Der etwas andere Gruß zum neuen Jahr

Der Immobilienmarkt boomt immer noch. Der Finanzmarkt profitiert davon, aber auch ebenso die mittelständischen Unternehmen vor Ort. Das Dilemma der Finanzkrise von 2008 ist vergessen oder es wird schlicht behauptet, dass heute eine ganz andere Situation existiere. Es wird gebaut – und zwar so, wie es der Markt verlangt und nicht, wie die Gesellschaft es bräuchte. Auf dem Land werden weiterhin Eigenheime, Einkaufszentren und Sportplätze gebaut und in den Städten werden Stadtteile aus dem Boden gestampft und die Gentrifizierung vollzieht sich in rasantem Tempo. Man setzt auf neue Stadtteile wie Grasbrook in Hamburg oder auf Berliner Visionen, wie sie der Berliner Finanzsenator Dr. Matthias Kollatz in seinem Text „Berlin 2030“ skizziert.

In einer Provinz wie Varel oder Nordenham kopiert man diese Trends in Billigversionen, weil man diesen Boom nicht an sich vorbeiziehen lassen möchte. Tatsächlich ließen sich aber gerade im ländlichen Raum andere, eigene Modelle entwickeln, auch weil hier noch Flächen für soziale Gestaltungen existieren. Wenn also der ländliche Raum nicht zwingend unter dem Druck der Zuwanderung durch Binnenmigration einen Aktivismus von Baumaßnahmen entwickeln muss, bleibt die Frage, weshalb man sich in der Provinz die Möglichkeiten versagt, die dort noch existieren.

Selbst für Laien ist es offensichtlich, dass eine überalterte Gesellschaft nicht kontnuierlich auf den aktuellen Bauboom setzen sollte. Wer gespartes Geld mit billigen Krediten in Baueigentum umwandelt, schafft für sich oder seine Kinder keine stabile Wertanlage.

Wer mehr Wohnungen oder Häuser als eigene Kinder hat, glaubt allerdings, zu einer sozialen Klasse zu zählen, die es geschafft hat. Praktisch aber lebt man lediglich fern ab der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Mal abgesehen davon, dass die Zahl derer steigt, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können, zeigt die Verknappung von Flächen, dass die Ressource Land und naturnaher Raum zu einem exklusiven Luxusgut wird. Überall dort, wo man exzessiv baut, setzt man auf eine Verschleuderung dieser Ressourcen und eine Deklassierung der Region.

Kommunalverwaltungen bedienen diese Logik, in dem sie öffentliche Flächen aus einem vermeintlichen Zwang privatisieren anstatt sie selbst nachhaltig zu entwickeln. So versprechen Kommunalverwaltungen bzw. deren Bürgermeister – wie etwa in Varel – ein neues Veranstaltungshaus oder neue Sportplätze, doch all dies ohne finanzielle Rücklagen und betriebliche Konzeptionen.

Ähnlich wie bei dem Sportpark Langendamm forciert in Varel Bürgermeister Wagner nun den Bau einer größeren Veranstaltungshalle, um das zentral gelegene, aber in die Jahre gekommene Veranstaltungshaus der Stadt Varel, das Tivoli, zu verkaufen und abreißen zu lassen. Was bei diesem Projekt vor allem im Blick ist, sind die stadtnahen Bauflächen, die nur scheinbar profitabel privatisiert werden sollen, denn letztlich fügt sich die Kommune mit dem Verlust öffentlicher Infrastruktur einen folgenschweren Schaden zu.

Gedanken von einer nachhaltigen Stadtentwicklung werden weder in den politischen Gremien noch in der Verwaltung ernsthaft entwickelt. Im Gegenteil: Am Beispiel der Mobilitätszentrale am Vareler Bahnhof wird deutlich, wie der Stadtrat ein so konstruktives wie längst überfälliges Projekt und dessen Investor ausbremst. Anstatt also intelligente und zukunftsorientrierte Projekte zu unterstützen und die Stadt in Kooperationen mit Universitäten und Kulturinstitutionen langfristig zu entwickeln, so dass die kommenden Generationen hier weitere Entwicklungsspielräume haben werden, setzen die heute Verantwortlichen auf die Modelle der Vergangenheit. Man meint im Recht zu sein, weil die Mehrheit sich nichts anderes vorstellen kann und ihr Leben entsprechend dieser Modelle ausgerichtet hat. Das ist fatal.

Es ist, als würden die Jahrgänge der „Babyboomer“ (1955 – 1965) und der „Generation X“ (1965 – 1980) in ihrer Angst alles auf eine Logik von Wachstum setzen, von der sie selbst wissen, dass sie eine Illusion ist. Es ist, als müsste man den Lügen des Neoliberalismus der 80er und 90er Jahre glauben, weil man ihnen auch früher vertraut hat. Man meint, sie würden sich als wahr bestätigen, wenn man sie noch weiter radikalisiert. Das ist umso ärgerlicher, weil eben im ländlichen Raum Freiräume existieren, die neue Wege und Möglichkeiten eröffnen könnten. Statt falsche Erfolgsmodelle zu kopieren, könnten soziale Experimente und bildungspolitische Modelle entwickelt werden, die überregionale Impulse entfalten. Doch statt ernsthaft auf eine kluge und humanistische Bildung zu setzen, feiert man provinzielle Automessen, bei denen die überdimensionierten SUVs oder die noch aggresivere Variante des Ranger Pickups präsentiert werden. Diese Autos sind keine Nutzfahrzeuge, sondern sind Statements ohne Antworten. Sie dokumentieren mit ihrer symbolischen Stärke die eigene Ohnmacht gegenüber den existentiellen Fragen und Problemen der nächsten Generationen. Eine Ohnmacht, die das Auto, das einmal der Inbegriff der Beweglichkeit und des Fortschritts war, in eine mobile Festung verwandelt hat.

Mit dieser Mentalität verschenken wir die Chancen, die uns – nicht zuletzt im ländlichen Raum – noch für unsere Zukunft bleiben.

Das kommende Jahr 2020 ist für Varel ein Jahr der Möglichkeiten: Mit der gleichen Energie, wie die Vareler Stadtverwaltung den Sportpark Langendamm forciert hat, ist zu hoffen, dass sie sich auch für einen Bürgerpark an der Windallee mit einem soziokulturellen Zentrum im Tivoli einsetzen wird.

Allen Leserinnen und Lesern der Randnotizen wünsche ich einen gelungenen Jahreswechsel.

Norbert Ahlers

Stadtansicht Varel

Die klassische Stadtsicht von Varel. Die Weide ist jedoch in manch einem Kopf schon überplant mit einem neuen Wohngebiet und einer Umgehungsstraße.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Nachverdichtung ist ein anderes Wort für Verengung

Ende November überraschte das CDU-Mitglied Jens Kastner im Gemeinützigen der NWZ mit einem Beitrag über städtische Nachverdichtung, dem Dirk Wachtendorf entgegnete, dass eine Nachverdichtung nur in „Rücksichtnahme und Erhalt einer grundsätzlich intakten Nachbarschaft“ eine Option sein könnte. Diese Diskussion wird schon seit 2017 gelegentlich im Rat thematisiert und noch in einem Interview mit der NWZ am 31.12.2018 wies Bürgermeister Wagner auf die sozialen Spannungen bei Nachverdichtungen hin. Nach einem politisch turbulenten Herbst 2019 versucht die CDU nun offensichtlich dieses Thema wieder in Erinnerung zu bringen, wobei Herr Kastner weniger Sachargumente darstellt als vielmehr sein subjektives Bild süddeutscher Städte, die ihm als Beispiele gelungener Nachverdichtung dienen. Das verwundert, weiß man doch um die verheerende Zersiedelung in diesen Regionen wie etwa dem Rhein-Main-Gebiet oder dem Rhein-Neckar-Raum.

Bauentwicklung ohne konzeptionellen Zusammenhang ist strukturelle Gedankenlosigkeit.           Quelle: Stadt Varel

Worum geht es aber bei den Konzepten der Nachverdichtung?

Der Begriff der Nachverdichtung beschreibt in der Diskussion der Stadtentwicklung eine weitere Bebauung von innerstädischen Flächen. Noch vorhandene Freiflächen innerhalb eines schon bebauten Stadtgebiets werden dem gemäß durch eine weitere Bebauung effektiv genutzt. Anders gesagt: Nachverdichtung ist eine Verengung, eine Verdichtung ist die Versiegelung des städtischen Raums. Eine Verdichtung ist somit auch ein Verschließen.
Konkret: Das öffentliche Leben in einer Stadt versteht sich als ein offener Raum sowohl des freien Warenverkehrs als auch des Gedanken- und Informationsaustauschs. Dieser Austausch braucht Räume und Flächen. Verdichtung aber ist das Gegenteil. Vereinfacht gesagt ist es die Vernichtung von offenen Räumen. Nicht ohne Grund definieren sich in Süddeutschland immer mehr Zentren als sogenannte Metropolregionen. Tatsächlich will diese Bezeichnung Ballungsräumen eine Identität vermitteln und darüber hinwegtäuschen, dass die unkoordinierte Entwicklung von Städten und deren benachbarten Kommunen die Vorstellung des urbanen Lebens grundlegend verändert hat.
Mit der Idee der Nachverdichtung wurde ursprünglich der Versuch skizziert, die Zersiedelung suburbaner und ländlicher Räume aufzuhalten. Angesichts der Verknappung von Bauflächen erschien diese Idee vielen so praktikabel wie zweckmäßig. Schnell hat sich aber abgezeichnet, dass in vielen betroffenen Stadtvierteln die Bewohner protestierten. Dabei werden die Flächen, die im innerstädtischen Raum noch zur Verfügung stehen, weniger für den sozialen Wohnungsbau oder Orte der Begegnung, als vielmehr für Eigentumswohnungen oder Eigenheime genutzt, also als Immobilieninvestment.

„Der Schaden ist mehr als nur eine ästhetische Entgleisung.“

Die Kommunen sind dabei in einer Zwickmühle: Sie müssen sich in einer Konkurrenzsituation zu den benachbarten Gemeinden behaupten, können aber aufgrund der prekären Finanzlage des öffentlichen Haushalts selbst nicht als Investoren auftreten. So bleibt ihnen nur Rahmenbedingungen zu schaffen, die Banken und Bauunternehmen als private Investoren nutzen können. Private Investoren aber haben kein Interesse an kostengünstige Wohnungen für junge Familien oder eher finanzschwache Gruppen. So werden in der Provinz Eigenheime auf engstem Raum gebaut, mit dem Effekt, dass die historisch gewachsene Kleinstadt sich zu einer suburbanen Vorstadtsiedlung verwächst. Diese Wohnsiedlungen, in den 50er Jahren bekannt als Lewittowns und heute in der Diskussion als prägnate Beispiele der Zersiedelung (urban sprawl) werden bei der propagierten Nachverdichtung in Form und Funktion in die historisch gewachsenen Strukturen eines Statdteils ohne Rücksicht auf das Umfeld implantiert. Der Schaden ist mehr als nur eine ästhetische Entgleisung.
Unabhängig von den unterschiedlichen Argumentationslinien (mehr Wohnraum in der schon vorhandenen Infrastruktur vs. Verlust von Lebensqualität und urbaner Identität) verschleiert diese Auseinandersetzung einen ernsthaften gesellschaftlichen Widerspruch: Die Notwendigkeit des Zuzugs bei gleichzeitiger Verknappung der noch vorhandenen Flächen. Dabei ist die Dynamik dieses Widerspruchs schwierig zu begreifen: Während junge Menschen zwecks Studium oder beruflicher Weiterentwicklung in die Ballungsräume abwandern, zieht es ältere Menschen nicht selten in den ländlichen Raum. Die Kommunen aber sind an jungen Familien interessiert und die wiederum suchen – sofern es die berufliche Situation erlaubt – meist günstigen Wohnraum und die Nähe zu einer größeren Stadt. Oft sind bei dieser Klintel die Ansprüche so hochgeschraubt, dass der Leerstand alter Bausubstanz kaum noch rentabel zu sanieren ist. Im Zweifelsfall werden gerade bei der Nachverdichtung die Altbauten niedergerissen, um dann neue Wohnungen nach aktuellen Standards zu realisieren. Was bleibt, ist meist ein irreversibler Schaden im Ortsbild. Während in den größeren Städten einerseits der Ruf nach mehr Wohnungsbau lauter wird, mehren sich auch die Stimmen, dass eine weitere Zuwanderung in die großen Städte vermieden werden sollte. Umgekehrt heißt das, man möchte den ländlichen Raum attraktiver machen, um die Ballungszentren zu entlasten. Wenn nun aber eine kleine Stadt wie Varel meint, dass sie von solch einem Trend profitieren könne, so irrt man sowohl in der Verwaltung als auch im Rat der Stadt. Ohne ein klares Konzept einer strategischen Stadtentwicklung, die sich an den Kriterien der Nachhaltigkeit, ökologischen Verträglichkeit, sozialem Ausgleich und ökonomischen Leistungsfähigkeit orientiert, wird die Bevölkerungszahl in Varel vielleicht quantitativ wachsen, doch das gesellschaftliche Leben, über das sich eine Stadt identifiziert, zerfällt.

Das Waldviertel – ein Baugebiet, das sich mehr und mehr als eine Agglomeration zusammenhangsloser Eigenheime entpuppt.

Eine Stadt braucht Orte, an denen sie sich konkret erfahren lässt: Parklandschaften, Stadttheater, Bibliotheken und Sportplätze. Dieser öffentliche Raum wird aber in Varel weitgehend vernachlässigt. So wurde in Varel z.B. mehr Geld in Parkplätze als in die hiesige Stadtbücherei investiert. Anstatt innerstädtische Grünflächen als öffentliche Gartenanlagen zu entwickeln, plant man größere Projekte im Stadtrandgürtel. Dort muss man sich weniger mit gewachsenen Gegebenheiten konstruktiv auseinandersetzen, sondern kann alles nach dem Kriterium der Verkehrsanbindung für den Individualverkehr ohne weitere Rücksicht skizzieren. Eine Rücksichtslosigkeit, die durch das Verhalten der Mehrheit legitimiert wird, wobei man ignoriert, dass diese Mehrheit ohne attraktiven ÖPNV ja keine Alternativen hat. Mit anderen Worten: Das Falsche erklärt das Falsche zum Richtigen, weil alle zur falschen Handlung genötigt werden. Die Rücksichtslosigkeit legitmiert sich durch ihre eigene Rücksichtslosigkeit.

Will eine Stadt wie Varel sich wieder zu einer lebendigen Stadt entwickeln, dann ist es an der Zeit neue Stadtkonzepte zu erarbeiten. Mehr Ressourcen schonen und weniger bauen, dafür aber mehr Altes sanieren oder gar restaurieren. In den kommenden Wochen wird sich der Förderkreis Bürgerpark Waldstadion zu einem Verein konstituieren. Es sind solche Gruppierungen, die im Sinne der Nachhaltigkeit versuchen, die Stadtentwicklung konstruktiv zu unterstützen. Konkret: Ein Bürgerpark im zentraler Lage der Stadt ist ein öffentlicher Raum, den Varel angesichts der gegenwärtigen Entwicklung mehr denn je braucht und Varel selbst braucht mehr Bürger und Bürgerinnen, die sich in diesem Sinne für die Zukunft der Stadt engagieren.

von: Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Der Mangel an Ideen als strukturelles Defizit

Politik ist mehr als nur die Gunst der Gelegenheit, sie ist die Kunst sozialer Gestaltung.

Interessant war eine kaum beachtete Aussage des Vareler Kämmerers Jens Neumann, der im August beim Finanzausschuss der Stadt Varel bei den Defiziten des kommunalen Haushaltes von einem „strukturellen Defizit“ sprach. Er meinte damit schlicht, dass die Kommunen immer mehr neue gemeinnützige Aufgaben bewältigen müssen, aber nicht neue Einnahmen generieren können. Doch statt einer komplexen Diskussion um diese Defizite, will man die Strukturen nur weiter belasten, in dem man Steuererhöhungen erwägt. Die Defizite scheinen somit als Legitimation für die politischen Fehlentscheidungen und den Mangel an politischer Vorstellungskraft zu dienen. Grund für die Defizite sind Aufgaben, die der Kommune von Außen aufgebürdet wurden, so etwa der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Das entsprechende Förderprogramme die Kommunen unterstützen, bleibt dabei eher unerwähnt.

Viel gravierender erscheinen zwei Aspekte, die in der Regel in der Kommunalpoltik ausgeblendet werden: Die Haltung einer Gleichgültigkeit gegenüber argumentativer Gedankenarbeit und eine gegenseitige Herabsetzung der jeweiligen Beteiligten. Beides sind Indizien eines mangelnden Selbstvertrauens in die eigene Ausdrucksfähigkeit und einer Sehnsucht nach simpler Überschaubarkeit. Beides sind auch Indizien, wie fragil der soziale Zusammenhang in einer Kommune ist.

Wer sich aufmerksam in den Zusammenhängen der Kommunalpolitik bewegt, ist immer wieder überrascht, mit welcher Ambivalenz sich die Räte und Verwaltung nicht selten begegnen: Mit Geringschätzung und Vertrautheit.

Die Stadtverwaltung hat ob der Unprofessionalität der ehrenamtlichen Mandatsträger in der Regel eine bescheidene Meinung von Stadträten und die wiederum begreifen die Verwaltungsangestellten oft nur als die bloßen Exekutivorgane ihrer politischen Hoheitsgewalt. Vertraut ist man einander, weil alle in zahllosen Sitzungen viele Stunden miteinander verbringen, miteinander telefonieren und die jeweiligen Mails und Schriftsätze lesen. Gemeinsam ist beiden Seiten letztlich aber vor allem das Gefühl, dass man sich gegenseitig entsprechend der jeweiligen politischen Rolle und Mehrheit eine gesellschaftliche Relevanz suggeriert.

In dieser seltsamen Ambivalenz zwischen Vertrautheit und Geringschätzung werden vor allem praktische Effekte und Lösungen verhandelt, nicht aber Gedanken ausgetauscht oder gar Ideen diskutiert und entwickelt. Seitens der Stadträte wird mehr darauf geachtet, von wem etwas mit welchem Hintergrund geäußert wird und nicht, was gesagt wird. Es werden nicht die geäußerten Gedanken nachvollzogen oder sie in ihren Widersprüchen widerlegt. Es werden vielmehr in der Bequemlichkeit des Jargons die vorab geklärten Positionen schlicht behauptet und dann die Stimmkarten erhoben. Eine politische Kontroverse wird somit konsequent vermieden – und das ist in der Tat ein strukturelles Defizit in Varel.

Will man in Varel ernsthaft die Defizite im kommunalen Haushalt angehen, dann gilt es eine andere politische Kultur zu entwickeln, in der gemeinsam gestritten wird, Gedanken und nicht Ressentiments entwickelt werden. Vor allem sollte man im Rat sowohl die Vorstellungskraft und den Mut erarbeiten, neue Wege zu denken und sie auch gemeinsam zu gehen. Die Kommunalpolitiker brauchen mehr Zeit, um Sachverhalte nachzuvollziehen und in Gesprächen auf Seminaren und Barcamps mit Bürgern und Bürgerinnen die Belange zu verstehen. Politik ist mehr als nur die Gunst der Gelegenheit, sie ist die Kunst sozialer Gestaltung. Die Haltung, dass ein Problem erst dann angegangen wird, wenn es nicht mehr verleugnet werden kann, ist ein Verhältnis zur Wirklichkeit, das sich niemand erlauben kann – schon gar nicht an der Küste. Zukunftsorientiert nachzudenken heißt heute miteinander im Gespräch zu sein und immer wieder zu lernen.

Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein, Varel | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Ein Knoten in Varel

Hellmut-Barthel-Straße / Quelle: Stadt Varel

Es braut sich etwas zusammen, das sich in einer Kostenexplosion entladen könnte: Der Knotenpunkt an der Hellmut-Barthel-Straße.

Die Stadtverwaltung hat am 09.07.2019 im Ausschuss für Stadtentwicklung, Planung und Umweltschutz den konkretisierten Entwurf für den Sportpark vorgestellt. Die besondere Schwierigkeit ist die verkehrstechnische Anbindung, denn über die jeweiligen Zufahrtstraßen des Langendammer Sportgeländes, den Herrenkampsweg und die Schuhmacherstraße, wird der prognostizierte Verkehr nicht zubewältigen sein. Daher heißt es in der entsprechenden Präsentation:

Die Erschließung erfolgt für den motorisierten Verkehr von der Hellmut-Barthel-Straße über eine Verlängerung der Straße im Bereich des ehemaligen Fußballgolf-Geländes. Der dortige Knotenpunkt soll eine Ampelanlage erhalten. Über die gleiche Zuwegung (dann allerdings über eine geschützte Nebenanlage) können die Fußgänger und Radfahrer aus Richtung Norden den Sportpark erreichen.

die geplante Entflechtung des Knotenpunktes /Quelle: Stadt Varel

Dieser Knotenpunkt entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein ausgesprochen schwieriger Knoten: Nicht nur, dass die notwendige Verbreiterung der Hellmut-Barthel-Straße als Baustelle den Lieferverkehr der Papier- und Kartonfabrik Varel (PKV) temporär beeinträchtigen wird (Vgl. nebenstehendes Luftbild); auch die Ampelanlage wird seitens der PKV ausgesprochen kritisch gesehen. So äußerte sich Sönke Klug, Unternehmenssprecher der PKV, mit folgenden Worten:

Pro Tag erreichen im Durchschnitt 300 bis 350 LKW unser Werk, die uns vor allem unseren Rohstoff Altpapier (…) liefern. Im Interesse einer effizienten und nachhaltigen Logistik organisieren wir die Verkehre so, dass möglichst viele dieser LKW wieder beladen mit fertigen Produkten für unsere Kunden das Werk verlassen und nicht leer kommen oder leer abfahren. (…) Angesichts des Verkehrsaufkommens sind wir nicht davon überzeugt, dass eine Ampelanlage an der beschriebenen Stelle eine gute Lösung wäre. Wir befürchten unter anderem erhebliche Rückstaus zu der nahen Ampelanlage an der Kreuzung zur B437.“

Klug geht davon aus, dass der Bedarf an umweltfreundlichen Verpackungen aus Altpapier steigen wird und der Betrieb stellt sich auf diese wachsende Nachfrage ein. Daher rechnet er damit, „dass die Zahl der LKW-Verkehre dadurch in den nächsten Jahren um 10 bis 15 Prozent steigen könnte.“ Dass diese Perspektive ernstzunehmen ist, zeigt sich nicht zuletzt in den umfangreichen Investitionen der PKV, mit der der Vareler Standort modernisiert wird. Die PKV beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter und ist als bedeutende Arbeitgeberin bei der Diskussion um die Entwicklung des Sportparks kaum zu ignorieren.

Wenn das geplante Wettkampfstadion (Typ B) und der neue Kunstrasenplatz realisiert werden, dann ist an diesem Knotenpunkt nicht nur mit einem Stau des Lieferverkehrs zu rechnen, sondern auch ein stetig wachsendes Aufkommen an Individualverkehr zu erwarten. Es wird nicht nur der Verkehrsfluss der PKV empfindlich gestört werden, sondern die Planung der Stadtverwaltung zeigt auch, wie wenig zukunftsorientiert das Verkehrskonzept der Stadt Varel ist: Die von Bürgermeister Wagner immer wieder betonten stadtpolitischen Entwicklungsimpulse, die er durch den Sportpark Langendamm erwartet, sind bisher nur in einem greifbar: Es wird mehr Individualverkehr mit dem Auto geben und den Warenverkehr der PKV behindern.

Es wird auch kaum jemanden in Varel überzeugen, dass just an dieser Kreuzung die Schüler auf dem Weg zum Sportunterricht oder Jugendliche zum Vereinstraining mit dem Fahrrad die Straße sicher überqueren können, an der es 2018 – ebenfalls an einer Ampelkreuzung – zu zwei schweren Unfällen kam, bei denen Sattelzüge Fahrradfahrer lebensgefährlich verletzten.

Das kann nicht die Lösung sein und eine Ausweitung der Hellmut-Barthel-Straße zu einer mehrspurigen Zufahrtstraße inklusive Unterführung für Fußgänger und Fahrradfahrer, ist sehr wahrscheinlich kaum finanzierbar oder eben nur, wenn man eine Kostenexplosion in Kauf nimmt.

von Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Die „brutalstmögliche“ Sanierung

In diesen Tagen fühlen sich viele Vareler Bürger in der Diskussion um den Erhalt des Waldstadions an die Vorgänge in Dangast um 2013 erinnert. Peter Beyersdorf hat auch knapp und präzise die Übereinstimmungen beschrieben und es kommt einem in der Tat so vor, als wollte die Stadtverwaltung einen Coup nochmals versuchen.

Doch es gibt Unterschiede: Während man seinerzeit in Dangast einen finanziell maroden Kurbetrieb in der „brutalstmöglichen“1 Form sanieren wollte, der einen ebenso sanierungsbedürftigen Kommunalhaushalt belastete, so wird nun in Varel kein Handlungszwang begründet. Hier beschränkt man sich allein auf die in Aussicht gestellten Fördergelder. Der seit langem geäußerte Wunsch der Rasensportvereine nach einem ganzjährig nutzbaren Sportplatz mutierte in den Büros der Stadtverwaltung zu einem Sportzentrum, dessen Entwicklungspotenzial den Bau eines neuen Hallenbades, neuer Sporthallen, weiterer Feldplätze und einer Veranstaltungshalle mit 400 – 800 Plätzen beschreibt.

Für all dies sollen zwecks Gegenfinanzierung die Flächen des Waldstadion-Areals verkauft werden – und wenn Bürgermeister Wagner von der Notwendigkeit eines Entwicklungskonzeptes Windallee spricht, dann dürften mittelfristig auch das Tivoli samt Parkplatz, die Weberei2 und das Schulgelände der Heinz Neukäther Schule/Pestalozzi-Schule zur Disposition stehen.

Dem blumigen Strauß an Versprechungen und Möglichkeiten, die sich in Langendamm bald entfalten sollen, steht ein Mangel an plausiblen Sachargumenten gegenüber. Es überrascht auch, wie selten Statements der Stadträte von SPD, CDU, FDP und BBV in den lokalen Medien zu lesen sind. Es ist, als würde sie ihren eigenen Visionen nicht glauben. So ist dieser Text hier eine Skizze, die sich aus einzelnen Mosaiksteinen zusammensetzt. Mosaiksteinen, die so zusammengestellt eine Art von Phantombild ergeben:

Anfang 2018 konstatierte man, dass es im Landkreis und somit auch in Varel vor allem an kleineren, preisgünstigen Mietwohnungen mangele. Zwar zeichnet sich mit dem demografischen Wandel ein Bevölkerungsrückgang ab, doch im Segment der kleineren, preisgünstigeren Mietwohnungen würde sich ein Mangel entwickeln. Ebenso im Bereich des sozialen Wohnungsbaus, der lange Zeit vernachlässigt wurde. Ein Jahr später, am 31.12.2018 äußerte sich Bürgermeister Wagner gegenüber der NWZ, dass demgegenüber die Entwicklung der Einwohnerzahl die Attraktivität der Stadt Varel dokumentiere. Daher wäre es das Ziel der Stadtverwaltung, Bauland zu entwickeln. In der Stadtplanung setze man hier auf die sogenannte Nachverdichtung. Im Juli 2019 wurde der bundesweit beachtete IW-Report 28/2019 „Ist der Wohnungsbau auf dem richtigen Weg“ von R. Henger und M. Voigtländer veröffentlicht, der für den Landkreis Friesland eine 178% Überversorgung an fertiggestelltem Wohnraum konstatierte. Einfach gesagt: Es wurde fast doppelt so viel gebaut wie gebraucht wurde. Damit – und das ist das wirklich Kuriose – zeigt Friesland die gleiche Tendenz wie etwa die Landkreise Wittmund (167%), Schaumburg (190%), Vogelsbergkreis (230%), Nordfriesland (230%) u.a.m. Allesamt ländliche Gebiete mit touristischen Erholungswert, die für die Mittelschicht ideale Immobilienangebote als Kapitalanlagen zu bieten scheinen.

In Friesland kommt aber noch ein weiteres Moment hinzu: Es steigen die Wohnungspreise stärker als die Mietpreise3, d.h. es ist langfristig günstiger zu mieten als eine Wohnung zu kaufen. Wer also baut, will vor allem vermieten – und das nicht an eine finanzschwache Klientel. Man baut weniger für den Eigenbedarf oder aus Interesse an einer biederen Kapitalanlage, sondern spekuliert auf einen stabilen Profit. Sollte sich der Markt weiterhin so entwickeln, dann ist eine Wertsteigerung der Immobilie ohnehin zwangsläufig. All das ist in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft nichts Anrüchiges, doch geschieht dies auf Kosten öffentlicher Ressourcen, dann ist Widerspruch Pflicht.

In Varel, wo man sich auf die Nachverdichtung konzentriert, sollen das Waldstadion, der Schlackeplatz und die Deharde-Wiese zu Bauland umgestuft werden. Die Flächen zwischen Windallee und Steinbrückenweg sind in ihrer Lage nur potenziell wertvoll. Erst durch eine Umwidmung der Nutzung könnten sie ihren spekulativen Wert entfalten, d.h. würde die Stadt die 25.000 m² im günstigen Fall für 180,- €/ m² verkaufen, so wäre das ein Erlös von 4.500.000 €. Davon müssten die Erschließungskosten für das Areal wiederum abgezogen werden. Diejenigen, die nun aber dieses Bauland verkaufen und bebauen, würden dann den Wert dieser Flächen um ein Vielfaches steigern, so dass man wohl durchaus von mindestens 15 Millionen € sprechen kann. Diese Wertsteigerung aber ist allein in privater Hand und der Kommune bzw. den Einwohnern endgültig entzogen. Die Bebauung wird wohl kaum bedarfsorientiert sein, d.h. kleinere, günstigere Mietwohnungen mit sozialgebundener Mietpreisbindung. Auch stehen die Einnahmen, die hier durch die Grundsteuer generiert werden könnten, in keinem Verhältnis zu den privaten Gewinnen.

Der Restrukturierungsmanager Johann Taddigs, der nun auch im Gespräch ist für die Leitung des neuzugründenden Eigenbetriebes „Wohnungswirtschaft der Stadt Varel“, dürfte in seiner unsentimentalen Art so umsichtig vorgehen, wie er es in Dangast schon gezeigt hat: brutalstmöglich.

Man kann sagen, dass dieses Mosaik, was hier skizziert ist, nicht stimmig ist, dass es viele leere Stellen hat und man überhaupt das Positive vermisst, doch ich möchte zu bedenken geben, dass diese Zeilen nur ein Versuch sind, hinter der zaghaften Argumentation, den dürftigen Projektbegründungen, den übereilten Entwurfskizzen4 und den blumigen Versprechungen der Stadtverwaltung einen Sinn zu erkennen. Es ist der Versuch, die Zusammenhänge zu verstehen, weshalb ein Bürgermeister so massiv auf eine fantasielose Projektskizze beharrt, ohne sie substantiell in ihrer Notwendigkeit oder gar in ihrer sozialen Vision begründen zu können. Offensichtlich geht es nicht um den Sport, sondern um die postulierte Attraktivität der Stadt Varel, die aber gerade mit den geplanten Baumaßnahmen der Stadtverwaltung irreversibel beschädigt werden würde5. Ist dieses Mosaik- oder Phantombild nicht zutreffend, dann darf ich allerdings erwarten, dass man meine Überlegungen argumentativ widerlegt.

Im Kern wird das Förderprogramm zur Sanierung kommunaler Sportstätten hier in Varel auf eine bloße Wirtschaftsförderung reduziert. Der Sport selbst ist für die Stadtverwaltung das Vehikel, mit dem der lokalen Immobilien- und Bauwirtschaft neue Ressourcen auf Kosten des öffentlichen Eigentums und der Daseinsvorsorge zugeführt werden soll. Die Privatisierung der öffentlichen Flächen Waldstadion, Schlackeplatz, Deharde-Wiese, Weberei und Tivoli wäre für die Stadt Varel nicht nur ein kulturhistorischer Verlust, es wäre auch der unwiederbringliche Verlust eines innerstädtischen Erholungsraumes mit unvergleichlichem Entwicklungspotenzial für einen lebendigen Ort als öffentlichen Raum der Begegnung und des Zusammenlebens.

von Norbert Ahlers

Eine alte Kreuzung in Varel, die die Neue Straße und Hindenburgstraße zusammenführte. Links im Bild eine Grünfläche, der alte Stadtfriedhof, heute eine Parkplatzfläche an der B 437.  – Bild: Villa Schmalfilm

**************************

1) Wortschöpfung vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Bedeutung laut Duden „ohne jegliche Rücksichtnahme“.

2) Bei der Bürgerfragestunde sagte Wagner, dass er mit den Jugendlichen schon im Gespräch sei, einen neuen Standort für die Skaterbahn zu erörtern und das Biker-Gelände im Entwurf des Langendammer Sportpark ist nicht weniger beredt.

3) Es erstaunt doch, wenn im Vergleich des Kauf-Miet-Verhältnisses der Landkreis Friesland (wie auch der Vogelsbergkreis und Nordfriesland) die gleiche Dynamik zeigen wie die Städte Düsseldorf, München, Stuttgart, Berlin und Hamburg, also die Brennpunkte der aktuellen Wohnungsnot. Nicht, dass die Situation in Friesland mit der in Hamburg zu vergleichen ist,  die bizarre Gemeinsamkeit verblüfft dennoch.

4) Beispiel: So findet sich in der Entwurfsskizze ein Badmintonfeld unter freiem Himmel. Badminton ist ein Hallensport. Meint man aber Crossminton, so sollte das Feld auch als solches bezeichnet werden. Allerdings spielt kaum jemand in Varel diese Variante des Badmintons.

5) Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der geplante Sportpark Langendamm mit all seinen möglichen Erweiterungen sich im Ergebnis ebenso unbeeindruckend entpuppen wird, wie der Seekurpark in Dangast.

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Anders ist besser

Von dem Vorschlag, der sowohl besser durchdacht als auch kostengünstiger ist.

Bürgerpark Waldstadion

Entwurf vom Förderkreis Bürgerpark Waldstadion (Bild: © J.Spanjer)

Der Bürgerpark Waldstadion (s.o.) ist eine reale Alternative zum Entwurf der Stadtverwaltung. Bürgermeister Wagner bezeichnete ihn allerdings in einer Stellungnahme in der NWZ vom 26.07.2019 jüngst als ein „ganz anderes Projekt.“ Es ist insofern tatsächlich ein anderes Projekt, als es schlicht das bessere ist. Besser in der Lage, besser in der skizzierten Konzeption, besser in der inhaltlichen Begründung und nicht zuletzt auch besser in der Finanzierung.

Nimmt man die Zahlen der Projetskizze FRI_SpoBuePark (Titel: „Sanierung der Sportstätten Langendamm und Windallee durch Errichtung eines zentralen Sport- und Bürgerparks am zu sanierenden Standort Langendamm sowie Aufgabe des Standortes Windallee im Rahmen des Sportstättenentwicklungskonzeptes“), die die Stadtverwaltung in Berlin eingereicht hat, dann fällt auf, dass 2019 allein 1.539.000 € nur für Grunderwerb (800.000,-), Planung (357.000,-) und Verkehrserschließung (382.000,-) verausgabt werden, jedoch kein Cent für eine Sanierungsmaßnahme. Erst 2020 werden 1.173.000 € in einen Sportplatz investiert, 2021 dann nochmal 1.150.000 € in die weiteren Plätze.

Im Jahr 2023 sind dann noch einmal 983.000 € für das Vereinsheim eingeplant.

Das sind 3.899.000 für die Sportstätte Langendamm. Dem gegenüber stehen 3.665.000,- € für den Zeitraum 2019 – 2023 allein für Planung und die Verkehrserschließung. Anders gesagt: Die Sportstättensanierung ist zu 50% eine Verkehrsförderung, primär für den Autoverkehr.

All dies wäre mit dem Entwurf des Förderkreises Bürgerpark wesentlich kostengünstiger und bedarfsgerechter zu realisieren. Die Instandsetzung des Rasenplatzes im Waldstadion kann mit 250.000,- €, die der Kleinfelder, Finnbahn, Umkleidekabine, Begrünung u.v.m. mit 450.000,- €, die Planung mit 300.000,- € und die Naturbühne nebst Pavillon mit 700.000,- € veranschlagt werden. Dabei könnte die Naturbühne an einem solch zentralen Ort in der Stadt sehr wahrscheinlich durch Sponsorengelder kofinanziert werden. Das wäre insgesamt ein Kostenvolumen von 1.700.000,- €.

Für Langendamm stünden somit 2.300.000,- € zur Verfügung plus dem notwendigen Eigenanteil der Kommune. Mit diesem Geld wäre ein ganzjährig bespielbarer Feldplatz und ein separater Tunierplatz zu finanzieren, ohne dass der kommunale Haushalt ernsthaft belastet würde.

Weshalb aber insistiert Bürgermeister Wagner so vehement auf den wesentlich kostspieligeren Entwurf der Stadtverwaltung?

Es gibt viele Vermutungen, die jedoch nicht belegt werden können. Somit müssten schon für 2019 die Ausgaben zum Grunderwerb in Langendamm gebunden sein, denn nach Auskunft des Bürgermsieters wurden schon Flächen per Handschlag angekauft. Allerdings muss man durch die überraschende Kostensteigerung eines notwendigen Grundstücks nochmals neu kalkulieren. Zudem wurde auch schon ein Planungsbüro wurde beauftragt. Es geht also hier immerhin um 1.157.000,- € für den Flächenerwerb und die Planung, die schon fest gebunden wurden und bei Nicht-Erfüllung wahrscheinlich auch regressflichtig würden. Ausgaben, die laut Projektskizze für 2019 mit 813.900,- € durch Bundesmittel alimentiert werden sollten. Ohne eine endgültige Zusage seitens des BBSR, die erst noch in einem Gespräch am 30.09.2019 bestätigt werden muss, hat man also schon kommunale Gelder ausgegeben.

Insofern ist der alternative Entwurf des Förderkreises Bürgerpark Waldstadion für den Bürgermeister ein ernsthaftes Dilemma, denn er ist effektiver und kostengünstiger. Die notwendigen Flächen sind schon im Besitz der Kommune und die innovativen Impulse einer nachhaltigen Stadtentwicklung für Varel liegen auf der Hand. Das dürften auch die Kriterien sein, die in Berlin und Bonn überzeugen. Ein ausführliches  Begründungsschreiben in diesem Sinne liegt dem Ministerium vor.

von Norbert Ahlers

bürgerpark. jpg

Mit ein wenig Fantasie: Die Fläche, auf der man ein Kleinfeld, eine Naturbühne, Blühwiesen und ein Pavillon errichten könnte – und alles mit Blick auf das Zentrum der Stadt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Bürgerpark Waldstadion

Reden wir mal über Alternativen

Bei der Kundgebung für den Sport- und Bürgerpark in Langendamm am 02.07.2019 hieß es von Seiten der Vereine, es sei besser für etwas zu sein, als gegen etwas. Das übersieht die Tatsache, dass es Alternativen jenseits des Schwarz-Weiß-Denkens gibt und man zugleich für einen Turnierplatz in Langendamm und für einen Bürgerpark im Waldstadion sein kann.

Bürgermeister Wagner äußerte in der vergangenen Sitzung des Ausschusses für Schulen, Kultur und Sport am 24.06.2019 gegenüber Werner Vogel, dass seitens des Bundes von den Antragsstellern erwartet werde, dass man mit der Sanierung von Sportstätten städteplanerische Impulse setzen müsse, man also keine 08/15-Sportstättensanierungen darunter fassen könne. Dieses Geld bekomme man für gewichtige Maßnahmen. Die „Trauben dieses Antrags“ hingen hoch und so waren die Kriterien für die Projektskizze eine Herausforderung. Liest man jedoch die formellen Kriterien des BBSR , dann findet man von alldem kein Wort. Dort heißt es vielmehr: „Gefördert werden investive Projekte mit besonders sozialer und integrativer Wirkung. (…) Ein Qualitätsmerkmal der Projekte ist eine gute Einbindung in das städtische Umfeld. (…) Die Zweckbindung ist die Sanierung der kommunalen Infrastruktur.“ Aspekte, die umstandslos für alle Sportstätten Varels gelten, auch und vor allem für das Waldstadion. Die besondere Schwierigkeit für die Stadtverwaltung bei der Antragsskizze war weniger die Erwartungshaltung, wie man eine „gewichtige Maßnahme“ entwickelt, sondern wie man den eigenständigen Neubau einer Sportstätte so beschreibt, dass er als Ersatzneubau interpretiert werden kann. In den Antragsformalien steht eindeutig, dass der Altbau einer Sportstätte abgerissen werden muss, da „es sich sonst um einen eigenständigen Neubau handelt, nicht um einen baulich unmittelbaren Ersatz. Ein Ersatzneubau muss im Wesentlichen den gleichen Charakter haben wie vorher (einschließlich neuerer Anforderungen und Auflagen). (…) Gibt es zudem eine Erweiterung, die nicht unwesentlich ist, muss diese aus der Gesamtsumme des Projektes herausgerechnet werden. Unwesentliche, den ursprünglichen Charakter nicht verändernde Erweiterungsbauten sind förderfähig. (…) Grundsätzlich soll die örtliche Unmittelbarkeit für den Ersatzneubau gegeben sein. Damit ist ein Ersatzneubau an anderer Stelle im Stadtgebiet nicht möglich.“ Ausnahmen sind möglich, müssen aber zwingend begründet und belegt sein. Diese Begründung aber bleibt die Projektskizze weitgehend schuldig, denn dort heißt es nur: „Das Projekt ist das zentrale Schlüsselprojekt – quasi der Startschuss zur Umsetzung des SSEK der Stadt Varel. Mit der Sanierung gleich zweier Sportstätten entstehen deutliche stadtentwicklungspolitische Impulse.

Die Zusammenführung an einem Standort führt zu einer enormen Entlastung sowie besonderer regionaler und überregionaler Wahrnehmbarkeit. (…) Der SBP fügt sich in das Wohnumfeld Langendamm/Innenstadt städtebaulich ein und liefert unter baukulturellen Aspekten eine interessante, qualitative Erweiterung.“ (vgl. Projektskizze, Begründung des Projektes).

Zusammengefasst: Das zentral gelegene Waldstadion mit den angrenzenden Flächen wird verkauft und bebaut, um in Langendamm seinen Ersatz zu finden. Diesen Flächenverkauf bezeichnet man gegenüber dem Bund als Sanierungsmaßnahme und erklärt, dass man in Langendamm städteplanerische Impulse schafft. Diese aber werden nicht benannt und verfolgt man die aktuellen Entwürfe, so ist der einzige Impuls ein Zuwachs an Autoverkehr in Langendamm bzw. auf der Barthelstraße.

Bürgermeister Wagner hat in der oben genannten Ausschusssitzung auch zugegeben, dass er keine Alternative zu den präsentierten Entwürfen hat entwickeln lassen. Trotzdem gibt es – schon seit 2013 in den Skizzen von Jens Pöhlandt, Gymnasiallehrer am LMG und Fachbereichsleiter Sport, einen Gegenentwurf, der bisher offensichtlich konsequent ignoriert wurde. In den Kreisen, die sich für den Erhalt des Waldstadions einsetzen, kursiert zudem der durchaus begründete Entwurf eines Bewegungs- und Bürgerparks Waldstadion bei gleichzeitiger Sanierung eines erweiterten Tunierplatzes in Langendamm. Würde in Langendamm der Feldplatz dergestalt saniert werden, dass er den neuen Wettkampfkriterien entspricht und man auf den vorhandenen Flächen zwischen Windallee und Steinbrückenweg eine Version des Volksparks für Training, Bewegung und Erholung entwickelt, wäre die Fianzierung mit Förderung und bestehenden Eigenmitteln gewährleistet. In dieser Konstellation würde die Stadt Varel tatsächlich stadtentwicklungspolitische Impulse setzen. Die kommenden Generationen der Stadt werden es zu schätzen wissen, wenn heute eine zentrale, innerstädtische Grünfläche als Bewegungs- und Bürgerpark zum Erholungsort gesichert wird.

Bürgerpark-Waldstadion-klein

Schlicht zusammengefasst sprechen folgende Punkte für die Sport-und Trainingsflächen Windallee/Steinbrückenweg:

  • sie liegen in zentraler Lage der Stadt Varel und sind vor allem für die Schulen im Stadtgebiet die direkt erreichbaren Sportflächen,
  • sie hätten einen sozial integrativen Charakter, weil auch Jugendliche ohne Vereinszugehörigkeit gegenwärtig dort gerne kicken,
  • sie stellen räumlich mit der Umgebung einen historisch gewachsenen Stadtraum dar (was die Kommune mit der Erhaltungssatzung auch anerkannt hat), sie bilden eine räumliche Einheit zur Freizeitfläche Weberei,
  • sie haben für die zukünftige Stadtentwicklung der Stadt Varel einen unschätzbar hohen Wert, denn im Zusammenhang mit dem Wald stellen sie einen innerstädtischen Erholungsraum von unvergleichbarer Qualität dar,
  • sie haben mit dem Haus Tivoli und der Heinz-Neukäter-Schule/Pestalozzischule zwei weitere wichtige Bezugspunkte kommunaler Aufgabenbereiche (Kultur und Bildung), die ein enormes bildungskulturelles Potenzial darstellen.

Eine soziokulturelle Nutzung dieser Areale wäre genau der Aspekt und Impuls, an die das Bundesinnenministerium und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) gedacht – und die es erwartet hat. Demgegenüber erschreckt die Vorstellung Wagners, Varel auf die Überholspur bringen und endlich Gas geben zu wollen– so seine Worte auf der Veranstaltung am 02.07. auf dem Sportplatz Langendamm vor den Fußballvereinen. Wer mit Vollgas auf der Überholspur dahin jagt, hat vor allem Lust, sich in dem machtvollen Gefühl der Geschwindigkeit zu spüren, ohne dabei die Umgebung, durch die er rast, wahrzunehmen. Verantwortungsvolle Politik aber im Sinne der Stadt setzt darauf, dass Bestehende zu wahren, um Zukunft zu ermöglichen.

waldstadion-varel

 

von Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | 2 Kommentare