Radikales Schauspiel im Tivoli

Jugendtheater der Niederdeutsche Bühne Varel / Foto : F. Wittkowski

Wer die Zukunft ernst nehmen will, muss den Jugendlichen zuhören, wenn sie von den Schatten ihrer Ängste sprechen. Das Jugendtheater der Niederdeutschen Bühne zeigt am Sonntag, den 6.11. und an den folgenden Tagen (8., 11. und 18.) das Stück “Was nützen mir alle anderen, wenn wir beide morgen tot sind“. In einer fiktiven Gerichtsverhandlung soll geklärt werden, ob die Menschheit für das Elend des Krieges verantwortlich ist und sich somit schuldig gemacht hat. Doch in diesem Prozess gibt es keine einfachen Zuordnungen und die Zeugen, die aufgerufen werden, sind nicht mehr als Beschuldigte, Opfer oder Beobachter zu identifizieren. Der Krieg ist die Fratze der Menschen, die alle gleich seelisch und körperlich entstellt. Das Stück ist eine eigene und radikale Produktion des Vareler Jugendtheaters unter der Regie von Frank Wittkowski. Dieses ungewöhnliche Bühnenstück, das mit Video- und Audiosequenzen sein Publikum herausfordert und das die Jugendlichen so sprechen lässt, wie sie sich auszudrücken wissen, ist ein Seismograph unserer Gegenwart. Jeder, der in Varel ein ernsthaftes Interesse an der kulturellen Arbeit hat, sollte sich dieser Herausforderung stellen – und all denen, die diesem Stück aus dem Weg gehen möchten, sei das Wort von Karl Kraus entgegnet: „Denn über alle Schmach des Krieges geht die der Menschen, von ihm nichts mehr wissen zu wollen, indem sie zwar ertragen, daß er ist, aber nicht, daß er war.“ (Die letzten Tage der Menschheit“). Dieses Statement gilt heute in der Welt von Twitter und Netflix mehr denn je.

Termine im Tivoli, Windallee 21:

06.11.2022, So. – 20:00 Uhr
08.11.2022, Di. – 20:00 Uhr
11.11.2022, Fr. – 20:00 Uhr
18.11.2022, Fr. – 20:00 Uhr

Eintritt: 7,- € (Abendkasse)

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Der Bürgerrat empfiehlt den Erhalt des Tivolis und einen Bürgerpark

Als am Montag, den 26.09. der Bürgerrat auf seinem Zukunftsforum in der Weberei die erarbeiteten Empfehlungen der interessierten Öffentlichkeit vorstellte, konnte man in den Gesichtern der Vareler Park-Wächter und anderer Vereine, die das Tivoli nutzen, eine gewisse Erleichterung feststellen: Der Bürgerrat hat sich in einer Konsensentscheidung für den Erhalt des Tivolis und für die Entwicklung eines Bürgerparks bei den angrenzenden Grünflächen ausgesprochen. Ein Votum, dass der Stadtrat nicht mehr ignorieren kann. Manch SPD-Mitglied dürfte dieses klare Votum gestört haben, ging man doch im Stillen davon aus, dass die sogenannte schweigende Mehrheit andere Präferenzen äußern würde, denn sowohl die Sanierung des Tivoli als auch die Idee eines Bürgerparks auf den innerstädtischen Grünflächen sind in der SPD stark umstritten. Wie nun die Mehrheitsfraktion von SPD und CDU mit diesem Ergebnis umgehen wird, ist noch offen; man wird sicherlich auf die dritte Phase des Projekts Bürgerrat setzen: die allgemein offene Online-Beteiligung. Sie wird vom 08.10. bis max. 29.10. dauern. Diese Phase ist wichtig, auch weil sie, so ein Mitglied des Bürgerrats, die Empfehlungen des ausgelosten Gremiums noch einmal in der Breite bestätigen und entsprechend legitimieren könnte. Die Park-Wächter wiederum haben nun einen Entwurf vorgestellt, der die Grundlage für eine ernsthafte Diskussion in dieser Auseinandersetzung darstellen könnte. Ein Entwurf, der sich auch nahtlos an den Vorschlag anschließt, das Tivoli zu einem soziokulturellen Zentrum zu entwickeln. In einer Pressemitteilung des Vereins heißt es seitens des Vorstandes: „Mit dem geplanten Stadtpark würden sich ganz neue Optionen für Varel eröffnen, vor allem im Zusammenspiel mit einem Kulturhaus im ehemaligen Tivoli. Nicht nur, dass Sport und Bewegung hier traditionell ihren Ort im unmittelbaren Stadtbereich haben, sondern in Kombination mit einem Stadtpark erhält Varel einen qualitativ hochwertigen öffentlichen Raum, der über die Stadtgrenzen hinaus eine Strahlkraft für Begegnungen, Spiel und Kultur für die Menschen entwickeln kann.“ Ein Landschaftsarchitekt hat inzwischen die Ideen des Vareler Park-Wächter e.V. für einen Stadtpark auf den Grünflächen zwischen dem Steinbrückenweg und der Windallee mit einer zeichnerischen Skizze visuell umgesetzt. Der Entwurf basiert auf vorausgegangenen Diskussionen im aktiven Kreis des Vereins, Vorschlägen von Vareler BürgerInnen sowie auf Gesprächen mit den beteiligten Sportvereinen.

Kulturgarten beim Tivoli (Detail aus der Skizze zum Stadtpark) / Quelle: Park-Wächter e.V.

Weitere Empfehlungen des Bürgerrats waren eine verbesserte Vermittlung des schon bestehenden Kulturangebotes in der Stadt, eine größere Vielfalt an Veranstaltungsangeboten (alte Formate wiederbeleben und neue schaffen), wobei man vor allem SchülerInnen stärker aktiv einbinden möchte. Zudem möchte man, dass die Stadtverwaltung zusammen mit BürgerInnen und VertreterInnen aus der Wirtschaft ein Gremium bildet, dessen Aufgabe ein kommunales Veranstaltungsmanagement sein könnte. Bei der Frage nach potentiellen Veranstaltungsräumen in der Stadt Varel sprach man sich neben dem Erhalt des Tivoli auch für eine Stärkung des Neumarktes als Veranstaltungsort aus, für eine Multifunktionshalle im Umfeld des neuen Sportparks Langendamm sowie für den Ausbau des Weberei-Geländes zu einem generationsübergreifenden Erlebnisplatz. Wichtig war den Mitgliedern des Bürgerrats, dass man Treffpunkte für alle Generationen schaffen sollte.

Über lange Monate war die Kommunikation über das Projekt Bürgerrat seitens der Stadtverwaltung, aber auch der Mehrheitsgruppe, vor allem der SPD kläglich und intransparent, so dass viele BürgerInnen diesem Vorhaben eher skeptisch gegenüber standen. Manch einer wurde nun an diesem Abend positiv überrascht und letztlich sprachen sich alle anwesenden TeilnehmerInnen des Bürgerrats ausgesprochen positiv über die Erfahrung dieses Partizipationsmodells aus. Es ist davon auszugehen, dass dies nicht der letzte Bürgerrat in Varel sein wird – vorausgesetzt der Stadtrat nimmt die Empfehlungen dieses Gremiums ernst und setzt sie um.

Planskizze zum Stadtpark zwischen Windallee und Steinbrückenweg / Quelle: Park-Wächter e.V.

Norbert Ahlers

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Varels Bürgerrat als Open Space der Stadt

Der 26.09., also der kommende Montag, dürfte für das ehemalige Tivoli von entscheidender Bedeutung werden.

Am Wochenende des 10./11.09.2022 hat der Bürgerrat seine aktive Projektphase begonnen, d.h. nach einer Vorbereitungsphase haben nun 16 der ursprünglich 20 ausgelosten BürgerInnen über den Bedarf an kommunalen Veranstaltungsräumen und -optionen diskutiert und reflektiert. Die Ergebnisse dieser Diskussion werden am Montag, den 26.09. bei einer öffentlich zugänglichen Veranstaltung, dem sogenannten Zukunftsforum, vorgestellt und dem interessierten Publikum begründet. Dabei können in dieser zweiten Phase noch Anregungen und Ideen eingebracht werden, die noch in die Stellungnahme einfließen sollen. Die Ergebnisse dieses Forums werden dann publiziert bzw. online gestellt. In der dritten Phase kann dann ab dem 08.10. jeder über die Plattform CONSUL diese Ergebnisse kommentieren, kritisieren oder ergänzen. Im November/Dezember soll dieser Prozess den politischen Gremien vermittelt werden, sehr wahrscheinlich erst in der Kommunikation mit der anfangs gegründeten Steuerungsgruppe, dann direkt mit den Stadträten.

Die Mitglieder des Bürgerrates, jeweils an den beiden Seiten die Moderatoren Th. Leppert und S. Mix / Foto: M.Tietz

Der Schwerpunkt der Diskussion wird dabei auf die allgemeine Frage nach den Räumlichkeiten gesetzt: Welche Veranstaltungsräume vermisst man in Varel, welche wünscht man sich für die kommenden Jahrzehnte und inwieweit ist hier die Kommune in der Verantwortung? Ganz bewusst hat man darauf verzichtet, die Diskussion auf die konkrete Frage der kommunalen Kulturarbeit zu richten. Das erscheint auf den ersten Blick von Vorteil, weil in indifferenter Breite die Diskussion ohne Vorwissen und Vorverständnis geführt werden kann. Anders gesagt: Jeder Teilnehmer des Bürgerrats ist allein mit seiner Person und seinem Erfahrungshintergrund kompetent, an dieser Diskussion teilzunehmen. Der Effekt liegt auf der Hand: Die BürgerInnen haben ganz konkret das Gefühl, aktiv in den Prozess der demokratischen Willensbildung mit eingebunden zu werden und kommen mit Menschen in ein ausgesprochen konstruktives Gespräch, mit denen sie unter herkömmlichen Bedingungen vermutlich nie zusammengekommen wären. Der erste Termin des Bürgerrates scheint dies auch zu bestätigen. Laut den Worten von Losland-Moderator Thomas Leppert „wurde auch deutlich, dass die Interessen auch altersübergreifend doch nahe beieinander lagen. Die unterschiedlichen im Bürgerrat vertretenen Generationen haben gut miteinander harmoniert. Es waren zwei arbeitsreiche Tage, die auch von den Teilnehmenden als intensiv empfunden wurden.“ Gesprächsprozesse dieser Art erzeugen bei den TeilnehmerInnen eine hohe Erwartungshaltung, die – wenn die politischen Gremien sie ignorieren oder die verwaltungstechnischen Einwände nicht plausibel vermittelt werden sollten – in Frustration umschlagen dürfte. Eine ähnliche Enttäuschung hat sich in Varel sowohl bei der Bürgerbeteiligung im Prozess der Dangaster Dorferneuerung (2009) als auch bei der Bürgerbeteiligung in den Arbeitsgruppen für das Leader-Programm „Südliches Friesland“ (2014) eingestellt, als klar wurde, dass die formulierten Anregungen der BürgerInnen übergangen wird. Zweifellos ist der Bürgerrat mit dem Projekt Losland besser aufgestellt als die Vorgängermodelle der Bürgerpartizipation, dennoch definiert der Erwartungshorizont die Fallhöhe. Diese abzuflachen, in dem man die Fragen der Kultur und deren Förderung weitgehend ausklammert, ist ein verzwicktes Vorgehen. Was aufrichtig gemeint ist (Vermeidung von Fachdiskussionen und Expertenmonologen durch das Einebnen einer niederschwelligen Themenvorgabe) läuft Gefahr, eine tiefsitzende Skepsis gegenüber Partizipationsangeboten von Oben zu bestätigen.

Wenn möglichst viele BürgerInnen dieser Stadt am 26.09. zum Zukunftsforum in die Weberei kommen und an dieser Diskussion teilnehmen und ihre Gedanken einbringen, dann dokumentieren sie, dass Bürgerbeteiligung tatsächlich trotz all der widrigen Erfahrungen den Menschen vor Ort ein Bedürfnis ist. Vor allem aber würden sie zeigen, dass es in dieser Diskussion nicht allein um Veranstaltungsplätze und Multifunktionshallen, sondern dass es um die Feste, Konzerte und Kunstveranstaltungen geht, die dieser Stadt ihr Gesicht geben, das Gesicht unserer Stadt, in dem man sich mit Freude und Zustimmung gerne wiedererkennen möchte. Es ist zu hoffen, dass am 26.09. die VarelerInnen so zahlreich kommen werden, dass man in das Tivoli-Gebäude umziehen muss, um dort die Frage nach den Veranstaltungsräumen zu diskutieren. Das wäre dann in Varel auch der richtige Ort für eine solche demokratische Veranstaltung.

Norbert Ahlers

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Kulturhaus Tivoli – Chance und Vision für Varel

Varels Bürgermeister Gerd-Christian Wagner ersehnt sich dagegen Impulse. „Varel
braucht mehr Öffnung, braucht Visionen“, sagte er.“ (Friebo S. 11 / 18. Juni 2022)


Wenn es um das Tivoli geht, dann gibt es eine konkrete Vision. Das Handicap: Sie ist von
den Entscheidungsträgern offensichtlich nicht gewollt. Konkret geht es um die Idee des
Tivoli als soziokulturellem Zentrum. Soziokulturell heißt in diesem Zusammenhang, dass
hier ein Haus vor allem von VarelerInnen für VarelerInnen kulturell genutzt wird. Aktuell
ist dies im Rahmen der Zwischennutzung in gewisser Weise schon der Fall. Die
Niederdeutsche Bühne probt und spielt im großen Saal, die Theatergruppe Spielzeit im
Kleinen Saal. Der wiederum wird seit Jahrzehnten auch vom Tanzsportclub SchwarzGelb Varel als Trainingsort genutzt. Im Keller tagen regelmäßig die Schlaraffen sowie die KG Waterkant und im
ehemaligen Clubzimmer präsentiert das Schülerkino „Tivolini“ junges Kino. Im
Kinofoyer haben auch die Parkwächter ihren Treffpunkt, die sich für den Erhalt der
innerstädtischen Grünflächen einsetzen. Diese Interimsnutzung ist im Moment eine ideale
Situation und somit kann man das Tivoli als einen der interessantesten Räume in Varel
benennen, weil nirgends so viel kulturell und künstlerisch experimentiert wird wie in
diesem Haus.
Wie aber ist diese faszinierende Situation zu verstetigen? Konkret: Wie könnte man
dieses Zusammenspiel so organisieren, dass die Lebendigkeit erhalten bleibt und
gleichzeitig ein Rahmen geschaffen wird, in dem ein Regelbetrieb kontinuierlich
durchgeführt werden kann? Die Antwort ist einfach und heißt soziokulturelles Zentrum.
Solche sind vielfach andernorts seit Jahrzehnten eine qualitative Bereicherung in vielen
Städten und Kommunen.
Entscheidend ist neben dem Standort vor allem die nichtkommerzielle Betriebsstruktur.
Wenn man das Kulturhaus Tivoli als ein Spartenhaus für Theater, Film, Literatur,
Kleinkunst, Tanz, multikulturelle Traditionen begreifen würde, wäre ein
Zusammenschluss der verschiedenen Sparten zu einem Dachverein eine zweckmäßige
Konstruktion. Dieser Dachverein wäre dann für die Koordination der Nutzung bzw. des
Veranstaltungsprogramms zuständig. Dieser Verein bestellt eine künstlerische und
betriebswirtschaftliche Geschäftsführung und ein Team für den laufenden Hausbetrieb.
Finanziert werden müsste das Haus sowohl aus den laufenden Einnahmen als auch durch
Förder- und Projektmittel seitens des Landes und der Kommune. Diese Aufwendungen
wären massiv, dürften sich aber langfristig um ein Vielfaches rechnen. Die Kulturarbeit
stärkt in einem immer größer werdenden Maße den sozialen Zusammenhalt in einer
Kommune. Einen Zusammenhalt, den früher die traditionellen Vereine, Parteien und die
Kirchen gewährleistet haben. Dies gelingt nun über die Kulturarbeit, in der die
verschiedenen Gruppen gemeinsam die Vielfalt der Stadt widerspiegeln.

Morgendämmerung in der Windallee – Das alte Tivoli in einem neuen Licht / Foto: N.Ahlers


Was wäre das für eine Chance gerade im ehemaligen Tivoli, dem in seiner seltsamen
Raumaufteilung unzählige Vorteile innewohnen. Im Obergeschoss sind fünf Zimmer und
zwei Badezimmer, die einst Hotelzimmer, dann die Wohnung des jeweiligen Pächters
waren. Nunmehr könnte man sie entweder als Atelierräume nutzen oder aber auch als
Gästezimmer für KünstlerInnen. Das ehemalige Restaurant könnte als kleines Bistro ein
Treffpunkt sein, in dem man vor oder nach der jeweiligen Vorstellung zusammenkommt.
Das Tivolini wäre ein Kleinkino mit dem besonderen Programm, der große Saal könnte
sowohl als Kleinkunstbühne, als Theater und auch als großer Kinosaal dienen. Feiern und
Sitzungen der Traditionsgruppen wären im Kleinen Saal oder im Keller möglich.
Kulturgruppen zugewanderter Gemeinschaften könnten in diesem Haus einen Ort finden,
an dem sie ihre Erfahrungen und Geschichten erzählen könnten.
Die Stadt Varel hat in den kommenden Monaten tatsächlich eine reale Chance, eine
solche Vision zu realisieren. Die Projektskizze für ein Kulturhaus liegt vor, aber dass die
Stadt Varel diese Chance wahrnimmt, ist nach all den Erfahrungen der vergangenen 50
Jahre zu bezweifeln. Es barucht nun Courage und Fantasie für ein soziokulturelles Zentrum
haben werden. Aber just das ist eben auch eine Vision: Dass die VarelerInnen doch
einmal über ihren Schatten springen und die eigene Kulturarbeit als einen realen Gewinn
begreifen werden.

Norbert Ahlers

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Architektur ist ein Gefühl für Proportion

Wie sähe in Varel ein neues Veranstaltungshaus aus? Was würde ein solcher Bau mit welchen Mitteln darstellen und vermitteln wollen? Der Antwort kann man sich über einen Umweg recht präzise annähern. In einer Gegenüberstellung zweier Fotografien, zwischen denen wohl ca. 60 Jahre liegen, kann man eine Idee nachzeichnen, die das repräsentative Bauen in dieser Stadt veranschaulicht:

Zu sehen ist die Neue Straße mit Blick Richtung Oldenburger Straße. Auf der linken Seite ist das Hotel Ebole zu erkennen. Die Fassade von 1815 ist heute noch weitgehend erhalten, allerdings wurden die Fenster modernisiert (vgl. W.M. Janssen „Bauten in Varel“, S. 110). An das Gebäude schließt sich zwei Häuser weiter die ehemalige Landessparkasse Oldenburg an. Beide Bauwerke waren repräsentative Bauten bürgerlichen Selbstbewusstseins und Erfolges. Beide Bauten verkörperten zudem auch Kontinuität, denn das Hotel Ebole war seit 1800 sowohl ein Posthaus als auch eine Gastwirtschaft. Erst 1877 wurde aus der Gastwirtschaft auch ein Hotel. Die Landessparkasse Oldenburg wurde 1786 gegründet und hatte seit 1915 eine selbstbewusste Niederlassung in der Stadt. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite waren eher typisch kleinteilige Gebäudetypen vertreten, unter anderem auch die legendäre Gaststätte „Vareler Krug“ von Jupp Sommer.

Schaut man heute auf die Straße, so hat sich die Konstellation umgekehrt. Die einst repräsentativen Bauten wirken gegenüber dem massiven Gebäudekomplex der EWE und der Raiffeisenbank klein und mit ihrem Fassadenschmuck fast feinsinnig. Die EWE-Filiale hingegen ist ein demonstrativer Machtbau, dessen Architektur eine komplexe Textur ist. Der Klinker zitiert den regionalen Baustoff nur, denn im Kern handelt es sich um ein Betongebäude, das die Fassade durch große Fensterpartien bricht und aufzuheben scheint. Die Klinker wirken auf den zweiten Blick wie Säulen, vergleichbar den unechten bzw. vorgeblendeten Säulen am Gebäude der Landessparkasse Oldenburg.

Ehemalige Niederlassung der Landessparkasse zu Oldenburg in Varel. Überraschend sind die Sternzeichen als Rahmung des Eingangs / Foto: N.Ahlers

In der Fassade, vor allem in der Rundung zur Bundesstraße hin, dominiert das Glas, das vordergründig eine kundenorientierte Transparenz vermitteln soll, faktisch aber für reale Dominanz im regionalen Energie- und Kommunikationsmarkt steht. Die Flachdächer und das Penthouse-Büro betonen die Form des Kastens, die den ganzen Komplex definiert und abweisend wirkt. Dass man mit diesem Gebäudekomplex auch den Bereich der einst einflussreichen VW-Vertretung Albrechts & Anders überbaut hat, ist dabei eine stille Fußnote der Vareler Stadtgeschichte, denn das Unverstandene in der Geschichte klingt auch in der Ignoranz der Häuser nach, die auf deren Grund stehen.1

Das, was einst im ausgehenden 19. Jahrhundert repräsentativ für bürgerliches Selbstbewusstsein war, ähnlich den Bauten um den Vareler Schlossplatz, wirkt heute in Lust am Detail und im Gefühl für Proportionalität wohltuend und erhaltenswert – allerdings auch, weil die alten Bauten gegenüber denen der Gegenwart geradezu schutzlos wirken.

Es ist der Verlust an Maß und Zusammenhang, der in der aktuellen Architektur des ländlichen Raums massiv zum Ausdruck kommt. Schaut man sich die Pläne für den Umbau des Bürgerhauses in Schortens an, dann bekommt man eine Ahnung, was der SPD und Bürgermeister Wagner für den Bau einer Veranstaltungshalle ungefähr vorzuschweben scheint. Statt Sanierung eines vorhandenen Hauses und Entwicklung eines innovativen Konzepts setzt man auf einen technisch hochwertigen Neubau, der vor allem eines erfüllt: Repräsentanz.

Bauskizze für das Bürgerhaus Schortens vom Januar 2021. Über die Fassadengestaltung wird im Stadtrat Schortens noch diskutiert. Quelle: Stadt Schortens

Bürgermeister Wagner, der sich an Beispielen wie Oldenburg oder Schortens orientiert (vgl Interview mit G.- Ch. Wagner), und der Stadtrat haben den Dialog über ein Veranstaltungshaus nun an einen temporären Bürgerrat delegiert. Dieses neue Modell, mit dem Demokratie als das Versprechen einer emanzipativen Moderne wieder erfahrbar werden soll, wird nunmehr instrumentalisiert. Bedient man unreflektierte Erwartungen mit entsprechenden Fakten, dann gibt es zwischen motivierten Bürgerräten und geladenen Experten eine unheilige Allianz.

Ohne konkrete eigene Gestaltungserfahrungen und Geschichte, die ein Haus vergegenwärtigt, wird ein solcher Neubau als Kultur- und Veranstaltungshaus nicht mehr als ein bloßes Dienstleistungsangebot sein und bleiben. Das hat mit Kultur wenig zu tun, sondern wird eher dem unseligen Bau der EWE ähneln. Eine vermeintliche Moderne, die kein Gefühl für Proportionalität und kein Verständnis für den architektonischen Zusammenhang einer Stadt hat, ist nicht modern, sondern im wahrsten Sinne des Wortes brutal2. Was sich selbstgefällig als Veränderung durch vermeintlich Neues feiern möchte, ist gegenüber den kommenden Generationen nichts anderes als Missbrauch. Ein Missbrauch, den sich diese Stadt mit einer Bundesstraße quer durch die Innenstadt jeden Tag vergegenwärtigen muss.

Norbert Ahlers

1) Albrechts & Anders hatten damals maßgeblich die B 437 als Durchgangsstraße befürwortet.

2) Ratsherr Uwe Cassens hat mich in diesem Zusammenhang auf § 34 des Baugesetzbuches hingewiesen, der im aktuellen Wortlaut folgendes festschreibt:

II. § 34 Abs. 1 des BauGB: Baugesetzbuch
Zulässigkeit von Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile

(1) Innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist. Die Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse müssen gewahrt bleiben; das Ortsbild darf nicht beeinträchtigt werden.

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20 Strandkörbe und ein paar Übertöpfe – die Innenstadt als Klischee

Die Maßnahmen im Rahmen des Sofortprogramms „Perspektive Innenstadt!“ werden am 08.06.2022 im Ausschuss für Kultur, Sport und Bildung vorgestellt und beraten, um fristgerecht die Fördergelder in Höhe von 258.000,- € zu beantragen.

Varel / Obernstraße – bemerkenswert vor allem das Gebäude hinter der Alten Apotheke.

Das enge Zeitfenster und das fragwürdige Zeitmanagement sowohl der Lenkungsgruppe als auch der Stadtverwaltung haben eine substantielle Ideenentwicklung massiv eingeschränkt. Allerdings sind 258.000,- € im Rahmen einer Innenstadtentwicklung eine eher bescheidene Summe, die größere Projekte ohnehin unmöglich machen dürfte.

Konkret werden nun dem genannten Ausschuss folgende Maßnahmen vorgestellt:

  • Mobile Pflanzgefäße inkl. Bepflanzung und Neubepflanzung vorhandener Beete (Kosten 90.000,- €),
  • 20 Strandkörbe als neue Sitzgelegenheiten (50.000,- €),
  • Spielgeräte (45.000,- €),
  • Wasserspender (13.000,- €),
  • eine mobile Bühne (58.000,- € )
  • sogenannte Multifunktionsüberdachungen auf Wunsch der CDU

Das Honorar für den beauftragten Freiraumplaner ist hier nicht bekannt.

Bei diesen Maßnahmen von einer neuen Erlebnisqualität der Innenstadt zu sprechen, wäre wohl vermessen, aber zumindest kann man hier Mosaiksteine für weitere Optionen erkennen. Allerdings zeigen sich hier wieder die eklatanten Schwächen der Stadtverwaltung: keine erkennbaren konzeptionellen Leitbilder oder langfristigen Ideen, die identitätsstiftend sein könnten und keine ernsthaften Projekte, die Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement schaffen könnten. Vielmehr setzen Rat und Verwaltung auf Förderungen, für die man dann übereilt Ideen sucht. Ein solches Vorgehen entspricht entweder einer finanziellen Notsituation oder mangelnder gedanklicher Vorarbeit. Konstruktiv wäre es hingegen, zuerst Ideen zu entwickeln, die dann durch passende Fördermaßnahmen realisiert werden. Bezeichnend ist der Vorschlag der Lenkungsgruppe, dass der Fußweg von Thalia zur Bibliothek durch die Neuanlage eines Beetes (durch Reduktion der Fläche des Gehweges) aufgewertet und für Fußgänger sicherer gestaltet werden“ soll. Diese Idee ignoriert gänzlich die Notwendigkeit neuer planerischer Schwerpunkte sowohl in den Fragen der Mobilität und der Attraktivität als auch der ökologischer Nachhaltigkeit. Von Akteuren, die jeden Parkplatz mehr wertschätzen als neue Begrünungen im Innenstadtbereich (z.B. ein Lesegarten hinter der Stadtbibliothek als innerstädtische Oase und Aufwertung der Bibliothek und des öffentlichen Raumes), sind qualitative Fortschritte in der Innenstadtentwicklung nicht zu erwarten.

Rückblickend aber ist es gut, dass parallel zur Arbeit um diesen Maßnahmenkatalog eine Diskussion zur Innenstadt eröffnet wurde, die zudem am Rande auch ganz eigene Formate hervorgebracht hat und neue Impulse geben.

Norbert Ahlers

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Eine Stadt mit verschütteten Eigenschaften

Während eine 19-köpfige Lenkungsgruppe still daran arbeitet, die Aufenthaltsqualität der Innenstadt zu steigern und das Vareler Stadtzentrum in einen Erlebnisort zu transformieren, gibt es ausgerechnet bei Facebook eine kleine Gesprächsrunde Vareler Bürger, in der offen und engagiert über die Möglichkeiten eines solches Transformationsprozesses geschrieben und diskutiert wird. Das Stadtgespräch1 mit Uwe Cassens und Norbert Ahlers wurde in diesem Kreis als eigenes Format angeregt und sucht den direkten Dialog und den konkreten Gedankenaustausch in der Innenstadt, „um über die Stadt und die Ideen einer Stadt zu sprechen.“ Letzteres ging auf eine Notiz von Bärbel Inhülsen zurück: „Was wird mir geboten? Wir haben die Wahl zwischen Mode und Fast Food. Was kann ich in Varel tun, wenn ich der Idee nachgehe, einmal kein Geld auszugeben? Mit allen Touristen das Glockenspiel bei Hespe ansehen? Und dann? Gut, ein paar Sitzgelegenheiten gibt es. Aber es ist nicht leicht, einfach mal nur sitzen zu bleiben.


© Hajo Teschner „Varel – ein feuchter Traum ?“ (2022)

Wenn es um die Innenstadt geht, wird schnell die Entwicklung um den Neumarkt angesprochen. Der dreiste Ausverkauf des öffentlichen Platzes zugunsten von Parkmöglichkeiten und Events der neuen Erlebnisqualität provoziert viele, bringt aber auch manch überraschende Idee in die Diskussion. So kann sich Reimund W. Peikert den Wochenmarkt sehr gut in der Schloßstraße (oder alternativ in der Drostenstraße) vorstellen.

Doch Vorschläge dieser Art scheinen gegenüber der Wirklichkeit so fantastisch zu sein wie der Ansatz von Rolf Hartmann, der beispielsweise dazu aufruft, die Möglichkeiten eines enkeltauglichen Varels aus einer futuristischen Perspektive zu skizzieren. Wie ließe sich die Stadt aus der Sicht der Enkel beschreiben? Seine Zukunftsbilder sind mehr als nur Wunschbilder, denn sie erzählen von den aktuellen Notwendigkeiten: vom Leben und Wohnen im Stadtkern und einer Vielfalt im (kunst-)handwerklichen Angebot. Hartmann mahnt aber auch an, dass die anderen Ortsteile bei diesem Transformationsprozess nicht aus dem Blick gelassen werden dürfen. Es reiche nicht aus, wenn die Innenstadt Erlebnisqualität entwickelt und Büppel zum Schlafquartier verkümmert. Seine utopischen Momentaufnahmen vermeiden es zudem, sich in aktuellen Kontroversen zu verheddern und zu verlieren.

Eine solche Kontroverse ist z.B. der Gegensatz zwischen Tourismus und Marketing einerseits und die Stärkung eines qualitativen Lokalkolorits andererseits. Die Frage, wie man das Unverwechselbare, das Varel charakterisiert, beschreiben könnte, ist ausgesprochen kompliziert. Wenn man sich aber auf das Authentische dieser kleinen Stadt konzentrieren möchte, dann ist gerade das recht schwierig auf den Begriff zu bringen oder gar zu visualisieren. 47 Jahre konsequente Erziehung zum bedingungslosen Konsum haben die Stadt und die Menschen deutlich verändert. Das zeigt sich in der Kleidung genauso wie in den Alltagsgewohnheiten oder in der Architektur. Die Bauten der vergangenen dreißig Jahre sind indifferent oder schlicht brutal (z.B. die Klinkerburg der EWE, die zusammenhangslose Nachverdichtung auf dem Schulgelände des LMG oder das neue Wohnviertel im ehemaligen Kasernengelände). Der aktuelle Transformationsprozess, den man nun für die Innenstadt anstrebt, ist in seiner Intensität und in seinen Konsequenzen grundlegend. Das ausgegebene Motto von der Einkaufs- zur Erlebnisstadt klingt eher flüchtig, denn die Vorstellungen von Erlebnissen im kommerziellen Kontext sind in der Regel eine Farce. Sie ähneln eher denen eines Freizeitparks als dem Erfahrungsspektrum dieser kleinen Stadt.

Der Versuch, die Innenstadt von einer Einkaufsstadt in eine Erlebnisstadt zu transformieren, soll nun durch die Lenkungsgruppe forciert werden. Dieser Prozess hat in gewisser Weise schon ein Vorbild: Als man 1975 die Vareler Innenstadt in eine Fußgängerzone verwandelte und wenig später auch das legendäre Stadtfest initiierte, hatte man einen Leitgedanken und ein klares Vermittlungsziel. Damals war dieses Vermittlungsziel der ungestörte (und ungefährdete) Konsum. Der aktuelle Transformationsprozess ist daher in seiner Intensität mit dem damaligen durchaus vergleichbar. Die Lenkungsgruppe hat aber faktisch nur noch bei drei Treffen und einem dreistündigen Workshop die Gelegenheit, ihre Ideen zu entwickeln. Bis Ende Mai muss sie ihr Maßnahmenpaket dem Ausschuss für Schulen, Kultur und Sport vorstellen und bisher ist sie nur mit der Idee von Multifunktionsschirmen, einer mobilen Bühne und dem Fahrradfahren in der Innenstadt an die Öffentlichkeit getreten. Das wirkt eher bescheiden. Zwischen diesen Vorschlägen und dem Anspruch, die Einkaufsstadt in eine Erlebnisstadt zu verwandeln, liegt noch ein weiter Weg. Wenn die Lenkungsgruppe für das Sofortprogramm ihr Vermittlungsziel nicht klarer darzustellen vermag, dann – so ist zu vermuten – reduziert sich der groß angekündigte Transformationsprozess auf eine kostenintensive Aufhübschung und Varel bleibt, was es seit zwei Jahrzehnten ist: Eine Stadt mit verschütteten Eigenschaften.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass in der Lenkungsgruppe über das lokale Kolorit, Stadtgeschichte und das Unverwechselbare der Stadt Varel ausführlich reflektiert oder die angestrebte Erlebnisqualität klar definiert wird, allein weil schon die Zeit dazu fehlt. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, „dass das neue Konzept stark von der Idee der Kommunikation geprägt sein wird. Wenn dem so ist, dann spielt die digitale Kommunikation eine elementare Rolle. Diese Kommunikation hat ihre eigenen Grundregeln: So ist man vor allem an Anerkennung durch Likes und weniger an Gedanken interessiert. Aufmerksamkeit definiert Relevanz und nicht die gelungene Arbeit. (…) Wenn nun ein Innenstadtkonzept vor allem die Erwartungshaltung der Aufmerksamkeit bedient, weil diese als Ressource sowohl Umsatz als auch Wertigkeit verspricht, dann wird die Innenstadt zu einer virtuellen Wirklichkeit. Das mag marktgerecht sein, aber mit dem konkreten Leben hat das nichts zu tun.“

Doch unabhängig von dem Sofortprogramm „Perspektive Innenstadt“ gibt es verschiedene andere Projekte und Initiativen und somit auch ermutigende Beispiele. So ist die Neugestaltung der alten katholischen Kirche in der Osterstraße eine hoffnungsvolle Neuorientierung, die beim ehemaligen Tivoli zum Vorbild als soziokulturelles Haus für Theater, Film und Literatur weiter entwickelt werden könnte. Auch die Alte Börse verspricht ein spannender Ort zu werden. Daher sollte ein authentisches Profil skizziert werden, was bestimmte kulturelle Stärken der Stadt betont – und diese Stärken könnten dann die Gäste als das Besondere von und in Varel entdecken. Die Gruppe Menschenmüll hat es vor ca. 25 Jahren erfolgreich mit dem Spijöök vorgemacht. Schaut man sich aber die Lenkungsgruppe in ihrer Zusammenstellung an, ist es unwahrscheinlich, dass man sich an diesem erfolgreichen Beispiel orientieren möchte. Somit bringt es letztlich der Satz von Thomas Frese, Varel sei „eine Kleinstadt mit soviel Charme und vielleicht nicht allzu vielen Chancen“ auf den Punkt.

Jenseits all der Belange um diesen ambitionierten Transformationsprozess wird der kleine Gesprächskreis weiterhin nach den Besonderheiten und den Spuren des Authentischen dieser Stadt suchen, geht es doch in dieser Runde darum, Varel neu zu beschreiben. Spannend wird es an den Rändern und Bruchstellen. Dynamisch „sind die unkontrollierten Nebeneffekte, die Momente des Lebendigen eröffnen und auf die wir alle gespannt sein dürfen.“

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1) Das Stadtgespräch findet sonnabends zwischen 11:00 und 12:00 Uhr in der Obernstraße statt. Termine werden in der erwähnten Gesprächsrunde der Vareler Randnotizen bekannt gegeben.

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Die Stadt Varel und das Projekt LOSLAND

Eine Richtigstellung: Im vorausgegangenen Text „Ein Bürgerrat in Varel – Chance oder bloßes Instrument?“ wurde LOSLAND als Agentur bezeichnet. Das ist ist nicht korrekt, denn es handelt sich vielmehr um ein Projekt des Vereins „Mehr Demokratie“, wissenschaftlich begleitet von dem IASS Potsdam (Institute for Advanced Sustainability Studies e.V., dt: Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung).

Das IASS hat auf Nachfrage der Vareler Randnotizen auch angemerkt, dass sich das Arlberger Modell nicht auf das Kriterium der Enkeltauglichkeit bezieht, „sondern auf eine bestimmte Form von Bürgerräten.“ Das ist bemerkenswert, weil zum einen gerade im Vareler Antrag für die Teilnahme am Projekt LOSLAND die Leitfrage des Bürgerbeteiligungsprojektes lautet: „Wie gestalten wir eine ‚enkeltaugliche‘ Zukunft hier bei uns vor Ort?“ und zum anderen auch in der Präsentation des Projekts die Enkeltauglichkeit explizit hervorgehoben wurde.

Was die Enkel von den Großeltern heraushören und verstehen, ist etwas anderes, als was diese im Sinn hatten.

Ohne Zweifel kennzeichnet das Arlberger Modell vor allem seine methodische Dichte sowie eine spezifische Form der Moderation (Dynamic Facilitation). Der Bürgerrat selbst gliedert sich in diesem Modell in vier Schritte (Vorbereitung – Bürgerrat – Bürger-Café – Auswertung). Eine sogenannte Resonanzgruppe wertet die Ergebnisse aus und prüft sie auf Machbarkeit bzw. Umsetzung. Hier ist die Frage, ob diese Resonanzgruppe identisch ist mit der Vorbereitungs- bzw. Steuerungsgruppe oder ob es sich nochmals um eine eigenständige Arbeitsgruppe handelt.

Das IASS betont, dass sich das „Loslassen“ von Kontrolle seitens der Stadtverwaltung bzw. des Auftraggebers auf die Inhalte und Diskussionen bezieht, nicht aber auf das Verfahren selbst. Für das Projekt LOSLAND muss hingegen das Verfahren gut durchdacht und in die Entscheidungswege vor Ort eingebettet sein. Kontrolle ist auf dieser Ebene notwendig, um keine Enttäuschungen durch Indifferenzen in einem konfusen Prozess zu schaffen. Dies zu vermeiden, ist eine wichtige Aufgabe der Steuerungsgruppe. Somit scheint die Steuerungsgruppe von zentraler Bedeutung zu sein, zumal in ihr das Modell eines Bürgerrates entsprechend der Bedingungen vor Ort angepasst wird (z.B. Varianten des Losverfahrens, personelle Größe des Bürgerrates, thematische Schwerpunkte und Bestellung der Experten). Sollte sie auch noch in ihrer Zusammensetzung die Umsetzbarkeit der Stellungnahme des Bürgerrates prüfen und beurteilen, dann bedarf gerade diese Gruppe einer Legitimation, die von einem breiten Konsens getragen wird.

Die Stadt Varel scheint von diesem verzwickten Sachverhalt eine Ahnung zu haben, denn im Antrag zur Teilnahme an dem Projekt LOSLAND hat man bei der Aufgabenbeschreibung der Steuerungsgruppe darauf verzichtet, die Vermittlung gegenüber der lokalen Öffentlichkeit zu erwähnen. Die Transparenz ist aber das Gütesiegel des geplanten Bürgerrates.

Das beständige Schweigen der Initiatoren, also die örtliche SPD und die Vareler Stadtberwaltung, irritiert. Der Bürgerrat ist ein interessantes Modell, dass nur dann gelingt, wenn sich die Einwohner dafür begeistern und das Experiment mittragen werden. Man hat aber den Eindruck, als wollten die Initiatoren selbst an die Hand genommen werden, weil man das Projekt selbst noch nicht verstanden hätte. Das sind für einen Bürgerrat schlechte Voraussetzungen. Gegenüber dem Tivoli-Gebäude und der Möglichkeit, nun endlich das längst überfällige Kultur- und Theaterhaus für Varel zu realisieren, aber kann man dieses Schweigen nicht anders als fahrlässig bezeichnen.

Norbert Ahlers

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Ein Bürgerrat in Varel – Chance oder bloßes Instrument?

Morgenröte am Tivoli / Foto: N. Ahlers

Es ist still geworden um das Tivoli. Doch das dürfte sich in den kommenden Wochen ändern, denn für die Sitzung des Stadtrats am 30.03.2022 liegt der Antrag vor, an dem Modellprojekt der Agentur LOSLAND teilzunehmen. Der Bürgerrat war eines der großen SPD-Versprechen in den vergangenen Kommunalwahlen und von Mehr Demokratie wird die Vareler Initiative bereits auf der Homepage, die bundesweit alle Bürgerräte listet, als „Neue Ideen“ (Zukunft des Tivoli) aufgeführt. Das Vorhaben Bürgerrat hat die Vareler Stadtverwaltung konsequent weiterentwickelt. Immerhin geht es im Bereich Oldenburger Straße – Windallee – Steinbrückenweg um einen wichtigen Baustein in einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung. Im Antrag an den Stadtrat werden zentral zwei Fragen formuliert:

  • Welchen Veranstaltungsraum braucht die Stadt Varel, um ihre kulturellen und gesellschaftlichen Verpflichtungen gut erfüllen zu können?
  • Was ist ein guter, weiterer Umgang mit dem Tivoli-Gebäude?

Diese Fragen bzw. deren Antworten sollen sich vor allem an dem Kriterium einer „enkeltauglichen Zukunft“ messen lassen.

Die Agentur LOSLAND, die in den Verein Mehr Demokratie eingebettet ist, wird bundesweit 10 Bürgerräte begleiten. Gegenwärtig sind sechs Städte schon benannt und mit sieben weiteren Kommunen ist man noch im Gespräch, unter anderem auch mit Varel. Varel beschleunigt nun das Antragsvorhaben, um an dem Projekt teilnehmen zu können und es ist durchaus wahrscheinlich, dass dies gelingen wird.

Wie soll der Bürgerrat nun praktisch durchgeführt werden?

In der Antragsbeschreibung heißt es, dass eine Steuerungsgruppe von ca. 10 Personen aus Vertretern des Rates, der Verwaltung sowie von Mehr Demokratie e. V./LOSLAND gebildet wird. Sie bereitet den Prozess vor und wahrscheinlich soll dann in acht bis zehn Wochen der besagte Bürgerrat, der aus ausgelosten Mitgliedern der Vareler Bürgerschaft zusammengestellt sein wird, dann zum ersten Mal tagen. Anschließend gibt es eine Art Forum, in dem die Ergebnisse des 12 – 20-köpfigen Bürgerrats einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Anregungen aus diesem Forum fließen dann nochmals in die Stellungnahme bzw. das Schlusswort des Bürgerrats ein und wird dem Stadtrat übergeben. Der Stadtrat kann die Empfehlungen des Bürgerrats aufnehmen und bei seiner weiteren Entscheidung über die Zukunft des Tivoli berücksichtigen – oder eben auch nicht. So das Prozedere.

Das Losverfahren selbst mutet ungewöhnlich an, denn durch Zugriff auf das Melderegister soll eine repräsentative, vielfältige Gruppe aus der Bevölkerung Varels per Algorithmus ausgelost werden. Die Kriterien sind Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Wohnort, Migrationserfahrung und die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Betreffenden werden angefragt und wenn ein Kreis von max. 20 Personen zusammengestellt ist, werden sie zu einem anderthalb tägigen Meeting eingeladen. Dieses Treffen wird von der Agentur LOSLAND moderiert und Experten informieren über den baulichen Zustand des Tivoli, die Kosten der jeweiligen Optionen, die sozialen und kulturellen Funktionen und die Nutzung und den bauhistorischen Wert. Unklar jedoch ist im Moment noch, wer diese Experten benennt und welchen Zeitraum sie haben, ihre Überlegungen und Informationen darzustellen bzw. Fragen zu beantworten.

Für die Agentur LOSLAND ist das zentrale Kriterium, inwieweit die gesuchte Lösung „enkeltauglich“ sein wird. Dabei orientiert man sich an dem Voralberger Modell. Enkeltauglich meint, dass man eine Lösung sucht, die auch in 50 Jahren noch tragfähig sein sollte.

Künstlerin: J. v. Eßen, Krabbenpulerin (mit Enkelkind?) / Foto: N. Ahlers

In der Regel hat man von der Zukunft, also z.B. von der Wirklichkeit in 50 Jahren (dann ist der Enkel alt genug um ggf. zu begreifen, wie irrig manche Entscheidungen der Großeltern waren) keine substantielle Vorstellung. Man orientiert sich bestenfalls an einigen Wünschen und den eigenen Lebenszielen. Die aber wiederum repräsentieren weniger das Neue als vielmehr das scheinbar Bewährte (Eigenheim, Sicherheit und Stabilität), das auch unter neuen Bedingungen Bestand haben soll. Dem stehen aber die enormen Herausforderungen unserer Gegenwart gegenüber, die auf die kommenden Generationen zukommen und die Zukunft in düsteren Farben ankündigen. Zudem kommt noch eine Vareler Besonderheit hinzu: Mit baulichen Zukunftsvisionen im Namen der Modernität und des Fortschritts hat man in Varel bisher keine allzu guten Erfahrungen gemacht (Beispiel Durchgangsstraße B 437).

Das Vorhaben ist ein ausgesprochen ambitioniertes Projekt, denn Varel hat wenig Erfahrung mit aktiver Bürgerbeteiligung und offenen Diskursen. Im Grunde scheint man alles richtig zu machen, aber in nur anderthalb Tagen in einem weitgehend unvorbereiteten Kreis von 20 Personen eine zukunftstaugliche Idee für ein sensibles Problem der Stadtplanung zu entwickeln, erscheint kühn – oder es ist Kalkül. Auf jeden Fall ist das Modell Bürgerrat für Varel tatsächlich etwas gänzlich Neues.

Es ist wichtig, bei einem Bürgerrat konkrete Projekte zu erörtern, um sich nicht in allzu weitschweifigen und komplexen Themen zu verlieren. Allerdings funktioniert ein Bürgerrat vor allem dort plausibel, wo er werteorientierte Fragen erörtert. Die Frage einer enkelgerechten Perspektive ist werteorientiert. Leitlinien für einen nachhaltigen Tourismus oder kulturelle Schwerpunktförderung in Varel im Sinne einer innovativen Stadtentwicklung wären werteorientiert und gäben für die Praxis klare Orientierung. Das Tivoli hingegen ist – wie auch die Deharde-Wiese und der Schlackenplatz – für manche Beteiligte vor allem ein begehrter Baugrund. Gravierend ist zudem, dass relevante Informationen über das Tivoli öffentlich nicht einzusehen sind, so z.B. das Baugutachten zum Tivoli.

Wenn der oben genannte Zeitplan nur annähernd zutrifft, dann verwundert es doch, dass im Vorfeld nicht intensiver über den Bürgerrat diskutiert und geschrieben wurde und wird. Das erweckt den Eindruck, dass man seitens der Stadt das Verfahren kontrollieren will. Eine zentrale Voraussetzung ist jedoch, dass man Kontrolle loslässt. So sagt Dr. Manfred Hellrigl, Leiter des Vorarlberger Umweltinformationszentrums: „Es braucht einen Auftraggeber, der bereit ist, Kontrolle loszulassen. Wer ein Verfahren kontrollieren will, wer schon im vorneherein wissen will, was da herauskommt, der ist nicht gut beraten, Bürgerräte zu initiieren.“

Norbert Ahlers

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„Erlebnisstadt Varel“ – ohne Witz und Eigensinn

Kunst und Kultur sind Formen intellektueller Gartenarbeit und jeder Gärtner weiß, dass man Pflanzen zwar ziehen kann, aber nicht an ihnen ziehen sollte.

In Varel fokussiert sich die Stadtverwaltung zur Zeit auf einen großen Transformationsprozess der Innenstadt. Im Zentrum dieser Entwicklung sollen Kunst und Kultur einen entscheidenden Stellenwert einnehmen. Hintergrund dafür sind Fördergelder aus dem EU-Programm „Perspektive Innenstadt“ und dem Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“, die für Varel bewilligt wurden.

Dass die Innenstadt spezifische Schwierigkeiten hat, ist seit langem bekannt und es gibt kaum jemanden in Varel, der nicht über den Leerstand, die Billiganbieter, das karge Straßenbild oder das mangelhafte Angebot klagt. Es gab manche Initiativen, wie etwa die umfangreiche Stadtsanierung von 2002 bis 2018 oder kleinere, private Maßnahmen wie den alljährlichen Schnäppchen-Markt. Mit Events wie dem 2004 initiierten Kürbis-Fest oder dem Lichterfest (seit 2011) wollte man fixe Attraktionen schaffen und mit der Aktion „Vareliebt“ des Stadtmarketings 2021 die Bindung zur Stadt Varel fördern (mit so genannten Binnenmarketingkampagnen). All diese Maßnahmen waren zweckmäßig, haben aber das Dilemma nicht auflösen können: In der Innenstadt weht immer noch kein „frischer Wind“.

Foto: N.Ahlers

Nun will man mittels der beiden Förderprogramme das Problem unter dem Motto „Erlebnisstadt Varel“ erneut angehen. Inhaltlich soll die Skizze bis Ende Februar soweit entwickelt sein, dass sie die Grundlage für den konkreten Projektantrag sein kann, der spätestens bis Ende März gestellt werden muss. Weitere Projektanträge können dann bis Ende Juni nachgereicht werden.

Kernstück dieser Skizze bildet eine 10 bis 12-köpfige Arbeitsgruppe, die im wesentlichen aus Vertretern der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Varel e.V., dem innerstädtischen Einzelhandel, dem Agenda-Büro, dem Tourismus, der innerstädtischen Gastronomie, den Immobilienbesitzern, der Kultur und jeweils einem Vertreter der Ratsfraktionen besteht. Diese Gruppe soll im Weiteren die städtische „Zukunftskulturagentur“ entwickeln, mit der ein Netzwerk von kulturellen Orten, Institutionen und Personen in Varel aufgebaut wird.

Die Idee einer „Zukunftskulturagentur“ entspricht den Gedanken, die die Varelerin Julia Rorig am 25. Januar 2022 bei einer Informationsveranstaltung zu den Förderanträgen Innenstadtentwicklung den Ratsmitgliedern vorstellte. Für sie ist ein Kunst- und Kulturnetzwerk eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen der angestrebten Belebung der Vareler Innenstadt. „Eine Transformation der Innenstadt, die durch künstlerische und kulturelle Vielfalt unterstützt und langfristig erfolgreich sein soll, setzt allerdings eine Organisationsstruktur voraus, die dafür Sorge trägt, dass kreative Ressourcen entfaltet werden, aber auch nachhaltig attraktiv bleiben und damit zukunftsfähig in der Stadt verankert sind“, so Rorig. Weiterhin sagt sie, dass „der Verbund die Umsetzung seiner programmatischen und kuratorischen Vorhaben in Kooperation mit der Stabsstelle Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing zu managen (hätte). Diese Zusammenarbeit wäre idealerweise im Rahmen einer Agentur zu organisieren.“ Hier liegen ihre Vorstellungen eng bei denen der Stadtverwaltung, die von einer „Zukunftskulturagentur“ und einer entsprechenden Koordinationsstelle spricht. Was ihr Entwurf leider ausblendet, sind die eher ausgesprochen komplizierten Beziehungen innerhalb der Kultur- und Kunstszene Varels, und das sowohl zwischen den KünstlerInnen als auch unter den FreundInnen der Kunst.

Dabei sind die Vorstellungen von Frau Rorig durchaus im Trend – nur eben die Vareler nicht. So heißt es im Positionspapier des Deutschen Städtetages zur Zukunft der Innenstadt: „Zahlreiche Projekte in Deutschland beweisen, dass lokale, gemeinwohlorientierte Investierende eine immense Kraft bei Schlüsselprojekten – auch in den Innenstädten – entfalten können. Akteurinnen und Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft, Kulturschaffende, gemeinwohlorientierte Initiativen, „Stadtmacher“ oder Start-Ups können neue Impulse liefern und bedürfen einer gesonderten Unterstützung. Eine deutlicher am Gemeinwohl orientierte Innenstadtentwicklung erfordert auch Mut zum Experiment und Raum für Ideen.“(S.8)

Die Kraft, von der hier gesprochen wird, soll zwar genutzt werden, aber sie darf nicht frei sein, d.h. sie muss in Varel in die Strukturen der Verwaltung eingebunden werden. Dieser Ansatz ist vor allem zweckorientiert.1

Foto: N.Ahlers

Kunst aber braucht autonome Freiräume und bisher haben in Varel m.W. nur Diedel Klöver mit seiner YardArt, Ulrike Hinck in der Villa Irmenfried und Menschenmüll mit dem Spijöök solche Freiräume behaupten können – und das trotz der Vareler Stadtverwaltung und nicht wegen ihr. Diese Freiräumen sind von einem anarchischen Charme und Witz. Doch die Genannten sind nicht mehr die jüngsten und die nachfolgenden KünstlerInnen sind in den Doktrin der Kreativwirtschaft eingeklemmt. Dies gilt für die neue Galerie Kunstwerk ebenso wie für das Alte Kurhaus in Dangast. Wenn Kunst und Kultur aber vor allem zweckorientierte Impulse zur besseren Entwicklung der so genannten Aufenthaltsqualität geben sollen und damit vor allem der touristischen Attraktivitätssteigerung dienen, dann wird die Kunst selbst zur Phrase. Damit mag mancher über die Runden kommen, doch mit Kunst hat das nichts tun. Alles ist möglich, nur nicht Freiheit, knorriger Eigensinn, kluger Witz und Charme des Experiments.

Die Alternative zu diesem Trend ist die Idee, dass man Kunst und Kultur als Formen einer intellektuellen Gartenarbeit begreift. So setzt andere Schwerpunkte und eröffnet andere Fenster. Kunst und Wissen brauchen Zeit – und vor allem brauchen sie den Austausch von Gedanken und Beobachtungen. Es bedarf – bildlich gesprochen – kleiner Inseln, auf denen sich Menschen versammeln, arbeiten, miteinander sprechen und reflektieren. Kleine Inseln, die jede für sich eigene Schwerpunkte haben und entfalten können. Exklusive Gebiete, die gemeinsam eine Inselkette darstellen, die dem Festland Schutz bieten. Insofern konzentrieren sich diejenigen, denen es ernsthaft um Kunst geht, auf die eigenen Dünen und Deckwerke. Sich zu vernetzen macht dann Sinn, wenn man Akteure sucht, die Gleiches wollen. Die zu finden, ist aber schwer und setzt lokale Kenntnisse und Erfahrungen voraus.

Wer Netzwerke bedienen will, die vor allem die touristische Attraktivität und das Marketing stärken sollen, ist kein Gärtner, sondern nur der arme Kerl, der am Strand die Plastikstühle in endlosen Reihen aufstellt. Doch wer will solche Strände – oder Innenstädte?

Norbert Ahlers

1) Übrigens wird so nicht nur die Kunst in Varel missverstanden, sondern auch die Lokalgeschichte, denn das Heimatmuseum Varel soll nun auch nicht mehr Archiv und Kuriositätenkabinett sein, sondern Visitenkarte der Stadt werden, leicht zugänglich und auf den durchreisenden Blick der Touristen zugeschnitten.

Foto: N.Ahlers
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