Kulturarbeit in Varel – Wo stehen wir eigentlich?

Ein Beitrag von Frank Wittkowski, Regisseur und Theaterpädagoge in Varel.

Die Diskussion um die Zukunft des Tivoli macht es möglich: In der Stadt wird über das kulturelle Leben, seine Rahmenbedingungen und kulturellen Perspektiven diskutiert. Wobei eine Sache dann doch ist wie sonst auch, wenn es um Kultur geht: Diskutiert wird in einem sehr erlauchten Kreis, nämlich der Leute, die durch ihre größtenteils ehrenamtliche Arbeit überhaupt erst für so etwas wie ein kulturelles Angebot sorgen und jene, die über die entscheidenden Ressourcen „Zeit“, „Bildung“ und im Zweifelsfall „Geld“ verfügen, um als Konsumenten oder Förderer aufzutreten. Eines ist klar: Der Mehrheit der Vareler Bürgerinnen und Bürger sind die Zukunft des Tivoli, der altehrwürdigen Niederdeutschen Bühne oder der anderen Angebote vorsichtig formuliert gleichgültig.

Theaterleben in Varel im Frühjahr 1914 – Heute kann weder die Landesbühne Wilhelmshaven in Varel gastieren noch könnte man in einem Kino die Verfilmungen dieses Theaterstücks in dieser Stadt präsentieren. Bild: Privat

Wenn aus mehr oder weniger berufenem Munde gefordert wird, dass kulturelle Angebote, sofern sie öffentliche Förderung in Anspruch nehmen, für alle gleichermaßen zugänglich sein sollten, oder kulturelle Angebote nur in den Genuss öffentlicher Unterstützung kommen sollten, wenn sie die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger erreicht, dann wird gegenüber Kunst und Kultur eine Kosten-Nutzen Rechnung aufgemacht, der sich in dieser Form kaum ein anderer Bereich gesellschaftlichen Lebens stellen muss.

In allen anderen Bereichen ist es selbstverständlich, dass die öffentliche Hand laufend in Rahmenbedingungen investiert und darüber hinaus unterstützend finanziell tätig wird. Begründet wird dies häufig mit der sogenannten Daseinsfürsorge, also der Sorge um alle Bereiche, die für ein Leben (nicht für das Überleben!) notwendig sind.

Wenn also in den nächsten Monaten und Jahren über strukturelle Rahmenbedingungen (z.B. in Gestalt des Tivoli) gesprochen wird, muss als erstes deutlich werden, dass Kunst und Kultur zur lebensnotwendigen Grundlage gehören, somit Bestandteil der öffentlichen Daseinsfürsorge sind und dementsprechend Anrecht oder sogar Anspruch auf entsprechende Unterstützung und Förderung durch die öffentliche Hand haben.

Diesen Anspruch deutlich zu formulieren, ist Aufgabe der Kunst- und Kulturschaffenden und ihrer Unterstützer.

Wenn man sich aber die örtliche „Kulturszene“ genauer ansieht, so erkennt man schnell, warum es den Akteuren so schwer fällt, ihr gesellschaftliches Gewicht in den Ring zu werfen: Das breite kulturelle Angebot wird getragen von vielen, in der Regel ehrenamtlichen Schultern. Jeder Verein, jede Initiative, jedes Projekt hat sich sein eigenes Netzwerk geschaffen, das häufig allein dazu dient, den eigenen „Zweck“ zu erfüllen. Bedenkt man, dass der kostbarste Rohstoff des ehrenamtlichen Engagements der Faktor „Zeit“ ist, so ist diese Vereinzelung nicht besonders verwunderlich: Wer neben seinem Beruf und familiären Verpflichtungen in der glücklichen Lage ist, Frei-Zeit für die Vorbereitung einer Ausstellung, für den Bau eines Bühnenbildes oder für die Organisation einer Veranstaltung aufzubringen, dem kann man nicht vorwerfen, dass er darüber hinaus nicht noch mehr Zeit mit der Teilnahme an einem runden Tisch zum Thema „Kultur“ verbringt.

Und hier schließt sich ein erster Kreis: Fehlende Zeit für die übergreifende Positionierung der Kulturschaffenden führt zu weniger Akzeptanz, weniger Unterstützung führt zu erhöhtem Zeitaufwand für die kulturelle/ künstlerische Arbeit führt zu weniger Zeit für die übergreifende Positionierung… usw.

Und am Ende steht die Aussage eines Ratsherren, der fordert, dass die Vereine für die Nutzung des Tivoli etwas „leisten“ sollten. Dabei ist die Leistung mit der Durchführung der Veranstaltung schon längst erbracht. Punkt.

2021 – in der Kulturarbeit Varels ist eine ähnliche Neuorientierung notwendig wie im Bereich der Energietechnik. Foto: N.Ahlers

Eine Bestandsaufnahme „Kulturelles Leben“ in Varel fällt aufgrund der beschriebenen Vielzahl an Vereinen, Veranstaltern und Projekten schwer. Noch komplizierter wird es, wenn es um die Definition von „Kultur“ geht. Häufig wird innerhalb des Kulturbegriffs differenziert, auf- und abgewertet, priorisiert und banalisiert. Diese Abgrenzungsversuche, die in der Auseinandersetzung um gesellschaftliche Relevanz und daraus abgeleitet um öffentliche Gelder vorgenommen werden, sind Fluch und Segen zugleich. Die Anforderungen an die unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen sind in vielen Bereichen nicht auf einen Nenner zu bringen: Eine Theatergruppe stellt grundsätzlich andere Anforderungen an ihre Produktionsstätte als ein Schwimmverein.

rekonstruierte Zeichnung des einst geplanten gräflichen Schauspielhauses zu Varel (1841), vgl. Originalpläne im Landesarchiv Oldenburg.

In dieser Hinsicht kann die Verwendung des Kulturbegriffs durchaus verwirrend und überfordernd sein. Bei den aktuellen Überlegungen geht es verstärkt um Kunst und Kultur. Aber auch die Zuhilfenahme des Kunstbegriffs zeigt deutliche Schwächen, da auch eine Definition des Begriffes Kunst nie umfassend gelingen kann. Halten wir an der Kombination Kunst und Kultur fest, muss klar sein, dass sich die Liste von Kunst- und Kulturschaffenden und ihren Projekten und Angeboten ständig wandelt. Die benötigte Bestandsaufnahme ist also trotz Reduzierung auf einen bestimmten Bereich des kulturellen Lebens eine große Herausforderung. Um jedoch von Seiten der Stadt auf die Bedürfnisse reagieren zu können und darüber hinaus die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu eröffnen, wird es notwendig sein, sich einen Überblick zu verschaffen.

Fraglich bleibt, ob die Kunst und Kulturschaffenden die Kraft besitzen diese Aufgabe in Eigenregie zu bewältigen. Wie aber könnte eine Hilfestellung von „außen“ aussehen? Was wären die Aufgaben?

Organisation: Festsetzen von Gesprächsterminen, Organisieren von Räumlichkeiten, Einladung an die Kulturschaffenden, Moderation und Protokoll der Treffen, Erstellen von Kontaktlisten und E-Mail-Verteilern.

  • Konzeptionelle Arbeit: Unterstützung bei der Erstellung von Positionspapieren und Anträgen
  • Ansprechpartner für Ratsmitglieder und Verwaltung
  • Bei der konkreten Ausgestaltung dieser Hilfestellungen gibt es im wesentlichen zwei Ansätze.

Möglichkeit 1: Einrichtung eines Kulturbüros und Beschäftigung eines Kulturkoordinators.

Hier bekommt die Kultur eine eigene zentrale Anlaufstelle in der Verwaltung der Kommune. Dies erleichtert den Kontakt zwischen den Kulturschaffenden und den politischen Entscheidungsträgern. Aber: Als Teil der Verwaltung ist ein Kulturkoordinator letztendlich weisungsgebunden. Kulturpolitische Arbeit kann u.U. erschwert werden.

Möglichkeit 2: Einrichtung eines Kulturrates oder eines Kulturbeirates.

Die freieste Organisationsform ist die Gründung eines Kulturrates. Dieser ist in seiner Organisationsform eine verwaltungs- und parteipolitisch unabhängige Interessenvertretung, die im Rahmen ihrer Zielsetzung und Geschäftsordnung Positionen formulieren kann und versucht im demokratischen Prozess ihre Interessen in praktische Politik münden zu lassen.

Eine weitere Möglichkeit ist die Einrichtung eines Kulturbeirates, der die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Politik auf der einen Seite und den Kulturschaffenden auf der anderen Seite bildet. Der Kulturbeirat wird in kulturellen Angelegenheiten vom Rat und den betreffenden Ausschüssen angehört. Durch die Besetzung mit ständigen Vertretern örtlicher Kulturinstitutionen und frei gewählten Mitgliedern ist er demokratisch legitimierter als der lose Zusammenschluss eines Kulturrates. Konkrete Entscheidungsmöglichkeiten hat aber auch der Beirat nicht.

Ein grundsätzliches Problem der genannten Organisationsmöglichkeiten ist die Verlagerung kultureller Belange in ein „Expertengremium“ oder eben in die Hände „eines Experten“. Wie in anderen Bereichen auch, besteht die Gefahr, dass die Entscheidungsträger sich auf diese Expertenmeinung berufen, ohne sich selbst näher mit der Materie zu befassen. Die Kulturschaffenden werden also nicht darum herumkommen, sich selbst in parteipolitische Prozesse zu begeben und so die Ausrichtung der städtischen Kulturarbeit direkt mitzugestalten.

Aber schon allein die Diskussion, ob und welche Organisationsform, welche Form der Unterstützung von den Kulturschaffenden gewünscht ist, kann zu einer Vernetzung und damit zur Stärkung des Bewusstseins für gemeinsame Interessen führen. Schon allein deshalb wäre der Beginn dieses Prozesses ein großer kulturpolitischer Schritt nach vorn. Da auch die Institutionen der Stadt Varel ein Interesse an einer funktionierenden und produktiven Kulturszene haben müssen, ist eine Begleitung durch Vertreter der Stadt (als Anschub) sicherlich zielführend.

In der Formulierung gemeinsamer Positionen, in der Zusammenarbeit und Intensivierung aber auch letztendlich mit dem Blick über den eigenen künstlerischen Tellerrand hinaus liegt die Chance, die Bedeutung von Kunst und Kultur insgesamt aber auch die Relevanz der eigenen Arbeit zu steigern. Denn auch wenn die Qualität von Kulturangeboten nicht mit Zahlen zu fassen ist und einfache Kosten-Nutzen-Rechnungen ins Leere führen, so ist doch der Wunsch nach Aufmerksamkeit und daraus abgeleitet der Wunsch nach Bedeutung des eigenen kreativen Handelns das verbindende Element zwischen allen Kulturschaffenden.

Wo steht also die Kulturarbeit in Varel? Sie steht auf einsamem und vernachlässigtem Posten, ist aber nicht verloren. Und vielleicht macht sie sich gerade auf den Weg.

Das Tivoli – als Kulturhaus für Varel noch nicht verloren.

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„Ohne Kultur auch keine Bildung“ – Interview mit Gerd-Christian Wagner

Krisen, so heißt es, vernichten die Schwachen und machen die Starken stärker. Das Kulturleben wurde in den vergangenen Monaten auf den Nullpunkt gebracht. In der vergangenen Ausschusssitzung für Bauen, Liegenschaften und dem Eigenbetrieb Wohnungsbau Varel am 01.02.2021 wurde über die weitere Bewirtschaftung des Tivoli entschieden. Der Vorschlag der Verwaltung ist, ab August 2021 einen Hausmeister als geringfügig entlohnten Beschäftigten einzustellen, um für die Übergangszeit eine Nutzung des Tivoli für die Vereine sicherzustellen. Sechs Vereine sind auf die Räumlichkeiten angewiesen. Dieser Vorschlag wurde mit acht Ja-Stimmen und einer Enthaltung angenommen. Die erwähnte Übergangszeit soll dazu genutzt werden, um im offenen Dialog und unter intensiver Beteiligung der Bürgerschaft im Stadtrat darüber zu entscheiden, ob das Tivoli saniert wird oder ob man andere Optionen favorisieren sollte. Dass Varel ein Kultur- und Veranstaltungshaus braucht, scheint Konsens zu sein.

Tivoli um 1909 – ein Restaurant mit großem Saal und Gartenwirtschaft. Zu diesem Zeitpunkt hatte Varel im Schwarzen Roß auch schon ein Kino. So gesehen hatte die Stadt vor 121 Jahren ein Kulturangebot, das man heute vermisst.

Während sich Axel Neugebauer von Zukunft Varel klar für den Erhalt des Tivoli aussprach, plädieren sowohl die FDP als auch die CDU für einen Abriss und einen Neubau. Sie gehen davon aus, dass die vorhandenen Räumlichkeiten in ihrem Grundriss nicht mehr zeitgemäß seien. Beide Parteien sind aber auch noch nicht in der Lage, zeitgemäße oder gar neue Konzepte für ein Kulturleben vorzustellen. Dass man in alten Räumlichkeiten sehr wohl neue und lebendige Programme vorstellen kann, zeigen das Zeli in Zetel oder das Vereenshuus in Neuenburg. Es war aber auch Jost Etzold, der in der Sitzung darauf hinwies, dass eine Sanierung mit 7,5 Millionen € günstiger als ein Abriss und Neubau sei.

Für die Vareler Randnotizen Grund genug, mit dem Vareler Bürgermeister Gerd-Christian Wagner über das Kulturleben in Varel und das Tivoli zu sprechen. Das Interview führte Norbert Ahlers.

 

Norbert Ahlers: Wo sehen Sie die Stärken Varels?

Bürgermeister Gerd-Christian Wagner, Foto: Stadt Varel

Gerd-Christian Wagner: Die Stärken von Varel – ich glaube, wir haben hier in Varel eine Gesellschaft, die in den letzten Jahren um ganz viele Dinge gestritten hat, um ganz viele Dinge gekämpft hat und unter’m Strich haben wir es meines Erachtens geschafft, Varel weiter und die Dinge voran zu bringen. Das war kein leichter Prozess, doch genau darin liegt die Stärke Varels: Dass wir soviel Kraft gehabt haben, die Dinge zu verändern. Ich erinnere da an die Veränderungen im Bereich der Grundschulen. Da haben wir gesagt, wir wollen sechs starke, größere Einheiten haben und die beiden kleinen fusionieren wir mit den größeren Einheiten und im Nachhinein zahlt sich das m.E. aus, dass wir mittlerweile sechs gute, gefestigte Grundschulen haben, wo die SchülerInnen gerne hingehen. Diese Veränderungskraft aus den Krisen heraus: Das zeichnet Varel aus.

Bei der Bildung gibt es Zustimmung, bei anderen Punkten gibt es Widerstand – trotzdem der Wille zur Veränderung. Wie würden Sie denn das kulturelle Leben in Varel beschreiben? Hat sich da auch etwa verändert und gehört auch das kulturelle Leben zu den Stärken dieser Stadt?

Ich glaube, dass sich das kulturelle Leben in Varel in den letzten 40 Jahren extrem verändert hat. Wenn ich sehe, was wir für eine Landschaft vor 40 Jahren hatten, also um 1980 herum, da war Varel noch sehr kleinstädtisch geprägt. Da gab es eine Kneipenkultur, da gab es eine andere Vereinskultur und das hat sich in den Jahren extrem verändert. Wir hatten hier Ende der 70er Jahre eine enorm hohe Kneipendichte. Davon kann man heute nicht mehr sprechen. Das hat sich auch im Vereinsleben sehr stark abgebildet: Hat man früher das Vereinsleben in die Gaststätten hineingetragen, so ist das heute nicht mehr der Fall. Kultur im Sinne von Kunst und Kultur, da haben wir mittlerweile mehr Vereine und sehr viele Akteure. Leider arbeiten die nicht zusammen. So jedenfalls ist meine Wahrnehmung. Ich glaube, dass wir beispielsweise mit der Kunstszene in Varel ganz viele Punkte haben, die aber immer nur Punkte bleiben. Es ist nie etwas Gemeinsames und das ist schade. Ich glaube, letztlich macht nur eine Gemeinschaft, auch im kulturellen Bereich, ein Interesse stark, gemeinsam lässt sich viel mehr erreichen. Das ist in Varel offensichtlich schwierig denn jeder Einzelne sieht für sich seinen eigenen Part. Vielleicht möchte man ja auch gar kein Gemeinsames.

1930 – das Tivoli umbenannt und renoviert, nunmehr das Allee Hotel in Varel

Weshalb hat dann die Stadt Varel keinen Kulturreferenten wie es z.B. Neuenburg Zetel hat? Der könnte ja solche Einigungsprozesse vorantreiben.

Ich glaube, die Stadt Varel hat immer darauf gesetzt, dass die Menschen, die Vereine sich da selbst orientieren. Da als Kommune, als Gemeinde Vorgaben zu machen, würde ich nie wollen.

Es geht ja nicht um Vorgaben, es geht um Unterstützung.

Ich glaube, wir unterstützen viele Vereine, wenn sie kommen und sagen, sie brauchen beispielsweise eine finanzielle oder inhaltliche Unterstützung. Ich glaube nicht, dass wir da schlechter dastehen – das ist meine persönliche Meinung – als Zetel oder Bockhorn.

Wir sprachen gerade im Grunde von der Vielzahl der Einzelakteure und dem Mangel des Zusammenspiels – und das hier jemand sein könnte, der das Zusammenspiel koordiniert.

Ich würde mich erstmal scheuen, einen Kulturkoordinator städtischerseits zu implementieren. Das würde ich auch nicht wollen, dass die Stadt sagt, wie Kultur gespielt werden muss. Die Stadt kann mitbegleiten, kann Impulse setzen, aber ich würde die Stadt nicht in dieser Rolle sehen.

Muss man neue Formen für das Gemeinsame suchen? 

Ja.

Wie muss man sich diese neuen Formen vorstellen?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir – vielleicht auch mit Unterstützung aus dem Bereich „Börse der Ideen“ – einen Nukleus (Kern) schaffen, der genau diese unterschiedlichen Formen, die Vereine und die Aktiven zusammenbringt. Ich halte sehr viel davon, wenn das nicht öffentlich-rechtlich passiert, sondern beispielsweise über die Agenda-Gruppen. Wir haben sehr gute Menschen, die da aktiv sind, die das auch bewirken können. Wenn die „Börse“ demnächst, also in 1 ¾ Jahren eröffnet, sollten die Akteure und deren Ideen, die sich hier finden, schlichtweg gebündelt werden. Das ist etwas, dass Varel weiter nach vorne bringen wird: Mehr gemeinsam zu arbeiten und Strukturen zu schaffen, wo sich jeder wiederfinden kann.

Der Gartenbereich des heutigen Tivoli – großzügig, aber ungenutzt.

Wenn ich das richtig verstehe, ist ja die „Börse“ so etwas wie ein Begegnungsort, d.h. man kommt dort zusammen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, neue Ideen zu entwickeln und vielleicht auch in kleinformatiger Art und Weise Veranstaltungen zu präsentieren. Für größere Veranstaltungen ist da kein Raum.Wir haben noch die private Initiative vom „Förderkreis Alte Katholische Kirche“, der aber eher das Spirituelle sucht, also Kultur im Rahmen spiritueller Suche anbietet. Für größere Veranstaltungen,sei es Konzerte, sei es Theater, sei es eine größere Gemeinschaftsveranstaltung haben wir nur das Tivoli. Es biete sich also als Kulturzentrum an. Spricht irgendetwas dagegen, hier im Tivoli ein städtisches Kulturzentrum  einzurichten?

Nichts. Ganz im Gegenteil. Das sollte ja auch mal dort entstehen. Wenn man sich die alten Akten anschaut, dann ist ja auch genau das damals Thema gewesen, als man das Tivoli städtischerseits gekauft hat. Man wollte im Bereich Jugend und Kultur etwas aufbauen. Das ist dann aber gänzlich aus dem Blick gekommen. Es stand und fiel sehr stark mit den Pächtern, denn ich glaube, dass man sich vielfach auf die Pächter fokussiert hat. Die Vorstellung war, dass sie all das voranbringen sollten.  Wenn man sich an die Personen erinnert, die das damals gemacht haben, stellt man sehr schnell fest… viele sind auch einfach nicht angekommen, vielleicht auch gescheitert. Das war vor meiner Zeit, aber was ich so gehört habe, wurde städtischerseits kein wirklicher Hebel angesetzt, um dort weiterzuarbeiten. Man hat sich schlichtweg darauf verlassen, dass es andere machen und die haben es nicht gemacht. Bis dann Fred Lienemann kam, der durchaus ein bisschen Kultur hineingebracht hat. Aber der halt vor dem Hintergrund als Restaurantbetreiber gesehen hat, dass er das Restaurant und die Mannschaft usw. über die Jahre bringen muss. Das hat er sehr gut gemacht. Er hat das mit viel Einsatz getan. Unter’m Strich aber sind keine Strukturen entstanden. Es gibt mal Highlights, aber ich glaube, das Herzblut als solches nie wirklich zu spüren war wie es beispielsweise im Bürgerhaus in Schortens der Fall ist. Da ist auch seitens der Kommune versucht worden, das Haus noch mehr mit Leben zu füllen. Das hat Varel einfach versäumt.

Ist nun die Gelegenheit, dieses Versäumnis nachzuholen?

Wenn die Bürgerinnen und Bürger das wollen, dann ja. Nachholen – nun ich denke, wir brauchen da in Teilen einen Neuanfang. Die Frage lautet, was soll in Varel mit Veranstaltungen insgesamt passieren und wie können wir jetzt eine neue Zeit anbrechen lassen? Mein Plädoyer wäre: Wir sollten uns erst mal zwei Jahre lang Zeit nehmen bzw. geben und mit den BürgerInnen zusammen schauen, in welche Richtung wir tatsächlich wollen.

Sie suchen den offenen Dialog?

Absolut – in der Vergangenheit hat die Politik bei den Veränderungsprozessen sehr stark gesagt: So wir wollen das. Das war beispielsweise bei der Veränderung Schützenwiese, Famila der Fall. Das war eine politische Entscheidung und die ist dann umgesetzt worden. Ich glaube aber, dass gerade das Tivoli dazu einlädt, einen Bürgerbeteiligungsprozess in Gang zu setzen. Gerade da, weil es dort ganz viele Menschen gibt, die etwas dazu beitragen.

Die ehemalige Gartenwirtschaft des Tivoli um 1909. In ihrer Anlage ähnelt sie einem Kurpark

Wie stellen sie sich diesen Dialog konkret vor?

Ich stelle mir vor, dass wir wirklich auch einmal die Zahlen, Daten und Informationen den BürgerInnen zur Verfügung stellen, was denn eigentlich an Kosten, an Budget usw. hinter solch einer Maßnahme wie einem Veranstaltungsgebäude steckt. Dass Varel ein Veranstaltungsgebäude braucht, das ist – glaube ich – von allen akzeptiert. Die Frage ist, wie können wir es in Varel hinbekommen, dass die Menschen dieses Veranstaltungsgebäude dann auch gerne mittragen. Es muss klar gesagt werden: Wenn wir Veranstaltungen machen, begleiten und auf die Beine stellen, dann bedeutet das, dass wir dafür viel Geld in die Hand nehmen müssen. Das bedeutet dann auch, dass es dafür ein Budget geben muss. Andere Städte wie Oldenburg, Jever und auch Schortens haben das m.E. ganz klar zum Ausdruck gebracht, indem sie das Budget in diesem Bereich deutlich nach oben gefahren haben. Das war kein kleiner Betrag, den Schortens hier für die Kultur in die Hand genommen hat. Die BürgerInnen müssen vor allem informiert werden, damit sie wissen, warum kommt denn der Stadtrat zu diesen Ergebnissen – und neben der Information geht es auch um Kommunikation und das Darstellen der Diskussion. Wir müssen sehen, dass das Thema ganz stark an die BürgerInnen herangebracht wird. Nur so wird sich auch ein Verständnis für die Entscheidungen des Rats finden, denn der Rat entscheidet sicherlich für die BürgerInnen, aber er entscheidet vor allem relativ rational. Wir werden Workshops brauchen, wir werden in meinen Augen eine von außen geleitete Diskussion haben müssen, denn auch die Verwaltung hat ja eine gewisse Position und ich fände es gut, wenn wir diesen Prozess begleiten lassen würden. Es wäre nicht hilfreich, wenn man die Verwaltung beauftragen würde, diesen Prozess selber zu steuern und zu strukturieren. Wenn man Teil des Prozesses ist, kann man nicht wirklich neutral sein.

Sie sprachen gerade von konkreten Zahlen. Können Sie welche nennen?

So ein Neubau bzw. solch eine Sanierung in der Größe, wie wir sie jetzt haben, wird irgendwo in der Nähe von 7 – 9 Millionen Euro liegen, egal ob Sanierung oder Neubau. Wir haben mit Architekten gesprochen, die uns klar versichert haben, dass wir ein Sanierungsrisiko von ca. 20% haben, d.h. also man kann davon ausgehen, dass das ein oder andere sowieso noch kommt, was man so noch nicht sieht. Und dann ist die nächste Frage natürlich: Wird das vorhandene Gebäude den Ansprüchen einer modernen Veranstaltungshalle gerecht?

Der Kleine Saal – ein Tanzboden im Tivoli

Allen Anforderungen wird man nie gerecht werden. Man muss Schwerpunkte setzen, aber dafür haben wir dann ja den Dialog. Alte Gebäude zu pflegen ist etwas, was identitätsstiftend ist, was den Wert einer Stadt ausmacht und das Lebensgefühl einer Stadt zum Ausdruck bringt. Insofern bietet sich doch eine Sanierung an, weil dieses Haus ein traditionelles Haus ist. Es ist ein Ort, den die VarelerInnen akzeptieren, den man pflegen sollte, um dann in den Räumen – das wäre dann ja die Konsequenz – ein Konzept zu entwickeln, wo auch das Neue seinen Platz hat. Oder sehen sie das anders?

Nein, das liegt ja auf der Hand. Die Frage ist doch – und das meine ich ja gerade mit rationalen Erwägungen: Wenn ein Ratsherr gefragt wird, wie wollen wir in der Zukunft ein Veranstaltungsgebäude haben, muss er sich ja auch fragen, wie stelle ich das denn her? Das müssen die Ratsvertreter m.E. entscheiden, in die eine oder andere Richtung. Dieser Prozess muss aber offen sein, muss ganz transparent sein und jeder muss dann auch so entscheiden können, wie er es für richtig hält. Die BürgerInnen müssen sich auch im Klaren sein, dass sie dieses Veranstaltungsgebäude dann auch für die nächsten 20, 30, 40 oder vielleicht sogar 50 Jahre nutzen müssen.

Würden sie dem zustimmen, dass Kultur so wichtig ist wie Bildung?

Da müssen wir uns darauf einigen, was wir unter Kultur und was wir unter Bildung definieren. Also für mich ist Bildung etwas ganz Elementares. Das ist so wichtig wie nur irgendetwas und Kultur – wenn ich sie nicht auf Kunst beschränke – ist etwas wie die Basis des Ganzen, denn ohne Kultur habe ich auch keine Bildung.

Wenn wir in Bildung investieren, z.B. in eine Schule, dann wissen wir nicht, was es uns morgen bringt, sondern wir wissen nur, dass es eine wichtige Voraussetzung ist. Wenn Sie sogar noch sagen, dass Kultur die Voraussetzung für Bildung ist, dann wäre die Investition in Kultur geradezu elementar, systemrelevant.

Ja, aber das will ich ja auch.

Das heißt, wenn die Stadträte ihren Ansatz teilen würden, wäre eine rationale Entscheidung eigentlich immer für ein Kulturzentrum.

Ja, natürlich.

Also dürfte die Kostenfrage nicht das Maß aller Dinge sein, denn bei Schulen fragen wir uns das auch nicht in dieser Art.

Da bin ich absolut bei Ihnen. Wenn wir sagen, wir wollen das fördern, wir wollen das ausbauen und wir wollen Varel kulturell auf ein neues Niveau bringen, dann muss allen Beteiligten klar sein, dass das Geld kostet. Dabei haben wir einen Vorteil: Wir haben Zeit. Solch ein Prozess dauert drei oder vier Jahre, bis das aufkeimt, was wir uns am Anfang vorgestellt haben. Ich denke, wenn man den Leuten sagt, was das für tolle Sachen bringen kann und wie sehr davon die Gemeinde, die Gesellschaft profitieren kann, dann sind sie auch bereit, dafür die notwendigen Budgets zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet zum einen, dass eine Verschiebung von finanziellen Mitteln vollzogen wird, aber zum anderen vielleicht auch das Generieren von neuen Mitteln. Machen wir uns nichts vor: Alles was wir tun, was wir haben wollen, kostet Geld – und das bedeutet, dass wir dementsprechend verändern müssen.

Varel um 1960 – Verdichtung nicht als Planungskonzept, sondern als Lebensgefühl.

Neues Niveau: Was schwebt Ihnen da konkret vor? Geht das auch in Richtung digitale Technik, Hackerspace u.a.m. oder ist es eher, dass wir das, was wir verloren haben, wieder zurückgewinnen, wie etwa die Kammerkonzerte am Hafen?

Wir haben 2019 auf dem Schlackenplatz die Oper Nabucco zeigen können. Das war eine gelungene Veranstaltung. Aber wir dürfen das andere aber auch nicht Außen vor lassen. Es muss auch immer wieder etwas Neues geben. Mit den Kammerkonzerten für Neue Musik, die am Hafen stattfanden, hatten wir eine sehr schöne Veranstaltungsreihe. Es ist dann natürlich aber auch immer eine Frage, wer das macht. Da erwarte ich, dass sich die Stadt Varel mit einer Art Kulturagentur neu aufstellt. Das man hier wirklich sagt: Wir kommen mit den Kulturschaffenden zusammen und gemeinsam versuchen wir etwas für Varel auf die Beine zu stellen. Dazu müssen wir sehen, dass wir die Menschen wieder zusammenbringen, das ist ganz wichtig. Denn ohne ein gemeinschaftliches Tun an dieser Stelle, wo sich jeder einbringt, wo man sich aber vielleicht auch einfach mal zurücknimmt, wird es nicht gehen. Es sollte sich eine Gruppe finden und konstituieren, die sich bereit erklärt, dem Stadtrat im kulturellen Bereich mit tatsächlichem Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Können Sie sich vorstellen, dass Varel ein soziokulturelles Zentrum bekäme?

Die „Seefelder Mühle“, wenn sie mich darauf beispielsweise ansprechen, da stehen bestimmte Menschen bzw. eine engagierte Gruppe dahinter. Wenn wir solche Menschen hier in Varel haben, hätte ich überhaupt nichts dagegen. Das Ganze lebt mit diesen Menschen und wenn eine solche Gruppe akzeptiert ist und sozusagen auch ein Mandat der anderen Kulturschaffenden bekommt, dann kann ich mir das auch für unsere Stadt gut vorstellen. Hier in Varel sehe ich aber, dass es nicht ganz so einfach ist, die Leute zu bündeln und zusammenzubringen. Insofern ist das keine einfache Situation.

Ich danke für das Gespräch.

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Wird die Alte Feuerwache verkauft?

Einerseits bemüht man sich in Varel mit einem faszinierenden Projekt, den engagierten BürgerInnen einen Ort zu geben, damit sie sich in dem Entwicklungsprozess der Stadt mit einbringen und andererseits wird kommunaler Hausbesitz ohne weitere Diskussion und Überlegungen stillschweigend veräußert. Das ist ein grundlegender Widerspruch und das sind die Beispiele: Die Alte Feuerwache und die Börse in Varel. Beide Gebäude wurden lange Zeit weit unter ihren Möglichkeiten genutzt und waren in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent. Im vergangenen Jahr wurde dann ohne viel Federlesen das Gebäude der Alten Börse – ein Haus, das mehr als 208 Jahre alt ist – an die Barthel-Stiftung verkauft. Die Stiftung ist nun dabei, eine Ideenbörse zu realisieren. Bei der Feuerwache am Alten Marktplatz zeichnet sich das Gleiche ab. Hintergrund ist die kommende Sitzung des Ausschusses für Schulen, Kultur und Sport am 19.01.2021, in der ein Antrag der Niederdeutschen Bühne Varel über einen kommunalen Mietzuschuss für den neuen Standort des Bühnenfundus zur Entscheidung steht. In der Begründung des Sachverhaltes seitens der Verwaltung findet sich folgende Formulierung: Nachdem der NDB Varel mitgeteilt wurde, dass Überlegungen bestehen, das Gebäude einer anderen Nutzung zuzuführen bzw. zu veräußern, wurde dem Verein von privater Seite angeboten, ehemalige Werkstatträume einer ähnlichen Größenordnung wie bisher zu mieten.“

Das alte Stadtzentrum: Die Alte Feuerwache am Marktplatz, im Hintergrund die Vareler Börse.

Dass der Antrag bewilligt wird, ist wahrscheinlich, wohl auch deswegen, weil die Überlegungen eines Verkaufs der Alten Feuerwache schon weitgehend vorbereitet zu sein scheinen. Über die Nutzungsmöglichkeiten auch im kommunalen Rahmen wurde und wird nicht nachgedacht. So bietet sich die Feuerwache als Teil einer „Kulturmeile“ an, die von der Alten Feuerwache über die Börse hin zur Stadtbibliothek einen innerstädtischen Zusammenhang rekonstruieren könnte – der Alte Marktplatz als ehemaliges Stadtzentrum nun als Kulturforum.

Doch solche Ideen überfordern die Stadt Varel, in der die Verwaltung und der Rat die Kunst und Kultur weitgehend an die BürgerInnen zurückgeben möchte. In guten wie in schweren Zeiten zieht sich die Verwaltung auf die Pflichtaufgaben zurück. Im Falle der Niederdeutschen Bühne ist das schon fast sarkastisch, denn die Spielstätte der Niederdeutschen Bühne, das Tivoli, ist gefährdet. Manch einer fabuliert von einem neuen Veranstaltungshaus im ehemaligen Kasernengelände, bei dem allerdings eher das Bauvorhaben und der damit verbundene Bauauftrag im Vordergrund zu stehen scheinen, als die inhaltliche und betriebliche Konzeptentwicklung. Und bei alle dem werden die BürgerInnen weitgehend ausgeschlossen.

In diesem kommunalen Rahmen muss sich nun ein Projekt wie die Ideenbörse der Barthel-Stiftung behaupten: Entgegen der alltäglichen Erfahrung soll den Menschen mit ihrem Engagement ein konkreter Ort der lebendigen gesellschaftlichen Teilhabe gegeben werden – und entgegen all ihrer Erfahrungen sollen sie ihn auch tatsächlich in diesem Sinne nutzen. Dazu bedarf es mehr als nur guten Willens, aber ohne ihn geht gar nichts.

Am vergangenen Montag (11.01.2021) hatte die Bartel-Stiftung zu einem Pressegespräch eingeladen. Anwesend waren auch Klaus Blum und Markus Neumann von der LzO, die im Rahmen der Ideenbörse das konstruktive Gespräch mit der Barthel-Stiftung gesucht haben. Seitens der Förderer sucht man nunmehr verstärkt die Kooperation und weniger die Konkurrenz um die attraktivsten Projekte. Dazu sind sie auch gezwungen, denn die Stiftungen haben aufgrund der Zinspolitik immer weniger Erträge. Demgegenüber aber wächst die Zahl der Anträge. Bei Förderungen die Gemeinsamkeiten zu suchen, kann also bei allen Beteiligten Synergieeffekte entfalten. Doch hier zeichnet sich das schon angedeutete Dilemma der Stadt Varel ab: Diese hat es über einen langen Zeitraum versäumt, ein Umfeld für die Kreativ- und Kulturwirtschaft zu entwickeln. Viel zu lange hat man auf die konventionellen Industriefelder gesetzt, ohne zu realisieren, dass der Wohlstand immer stärker auf den Ideen der digitalen Tüftler und Nerds basiert, deren Alltagssound das Surren der Festplatten ist. Gerade die Vorschläge auf dem Ideenforum wie etwa ein Kreativlabor, einem Hackerspace oder einem FabLab sind Anregungen, die ernstzunehmen sind. Wenn diese keinen Platz in der Börse finden, dann sollten sie ihn in der Feuerwache oder im Tivoli haben. Das Zusammenleben unserer Gesellschaft verändert sich – nicht zuletzt auch im Schatten der Pandemie – grundlegend und die Stadt Varel wäre schlecht beraten, wenn sie den Initiativen der Barthel-Stiftung und vor allem solchen innovativen Ideen wie einem Hackerspace oder einem FabLab nicht aktiv zur Seite stehen würde. Konkret heißt das, die Kreativ- und Kulturwirtschaft stärker in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung zu bringen. Bildung ist mehr als nur eine Chance auf dem Arbeitsmarkt durch Ausbildung. Vor allem (inter-)kulturelle Bildung ist eine offene und lebendige Auseinandersetzung mit neuen Perspektiven – und insofern hat die Stadt Varel ein eklatantes Bildungsdefizit, das mit jeder Entscheidung wie etwa dem Verkauf der Feuerwache oder gar des Tivoli zu einem kostspieligen Abgrund wird.

Norbert Ahlers

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Farbenfrohe Strahlkraft in der Börse der Ideen

Lichtinstallation in der Drostenstraße 11

Lichtinstallation in der Drostenstraße 11

„Aus vielen guten Ideen kann Gutes erwachsen – sei dabei!“ So der Slogan der Barthel-Stiftung für das derzeit wohl eindrucksvollste Projekt in Varel: Die Börse der Ideen. Dorothee Evers und Franziska Scholl von der Barthel-Stiftung hatten zur Präsentation der Lichtinstallation geladen, mit der die Börse der Ideen im neuen Licht erstrahlen soll.

Dorothee Evers und Franziska Scholl und der Ideen-Postkasten bei der Börse

Mit einer Box voller Ideenkarten und einem Briefkasten in der Drostenstraße 11 können nun auch die VarelerInnen ihre Erwartungen, Wünsche und Visionen direkt mitteilen und sich so schon früh in den Prozess der Projektentwicklung selbst mit einbringen. Mit der Firma Coldewey aus Westerstede gelang es, eine Lichtinstallation im Gebäude zu entwerfen, die dem Haus in der winterlichen Dunkelheit eine neue Aufmerksamkeit verleiht und auch schon ein wenig von der erhofften Farbenfreude dieses Ortes erahnen lässt. Das Gebäude selbst wird erst im kommenden Jahr umgebaut und dann mit Abschluss der Renovierungsarbeiten öffentlich zugänglich sein. Dass dabei dem Projekt noch ein inhaltliches Profil fehlt, scheint durchaus gewollt zu sein. Das Haus soll ein Ort für die Vareler BürgerInnen sein, d.h. sie bestimmen letztlich durch ihre eigenen Inhalte und ihre Nutzungsvorschläge den Charakter dieser ungewöhnlichen Börse. Das hat durchaus einen Modellcharakter für die Region und es wäre eine Unterstützung gewesen, wenn der Stadtrat in der letzten Ratssitzung sowohl die Arbeit des Agenda-Büros als auch dieses Projekt konkret mit dem Beschluss zur nachhaltigen Kommunalentwicklung im Sinne der Agenda 2030 unterstützt hätte. Doch hier hat der Rat versagt und somit die BürgerInnen in ihrem Engagement allein gelassen. Aber vielleicht wird dieses Haus in der Drostenstraße ja der Beginn für eine Neuorientierung in dieser Stadt sein, auf jeden Fall aber ist es eine Einladung an alle, sich für die Belange dieser Stadt einzusetzen.

Wovon träumst Du? - Die Kartenaktion der Barthel-Stiftung

Wovon träumst Du? – Die Kartenaktion der Barthel-Stiftung

Wer vor dem Gebäude steht und gerade keinen Stift zur Hand hat, um eine Idee auf eine der Karten zu schreiben, kann dies auch im Netz tun, in dem er seinen Text auf einer digitalen Karte notiert. Hier der dazugehörige Link: www.börse-der-ideen.de/.

Norbert Ahlers

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Kulturhaus Tivoli – der bestgeeignete Ort

In Varel kommt etwas in Bewegung: In der Drostenstraße entsteht die „Börse der Ideen“ und die alte katholische Kirche wird zu einer „Kunst- und Kulturkirche“ umgestaltet. Für den ehemaligen Güterschuppen am Bahnhof wollte die SPD einen Antrag zur Nutzung als Fahrradstation, Ausstellungs- oder Kommunikationsfläche sowie „flexiblen großen Raum“ für Vorträge, Theater und andere Veranstaltungen stellen (der Antrag wurde inzwischen zurückgezogen). Für das Tivoli hingegen, der inoffiziellen Stadthalle Varels, bleiben nur die Träume von einem soziokulturellen Kulturhaus ähnlich dem „Vereenshus“ in Zetel, die Möglichkeiten einer Rettung und vor allem der Weiternutzung des Gebäudes werden bisher kaum diskutiert. Doch die Zeit drängt, denn im Frühjahr 2021 wird das Tivoli den regulären Betrieb schließen.

Der Grosse Saal des Tivoli – Spielstätte der Niederdeutschen Bühne

Hier zeigt sich eine grundsätzliche Schwierigkeit in der Vareler Kulturarbeit: Trotz einer bemerkenswerten Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement gibt es keine inhaltlichen Schwerpunkte, keinen Zusammenhang und wenig Kooperation. Hintergrund ist das Missverständnis in Varel, dass Kultur nicht Sache der Kommune, sondern der Bürger selbst sein soll. Es ist deswegen ein Missverständnis, weil somit gilt, dass die, die das Vermögen haben in Kultur zu investieren, auch definieren, was in der Öffentlichkeit als Kultur verstanden wird. Schwieriger aber ist, dass sich in Varel viele kleine Initiativen, Vereine oder Einzelpersonen für ein Anliegen oder eine Idee einsetzen, sich jedoch ohne stabile Rahmenstrukturen nach kürzester Zeit erschöpfen oder kaum substantiell weiter entwickeln. Im ländlichen Raum kommt zudem noch eine Neigung zur gegenseitigen Abgrenzung hinzu, die weder Kooperationen noch Innovationen ermöglicht. Unter diesen Bedingungen wird in den meisten Fällen ein dürftiges Mittelmaß erreicht. Der Mangel an Qualität wird dann als Indiz missverstanden, der die Ablehnung für eine substantielle Förderung, sprich eine institutionelle Förderung begründen soll. Statt den Mangel in der kulturellen Bildungsarbeit aufzuarbeiten dient eben gerade dieses Defizit als Grund, alles so zu belassen, wie es ist. So vergewissert man sich einander in dem Glauben, dass man sich in der Provinz nicht den Herausforderungen der Kunst und denen der sozialen und kulturellen Reflexion stellen müsse. Der Konsens ist banal: Kunst darf nichts kosten, solange sie selbst keinen Profit bringt.

Der Garten des Tivoli, der sich direkt an die Deharde-Wiese bzw. den Sportplätzen anschließt

Was aber wäre für Varel der Vorteil und die Besonderheit eines Kulturhauses im Tivoli? Für eine Stadt wie Varel wäre das Tivoli als Kulturhaus für die Niederdeutsche Bühne, für ein längst überfälliges Kino, für eine Literaturwerkstatt und verschiedene Werkateliers ein überzeugender Ort. Das Haus verfügt über drei Säle (Kleiner Saal, Großer Saal und das sogenannte Clubzimmer) und zwei weitere größere Zimmer, also Räume für Probebühnen, Seminarräume, Theater und Konzerte. Hinzu kommen die ehemaligen Hotelzimmer im ersten Stock, die lange Zeit als Wohnung der Pächter dienten. Es braucht wenig Fantasie, sich dort Werkateliers oder Unterkünfte für „Artist in Residenz“-Programme vorzustellen. Eine Gastronomie zum Verweilen und für Gespräche ist auch vorhanden. Der große Garten hinter dem Haus schließt sich an die Deharde-Wiese an und könnte so dem geplanten Sport- und Stadtpark eine sinnvolle Ergänzung sein.

Es reicht nicht aus, dass man in Varel immer nur auf Dangast, das Kurhaus und seinen Rharbarberkuchen hinweist, wenn es um Kultur geht. Dangast ist eine ganz eigene Destination, die in ihrer Geschichte eher unter Varel zu leiden hatte als dass das Dorf von der Stadt profitieren konnte. Varel, das sogenannte Mittelzentrum im Kreis Friesland, steht in Fragen der Kulturarbeit stets im Schatten von Jever und Rastede, von Oldenburg und Wilhelmshaven ganz zu schweigen.

Die kommunalen Gremien und deren Verantwortliche weisen auch immer wieder auf das vielfältige und reiche Kulturleben der Stadt Varel hin und dass man doch vieles im Rahmen der Möglichkeiten unterstütze. Dennoch gilt der Vorbehalt, dass Kultur eher Luxus als Notwendigkeit ist, um den sich die BürgerInnen angesichts der klammen Haushaltskassen selbst kümmern sollen.

Der Kleine Saal – ideal als Probebühne und Tanzsaal

In Baden-Würtemberg formuliert das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Bedeutung der Breitenkultur mit folgenden Worten: „Kulturelles und künstlerisches Engagement ist für viele Menschen zu einem Grundbedürfnis ihres Lebens geworden. Es führt Menschen zusammen, sei es als Akteure oder Publikum. Für eine moderne, hochentwickelte Gesellschaft sind die Identifikation mit Kultur und die Entwicklung neuer künstlerischer Impulse von unschätzbarem Wert.“ Ein solches Engagement braucht offene Orte mit entsprechendem Equipment, d.h. eine Theatergruppe braucht einen Saal und eine Bühne, Maler brauchen Ateliers, FilmemacherInnen brauchen einen Gerätepool und alle brauchen ein Haus, in dem sie arbeiten und einander begegnen können. Es geht um reale Grundbedürfnisse. Kulturelles und künstlerisches Engagement ist nicht nur eine Verständigung kultureller Identitäten in einer komplexer gewordenen Wirklichkeit, es ist auch der ständige Versuch, an den aktuellen Gegebenheiten und Veränderungen teilzuhaben, sie überhaupt zu verstehen. In Baden-Württemberg versteht man unter Breitenkultur die Förderung von Amateurtheater, -musik und der Kleinkunst, zudem die Förderung der Heimatpflege sowie die Unterstützung für Jugendkunst-, und Musikschulen und der kulturellen Jugendbildung.

Förderungen, die auch in Niedersachsen möglich wären, wenn es denn die Kommunen überhaupt wollten bzw. das Kulturengagement ihrer BürgerInnen als Grundbedürfnis anerkennen wollten. Wohl verstanden: Bei dieser Förderung geht es nicht um die Marketing-Events einer Stadt, sondern um die aktive Teilhabe am Kunst- und Kulturleben vor Ort. Will daher Varel der ihr zugeordneten Rolle eines Mittelzentrums gerecht werden, dann braucht die Stadt ein Kulturzentrum mit einer Theaterbühne. Dafür ist das Tivoli mit einer Gastronomie und den Sälen ein ideales Haus, was erhalten werden sollte. Nicht nur, dass man ein historisches Veranstaltungshaus, in dem man sich seit 1901 kontinuierlich zu geselligen Festen traf und trifft, für das Stadtbild erhalten würde und man das Gebäude mit seinem großen Garten dem skizzierten Bewegungs- und Begegnungspark angliedern könnte, es könnte vor allem in seiner neuen Funktion und im Zusammenspiel mit der „Börse der Ideen“ über die Grenzen der Stadt hinaus eine eindrucksvolle kulturelle und innovative Bedeutung entfalten. Will also Varel überregional repräsentiert sein, so wie es Bürgermeister Wagner anstrebt (vgl. den Friebo), dann gelingt dies nur, wenn die Stadt auch ein ernstzunehmendes Angebot in der Jugendförderung, der Breitenkultur und der Kreativwirtschaft vorstellen kann. Das Tivoli wäre dafür der bestgeeignete Ort.

Das Clubzimmer oder auch ein Ort für ein kommunales Kino Varel

 

Norbert Ahlers

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Gemeinsames Lernen – eine Herausforderung im steinigen Gelände

Das Niedersächsische Kultusministerium gab vor kurzem dem Antrag der Oberschule Varel auf eine abweichende Organisation der Fachleistungsdifferenzierung in den Schuljahrgängen 9 und 10 der jahrgangsbezogenen Oberschule statt.

Diese Neuigkeit wurde in der vergangenen Woche der Vareler Öffentlichkeit kundgetan und es fand sich ein großer Bahnhof: Andreas Michalke, Sebastian Wosnitza und Sabine Kampmann, sie repräsentierten die Schulleitung der OBS Varel, erläuterten den neuen pädagogischen

Ansatz gegenüber Tanja Mlodzian (Landesschulbehörde Regionalabteilung Osnabrück für den Bereich Varel), Gerd-Christian Wagner (Bürgermeister der Stadt Varel), Sven Ambrosy (Landrat des Kreis Friesland), Miriam Engels-Isigwe (Rektorin der Schlossplatzschule Varel), Ronald Ernst (Hauptsachgebietsleiter für Schulen im Landkreis Friesland), Silke Faulwetter (Regionale Beratungs- und Unterstützungszentren Inklusive Schule RZI Friesland), Reinhold Harms (Bildungsregion Friesland), Franziska Scholl (Barthel-Stiftung) und Sandra Heidenreich und Holger Behnken (beide Schulleitung der Heinz-Neukäter-Schule) sowie Vertreter der Presse. Es fehlten die Schulleitungen des Lothar-Meyer-Gymnasiums und der BBS.

Die Räumlichkeiten von Institutionen haben eine eigene Textstruktur: Das Gebäude vermittelt immer, wie sich der Anwesende in den Räumen zu bewegen hat. Das gilt für Schulen ebenso wie für Gerichte, Kirchen oder Rathäuser.

Die Besonderheit dieses neuen Modells der Oberschule Varel, das tatsächlich singulär in Friesland und Oldenburg ist, zeichnet sich durch die Betonung der Erfahrung der Gruppengemeinschaft aus, die bisher zu wenig Beachtung findet. Die Kontinuität einer Klassengemeinschaft kann SchülerInnen den notwendigen Rückhalt geben, den Heranwachsende brauchen, nicht zuletzt um sich in der Pubertät gegenüber den Ansprüchen des Elternhauses, der Peer-Group und der Konsumgesellschaft eigenständig und stabil zu entwickeln. Dass man nun auch weiterhin in den Klassenstufen 9 und 10 den Klassenverband erhält und im Rahmen der sogenannten Binnendifferenzierung unterrichtet, gilt nachweislich als Vorteil, zumal auch die Klassenleitung als zentrale Bezugsperson für die SchülerInnen in ihrer Verbindlichkeit erhalten bleibt.

Die inhaltlichen Neuerungen der Oberschule, deren Modell seit 2011 in Niedersachsen Standard geworden ist, sind in der Bevölkerung immer noch nicht ernsthaft verstanden worden. In der Öffentlichkeit begreift man die Oberschule als eine Zusammenlegung der Haupt- und Realschule bzw. als die schlechtere Alternative zum Gymnasium. Dass sich die Oberschule gegenüber den alten Schulformen pädagogisch grundlegend anders versteht und auch arbeitet, ist in der breiten Öffentlichkeit immer noch nicht angekommen.

Die Oberschule konzentriert sich auf ein Miteinander, sowohl im Bereich der Inklusion als auch der Integration. Sie setzt auf Kooperation und nicht auf Hierarchie. Das pädagogische Credo für die Oberschule Varel lautet „WIR LERNEN GEMEINSAM“, es geht darum, gezielt Gemeinsamkeiten zu stärken und vor ihrem Hintergrund und aus ihrer Sicherheit heraus auf die Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft vorzubereiten.

Dazu Andreas Michalke, Oberschulrektor der OBS Varel, im Interview:

N. Ahlers: Was sind die Erwartungen an die Lehrer? Was erwarten die Eltern von der Oberschule?

A. Michalke: Anfangs gab es einige Verwirrung wegen der Umbenennung durch die Schulreform. Viel wird immer noch mit den alten Bezeichnungen Haupt- und Realschule gedacht, das heißt man sucht alte, vertraute Elemente wieder zu entdecken. Das wird sich irgendwann demografisch auswachsen. Der Bildungsauftrag ist klar beschrieben, auch in Abgrenzung zur gymnasialen Bildung, wo eben die Studienorientierung fokussiert wird, ist der Hauptschwerpunkt der Oberschule eine Berufsorientierung. Das ist verankert im Niedersächsischen Schulgesetz. Nichtsdestotrotz gibt es auch hier eine Studienorientierung.

N. Ahlers: Wie sind die neuen Prozesse und Herausforderungen in der Erwartungshaltung abgebildet?

A. Michalke: Noch vor der Umstrukturierung zur Oberschule gab es den Trend zu Ganztagsschulen, das war eine gravierende Veränderung in den 90er Jahren, die aber mit der erhöhten Arbeitszeit der Eltern zusammenhing. Das brach die traditionelle Vorstellung von Elternhaus und familiärem Leben auf.

N. Ahlers: Die Ganztagsbetreuung macht ja durchaus den Eindruck des Provisorischen. Es ist nicht so wie in Frankreich.

A. Michalke: Das stimmt, das hatte hier nicht die Tradition und so kann man den Eindruck durchaus bekommen.

N. Ahlers: Ist dieses Credo ‚gemeinsam lernen‘ das neue Profil, mit dem sich die Oberschule gegenüber dem Gymnasium neu positionieren will?

A. Michalke: Das Gymnasium hat im Grunde mit einer ähnlichen Heterogenität zu tun, wie die Oberschule. Es ist ja so, dass das Anwahlverhalten vieler Eltern aus mancherlei Gründen einen ganz starken Andrang in Richtung Gymnasium zeigt. Das dokumentieren die Anmeldezahlen. Das hat zur Folge, dass sich die pädagogische Herausforderung am Gymnasium auch stark gewandelt hat. Die Gymnasien können sich mit ihren klar definierten Leistungsanforderungen von vielen dieser Schüler trennen.

N. Ahlers: Die dann wieder zurückkehren in die Oberschule?

A. Michalke: Ja, genau.

N. Ahlers: Sie erlernen also erst eine massive Frustration, z.B. weil sie die Eltern scheinbar enttäuscht haben, und dann versuchen sie sich wieder neu zu entwickeln?

A. Michalke: Ja, und da gibt es ganz verschiedene Verläufe: Wenn das zu spät geschieht, brauchen die SchülerInnen eine längere Zeit, um mit Erfolgserlebnissen wieder Freude am Lernen und an der Schule zu haben und wir hatten durchaus auch Fälle, wo Kinder das alles erleben mussten und man dann bei den jüngeren Geschwistern bei der Anmeldung dann anders vorgegangen ist.

N. Ahlers: Inklusion, was versteht man hier an der Oberschule ganz konkret darunter?

A. Michalke: Das ist eine Sache, die ja mit dem Motto ‚gemeinsam lernen‘ abgedeckt wird. Also ganz einfach: Neben mir als Schüler kann ein/e SchülerIn sitzen, der/die andere Lernvoraussetzung hat als ich und – so die Idealvorstellung – es gelingt, dass sich beide mit demselben Gegenstand auf dem jeweils angemessenen Anforderungsniveau gemeinsam mit einem Thema befassen.

N. Ahlers: Konzentriert sich Inklusion auf sozial Benachteiligte, auf körperlich und geistig Beeinträchtigte oder auf Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund?

A. Michalke: Wenn man den Begriff benutzt, wie er im Schulgesetz steht, gibt es eben anerkannte sonderpädagogische Unterstützungsbedarfe – Sehen, Hören, KME, Lernen, geistige Entwicklung und sozial-emotionale – und für die gab und gibt es in Niedersachsen eine eigene Förderschullandschaft- Im Förderbedarf Lernen ist es erklärtes Ziel, die Förderschule Lernen auslaufen zu lassen, d.h. dass alle Schüler mit einem Unterstützungsbedarf Lernen inklusiv an Oberschulen beschult werden – aber nicht nur Oberschulen, sondern auch an Gymnasien. Das hängt von der Wahl der Eltern ab, wo sie dann zieldifferent unterrichtet werden. Was den interkulturellen Unterricht angeht, so sind wir hier an unserer Schule in der glücklichen Situation, dass wir im Kollegium auch Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte haben, die so auch veranschaulichen, dass der Lehrerberuf auch für die SchülerInnen eine Option sein kann.

N. Ahlers: Spannend ist, wie sich unter den Bedingungen der Heterogenität ein neues Gemeinsames definieren kann. Erleben Sie so etwas – dass man sich in einer neuen Gemeinsamkeit entdeckt?

A. Michalke: Naja, zum einen ist die Schraubzwinge der Schulpflicht eine Gemeinsamkeit. Man trifft sich hier ja nicht ganz freiwillig; und zum anderen ist es unser Konzept der stabilen Klassengemeinschaften, das ja für uns eine zentrale Rolle spielt, das diese Prozesse extrem begünstigt. Es werden Vorurteile abgebaut, weil man in der alltäglichen Begegnung den konkreten Menschen kennenlernt und nicht auf eine trennende Kategorie beharrt.

N. Ahlers: Der neue Ansatz ‚gemeinsam lernen‘ basiert ja darauf, dass man gemeinsam eine Leistungserwartung auf dem jeweiligen Niveau erfüllt. Sie versuchen somit Leistung individuell zu definieren. Wie entwickelt sich hier die Klassengemeinschaft, wenn doch individuell gelernt wird?

A. Michalke: Nun, es ist insbesondere eine hohe Kunst – und auch eine neue Herausforderung – für unsere Lehrkräfte bei dieser individualisierten Form des Lernens im gemeinsamen Klassenverband. Die Anforderungen werden sich steigern. Alle haben das gleiche Thema, aber einen unterschiedlichen Zugang. Der Lernzuwachs besteht darin, dass die SchülerInnen eben gegenüber diesen Unterschieden bzw. für diese Andersartigkeit ihr eigenes Verständnis und die eigene Empathie entwickeln müssen. Im Streitfall sind dann hier die LehrerInnen auch als Moderatoren gefordert. Das sind Kompetenzen, die jenseits der bloßen Wissensvermittlung liegen. Das ist dann auch der erzieherische Auftrag, den die Lehrkraft hat.

Die Gängen, konzipiert in der 70er Jahren, scheinen licht und offen zu sein, doch sie werden vor allem durch Kunstlicht erhellt.

Bei allem Zuspruch muss aber doch konstatiert werden, dass zum einen Varel ein reales Bildungsproblem hat, denn im Gegensatz zu den Bildungsreformen im 19. und 20. Jahrhundert scheint Bildung nicht mehr für ein Versprechen der Emanzipation und Befreiung zu stehen, sondern nur noch für Kompetenzentwicklung und Valuationsnachweise für den weiteren Ausbildungs- oder Studiengang. Steine lügen nicht und wenn Bauten in Stein formulierte Gedanken sind, dann dokumentieren gerade die Schulgebäude die Zweckorientierung, die offensichtlich die zentralen Ideen dieser Gesellschaft bilden. Sie sind der fragwürdige Konsens, gegenüber dem sich die Lehrkräfte und die Schüler mühevoll behaupten müssen. Die Bauten veranschaulichen auch, wie klein die Freiräume sind, in denen sich Schulleitungen und Lehrkräfte bewegen können.Wenn die zentralen Vorteile des Vareler Modells, eben die Optionen der Fachdifferenzierung (Lernen entsprechend der eigenen Stärken, Interessen und Möglichkeiten) und die Stabilität der Klassengemeinschaft gleichsam zu erhalten, nicht selbstverständlich sind, sondern in Niedersachsen einen experimentellen Schritt darstellen, dann zeigt diese Sachlage die Verengung des gegenwärtigen Bildungssystems und dessen Vertrauenskrise. In § 4 des Niedersächsischen Schulgesetzes heißt es:

„1) Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang und sind damit inklusive Schulen. Welche Schulform die Schülerinnen und Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten (§ 59 Abs. 1 Satz 1).

2) In den öffentlichen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam erzogen und unterrichtet. (…)“

Solange die Erziehungsberechtigten nicht davon überzeugt werden können, dass ein gemeinsames Lernen und die Entwicklung von Empathie für die besondere Situation des Anderen mehr zählt als der bloße Leistungsnachweis, wird die Oberschule immer noch als eine bloße Zusammenlegung der Haupt- und Realschule begriffen. Somit wird sie als „Restschule“ gegenüber dem Gymnasium missverstanden und es war bezeichnend, dass trotz manch gelungener Kooperation zwischen der OBS und den weiterführenden Schulen bei diesem Termin die Schulleitungen der Gymnasien fernblieben.

Dass zu Schulbeginn unter dem Schatten der Pandemie andere Themen nicht so sehr in den Fokus genommen werden, wie sie es verdienen, ist eine Sache, doch eine ganz andere Sache ist es, dass man in Varel seit der Auseinandersetzung um die OBS Obenstrohe die überfällige Diskussion um die Bildung vor Ort oder auch im Landkreis gänzlich aus den Augen verloren zu haben scheint. Es bedarf mehr solcher Initiativen wie die der Gesamtkonferenz und des Vorstands der Oberschule Varel und öfter solche Ermutigungen wie die des Niedersächsischen Kultusministeriums. Es bedarf mehr solcher Experimente, in denen Erfahrungsräume des Gemeinsamen bei gleichzeitiger Wahrnehmung der Differenzen erlebbar werden. Nicht nur SchülerInnen lernen, sondern auch Institutionen – und auch die Erziehungsberechtigten. Doch das gelingt nur, wenn man der Schule und ihren Zielen Vertrauen entgegenbringt. In Varel ist da noch einiges zu tun.

von Norbert Ahlers

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Stadtgespräche – lasst uns reden

Einen öffentlichen Disput einzufordern ist die eine Sache, ihn zu führen oder zu moderieren eine andere. Öffentliche Diskussionen scheinen sich ihrer Umgangsformen unsicher geworden zu sein. Insbesondere in den sozialen Netzwerken kommt es zu Statements, die eher von vehementen Ressentiments als gedanklichen Argumenten geprägt zu sein scheinen. In öffentlichen Auseinandersetzungen geht es parallel zu den jeweiligen Themen immer auch um Aufmerksamkeit. Das war zu anderen Zeiten nicht anders – und dennoch scheint etwas anders geworden zu sein. Dass in einer Konfrontation eher bloße Haltungen als reflektierte Gedanken zum Ausdruck kommen, ist nichts Neues. Die Intentionen in einer solchen Auseinandersetzung scheinen sich allerdings verändert zu haben. Wollte man früher seinen Gegenüber überzeugen, so zielt man heute eher auf die Aufmerksamkeit des eigenen Auftritts. Dabei verstört die Vehemenz mancher Statements. Ein Beispiel: Der Widerstand gegenüber den Forderungen der Klimaaktivisten oder den SchülerInnen der Friday for Future-Bewegung haben eine Wut, die man früher in Westdeutschland nur zu hören bekam, wenn ein Antikommunisten sich in Rage geredet hatte. Allerdings hatten jene Herren noch einen verlorenen Krieg in den Knochen und eine präzise Vorstellung davon, wie verroht Menschen zueinander sein können. Das ist heute glücklicherweise bei den meisten Bundesbürgern nicht mehr der Fall und trotzdem artikuliert sich aktuell eine Wut, die einen erschreckt.

Was ist das für ein Widerstand?

Es ist zweckmäßig, diesen Widerstand in seinen Motiven nachzuvollziehen. Ein Beispiel: Jürgen Bruns, SPD-Ratsmitglied der Stadt Varel, sagte vor längerer Zeit auf einer Veranstaltung, dass er die umstrittene Umgehungsstraße für Varel begrüße, denn Straßen bringen Warenverkehr und dieser wiederum Wohlstand. Anders gesagt: Je mehr Warenverkehr, desto mehr Konsum und mit steigendem Konsum mehr Wachstum. Solange Menschen konsumieren ist daher das Wachstum unendlich. Bruns Satz kam nicht von ungefähr: Drohten sich noch um die Milleniumswende weite Teile der ländlichen Regionen zu strukturschwache Randzonen zu entwickeln, so konnte ein solcher Prozess tatsächlich durch Tourismus und Ansiedlungen von Unternehmen, z.B. im Bereich der Logistik oder der regenerierbaren Energietechnologien, vermieden werden.

In der Provinz suchte man zudem die Vorzüge der Abgeschiedenheit mit den Event-Angeboten der urbanen Zentren zu kombinieren. Damit schuf man eine neue, regionale Attraktivität durch Innovationen. Der Erfolg war nachhaltig: Dachte man in den 90er Jahren bei ländlichen Räumen vor allem an Landflucht, Überalterung, strukturschwache Kommunen, dürftige medizinische Versorgung und schlechte Verkehrsanbindungen, so vollzog sich in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts mancherorts eine rasante Veränderung. Durch vielfältige Anstrengungen wurden die Provinzen an die vielfältige Entwicklungen der Metropolregionen angebunden. Wachstum war also auch auf dem Land möglich und die Abwanderung von Talenten (braindrain) schien nicht mehr zwangsläufig. Dennoch scheint sich etwas grundlegend verändert zu haben. Eine Veränderung, die weit älter und tiefgreifender ist, als die Förderprogramme für strukturschwache Regionen in den vergangenen Jahren. Das Credo vom unendlichen Wachstum in den vergangenen Jahren ist zutiefst erschüttert worden und inzwischen haben es sogar die Grundschüler begriffen, dass der hemmungslose Konsum der Eltern und Großeltern auf Ressourcen basiert, die endlich sind. Versprechen, wie sie Jürgen Bruns deduzierte, überzeugen die Kinder nicht mehr. Diese Kinder sind aber nicht selten die der neuen urbanen Mittelklasse, deren Arbeitsfelder eher die der Wissensökonomie sind, also der wissensintensiven Dienstleistungen in Bereichen wie Forschung, Kommunikation, Design, Planung und Informationsdienstleistungen. Daher geht es um den Transformationsprozess der sogenannten breiten Mitte bzw. der nivellierten Mittelschicht1, die von den 50er Jahren bis Mitte der 80er Jahre des 20.Jahrhunderts das soziale Gefüge der westdeutschen Gesellschaft definiert hat. Einer relativ homogenen Gesellschaft mit einem gemeinsamen Erfahrungshintergrund und einem gesellschaftlichen Wertekonsens. Dass nur drei Parteien (CDU, SPD und FDP) über Jahrzehnte die politischen Geschicke dieser Republik bestimmten, war für diese Gesellschaft bezeichnend. Die nivellierte Mittelschicht war das, was heute noch als Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird. Eine Mehrheit, die es in diesem Sinne gar nicht mehr gibt. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist diese Mitte weitgehend erodiert, d.h.wer das anstrebt, womit man einst in der Mitte der Gesellschaft ankommen und soziale Anerkennung finden konnte, findet sich nun in einer zunehmend fragmentierten Sozialstruktur wieder. Das ist ein Dilemma, denn obwohl es der Mehrheit finanziell vergleichsweise gut geht, ist sie zutiefst verunsichert, denn sie weiß, dass eine Vermögensbildung, wie sie noch den Eltern gelang, für die Jüngeren nicht mehr möglich ist.

Das starrsinnige Beharren auf Ideologeme ist gerade in dieser traditionellen Mittelschicht massiv. Andreas Reckwitz beschreibt in einem Interview die traditionelle Mittelklasse mit folgenden Worten: „Menschen mit mittlerer Bildung, oft in kleinstädtisch-ländlichen Regionen beheimatet, in Einstellung und Lebensführung eher konservativ-traditionell: ein bescheidenes Eigenheim, zwei Kinder, der Kombi steht vor der Tür. Hier finden Sie gewissermaßen das Erbe der einstigen „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“.“ Politisch sind sie meist von der SPD bzw. der CDU geprägt. Es sind Menschen, die sich durch kontinuierlichen Konsum versichern, dass ihre Lebensentwürfe gelungen sind. Statussymbole haben für sie einen hohen Stellenwert. Sie sind Anwender der digitalen Techniken und somit scheinbar auf der Höhe der Zeit, doch sie sind nicht deren Entwickler. Dieser Widerspruch ist spürbar. Sie stehen in der Mitte des Lebens oder sind älter, haben einen relativ hohen materiellen Lebensstandard und empfinden gleichzeitig eine Erosion ihrer Wertvorstellungen. Gegenüber der neuen Mittelschicht der Wissensökonomie in den Metropolen erleben sie sich in einem permanenten Leistungs- und Rechtfertigungsdruck und damit in einer hoffnungslosen Defensive. Es fehlt ihnen am sogenannten kulturellen Kapital. Diese soziale Marginalisierung kann nicht durch die Wirklichkeit der Provinz ignoriert werden und so wird sie zum Nährboden für Abstiegsängste. Das Empfinden der soziokulturellen Marginalisierung kann ein zentrales Motiv sein, weshalb erwachsene Menschen mit einer solch unverhältnismäßigen Vehemenz ihre Ablehnung gegenüber grünen Themen oder einem Mädchen wie Greta Thunberg in den sozialen Medien mit hasserfüllter Wut zum Ausdruck brachten – und immer noch bringen.

Eine Mittelschicht, die mehrere Generationen lang in ihren Haltungen und in ihrer beharrlichen Ausdauer den Erfolg dieser Bundesrepublik verkörpert hat, wird nicht nur in ihren Vorstellungen, sondern auch in ihren Aufstiegsmöglichkeiten in Frage gestellt und so stehen nun Glaubenssätze dieser Lebensentwürfe zur Disposition. Wer will jedoch die Ahnungen herbeireden, die man allerorten wahrnimmt, aber in der eigenen Comfortzone nicht erkennen will? Die Generation, die mit der Globalisierung aufgewachsen ist, handelt gemeinsam mit den Älteren im Glauben an die eigenen Rationalisierungen2 daher konsequent gegen die eigenen Interessen. Sie setzen aus Mangel an solidarischen Visionen auf die Erfolgsmodelle der Vergangenheit, die sie allerdings just in diese Situation gebracht haben. Wenn es aber um Ängste und Glaubensgrundsätze geht, wird der sachliche Dialog schwierig und wo Aufstiegsmöglichkeiten ausgebremst werden, erwachen die eigenen Abstiegsängste. Statt Dialog werden starrsinnige Haltungen artikuliert, doch nicht um zu überzeugen, sondern andere auf sich aufmerksam zu machen. Gerade im ländlichen Raum kann man es sich aber nicht mehr leisten, den Dialog um eine Postwachstumsökonomie zu verweigern. Es geht weniger um ein Verstehen der Menschen, die in diesen Regionen leben, als vielmehr um die neuen Optionen, die mit den notwendigen Neuorientierungen angesichts des Klimawandels verbunden sind. Diese Chancen schwinden, je vehementer der Widerstand gegenüber den Veränderungen in Gesellschaft und Ökonomie wird. In Varel stehen zahlreiche Herausforderungen an: Bildungsarbeit, Biosphärenreservat, nachhaltiger Tourismus, neue Mobilitätskonzepte, Stadtpark, soziokulturelles Zentrum, interkulturelle Kommunikation u.a.m. Es ist an der Zeit, dass in Varel dieser Dialog aufgenommen wird – und zwar jenseits der Illusion vom unbegrenzten Wachstum.

                                                                                                                               Norbert Ahlers

 

1 ) der Begriff nivellierte Mittelschicht geht auf den Soziologen Helmut Schlesky zurück und meint eine Angleichung zwischen der Arbeiterklasse und dem Kleinbürgertum. Gleichzeitig suggerierte der Begriff die Überwindung der sogenannten Klassengegensätze.

2 ) Tiefenpsychololgisch bedeutet Rationalisierung das verstandesmäßige Rechtfertigen eines Verhaltens (Innere Ausrede). Das Ich ersetzt aus dem Es stammende, wahre, aber nicht eingestandene Motive (Motiv, vom Über-Ich verboten) durch unwahre, aber eingestandene Motive (vom Über-Ich nicht verboten). (Quelle: DORSCH Lexikon der Psychologie, Hrsg. Markus Antonius Wirtz) Gemeint sind hier Begründungen wie etwa, dass man z.B. eine Fitnessuhr wegen der motivierenden Selbstkontrolle und den Vergünstigungen bei den Krankenkassen kaufen würde.

Varel aus der Luft, ein Blick aus längst vergangenen Jahren. Es überrascht die innerstädtische Offenheit durch große Grünflächen. Man wünscht sich diese Offenheit in den Köpfen der StadtbewohnerInnen. Bild: Privatbesitz

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Varel in unwegsamem Gelände

„In der Stunde größter Not, bringt der Mittelweg den Tod.“ Dieses Epigramm schreibt man dem Barockdichter Friedrich von Logau (1605 – 1655) zu.

Bruecke 437 Varel 2

Die Brücke an der Bundesstraße 437 ist wegen des Scheiterns ihrer geplanten Ausmaße der einzige Abschnitt dieser Straße, der ein Interesse provoziert. Die Magistrale selbst ist ohne jedweden Reiz.

Am 31.08.2020 tagt wieder der Finanzausschuss der Stadt Varel. Da im Moment weder für den September noch für den Oktober weitere Sitzungen für diesen Ausschuss terminiert sind, ist davon auszugehen, dass Ende August die Zahlen für das vergangene Quartal Mai/Juni und Juli vorgestellt werden, also die Monate, in der der Shutdown massiv zu spüren war, aber auch die ersten Lockerungen zur Wiederherstellung der sogenannten Normalität eingeführt wurden. Wieder wird der Kämmerer darauf hinweisen, dass der Rat der Stadt seine Finanzlage für 2021/22 neu ausrichten muss – was man aufschiebend zur Kenntnis nehmen wird, da im kommenden Jahr die Kommunalwahlen anstehen. Sehr wahrscheinlich wird überhaupt zur Vorsicht gemahnt, denn die Gesamtsituation bewegt sich vor dem Hintergrund einer drohenden zweiten Welle, die durch Urlaubsrückkehrer, die alltägliche Leichtsinnigkeit und einen kollektiven Unmut gegenüber den Hygieneauflagen befürchtet wird. Latent korrespondiert diese Bedrohung allerdings auch mit den immer wieder erwarteten Einbrüchen bei den Steuereinnahmen und dem vorsichtigen Konsumverhalten.

Wurden im Juli die Einnahmenverluste in den Tabellen der kommunalen Haushaltspläne noch als „Delle“ visualisiert und entsprechend als beherrschbar kommuniziert, so dürfte eine erneute Zuspitzung der Pandemie in den kommenden Wochen eine ernsthafte Verschärfung der Situation darstellen. Eine Delle ist kein Totalschaden und der Vareler Haushalt wurde noch im Juli dieses Jahres allgemein als robust beschrieben. Doch die Zahlen hatte man da nur unter Vorbehalt vorgestellt; sie seien eben nur eine Momentaufnahme. Gerade recht kommt da die Bewilligung der Zuschussgelder für den geplanten Sportpark, denn so kann die Stadt Varel mit einer umfangreichen öffentlichen Investition den Bauboom in der Krisensituation jedenfalls vorübergehend stützen. So bleibt weiterhin die Devise bestehen: Keine Panik – Normalität wird wiederhergestellt und das Ganze ist zu schaffen.

Tatsächlich war der Lockdown ein drastisches Mittel, was sehr wahrscheinlich viele Leben gerettet, doch manche Existenz ruiniert haben dürfte. Seit Mai/Juni wird nun mit den Lockerungen kontinuierlich versucht, die sogenannte Normalität wieder herzustellen und wer Normalität will, sollte Panik vermeiden. Insofern macht die Devise durchaus Sinn.

Was aber heißt unter den aktuellen Bedingungen Normalität? Der Shutdown hat die Momente in der Gesellschaft und in der ökonomischen Logik aufgezeigt, die schon vor der Pandemie fragil und kritisch waren: Die mangelnde Wertschätzung sozialer Berufe und Versorgungssysteme, die Belastungen der Menschen in Logistikbereichen, die irrationalen Muster des Konsumverhaltens, die Schadstoffbelastungen durch anachronistische Verkehrs- und Tourismuskonzepte usw. Doch von all dem will man nun in der Rekonstruktion der sogenannten Normalität nicht mehr viel wissen.

Bei der Sonderprämie für das Krankenhauspersonal wird geknausert, SUVs müssen verkauft werden wie zuvor, gegen das UNESCO-Biosphärenreservat an der Küste und dem niedersächsischen Volksbegehren für mehr Artenvielfalt wird vehement protestiert und wer nur etwas von Einschränkungen im Urlaubsverkehr, bei Partys oder beim Motorradfahren sagt, wird mit einem „es muss Geld verdient werden“ abgefertigt. Es muss wieder „brummen“. Niemand soll einem jetzt noch mit Abstand und Maskenpflicht daherkommen und überhaupt – sind wir nicht alle irgendwie systemrelevant?

In dieser Atmosphäre findet sich die Stadtverwaltung von Varel – wie viele andere Städte auch – in einer Zwickmühle, denn zum einen steht man vor enormen und langwierigen Herausforderungen (Klimawandel, Verkehr, Bildung und Integration) und zum anderen wird man die gesellschaftliche Stabilität nur dann gewährleisten können, wenn die Einkommens- und Einnahmeneinbrüche eben tatsächlich nur eine Delle bleiben und nicht zu einer nachhaltigen Lähmung des Wirtschaftsleben führen.

Solange die Leute kaufen, lässt man sich die Konsumkritik gefallen, doch was ist, wenn der Konsum tatsächlich einbricht? Die Maßnahmen in diesem Frühjahr gaben einen Eindruck, was notwendig wäre, um Klimaziele zu erreichen und tatsächlich haben Messwerte ergeben, wie sehr sich die Natur in vielen Bereichen in jenen Wochen erholen konnte. Wer also tatsächlich für die kommenden Generationen die Lebensbedingungen erhalten will, muss neue Konzepte entwickeln – jenseits der quasireligiösen Wachstumsideologie. Doch wie soll das gelingen, wenn mit den veröffentlichten Haushaltszahlen die besorgten Gemüter vorerst beschwichtigt werden sollen? Mit der scheinbar gewonnenen Zeit und Ruhe will man auch suggerieren, dass man so weitermachen könne, wie bisher. Aber das ist eben eine Illusion.

Die Pandemie hat ja nur eine Ahnung vermittelt, was in den kommenden Jahrzehnten auf uns zu kommen wird. Das gilt sowohl für die urbanen Zentren als auch für den ländlichen Raum und man muss unter Hochdruck neue Konzepte konsequent entwickeln und Hilfen skizzieren, wie die beruflichen Existenzen auf diese Umbrüche konstruktiv vorbereitet werden können. Die oft beschworene Normalität ist demgegenüber keine reale Alternative mehr. Im Gegenteil: Sie ist der besagte Mittelweg mit tödlichem Ausgang.

Es gilt für die Stadt, sich in einer breiten Fläche neu und anders aufzustellen, d.h. neue Schwerpunkte, insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit und Ökologie zu entwickeln. Wenn die Versorgungsketten im Krisenfall nur durch Einzelhandelskonzerne wie Famila, Aldi oder Lidl aufrechtzuerhalten sind, dann stimmt etwas nicht mit den Versorgungsketten. Eine Kommune allein wird daran wenig ändern können, aber sie kann die Rahmenbedingungen für ein vielfältiges Angebot im Kleinen schaffen, insbesondere im Innenstadtbereich. Sie kann zukunftsorientierte Mobilitätskonzepte forcieren, sie kann regionale Versorgungswege stärken und ein soziokulturelles Miteinander fördern. Doch dazu braucht es Entschlossenheit zu grundlegenden Veränderungen, Ideen eben jenseits des Mittelweges. Es ist ein fataler Widerspruch, einen Ausweg aus der Krise suchen zu wollen, wenn man gleichzeitig auf die Normalität setzt, die einen letztlich in diese Krise geführt hat. Wer sich aber mit seiner Strategie allein auf die Wiederherstellung der Normalität konzentriert, verhindert die Chancen zu entwickeln, die sich uns in der Krise für einen Moment kurz eröffnet haben.

 

Norbert Ahlers

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Börse der Ideen – eine Vision für Varel

Varel, Drostenstraße 11, ein klassizistischer Bau von 1812, besser bekannt als die Vareler Börse, das ehemalige Clubhaus der Vareler Kaufleute.

Seit Donnerstag, dem 09.07.2020, ist nun die Vareler Barthel-Stiftung Eigentümerin dieses Gebäudes und wird dort das Projekt „Börse der Ideen“ realisieren. Kristian Evers, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, erläuterte am vergangenen Montag in den Räumlichkeiten des Hauses das geplante Vorhaben. Ziel ist es, einen neuen Ort für Denken und Arbeiten, für Zusammenkunft und Kommunikation in Varels Zentrum zu schaffen. Es klingt wie ein visionäres Versprechen.

Seit dem Prozess der Neuausrichtung des Vareler Agenda-Büros bewegte Evers laut eigener Aussage die Idee eines Zukunftsortes, deren Anregung auf die Erfahrungen von Christof Isopp zurückgehen. In Österreich zeigte sich, dass Netzwerke in ländlichen Räumen vor allem dann gelingen, wenn BürgerInnen zum Mitgestalten eingeladen werden – und diese Möglichkeit auch mit einem konkreten Ort identifizieren können. Einen solchen Anlaufpunkt zum Gedankenaustausch und der Ideenentwicklung habe man nun gemeinsam mit der Stadt Varel in der ehemaligen Vareler Börse ausgemacht. Während die Stiftung Eigentümerin des Hauses ist, verbleibt das Grundstück selbst im Besitz der Stadt Varel. Bürgermeister Wagner begrüßt ausdrücklich das neue Konzept, weil es Ausdruck der Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der Stiftung ist und weil das Haus selbst nun weit effektiver genutzt werden kann, als es die Jahrzehnte zuvor der Fall gewesen ist.

Arbeitsbereiche der Konzentration – noch eine visionäre Perspektive

In Zusammenarbeit mit dem Berliner Architekturbüro SchönbornSchmitz soll schon im August dieses Jahres mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die Kosten dieser Sanierung werden zur Zeit mit ca. 1 Million € veranschlagt. Über die Bauzeit sind nur vage Prognosen möglich, da ein historisches Bauwerk immer wieder Komplikationen mit sich bringt, die oft die ambitionierten Zeitpläne in Frage stellen. Optimistisch geht man aber von 1 ½ Jahren aus, bis die ersten Räume bezogen werden können. Die Architektin Kathrin Schmitz stellte die ersten Planungsskizzen vor und beschrieb, dass man sich gegenwärtig auf die Gestaltung des Erdgeschosses und der 1. Etage fokussiere. Die vier Ebenen des Hauses werden konzeptionell in drei Bereiche gegliedert: Das Erdgeschoss als Bereich der Kommunikation, das 1.OG als Ort der Präsentation und Keller sowie das 2.OG als Bereiche der Konzentration.

Planskizzen des Architekturbüros SchönbornSchmitz

Das Erdgeschoss soll stets für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Diese Einladung wird auch mit den offenen, fasst fließenden Räumen sinnlich veranschaulicht. Im 1.OG können die größeren Räumlichkeiten, insbesondere der sogenannte Ballsaal für verschiedene Ausstellungen, Events oder andere Präsentationen genutzt werden. Die Außenfassade wird restauriert, lediglich bei der Tür gibt es die Idee, diese durch Lichtinstallationen so zu gestalten, dass eine farbige Beleuchtung nach Außen kommuniziert, was für aktuelle Veranstaltungen im Haus gerade stattfinden, je nach Farbe ob Vortrag, Konzert, Lesung o.ä.

Planskizze vom Erdgeschoss – fließende Offenheit

Für Kristian Evers ist es wichtig, dass dieses Haus in seiner multifunktionalen Nutzung immer auch fortwährend als Projekt verstanden wird. Der Stiftung gehe es nicht darum, dem Haus eine klar definierte Funktion wie etwa die einer Kunsthalle zuzuordnen, sondern den Ort als einen offenen Raum der gedanklichen Auseinandersetzung und des gemeinsamen Prozesses zu sehen. Nicht eine bestimmte Nutzung allein soll dominieren, sondern stattdessen eine lebendige Interpretation der Räume durch aktive Teilhabe der BürgerInnen. Dabei denke man vor allem an die verschiedenen Gruppen in der Stadt, aber auch an die Ränder des gemeinnützigen Engagements, den Social Entrepreneurships, also dem Sozialunternehmertum. Zudem sucht man in diesen Bereichen auch das Zusammenspiel mit der Universität Oldenburg und der Jade-Universität in Wilhelmshaven, da die Barthel-Stiftung an der Carl-von-Ossietzki-Universität auch das Gründungs- und Innovationszentrum (GIZ) fördere. Evers betont, dass hier in der Börse die Vareler BürgerInnen selbst verhandeln, was sie als ausstellungsrelevante Kultur verstehen, wer überhaupt bestimmt, was in der Stadt als Kultur gilt und wem die Stadt gehöre. Diese spannenden Diskussionen seien auch Indikatoren für eine lebendige Demokratie und diese Demokratie gilt es auch vor Ort konkret zu stärken – indem eben Freiräume dieser Art geschaffen werden. Inwieweit die BürgerInnen das Haus auch organisatorisch mitverwalten oder ob dies hierarchisch über die Stiftung oder das Agenda-Büro geschieht, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch ungeklärt. Evers kann sich vorstellen, dass es wie eine Plattform funktionieren könnte, was aber von den Akteuren und deren Kompetenz zur Eigenverantwortung abhängig wäre.

Letztlich hängt es davon ab, wie die VarelerInnen selbst dieses ungewöhnliche und innovative Angebot wahrnehmen und ob sie zu ihrem alten Stadtzentrum zurückfinden möchten. Das ist mehr als nur eine Frage des Ortes.

der ehemalige Ballsaal der Vareler Börse – auch damals ein Ort der Präsentation

Als man 1812 dieses Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Rathaus errichtete, das dann mit der Kirche, dem Schloss, der alten Gaststätte „Zum schwarzen Roß“ und dem alten Wochenmarkt das bürgerliche Zentrum Varels in einem eindrucksvollen Selbstbewusstsein repräsentierte, hatte man von der Mitte dieser Stadt eine klare Vorstellung. Demgegenüber scheinen gegenwärtig die Vareler BürgerInnen mit den Shoppingfreuden im Gewerbegebiet zwischen Famila und Lidl zufrieden zu sein und lassen als Kollateraleffekt das historische Stadtzentrum implodieren.

Die „Börse der Ideen“ insistiert dagegen auf eine kommunale Öffentlichkeit im ländlichen Raum, auf eine Landkarte der Ideen als Netzwerk Stadt, schlicht auf eine Vision von eigenverantwortlicher Stadtgesellschaft. Daher ist dieses Projekt auf jeden Fall ein ermutigender Anfang, das öffentliche Leben in Varel wieder zu beleben und den notwendigen Dialog und den Austausch von Ideen zu fördern. Herausforderungen hat diese Stadt genug: Klimawandel, Biosphärenreservat, neue Mobilitätskonzepte, Bildungsarbeit, Interkultureller Dialog über Kunst, Kultur und Integration.

Mehr Gespräche, intensiverer Gedankenaustausch und neue Ideen sind längst überfällig und wenn die Börse hier einen substantiellen Anfang bieten kann, wird der Kurswert dieser Stadt wieder steigen und mit Sicherheit überregionale Beachtung finden. Doch letztlich steht und fällt der Erfolg dieses Vareler Projektes mit der Lust auf Bildung und dem Engagement der Menschen vor Ort.

Norbert Ahlers

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Oberschulen als die Reformschulen des 21. Jahrhunderts?

In der vergangenen Woche tagte in Varel der Kreisausschuss für Schule, Sport und Kultur. Thema waren ein Antrag der Linken und der Menschenmüll-Wählergemeinschaft (MMW) auf Stellung einer Resolution an das Land Niedersachsen zur Anpassung des Klassenteilers an Grund- und allgemeinbildenden, weiterführenden Schulen sowie ein Antrag der CDU Kreistagsfraktion Friesland auf Änderung der Schulbezirkssatzung für die Oberschule Obenstrohe. Während der CDU-Antrag abgelehnt wurde, beschloss man den Antrag auf Stellung einer Resolution zur Beratung in die Fraktionen zurückzugeben. Damit hat man das Dilemma fortgeschrieben bzw. das konkrete Problem auf die kommenden Sitzungen verschoben. Birgit Renken, Leiterin für den Fachbereich Jugend, Familie, Schule und Kultur des Landkreises, fasste das Problem nochmal klar zusammen: Ohne einen klaren politischen Auftrag seitens des Kreistages kann der Arbeitskreis aus Landesschulbehörde, den beiden beteiligten Schulleitungen und des Landkreises nicht zielorientierte Lösungskonzepte entwickeln. Dass der Shutdown während der Pandemie und die entsprechende Umstellung auf Homeschooling das Thema in den Hintergrund gedrängt hatte, kam erschwerend hinzu. Die Mitglieder des Kreistagsausschusses wie etwa Niksa Marusic, Vertreter des Kreiselternrates für die allgemeinbildenden Schulen, wiederum haben nach den langen Diskussionen der vergangenen Jahren im Arbeitskreis Schulentwicklungsplanung kein Interesse mehr an inhaltlichen Auseinandersetzungen, sondern fordern konkrete Lösungsschritte. Der Antrag der MMW/Linke wäre vielleicht kein radikaler Schritt, aber ein deutliches Zeichen gewesen. Doch die Vorstellung, eine Resolution an das Land Niedersachsen bzw. an den niedersächsischen Kultusminister Grant H.Tonne zu verfassen und eine konkrete Hilfestellung zu leisten, war für die meisten Mitglieder des Ausschusses eine Zumutung. Zwar befürworteten alle kleinere Klassen, doch seitens Martina Esser von Bündnis90/Die Grünen wurde befürchtet, dass ein kleinerer Teiler für Schulklassen das Land nur zu weiteren Sparmaßnahmen motivieren würde und Melanie Sudholz von der CDU gab zu bedenken, dass man weder ausreichend Lehrkräfte noch Räumlichkeiten für mehr kleinere Klassen zur Verfügung hätte – ein Sachverhalt, der vor dem Hintergrund der Hygienemaßnahmen noch verstärkt werden würde. Axel Neugebauer von Zukunft Varel meinte, dass die Resolution zu dünn sei, dokumentierte allerdings nur, dass er den Antrag nicht sorgfältig gelesen hatte. Knapp zusammengefasst: Man fände kleinere Klassen ja gut, aber man traue sich nicht, gegenüber dem Ministerium etwas einzufordern. Eine Resolution sei hingegen nur ein kleiner Impuls, der auch nur dann seine Wirkung entfalten könne, wenn auch andere Kreise und Kommunen ähnliches einfordern würden. Dennoch ist es im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten die richtige Stellschraube, an der gedreht werden müsste. Dass dies geht, hat Nordrhein-Westfalen 2016 gezeigt, wo man die Grundschulklassen verkleinert hat und damit Schulen in der Fläche erhalten konnte. Die Erfolge sind belegbar, denn die Studien der beiden Forscher Maximilian Bach und Stephan Sievert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dokumentieren den Lernerfolg der kleineren Klassen gerade in den Fächern Deutsch und Mathematik. In dieser Ausschusssitzung des Kreistages wurde allerdings auch deutlich, dass man die Zeit des Shutdowns hat verstreichen lassen, in der man notwendig neue Ideen und Schwerpunkte im Konzept der Oberschulen hätte entwickeln können – und das wiederum veranschaulicht die Verunsicherung und den hilflosen Umgang in dieser Region, wenn es um Fragen der Bildung geht.

Wenn die Mehrheit der Eltern dem Gymnasium als Schulform vertraut, dann ist das eine Tatsache, die verdeutlicht, dass die anderen Schulformen nicht mehr als gleichwertig wahrgenommen werden. In Varel besuchen nur noch annähernd die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs die Oberschulen, die seit 2011eine komplexe Zusammenlegung der ehemaligen Real- und Hauptschulen sind. Allerdings sind sie kaum mehr mit den Real- und Hauptschulen vor 30 Jahren zu vergleichen – also so, wie sie die Eltern erlebt haben, die heute ihre Kinder auf die Oberschule schicken. Diese Situation ist prekär, denn eigentlich vertrauen Eltern dieser Schulform, doch sie wissen, dass die Kinder mit einem Haupt- oder Realschulabschluss im Vergleich mit Abiturienten auf dem Ausbildungsmarkt kaum eine Chance haben und dass sie von Herausforderungen und Konflikten hören, die ihnen vor dem Hintergrund in ihrer eigenen Schulzeit völlig fremd zu sein scheinen. So liegt es nahe, dass Eltern ihre Kinder auf ein Gymnasium schicken möchten, auch weil diese ihren Vorstellungen von Schule und Lernen noch am ehesten entsprechen.

Oberschule Obenstrohe – auf den ersten Blick erscheint sie wie eine Dorfschule. In ihrer Überschaubarkeit ideal für modellhafte Reformansätze.

Die Oberschulen haben in der Tat enorme Herausforderungen zu bewältigen: Sie leisten bei der Integration der SchülerInnen mit Migrationshintergrund den größten Anteil, sie müssen Kindern und Jugendlichen einen vielfältigen Lernstoff vermitteln, ohne eine begleitende Unterstützung im Elternhaus voraussetzen zu können. Gleichzeitig wurde in einigen Fächern das Curriculum wie etwa im Fach Deutsch so weit modifiziert, dass man eher Jugendbücher und nicht mehr eine reduzierte Variante der gymnasialen Lektüre vermittelt. Selbst wenn man einen erweiterten Realschulabschluss an der Oberschule erreicht, so fehlen einem die kulturellen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Anschluss z.B. in der gymnasialen Oberstufe des Lothar-Meyer-Gymnasiums (LMG). Selbst wenn man nicht das LMG, sondern die Oberstufe der Berufsbildenden Schule (BBS) besuchen möchte, so wird trotzdem die strukturelle Ausgrenzung fortgeschrieben, eben weil den Kindern der Erwerb des sogenannten kulturellen Kapitals vorenthalten wurde.

Insofern wäre es konsequent, wenn die Oberschulen ihre Krise umkehren und eine Neuausrichtung wagen würden. Die Oberschulen als die Reformschulen des 21. Jahrhunderts. Kleinere Klassen wären ein notwendiger Bestandteil, aber auch eine klare Vision der interkulturellen Kompetenz. Ein unterstützendes Angebot zum Erlernen der jeweiligen Muttersprachen, das gegenseitige Kennenlernen der Buch- und Filmkultur der verschiedenen Länder (wer weiß denn in Varel etwas über die eindrucksvolle Filmgeschichte Polens, das neue russische Kino oder die Erzählungen maghrebinischer Autoren?) und ein Dialog der wechselseitigen Zusammenhänge der jeweiligen Kulturen. Wie hilfreich wäre es, wenn die Eltern ermutigt werden würden, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, wenn ihnen bei Erziehungskonflikten beigestanden werden würde und man nicht mit dem Smartphone und der Familie allein gelassen wäre. Und wie hilfreich wäre es, wenn die Schule weniger der Ort wäre, an dem der deutsche Staat seine Erwartungen vermittelt, sondern es vor allem das Haus wäre, in dem man die Welt und die Ferne zu entdecken lernen könnte.

Die Pandemie hat die Defizite unserer Gesellschaft offengelegt, auf die reagiert werden muss. In Varel sollten die Oberschulen um ihrer selbst willen und in einem Dialog mit der Landesschulbehörde, den Eltern und den gesellschaftlichen Gruppen neue modellhafte Konzepte entwickeln und der Kreistag sollte die Resolution so bald wie möglich beim Kultusministerium Niedersachsens einreichen. Es ist an der Zeit.

 

von Norbert Ahlers

 

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