Attraktivität gegenüber dem Gymnasium steigern. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade die Oberschulen die sozialen Herausforderungen und Veränderungen klassischer Ausbildungs- und Berufsbilder durch die fortschreitende Digitalisierung, die soziale Integrationsarbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Selbstbehauptung von Bildungsansprüchen gegenüber der Unterhaltungsindustrie zu bewältigen haben. Es kann mit den konventionellen Maßnahmen faktisch nicht gelingen, eine nennenswerte Zahl an neuen Schülern zu gewinnen und den oben beschriebenen Trend umzukehren.

Das Desinteresse an diesen Zahlen ist zwar nachvollziehbar, aber weder zwingend noch zweckmäßig, denn gerade im aktuellen Shutdown des öffentlichen Lebens wären Überlegungen zur Bildungssituation in Varel mehr als nur eine Option. Sie wären eine Chance, wobei es weniger um die Optimierung der Unterrichtsformen z.B. durch digitale Techniken ginge, als vielmehr um inhaltliche und strukturelle Fragen und visionäre Experimente.

Die gegenwärtige Ausgangslage wird nun allerdings als ein „Zurück auf Anfang“ beschrieben. Die mehrjährige Arbeit des Arbeitskreises Schulentwicklungsplanung scheint unbeachtet zu bleiben, weil gegenwärtig keiner der Beteiligten einen politischen Auftrag hat, die Perspektiven der Vareler Oberschulen weiter zu entwickeln. Zudem sind die Eltern der SchülerInnen froh, dass der Status quo erhalten bleibt. Die Schulleitung in Obenstrohe sieht sich letztlich in ihrem pädagogischen Konzept bestätigt und die Parteien vor Ort verharren angesichts der kommenden Wahlen in bleiernem Schweigen. Lediglich die Schulleitung der Oberschule Varel an der Arngaster Straße hat ein erklärtes Interesse an der Veränderung dieser Situation, denn aus ihrer Sicht sind beide Schulstandorte in der bisherigen Form bei den prognostizierten Schülerzahlen langfristig nicht mehr zu halten.

Nach Dezember 2019 wurde zwar ein neuer Arbeitskreis zusammengestellt, an dem die Schulleitungen der jeweiligen Schulen, der Landkreis und die Landesschulbehörde teilnehmen, doch ohne einen politischen Auftrag seitens des Kreistages kann sich niemand effektiv bewegen.

Welche Spielräume aber hätten Kreis und Kommune, hier eigene Wege zu gehen? Eine Idee ist die oben angedeutete: intensiver auf Elternbildung zu setzen. Hier könnte unabhängig von der Schulbehörde, aber letztlich mit ihr ein Campus entwickelt werden, auf dem alle Generationen das Lernen entsprechend ihrem Alter und ihrer Situation für sich entdecken und sich gegenseitig stärken können. Erste behutsame Ansätze zu einer konstruktiven Elternbildung finden sich in der Oberschule Varel mit einem „Elterncafé“. Von Eltern für Eltern an der Schule initiiert, konnten mit diesem Angebot positive Erfahrungen der aktiven Teilhabe gesammelt werden und so wurde auch ein thematischer Schwerpunkt aus dem Kreis der Teilnehmenden für den Schulbetrieb aufgenommen. Dabei muss das grundlegende Missverständnis aufgeklärt werden, dass Bildung auf den Erwerb von Zertifikaten reduziert wird. Bildung ist vielmehr eine komplexe Erziehung zur zweckfreien und spielerischen, also zu einer intellektuellen Neugierde. Die Lust, gemeinsam mit anderen im Gespräch die Welt zu begreifen. Nicht anderen die Zusammenhänge zu erklären, sondern sie mit anderen zusammen zu verstehen. Jeder Schüler ist bereit zu lernen, wenn er einem Lehrer gegenüber sitzt, der sich selbst so sehr für seinen Stoff interessiert, dass er dieses Interesse mit allen teilen möchte, um es selbst besser zu verstehen. Diese Lust sollten Eltern wieder für sich entdecken, nicht nur weil dieses Interesse ihre Kinder stärkt, sondern weil es sie selber ermutigen könnte – nicht zuletzt in Krisenzeiten wie den unsrigen. Es ist an der Zeit, dafür zu arbeiten. 

Norbert Ahlers

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Elternbildung in Varel / Teil 1

Elternbildung als Option ist mehr als nur eine Anregung: Es ist eine Herausforderung.

Im Landkreis Friesland findet die Elternbildung im Rahmen der evangelischen Familienbildungsstätte in Wilhelmshaven statt. Sie ist eine von 25 anerkannten Familienbildungsstätten, die vom Land Niedersachsen bzw. dem niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gefördert werden. Es ist bemerkenswert, dass sich 22 von den 25 Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft befinden, doch das ist nur bedingt ein Problem. Schwieriger ist die räumliche Ferne zur Zielgruppe. In Varel finden die meisten Kurse der Familienbildungsstätte im Gemeindehaus der Arche in Büppel statt, nicht in den Schulen der Kinder. Und sie orientieren sich an einem konventionellen Bildungsangebot, das sehr der VHS ähnelt: Kurse im Umgang mit dem Smartphone, Fremdsprachen- oder Nähkurse. Das dürfte dem Bedürfnis der Gemeindemitglieder entsprechen, doch Elternbildung im engeren Sinne ist das nicht. Nur der Kurs „Klassenelternvertreter/in – Chancen und Aufgaben“ hat einen eindeutigen Bezug zur Schule und pädagogischer Arbeit. Es zeigt sich deutlich, dass hier die Bildungsangebote an den Zielen der Elternbildung vorbeigehen. In einem kirchlichen Haus wird das angeboten, was letztlich der Gemeindearbeit dient und nützt: Mehr Begegnungs- und Freizeitangebote denn pädagogisch gezielter Elternarbeit, die die Eltern in ihrem Familienalltag stärken würde. Daher ist es von zentraler Bedeutung, dass die Elternbildung im engen Verbund mit den jeweiligen Schulen und Stadtteilen stattfindet, es ist von zentraler Bedeutung, dass das Angebot der Elternbildung für interessierte Zielgruppen leicht zugänglich ist.

Schule als Bildungsgarten – die Lust der Neugierde könnte sich gegenüber klarer Linienführung behaupten.

Wer Elternbildung ernst nehmen möchte, muss sich über einige Prämissen im Klaren sein:

  • Elternbildung sucht die Eltern an die Momente zu erinnern, wo sie Kulturangebote als ermutigend erlebt haben.
  • sucht die Eltern daran zu erinnern, dass Bildung Freude und Selbstbestätigung sein kann – für Kinder wie Eltern.
  • Elternbildung sollte die konventionelle Vorstellung von Bildung nicht zum Maßstab nehmen.
  • Elternbildung ist milieugebunden, d.h. sie hat sich an der kulturellen Lebenssituation der Eltern und Kinder zu orientieren.
  • Elternbildung setzt immer den Dialog voraus und basiert nicht auf Unterricht.
  • Elternbildung ist freiwillig.

Das ist alles leichter gesagt und geschrieben, als in der Praxis realisiert. Die Elternarbeit ist eine pädagogische Arbeit, die kaum Beachtung findet, aber ein besonderes pädagogisches Gespür und Talent erfordert. Den eigenen Bildungshintergrund und dessen Ansprüche zurückzunehmen und sich auf die Eltern einzulassen, ohne diese zu düpieren, ist eine herausragende pädagogische Qualifikation.

Wer zum Beispiel mit einem Medienangebot einen klassischen Bildungsanspruch vermitteln möchte, verfehlt sowohl die Ziele der Elternarbeit, als auch die Adressaten. Wer Eltern auffordert, Filme zu nennen, die sie gerne gesehen haben, als sie so alt waren wie ihre Kinder, muss Filmtitel wie „Kevin allein zu Haus’“ auch ernst nehmen. Es geht nicht um cineastische Entdeckungen und Filmanalysen, sondern um das Erleben der Eltern, das sie mit diesem Filmtitel assoziieren.

Umgekehrt muss der inszenierte Anspruch, dem der Begriff Bildung anhaftet, zurückgebaut werden. Die Neugierde sowie das Entdecken und Verstehen haben im Vordergrund zu stehen. Bildung soll nicht Erwartungen provozieren, sondern den Dialog. Der gelingt just in den Momenten, wo nicht Erwartungen bedient werden.

Erwachsene – und vor allem diejenigen, die die Schule eher überstanden als gemeistert haben – wollen in der Regel nicht mehr unterrichtet oder unterwiesen werden. Sie haben ein Interesse, etwas gut zu machen und ihren Kindern das Beste zu geben,was in ihrem Vermögen steht, sie wollen Hilfe – aber nicht als Hilfsbedürftige wahrgenommen werden. Wer der Hilfe bedarf, hat meist wenig Spielraum für Experimente, sondern muss mit seinen knappen (materiellen wie seelischen) Ressourcen sehr sorgsam umgehen. Da muss sich etwas lohnen oder ein Ergebnis nutzen, aber Bildung ist eben in diesem Zusammenhang eher das Einüben im Wechsel von Perspektiven. Das ist weniger ergebnisorientiert als vielmehr Spiel und Erfahrung. Genau das, was die meisten Zeitgenossen in der Schule nicht durften und die daher mit Bildung eher 45-minütigen Frontalunterricht assoziieren. Als Eltern sollen sie nun das ausprobieren, was ihnen als Kind verwehrt wurde – und das noch vor dem Hintergrund, dass ihnen geholfen werden soll, sie also als Eltern defizitär wahrgenommen werden. So strukturiert, ist die Elternarbeit zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Es ist schon schwierig, die Eltern der Kinder zum Beispiel einer Oberschule in die Schule einzuladen. Sie kommen allenfalls zu Elternsprechstunden oder Schul- und Abschlussfesten. Tatsächlich sind die Schulen auch oft architektonisch so gebaut, dass man sich dort nicht länger aufhalten möchte als nötig. Es bedarf eines intensiv gepflegten Kontaktes mit den Eltern, um einerseits das Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen zu verstehen, als auch den Handlungsraum der Eltern zu begreifen. Nur mit diesen Kenntnissen kann für die Eltern ein Angebot entwickelt werden, was ihren Bedürfnissen und Schwierigkeiten entspricht. Ein solches Bildungsangebot muss über die Nähe zur Schule oder in deren Rahmen entwickelt werden.

Die schwierige Situation der beiden Oberschulen in Varel und Obenstrohe wäre eine Gelegenheit, hier ein modellhaftes Angebot zu erarbeiten, was überregional Beachtung finden dürfte – und die Corona-Krise eröffnet jetzt den Raum, in dem man dieses Modell ernsthaft skizzieren könnte, denn wer Kinder stärken möchte, muss Eltern unterstützen.

                                                                                                                                     Norbert Ahlers

 

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Menschenwitz in seiner besten Form

Varel hat einen „neuen Klöver“

In Varel wurde in diesen Tagen – mehr oder weniger im Schatten der aktuellen Coronakrise – ein neues Kunstwerk von Juan Miguel Cubas aufgestellt. Die lokale Öffentlichkeit hat diesen Akt kaum wahrgenommen. Diese Skulptur steht nun am neu errichteten Parkplatz an der Dangaster Straße, gegenüber vom Werkeingang I der Papier- und Kartonfabrik Varel und kurz vor dem angrenzenden Bahnübergang Richtung Rallenbüschen. Es handelt sich bei der Skulptur um einen Mistkäfer in Menschengestalt, über den schon Christopher Hanraets am 26. August letzten Jahres nach dem Besuch auf der Yard-Art in Rallenbüschen berichtete.

Chimäre 2

Die Milchkanne in der Kugel wurde schon als ein Ziergegenstand genutzt, weil die Milch nicht mehr in diesen Kannen zur Molkerei gebracht wurde.

Die Idee ist beeindruckend, denn sie ist vielschichtiger als man es auf den ersten Blick meinen möchte. Die Figur, eine imposante Männergestalt mit Käferflügeln auf dem Rücken, wälzt mühsam eine Kugel vor sich her, in der sich Abfall gesammelt hat. Die Gegenstände sind aber nicht Alltagsgegenstände der Gegenwart, sondern eher Gebrauchsgegenstände einer längst vergangenen Zeit. Dinge, die eher dem ländlichen Alltag der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ähneln als dem Müll, der heute in den Wertstofftonnen zu finden wäre. Kein Plastik, sondern altes Blech.

Die männliche Skluptur selbst wirkt, je nach Blickwinkel, entweder tragisch oder schlicht von stumpfer Anstrengung. Chimäre 4Die Bewegungsrichtung suggeriert, dass die Kugel nach vorne geschoben bzw. gerollt wird. Der Käfer schiebt die Dungkugel mit den Hinterläufen, doch dieser Gegensatz zum mythischen Mischwesen von Juan Miguel Cubas ist irrelevant. Chimäre 3Vielmehr ist es nicht ohne Witz, dass diese Figur, die den Blick nach unten richtet und wie unter dem Joch mit seiner Kugel müht, auch an den altägyptischen Skarabäus, den Käfer als Glücksbringer, erinnert. Eine Assoziation, die allerdings nahe am Klischee ist, da altägyptische Motive in Schmuck- und Trendshops gang und gäbe sind.

Dieser Käfer sammelt in seiner Dungkugel die Gegenstände einer Zeit, die eher wie Fragmente einer dörflichen Geschichte und deren vergessenen Lebensweise erscheinen. Insofern handelt es sich allenfalls um den Müll der Geschichte. Es mag manchen verwundern, aber Cubas Figur kann auch wie ein stiller Gegenentwurf zum berühmten „Angelus Novus“ von Paul Klee verstanden werden. Klee-angelus-novusDieser „Engel der Geschichte“, wie ihn Walter Benjamin in seiner bestechende Interpretation nannte, blickt – so Benjamin – auf das Paradies zurück. „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin „Über den Begriff der Geschichte“ S. 697f , Hrsg.: Tiedemann/Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1980)

Doch Cubas Figur dreht seine Mistkugel ohne jedweden eschatologischen Pathos. Keine Idee von einem Paradies. In der Natur nutzen die Käfer die Mistkugeln als Nahrung und als Brutnest und so deutet die Figur hier den lebenswichtigen Wert der Geschichte an, die sie für die Menschen besitzt. Kein Wort davon, dass nur der Zukunft habe, der sich seiner Geschichte erinnere. Cubas nimmt einfach die Alltagsgegenstände, die hier nur noch der Dung der Geschichte sind. Es ist der Mist der Menschen, der sogenannten kleinen Leuten, aus denen Cubas Mischwesen aus Tier und Mensch sich das Material für seine Nahrung und Zukunft sammelt. Da ist keine Richtung, kein Ziel, bestenfalls ein verborgenes Nest. Das ist nicht charmant, genauso wenig wie die Figur, aber es ist sehr dicht an der Wirklichkeit. Das ist keine Frage komplexer Ästhetik, sondern von Erfahrung und kluger Wahrnehmung.

Dass diese Figur nun am Rand eines Parkplatzes steht, so als würde sie an den Fahrzeugen vorbei auf eine weite Grünfläche ziehen, ist nicht ohne Ironie. Die Bewegung dieser Figur scheint auch etwas Rettendes zu signalisieren. Die Autos aber, die Bewegung und Freizügigkeit symbolisieren, stehen dort nur stumm in Reih und Glied und warten ungenutzt auf ihren Besitzer. In Bewegung scheint die Geschichte zu sein, die vergessenen Gegenstände namenloser Leute und die Figur, in der die meisten nur den Käfer erkennen möchten, hat zumindest Flügel, die wie ein Rückenpanzer den Menschen schützen. Sie erinnern, dass man bei aller Mühe, wenn auch nicht fliegen, so doch mit den Flügeln mächten brummen könnte. Im Gegensatz zum „Angelus Novus“ hat sich aber die Figur von Juan Miguel Cubas eben nicht im Sturm der Geschichte verfangen. Das ist Menschenwitz in seiner besten Form.

Norbert Ahlers

Chimäre 1

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Der etwas andere Gruß zum neuen Jahr

Der Immobilienmarkt boomt immer noch. Der Finanzmarkt profitiert davon, aber auch ebenso die mittelständischen Unternehmen vor Ort. Das Dilemma der Finanzkrise von 2008 ist vergessen oder es wird schlicht behauptet, dass heute eine ganz andere Situation existiere. Es wird gebaut – und zwar so, wie es der Markt verlangt und nicht, wie die Gesellschaft es bräuchte. Auf dem Land werden weiterhin Eigenheime, Einkaufszentren und Sportplätze gebaut und in den Städten werden Stadtteile aus dem Boden gestampft und die Gentrifizierung vollzieht sich in rasantem Tempo. Man setzt auf neue Stadtteile wie Grasbrook in Hamburg oder auf Berliner Visionen, wie sie der Berliner Finanzsenator Dr. Matthias Kollatz in seinem Text „Berlin 2030“ skizziert.

In einer Provinz wie Varel oder Nordenham kopiert man diese Trends in Billigversionen, weil man diesen Boom nicht an sich vorbeiziehen lassen möchte. Tatsächlich ließen sich aber gerade im ländlichen Raum andere, eigene Modelle entwickeln, auch weil hier noch Flächen für soziale Gestaltungen existieren. Wenn also der ländliche Raum nicht zwingend unter dem Druck der Zuwanderung durch Binnenmigration einen Aktivismus von Baumaßnahmen entwickeln muss, bleibt die Frage, weshalb man sich in der Provinz die Möglichkeiten versagt, die dort noch existieren.

Selbst für Laien ist es offensichtlich, dass eine überalterte Gesellschaft nicht kontnuierlich auf den aktuellen Bauboom setzen sollte. Wer gespartes Geld mit billigen Krediten in Baueigentum umwandelt, schafft für sich oder seine Kinder keine stabile Wertanlage.

Wer mehr Wohnungen oder Häuser als eigene Kinder hat, glaubt allerdings, zu einer sozialen Klasse zu zählen, die es geschafft hat. Praktisch aber lebt man lediglich fern ab der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Mal abgesehen davon, dass die Zahl derer steigt, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können, zeigt die Verknappung von Flächen, dass die Ressource Land und naturnaher Raum zu einem exklusiven Luxusgut wird. Überall dort, wo man exzessiv baut, setzt man auf eine Verschleuderung dieser Ressourcen und eine Deklassierung der Region.

Kommunalverwaltungen bedienen diese Logik, in dem sie öffentliche Flächen aus einem vermeintlichen Zwang privatisieren anstatt sie selbst nachhaltig zu entwickeln. So versprechen Kommunalverwaltungen bzw. deren Bürgermeister – wie etwa in Varel – ein neues Veranstaltungshaus oder neue Sportplätze, doch all dies ohne finanzielle Rücklagen und betriebliche Konzeptionen.

Ähnlich wie bei dem Sportpark Langendamm forciert in Varel Bürgermeister Wagner nun den Bau einer größeren Veranstaltungshalle, um das zentral gelegene, aber in die Jahre gekommene Veranstaltungshaus der Stadt Varel, das Tivoli, zu verkaufen und abreißen zu lassen. Was bei diesem Projekt vor allem im Blick ist, sind die stadtnahen Bauflächen, die nur scheinbar profitabel privatisiert werden sollen, denn letztlich fügt sich die Kommune mit dem Verlust öffentlicher Infrastruktur einen folgenschweren Schaden zu.

Gedanken von einer nachhaltigen Stadtentwicklung werden weder in den politischen Gremien noch in der Verwaltung ernsthaft entwickelt. Im Gegenteil: Am Beispiel der Mobilitätszentrale am Vareler Bahnhof wird deutlich, wie der Stadtrat ein so konstruktives wie längst überfälliges Projekt und dessen Investor ausbremst. Anstatt also intelligente und zukunftsorientrierte Projekte zu unterstützen und die Stadt in Kooperationen mit Universitäten und Kulturinstitutionen langfristig zu entwickeln, so dass die kommenden Generationen hier weitere Entwicklungsspielräume haben werden, setzen die heute Verantwortlichen auf die Modelle der Vergangenheit. Man meint im Recht zu sein, weil die Mehrheit sich nichts anderes vorstellen kann und ihr Leben entsprechend dieser Modelle ausgerichtet hat. Das ist fatal.

Es ist, als würden die Jahrgänge der „Babyboomer“ (1955 – 1965) und der „Generation X“ (1965 – 1980) in ihrer Angst alles auf eine Logik von Wachstum setzen, von der sie selbst wissen, dass sie eine Illusion ist. Es ist, als müsste man den Lügen des Neoliberalismus der 80er und 90er Jahre glauben, weil man ihnen auch früher vertraut hat. Man meint, sie würden sich als wahr bestätigen, wenn man sie noch weiter radikalisiert. Das ist umso ärgerlicher, weil eben im ländlichen Raum Freiräume existieren, die neue Wege und Möglichkeiten eröffnen könnten. Statt falsche Erfolgsmodelle zu kopieren, könnten soziale Experimente und bildungspolitische Modelle entwickelt werden, die überregionale Impulse entfalten. Doch statt ernsthaft auf eine kluge und humanistische Bildung zu setzen, feiert man provinzielle Automessen, bei denen die überdimensionierten SUVs oder die noch aggresivere Variante des Ranger Pickups präsentiert werden. Diese Autos sind keine Nutzfahrzeuge, sondern sind Statements ohne Antworten. Sie dokumentieren mit ihrer symbolischen Stärke die eigene Ohnmacht gegenüber den existentiellen Fragen und Problemen der nächsten Generationen. Eine Ohnmacht, die das Auto, das einmal der Inbegriff der Beweglichkeit und des Fortschritts war, in eine mobile Festung verwandelt hat.

Mit dieser Mentalität verschenken wir die Chancen, die uns – nicht zuletzt im ländlichen Raum – noch für unsere Zukunft bleiben.

Das kommende Jahr 2020 ist für Varel ein Jahr der Möglichkeiten: Mit der gleichen Energie, wie die Vareler Stadtverwaltung den Sportpark Langendamm forciert hat, ist zu hoffen, dass sie sich auch für einen Bürgerpark an der Windallee mit einem soziokulturellen Zentrum im Tivoli einsetzen wird.

Allen Leserinnen und Lesern der Randnotizen wünsche ich einen gelungenen Jahreswechsel.

Norbert Ahlers

Stadtansicht Varel

Die klassische Stadtsicht von Varel. Die Weide ist jedoch in manch einem Kopf schon überplant mit einem neuen Wohngebiet und einer Umgehungsstraße.

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Nachverdichtung ist ein anderes Wort für Verengung

Ende November überraschte das CDU-Mitglied Jens Kastner im Gemeinützigen der NWZ mit einem Beitrag über städtische Nachverdichtung, dem Dirk Wachtendorf entgegnete, dass eine Nachverdichtung nur in „Rücksichtnahme und Erhalt einer grundsätzlich intakten Nachbarschaft“ eine Option sein könnte. Diese Diskussion wird schon seit 2017 gelegentlich im Rat thematisiert und noch in einem Interview mit der NWZ am 31.12.2018 wies Bürgermeister Wagner auf die sozialen Spannungen bei Nachverdichtungen hin. Nach einem politisch turbulenten Herbst 2019 versucht die CDU nun offensichtlich dieses Thema wieder in Erinnerung zu bringen, wobei Herr Kastner weniger Sachargumente darstellt als vielmehr sein subjektives Bild süddeutscher Städte, die ihm als Beispiele gelungener Nachverdichtung dienen. Das verwundert, weiß man doch um die verheerende Zersiedelung in diesen Regionen wie etwa dem Rhein-Main-Gebiet oder dem Rhein-Neckar-Raum.

Bauentwicklung ohne konzeptionellen Zusammenhang ist strukturelle Gedankenlosigkeit.           Quelle: Stadt Varel

Worum geht es aber bei den Konzepten der Nachverdichtung?

Der Begriff der Nachverdichtung beschreibt in der Diskussion der Stadtentwicklung eine weitere Bebauung von innerstädischen Flächen. Noch vorhandene Freiflächen innerhalb eines schon bebauten Stadtgebiets werden dem gemäß durch eine weitere Bebauung effektiv genutzt. Anders gesagt: Nachverdichtung ist eine Verengung, eine Verdichtung ist die Versiegelung des städtischen Raums. Eine Verdichtung ist somit auch ein Verschließen.
Konkret: Das öffentliche Leben in einer Stadt versteht sich als ein offener Raum sowohl des freien Warenverkehrs als auch des Gedanken- und Informationsaustauschs. Dieser Austausch braucht Räume und Flächen. Verdichtung aber ist das Gegenteil. Vereinfacht gesagt ist es die Vernichtung von offenen Räumen. Nicht ohne Grund definieren sich in Süddeutschland immer mehr Zentren als sogenannte Metropolregionen. Tatsächlich will diese Bezeichnung Ballungsräumen eine Identität vermitteln und darüber hinwegtäuschen, dass die unkoordinierte Entwicklung von Städten und deren benachbarten Kommunen die Vorstellung des urbanen Lebens grundlegend verändert hat.
Mit der Idee der Nachverdichtung wurde ursprünglich der Versuch skizziert, die Zersiedelung suburbaner und ländlicher Räume aufzuhalten. Angesichts der Verknappung von Bauflächen erschien diese Idee vielen so praktikabel wie zweckmäßig. Schnell hat sich aber abgezeichnet, dass in vielen betroffenen Stadtvierteln die Bewohner protestierten. Dabei werden die Flächen, die im innerstädtischen Raum noch zur Verfügung stehen, weniger für den sozialen Wohnungsbau oder Orte der Begegnung, als vielmehr für Eigentumswohnungen oder Eigenheime genutzt, also als Immobilieninvestment.

„Der Schaden ist mehr als nur eine ästhetische Entgleisung.“

Die Kommunen sind dabei in einer Zwickmühle: Sie müssen sich in einer Konkurrenzsituation zu den benachbarten Gemeinden behaupten, können aber aufgrund der prekären Finanzlage des öffentlichen Haushalts selbst nicht als Investoren auftreten. So bleibt ihnen nur Rahmenbedingungen zu schaffen, die Banken und Bauunternehmen als private Investoren nutzen können. Private Investoren aber haben kein Interesse an kostengünstige Wohnungen für junge Familien oder eher finanzschwache Gruppen. So werden in der Provinz Eigenheime auf engstem Raum gebaut, mit dem Effekt, dass die historisch gewachsene Kleinstadt sich zu einer suburbanen Vorstadtsiedlung verwächst. Diese Wohnsiedlungen, in den 50er Jahren bekannt als Lewittowns und heute in der Diskussion als prägnate Beispiele der Zersiedelung (urban sprawl) werden bei der propagierten Nachverdichtung in Form und Funktion in die historisch gewachsenen Strukturen eines Statdteils ohne Rücksicht auf das Umfeld implantiert. Der Schaden ist mehr als nur eine ästhetische Entgleisung.
Unabhängig von den unterschiedlichen Argumentationslinien (mehr Wohnraum in der schon vorhandenen Infrastruktur vs. Verlust von Lebensqualität und urbaner Identität) verschleiert diese Auseinandersetzung einen ernsthaften gesellschaftlichen Widerspruch: Die Notwendigkeit des Zuzugs bei gleichzeitiger Verknappung der noch vorhandenen Flächen. Dabei ist die Dynamik dieses Widerspruchs schwierig zu begreifen: Während junge Menschen zwecks Studium oder beruflicher Weiterentwicklung in die Ballungsräume abwandern, zieht es ältere Menschen nicht selten in den ländlichen Raum. Die Kommunen aber sind an jungen Familien interessiert und die wiederum suchen – sofern es die berufliche Situation erlaubt – meist günstigen Wohnraum und die Nähe zu einer größeren Stadt. Oft sind bei dieser Klintel die Ansprüche so hochgeschraubt, dass der Leerstand alter Bausubstanz kaum noch rentabel zu sanieren ist. Im Zweifelsfall werden gerade bei der Nachverdichtung die Altbauten niedergerissen, um dann neue Wohnungen nach aktuellen Standards zu realisieren. Was bleibt, ist meist ein irreversibler Schaden im Ortsbild. Während in den größeren Städten einerseits der Ruf nach mehr Wohnungsbau lauter wird, mehren sich auch die Stimmen, dass eine weitere Zuwanderung in die großen Städte vermieden werden sollte. Umgekehrt heißt das, man möchte den ländlichen Raum attraktiver machen, um die Ballungszentren zu entlasten. Wenn nun aber eine kleine Stadt wie Varel meint, dass sie von solch einem Trend profitieren könne, so irrt man sowohl in der Verwaltung als auch im Rat der Stadt. Ohne ein klares Konzept einer strategischen Stadtentwicklung, die sich an den Kriterien der Nachhaltigkeit, ökologischen Verträglichkeit, sozialem Ausgleich und ökonomischen Leistungsfähigkeit orientiert, wird die Bevölkerungszahl in Varel vielleicht quantitativ wachsen, doch das gesellschaftliche Leben, über das sich eine Stadt identifiziert, zerfällt.

Das Waldviertel – ein Baugebiet, das sich mehr und mehr als eine Agglomeration zusammenhangsloser Eigenheime entpuppt.

Eine Stadt braucht Orte, an denen sie sich konkret erfahren lässt: Parklandschaften, Stadttheater, Bibliotheken und Sportplätze. Dieser öffentliche Raum wird aber in Varel weitgehend vernachlässigt. So wurde in Varel z.B. mehr Geld in Parkplätze als in die hiesige Stadtbücherei investiert. Anstatt innerstädtische Grünflächen als öffentliche Gartenanlagen zu entwickeln, plant man größere Projekte im Stadtrandgürtel. Dort muss man sich weniger mit gewachsenen Gegebenheiten konstruktiv auseinandersetzen, sondern kann alles nach dem Kriterium der Verkehrsanbindung für den Individualverkehr ohne weitere Rücksicht skizzieren. Eine Rücksichtslosigkeit, die durch das Verhalten der Mehrheit legitimiert wird, wobei man ignoriert, dass diese Mehrheit ohne attraktiven ÖPNV ja keine Alternativen hat. Mit anderen Worten: Das Falsche erklärt das Falsche zum Richtigen, weil alle zur falschen Handlung genötigt werden. Die Rücksichtslosigkeit legitmiert sich durch ihre eigene Rücksichtslosigkeit.

Will eine Stadt wie Varel sich wieder zu einer lebendigen Stadt entwickeln, dann ist es an der Zeit neue Stadtkonzepte zu erarbeiten. Mehr Ressourcen schonen und weniger bauen, dafür aber mehr Altes sanieren oder gar restaurieren. In den kommenden Wochen wird sich der Förderkreis Bürgerpark Waldstadion zu einem Verein konstituieren. Es sind solche Gruppierungen, die im Sinne der Nachhaltigkeit versuchen, die Stadtentwicklung konstruktiv zu unterstützen. Konkret: Ein Bürgerpark im zentraler Lage der Stadt ist ein öffentlicher Raum, den Varel angesichts der gegenwärtigen Entwicklung mehr denn je braucht und Varel selbst braucht mehr Bürger und Bürgerinnen, die sich in diesem Sinne für die Zukunft der Stadt engagieren.

von: Norbert Ahlers

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