Begrenzt offen für Alles

Was hat Bürgermeister Wagner mit dem Tivoli vor?

Die Vareler SPD und mit ihr der amtierende Bürgermeister Gerd-Christian Wagner setzen sich dafür ein, dass ein Bürgerrat zum Tivoli Stellung nemen soll. „Wir sollten die VarelerInnen fragen, was brauchen sie denn eigentlich? Was wollen wir? Nur eine Veranstaltungshalle, wollen wir eine Multifunktionshalle, für wen wollen wir das?“ So Wagner im NWZ-Gespräch vom 26.08.2021. Weiter heißt es da: „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir die Bürgerinnen und Bürger befragen und sie unvoreingenommen einfach mal den Bürgerwillen formen lassen.“ Jürgen Bruns, auf Listenplatz 1 der SPD, ergänzt hierzu, dass Bürgerbeteiligungen oftmals mit Interessensgemeinschaften verwechselt würden und dass nicht immer die Lauten recht haben, die in der ersten Reihe stehen. „Für uns ist unheimlich wichtig, dass wir auch die hören, die leise sind und deshalb die Idee des Bürgerrates, um wirklich einen Prozess in Gang zu setzen, wo alle BürgerInnen, alle Schichten die Möglichkeiten haben, ihre Ideen mit einzubringen“. Nun ist allerdings bekannt, dass die leise Mehrheit in der Regel deswegen schweigt, weil sie sich mit diesen Themen nicht identifiziert, weil sie gegebenenfalls ganz andere Sorgen hat. Wer sich zum Beispiel wegen des Stellenabbaus bei Aerotec Gedanken machen muss, wie er die Miete oder die Raten für sein Eigenheim abbezahlen kann: In einer solchen Situation rückt für die Betroffenen die Frage nach dem Bürgerwillen und der Zukunft des Tivolis verständlicherweise in den Hintergrund.

Der Tanzsaal im Tivoli, genutzt als Trainingsaal vom Tanzsportclub Schwarz-Gelb Varel e.V.

Trotzdem bleibt die Frage: Wer formt da wie welchen Bürgerwillen?

In dem Rededuell zwischen Wagner und seinem Herausforderer Torsten Tschigor betonte der Bürgermeister vor allem die Schwächen des Tivoli, d.h. die Schäden im Keller, die mögliche Kostenexplosion bei einer Sanierung (mit der allerdings unter den gegenwärtigen Bedingungen auch bei einem Neubau zu rechnen wäre), die Raumaufteilung, die seiner Meinung nach nicht optimal wäre und die „2b-Lage für einen Restaurantbetrieb.“ Er selber favorisiere persönlich eine eigene Lösung, doch in der Diskussion um das Tivoli sei er völlig offen. Für ihn sei hier der Bürgerrat ein mutiger Versuch und ein Instrumentarium, das man auch mal in Varel anwenden könne, zumal es die Bundesregierung mittlerweise zum zweiten Mal einsetzt.

Man muss nicht mit dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo DiFabio übereinstimmen, aber sein Einwand zum Thema Bürgerrat ist bedenkenswert: „Hier entscheiden gewählte Bürger als eine Art Volkssurrogat. Sie sollen aber bereits wissenschaftlich moderiert werden. Die da ausgelost sind, werden bereits durch wissenschaftliche Sachkunde geleitet.“ Im Grunde genommen, so DiFabio, sei es ein Modell der Expertokratie, wo die gelosten BürgerInnen die Fassade sind, damit ExpertInnen ihr Urteil mit einer gewissen Autorität im parlamentarischen Raum durchsetzen. Das ist überspitzt, aber im Falle des Vareler Tivolis nicht unzutreffend, denn so wie Bürgermeister Wagner es im Rededuell skizziert hat, will er die Information belegt sehen, dass das Gebäude marode und als Multifunktionshalle nicht geeignet ist. Zudem deutet er an: „Wenn Herr Lienemann aus dem Nähkästchen plaudern würde, dann würden einigen die Augen übergehen. Ja. Dann kommt man schon in eine ganz andere Diskussion hinein und wenn man dann auch noch mal den Kostenblock mit dazu nimmt…“. Die Stadtverwaltung wird eine externe Agentur beauftragen, den Diksussionsprozess zu moderieren und so wird die entscheidende Frage sein, wie diese Agentur den Bürgerrat moderiert, welche ExpertInnen sie zu dem Thema einladen wird, welche Informationen sie in welcher Intensität präsentiert und inwieweit die Stadtverwaltung als Auftraggeberin die Rahmendaten für diesen Prozess vermitteln kann. All dies ist nicht transparent, geschweige denn, dass die Verwaltung oder die SPD den Algorithmus nachvollziehen könnten, nach dem die BürgerInnen ausgelost werden sollen. Transparenz aber ist ein zentrales Merkmal für die Bürgerbeteiligung.

Bei der Diskussion um den Bürgerrat wird zudem außer Acht gelassen, dass es nicht nur, wie Bürgermeister Wagner meint, um eine simple Multifunktionshalle geht, sondern um den Erhalt eines Veranstaltungshauses und dass im Weiteren um das Konzept eines Kulturzentrums im Kernbereich der Stadt verhandelt wird. Das Erschreckende dabei ist, dass Wagner in dem Rededuell nicht ein einziges Mal das Wort Kultur verwendet, geschweige denn von Kunst spricht. Auch sein großflächig verteilter Flyer erwähnt die Kulturarbeit nicht. Im SPD-Programm heißt es zwar, dass Kulturprojekte Identität und Einzigartigkeit stiften, aber dann versteht man im Detail darunter die Schwimmbäder, die Stadtbücherei und nicht näher bezeichnete Kunst- und Kulturprojekte.

Weiterhin fällt auf, dass sich Wagner seit dem 05.02.2021 in einem Interview gegenüber den Vareler Randnotizen nicht mehr konzeptionell zur Kulturarbeit in Varel öffentlich geäußert hat. Er weiß um die Schwäche der Vareler Kulturszene (mangelnde Bereitschaft, gemeinsam Forderungen zu artikulieren und durchzusetzen) und schon damals beschäftigte ihn die Idee eines Bürgerrates. Seitdem die CDU jedoch ihren übereilten Vorschlag eines Neubaus in die Diskussion gebracht hat, beschränken sich die Stellungnahmen von Bürgermeister Wagner zur Kunst darauf, z.B. ein Puzzle von Anja Voß als Meisterwerk zu bezeichnen.

Die 15 Jahre im Bürgermeisteramt haben Wagner offensichtlich die Erfahrung vermittelt, dass man öffentliche Projekte in anderen Kategorien denken muss als nur in den Zeitfenstern einer Legislaturperiode. Es gilt in erster Linie sie durchzusetzen und dies gelingt mit Beharrlichkeit. Diese ist nicht mit Sturheit zu verwechseln. Im Gegenteil: Beharrlichkeit ist dann erfolgreich, wenn sie sich der aktuellen Kommuniktaion zu bedienen und „die Menschen abzuholen“ weiß.

Die ursprüngliche Projektskizze des Sport-und Bürgerparks in Langendamm von 2018, das (vom Verfasser) braun eingefärbte Rechteck links oben war als Eventhalle geplant. Inzwischen ist das Projekt nur auf den Sportpark begrenzt./ Quelle: Stadt Varel

Schaut man sich die ersten Pläne des Sportparks Langendamm an, so war dieser als Bürger- und Sportpark skizziert und sollte auch so beantragt werden. Da Wagner sich nicht explizit von dieser Ideenskizze distanziert hat, könnte man davon ausgehen, dass er diese Planung noch weiterhin im Sinn hat, zumal er gerne immer wieder das Stichwort einer Multifunktionshalle erwähnt. Das wäre dann eine Veranstaltungshalle mit einem Fassungsvermögen von ca. 1000 BesucherInnen und in unmittelbarer Nähe zum neuen Sportstadion.

Für den Bürgermeister ist Kultur offensichtlich vor allem ein Verwaltungsakt, aber weniger eine gesellschaftliche oder inhaltliche Frage. Das kann man ihm nicht wirklich vorwerfen, wenn man ihn (wieder) gewählt haben sollte, doch zum Vorwurf wird auf jeden Fall, dass er scheinbar ein Modell der Bürgerpartizipation dazu instrumentalisieren will, um einen vermeintlichen Bürgerwillen in seinem Sinne zu formen. So dürfte ein innovatives Bürgergremium tatsächlich zur fadenscheinigen Legitimation für die Planvorstellungen von Bauunternehmen und deren Bürgermeister werden. Die SPD selbst macht sich für diese Vorstellung zum Dienstmädchen, denn sie formuliert keine eigenen Vorstellungen zu den Forderungen für kulturelle Bildungsarbeit, Kunst und für ein Kulturzentrum. Man bekommt den desaströsen Eindruck, dass die SPD sich unter Kultur nur spaßige Unterhaltung vorstellen kann. Ansonsten überlässt man die Kulturarbeit dem bürgerschaftlich-ehrenamtlichen Engagement der Bessergestellten. Solange die SPD und mit ihr der amtierende Bürgermeister nicht substantiell und konkret etwas zu einem Kulturzenztrum und der notwendigen kulturellen Bildungsarbeit für Varel sagt, besitzt sie in Sachen Bürgerrat keine Glaubwürdigkeit. Die Vereine, die das Tivoli gegenwärtig für ihre Arbeit nutzen, wissen übrigens – trotz aller Schwächen und Schwierigkeiten – um die Vorzüge dieses Haus. Vor allem aber, kann man das Tivoli vielfältig nutzen, ohne dass es den Charakter und den fraglichen Charme einer Veranstaltungsmehrzweckhalle hat, die eher an einen Großmarkt erinnert, als an einen Ort für Kunst und Kultur. Die Unverständigkeit der örtlichen SPD gegenüber kulturellen Belangen sollte den Kunst- und Kulturschaffenden in Varel zu denken geben. „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“

Norbert Ahlers

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Heimatmuseum Varel – prägnantes Konzept oder schwierige Originalität?

Heimatmuseen sind oft eine Zierde kleiner Orte. Doch was paradoxerweise meist vergessen wird, ist die Tatsache, dass die Gründung solch eines Museums oft die Reaktion auf eine Krisensituation war (vgl. beispielsweise die Ausführungen von Christian Kravagna (vgl. Vortrag ab 12:04 min) oder die Texte von Pierre Nora in „Zwischen Geschichte und Gedächtnis“).

Das dürfte auch in Varel der Fall gewesen sein, als man 1954 das Heimatmuseum am Neumarkt eröffnete. Varel immer noch in einer Umbruchssituation. Der Nordwesten der jungen Republik war bekannt als Rückzugsgebiet für zahlreiche Menschen, die noch die Größenfantasien eines Deutschen Reiches pflegten. Regionale Bezugsgrößen wie das Großherzogtum Oldenburg bzw. der Freistaat Oldenburg gingen 1946 in dem Bundesland Niedersachsen auf, d.h. dass alle Strukturen neu organisiert werden mussten. Die Stadt Varel selbst beherbergte noch viele Flüchtlinge und Vertriebene, sogenannte Displaced Persons wie zum Beispiel aus den baltischen Staaten (vgl. Wochenschau (ab 01:10:04 min) von 1957). Der Arbeitsmarkt stabilisierte sich nur allmählich. Das traditionelle Gefüge vieler Kirchengemeinden vor Ort war erschüttert und die Ressentiments der Vergangenheit trieben noch ihre kruden Blüten. Ein Sachverhalt, an dem kaum mehr erinnert werden mag.

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Die Portraitsammlung der gräflichen Familien, die über Varel regierten. Die Erinnerung an die Frauen scheint zu dominieren.    Foto: N. Ahlers

Nun wurde am 06.07.2021, also in der vergangenen Ausschusssitzung für Schule, Kultur und Sport die Ideenskizze für eine grundlegende Modernisierung des Vareler Heimatmuseums vorgestellt. Während die Windmühle ein touristischer Anziehungspunkt ist, bleibt die Wahrnehmung des Heimatmuseums am Neumarkt weit hinter den Möglichkeiten zurück. Schon seit längerem will der Heimatverein neue Impulse aufnehmen, nicht zuletzt auch um den gestiegenen Arbeitsaufwand bewältigen zu können und den neuen Standards für Museen gerecht zu werden. Vieles spricht für eine Modernisierung, zudem sind ohne die erwähnten Standards Fördergelder kaum zu erwarten. Das Vorhaben, das Andreas v. Seggern den Ausschussmitgliedern vorstellte, ist ausgesprochen ambitioniert. 2024, zum 900jährigen Jubiläum der Stadt Varel soll eine neue Dauerausstellung im Museum eröffnet werden, die „ein räumlich wie inhaltlich konzises, plausibles und lebendiges Narrativ der Geschichte Varels“ vermitteln soll. Dieses Narrativ soll bei einem zweitägigen Workshop im Oktober 2021 in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein und interessierten Vareler BürgerInnen vorbereitet werden. Spezifische Aspekte dieser Stadt (Schlossgeschichte, Autofabrik, Anschluss an das Eisenbahnnetz, Hafengeschichte usw.) und neue Ideen sollen dabei gesammelt und gebündelt werden. Auch einen neuen Namen soll das Haus bekommen, als Arbeitstitel spricht man nun vom „Haus der Geschichte(n) Varels“. Diese Bezeichnung klingt allerdings so bemüht wie umständlich. Es bleibt zu hoffen, dass sich ein weniger programmatischer als vielmehr ein stimmiger Name finden lässt.

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Die Ausstellung setzt Wissen voraus, denn die Zusammenstellung der Exponante erscheint anarchisch. Die Betrachter müssen die Zusammenhänge der Exponante in Eigenarbeit entwickeln.      Foto: N. Ahlers

Tatsächlich lässt diese grundlegende Umgestaltung des Vareler Heimatmuseum ein grundsätzliches Dilemma erahnen: Was möchte der Heimatverein, was möchte das Haus den VarelerInnen als die Erzählung der Stadt präsentieren? Was gehört in ein Museum und ist es wert zu erinnern, was hingegen soll/kann/darf vergessen werden? Soll eine Geschichte von unten, sprich der einfachen Leute erzählt werden? Oder eine der Repräsentation, also der Feudalherren, der Kaufmannschaft und der Klinkerbarone? Wie erzählt man die Geschichte des jüdischen Lebens in Varel und vor allem, wer erzählt die jüngste Geschichte der islamischen Gemeinschaften?

Wenn es zutrifft, dass die Gründung eines Museums auf eine Krisensituation reagiert, dann gilt dies auch für eine Neugestaltung in dem geplanten Ausmaße. Von welcher Krisensituation ist dann aber heute zu sprechen und wie kann ein Museum darauf reagieren? Die klassischen Aufgaben eines Museums wie Bewahren, Erforschen, Präsentieren und Vermitteln von kulturellem Erbe sind heute schwieriger zu realisieren als es vielleicht 1954 der Fall gewesen sein mag. Nicht weil die Krise einfacher war, sondern weil das Bedürfnis klarer schien: Die Sehnsucht nach einem Ort, in dem man sich der eigenen Geschichte und Identität versichern konnte. Ein kleines Haus wie etwa ein Heimatmuseum sollte sich aber nicht aufgrund seines vermeintlichen Mangels an Bedeutung den aktuellen Herausforderungen eines Museums entziehen. Im Gegenteil: Gerade diese kleinen Häuser, die lange noch nach der Logik eines Kuriositätenkabinetts unabsichtlich weit mehr Authentizität erahnen ließen als all die Räume einer digital aufgerüsteten Museumsdidaktik es jemals vermögen, müssen gegenüber diesen Herausforderungen sehr präzise sein – allein schon, weil ihre Ausstellungsschätze eher in ihrer Alltäglichkeit beeindrucken als durch ihren Wert auf dem Kunstmarkt.

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Vitrine mit dem Diorama einer historischen Stadtansicht Varels. Im Hintergrund die Jagdflinte des Grafen Bentinck. Foto: N. Ahlers

Wie aber ließen sich die erwähnten Herausforderungen konkret beschreiben? Zum einen die, die auf der Oberfläche liegen und jede/jeder sofort nennen würde: Mehr Besucherzahlen, mehr Kooperationen mit Schulen und stärkere Präsenz im öffentlichen Leben der Stadt, also besseres Marketing. Zum anderen aber die Themen, bei denen man in Varel eher abwinkt: z.B. wie der Vermittlungsauftrag eines Heimatmuseums in der globalisierten Gesellschaft konkret zu verstehen wäre? Mit einem Hinweis auf die Museumspädagogik ist es nicht getan. Wer über das Museum spricht, diskutiert letztlich über das Bild, das diese Stadt von sich hat. Ein Museum dokumentiert und veranschaulicht plastisch, was die Stadtgesellschaft als ihr Leitbild definiert und mit welchen Begebenheiten sie sich identifiziert. Ein Missverständnis aber wäre es, wenn man von einem Museum erwartet, dass es die Geschichte als einen Ort gemütlicher Erinnerungen und des Gedenkens präsentiert. Ausstellungen sollten nicht statisch begriffen werden. Im Gegenteil: Ein Museum gelingt, wenn es ein Ort des Gespräches ist, an dem man über die Perspektiven auf die Geschichte immer wieder streiten muss. Ein lebendiges Streiten um die Präsenz und Darstellung der einzelnen Gruppen in einem Heimatmuseum begründet die Relevanz eines solchen Ortes, wenn er mehr sein möchte als ein Archiv. Heimat ist eine unverstandene Kontinuität zwischen den Generationen. In ihr kann aber eine Idee von Versöhnung aufschimmern, wo man es versteht, gemeinsam über die Narben alter Wunden zu reden, weil man inzwischen weiß, dass man denen, die einem diese Enttäuschungen zufügten, mehr ähnelt als man es je für möglich halten mochte. Diesem Gespräch einen Ort zu geben, käme dem Gedanken eines modernen Museum sehr nahe – und mit der Neugestaltung des Heimatmuseums wäre eine Gelegenheit dazu gegeben. Man muss sie aber auch als solche begreifen und nicht als die Inszenierung eines konstruierten Konsens auffassen.

von Norbert Ahlers

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Meerschaumpfeifen und kaiserliche Ambitionen in Übersee. Ohne Bezug grenzt der protzige Spiegel den Grafen Anton Günther und die Bentincks von den kolonialen Übergriffen der wilhelminischen Zeit so scharfkantig wie holprig ab.  Diese Distanzierung überrascht und ist nicht selbstverständlich.               Foto: N. Ahlers

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Der Konsumflut mit Inseln der Kunst trotzen

In Varel wird zur Zeit mehr über Kunst und Kultur in der kleinen Stadt gesprochen, als es zuvor der Fall war. Nach dem Lockdown und der sommerlichen Entspannung ist man begeistert, dass das Watt’n Schlick-Festival als Modellprojekt stattfinden kann und freut sich erneut auf die Literaturtagen in Varel/ Dangast. Die Alte Katholische Kirche wird als Forum Alte Kirche zum offenen Treffpunkt für Begegnung, Bildung, Kunst und Kultur, in der Stadtverwaltung will man sich in der Kulturarbeit neu aufstellen und in privaten Initiativen engagiert man sich, neue Räume für bildende Kunst und Fotografie zu schaffen. All das ist ermutigend und längst überfällig, aber bei noch so hehren Motiven und glühender Leidenschaft werden diese Bemühungen bloße Oberfläche bleiben, wenn nicht die aktuellen Schwierigkeiten im Verstehen von Kunst und Kultur begriffen und erörtert werden. Wo dies nicht der Fall ist, entbehrt die Idee eines plausiblen Nebeneinander von kultureller Vielfalt und regionaler Identität einem ernstzunehmenden Verständnis.

Eine Mühle trotzt dem Hochwasser / Foto: Nationaal Archief, Spaarnestad Photo

Eine Mühle trotzt dem Hochwasser / Foto: Nationaal Archief, Spaarnestad Photo

Die Kunst „ist verschwunden als symbolischer Pakt, durch welchen sie sich abhebt von der reinen und einfachen Produktion von ästhetischen Werten, die wir unter dem Namen Kultur kennen: Wuchern der Zeichen ins Unendliche, Recycling vergangener und aktueller Formen. Es gibt keine Grundregeln, keine Kriterien des Urteils und des Vergnügens mehr.“1 Diese Zeilen schrieb Jean Beaudrillard 1992 und schon 1991 hatte der Niederländer Laurens Straub in einem Interview mit Alexander Kluge von dem Verlust der Information durch ein Mehr an Hyperrealität durch die HD-Technik in den Bildmedien. Durch die Sogwirkung einer aufgezwungenen Nähe der Bilder verlieren Zuschauer an kritischer Distanz und damit an Eigenständigkeit. Diese Beobachtungen beschrieben sie in einer Zeit, als die Globalisierung ihren entscheidenden Schub zu entfalten begann und in Deutschland mit der EUnet GmbH der erste kommerzielle Internet-Provider gegründet wurde. Dreißig Jahre später sind die Vorbehalte gegenüber den Schattenseiten der Kommunikationsgesellschaft zur Alltagsrealität eines jeden Zeitgenossen geworden, der ein Smartphone oder einen LED-Flachbildschirm mit Full HD nutzt.

In Varel fanden diese Sachverhalte kaum Beachtung, bestenfalls in voreiligen Forderungen nach Smartboards und Medienkompetenz für Schüler. Doch weder für kulturelle Bildungsarbeit noch für aktive Medienarbeit hat man sich in den vergangenen Jahrzehnten interessiert, obwohl die Voraussetzungen vor Ort z.B. mit dem Kreismedienzentrum Friesland eigentlich fast ideal sind. Was in anderen Kommunen jedoch schon vor 30 Jahren realisiert wurde, scheint in Varel nun erst in den Blick genommen zu werden: Die Verantwortung der öffentlichen Hand für die Rahmenbedingungen der Kulturarbeit vor Ort. Theater, Film, Lektürekreise, Tanz, Konzerte und Skulpturen im öffentlichen Raum sind mehr als nur schöne Gefälligkeiten. Sowohl in der Verwaltung als auch im Stadtrat mehren sich aber allmählich die Stimmen, die hier einen Handlungsbedarf sehen. Allerdings ist im Moment noch bestenfalls ein Stimmenwirrwarr als ein Ziel oder eine Vision zu erkennen. Die Situation in den Parteien vor Ort ist bezeichnend, denn die beiden stärksten Fraktionen, also SPD und Zukunft Varel, können kein Ratsmitglied nennen, dessen Schwerpunkt die Kulturarbeit ist. Lediglich in der CDU und bei Bündnis 90/Die Grünen gibt es Ratsmitglieder mit einem profilierten Interesse an Kulturpolitik. Die anderen Parteien haben zu wenig Mandate, Mitglieder oder schlicht kein Interesse an diesem Thema, um diesen Bereich für sich besonders zu entwickeln.

Vor dem Hintergrund der Pandemie sind die kulturelle Bildungsarbeit und eine lebendige Kunstszene für die Stadt wichtiger denn je. Kunst und Kultur können die Menschen zusammenführen und Möglichkeiten eröffnen, die soziale Kluft zumindest für kurze Momente zu überbrücken. Kunst schafft diese Möglichkeiten, weil man einander zuhört. Wer nur die Anerkennung seiner Arbeit sucht und sich vor allem in seinem „Geschmack“ bestätigt wissen will, hat von Kunst nichts verstanden und bleibt auf dem Niveau des Ressentiments. Erst in Gesprächen über das Kunstwerk und was Andere darin wiedererkennen, skizziert sich ein Verstehen von Kunst. Das ist anstrengend, aber weist daraufhin, dass der oben erwähnte „ symbolische Pakt“ der Kunst rekonstruierbar wäre: Dass die Kunst von mehr zu erzählen weiß, als nur von Zeichen und Werten, die sich im Maßlosen verloren haben. Wo alles gleichwertig nebeneinander existiert und nur die privaten Vorlieben eine Relevanz behaupten können, wird die eigene Gleichgültigkeit mit scheinbarer Toleranz verschleiert. Auch wenn es unzeitgemäß ist, so gilt es doch darauf zu insistieren, dass Kunstwerke dort gelungen sind, wo sie dem Betrachter von seiner Gleichgültigkeit oder – wie man einst sagte – aus seiner Trägheit des Herzens erlösen. In einem Moment der Berührung, der ihn in einer Distanz zurücklässt, kann er diesen Moment begreifen und artikulieren. Es ist gerade jene Distanz, die die Gesellschaft in ihrem zwanghaften Vergnügen und Medienkonsum konsequent vergessen lassen will.

In Varel sollten sich kluge Köpfe zusammenfinden, um gemeinsam zu beschreiben, wie Rahmenbedingungen eben ein solches Verstehen von Kunst entwickeln und fördern könnten. Eine Ermutigung zur eigenen Neugierde, zum eigenen Entdecken und Verstehen – das wären die Grundlagen einer kulturellen Bildungsarbeit in Varel.

von Norbert Ahlers

1)  „Transparenz des Bösen“ von Jean Beaudrillard, Berlin 1992, S.21

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Kulturarbeit in Varel – Wo stehen wir eigentlich?

Ein Beitrag von Frank Wittkowski, Regisseur und Theaterpädagoge in Varel.

Die Diskussion um die Zukunft des Tivoli macht es möglich: In der Stadt wird über das kulturelle Leben, seine Rahmenbedingungen und kulturellen Perspektiven diskutiert. Wobei eine Sache dann doch ist wie sonst auch, wenn es um Kultur geht: Diskutiert wird in einem sehr erlauchten Kreis, nämlich der Leute, die durch ihre größtenteils ehrenamtliche Arbeit überhaupt erst für so etwas wie ein kulturelles Angebot sorgen und jene, die über die entscheidenden Ressourcen „Zeit“, „Bildung“ und im Zweifelsfall „Geld“ verfügen, um als Konsumenten oder Förderer aufzutreten. Eines ist klar: Der Mehrheit der Vareler Bürgerinnen und Bürger sind die Zukunft des Tivoli, der altehrwürdigen Niederdeutschen Bühne oder der anderen Angebote vorsichtig formuliert gleichgültig.

Theaterleben in Varel im Frühjahr 1914 – Heute kann weder die Landesbühne Wilhelmshaven in Varel gastieren noch könnte man in einem Kino die Verfilmungen dieses Theaterstücks in dieser Stadt präsentieren. Bild: Privat

Wenn aus mehr oder weniger berufenem Munde gefordert wird, dass kulturelle Angebote, sofern sie öffentliche Förderung in Anspruch nehmen, für alle gleichermaßen zugänglich sein sollten, oder kulturelle Angebote nur in den Genuss öffentlicher Unterstützung kommen sollten, wenn sie die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger erreicht, dann wird gegenüber Kunst und Kultur eine Kosten-Nutzen Rechnung aufgemacht, der sich in dieser Form kaum ein anderer Bereich gesellschaftlichen Lebens stellen muss.

In allen anderen Bereichen ist es selbstverständlich, dass die öffentliche Hand laufend in Rahmenbedingungen investiert und darüber hinaus unterstützend finanziell tätig wird. Begründet wird dies häufig mit der sogenannten Daseinsfürsorge, also der Sorge um alle Bereiche, die für ein Leben (nicht für das Überleben!) notwendig sind.

Wenn also in den nächsten Monaten und Jahren über strukturelle Rahmenbedingungen (z.B. in Gestalt des Tivoli) gesprochen wird, muss als erstes deutlich werden, dass Kunst und Kultur zur lebensnotwendigen Grundlage gehören, somit Bestandteil der öffentlichen Daseinsfürsorge sind und dementsprechend Anrecht oder sogar Anspruch auf entsprechende Unterstützung und Förderung durch die öffentliche Hand haben.

Diesen Anspruch deutlich zu formulieren, ist Aufgabe der Kunst- und Kulturschaffenden und ihrer Unterstützer.

Wenn man sich aber die örtliche „Kulturszene“ genauer ansieht, so erkennt man schnell, warum es den Akteuren so schwer fällt, ihr gesellschaftliches Gewicht in den Ring zu werfen: Das breite kulturelle Angebot wird getragen von vielen, in der Regel ehrenamtlichen Schultern. Jeder Verein, jede Initiative, jedes Projekt hat sich sein eigenes Netzwerk geschaffen, das häufig allein dazu dient, den eigenen „Zweck“ zu erfüllen. Bedenkt man, dass der kostbarste Rohstoff des ehrenamtlichen Engagements der Faktor „Zeit“ ist, so ist diese Vereinzelung nicht besonders verwunderlich: Wer neben seinem Beruf und familiären Verpflichtungen in der glücklichen Lage ist, Frei-Zeit für die Vorbereitung einer Ausstellung, für den Bau eines Bühnenbildes oder für die Organisation einer Veranstaltung aufzubringen, dem kann man nicht vorwerfen, dass er darüber hinaus nicht noch mehr Zeit mit der Teilnahme an einem runden Tisch zum Thema „Kultur“ verbringt.

Und hier schließt sich ein erster Kreis: Fehlende Zeit für die übergreifende Positionierung der Kulturschaffenden führt zu weniger Akzeptanz, weniger Unterstützung führt zu erhöhtem Zeitaufwand für die kulturelle/ künstlerische Arbeit führt zu weniger Zeit für die übergreifende Positionierung… usw.

Und am Ende steht die Aussage eines Ratsherren, der fordert, dass die Vereine für die Nutzung des Tivoli etwas „leisten“ sollten. Dabei ist die Leistung mit der Durchführung der Veranstaltung schon längst erbracht. Punkt.

2021 – in der Kulturarbeit Varels ist eine ähnliche Neuorientierung notwendig wie im Bereich der Energietechnik. Foto: N.Ahlers

Eine Bestandsaufnahme „Kulturelles Leben“ in Varel fällt aufgrund der beschriebenen Vielzahl an Vereinen, Veranstaltern und Projekten schwer. Noch komplizierter wird es, wenn es um die Definition von „Kultur“ geht. Häufig wird innerhalb des Kulturbegriffs differenziert, auf- und abgewertet, priorisiert und banalisiert. Diese Abgrenzungsversuche, die in der Auseinandersetzung um gesellschaftliche Relevanz und daraus abgeleitet um öffentliche Gelder vorgenommen werden, sind Fluch und Segen zugleich. Die Anforderungen an die unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen sind in vielen Bereichen nicht auf einen Nenner zu bringen: Eine Theatergruppe stellt grundsätzlich andere Anforderungen an ihre Produktionsstätte als ein Schwimmverein.

rekonstruierte Zeichnung des einst geplanten gräflichen Schauspielhauses zu Varel (1841), vgl. Originalpläne im Landesarchiv Oldenburg.

In dieser Hinsicht kann die Verwendung des Kulturbegriffs durchaus verwirrend und überfordernd sein. Bei den aktuellen Überlegungen geht es verstärkt um Kunst und Kultur. Aber auch die Zuhilfenahme des Kunstbegriffs zeigt deutliche Schwächen, da auch eine Definition des Begriffes Kunst nie umfassend gelingen kann. Halten wir an der Kombination Kunst und Kultur fest, muss klar sein, dass sich die Liste von Kunst- und Kulturschaffenden und ihren Projekten und Angeboten ständig wandelt. Die benötigte Bestandsaufnahme ist also trotz Reduzierung auf einen bestimmten Bereich des kulturellen Lebens eine große Herausforderung. Um jedoch von Seiten der Stadt auf die Bedürfnisse reagieren zu können und darüber hinaus die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu eröffnen, wird es notwendig sein, sich einen Überblick zu verschaffen.

Fraglich bleibt, ob die Kunst und Kulturschaffenden die Kraft besitzen diese Aufgabe in Eigenregie zu bewältigen. Wie aber könnte eine Hilfestellung von „außen“ aussehen? Was wären die Aufgaben?

Organisation: Festsetzen von Gesprächsterminen, Organisieren von Räumlichkeiten, Einladung an die Kulturschaffenden, Moderation und Protokoll der Treffen, Erstellen von Kontaktlisten und E-Mail-Verteilern.

  • Konzeptionelle Arbeit: Unterstützung bei der Erstellung von Positionspapieren und Anträgen
  • Ansprechpartner für Ratsmitglieder und Verwaltung
  • Bei der konkreten Ausgestaltung dieser Hilfestellungen gibt es im wesentlichen zwei Ansätze.

Möglichkeit 1: Einrichtung eines Kulturbüros und Beschäftigung eines Kulturkoordinators.

Hier bekommt die Kultur eine eigene zentrale Anlaufstelle in der Verwaltung der Kommune. Dies erleichtert den Kontakt zwischen den Kulturschaffenden und den politischen Entscheidungsträgern. Aber: Als Teil der Verwaltung ist ein Kulturkoordinator letztendlich weisungsgebunden. Kulturpolitische Arbeit kann u.U. erschwert werden.

Möglichkeit 2: Einrichtung eines Kulturrates oder eines Kulturbeirates.

Die freieste Organisationsform ist die Gründung eines Kulturrates. Dieser ist in seiner Organisationsform eine verwaltungs- und parteipolitisch unabhängige Interessenvertretung, die im Rahmen ihrer Zielsetzung und Geschäftsordnung Positionen formulieren kann und versucht im demokratischen Prozess ihre Interessen in praktische Politik münden zu lassen.

Eine weitere Möglichkeit ist die Einrichtung eines Kulturbeirates, der die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Politik auf der einen Seite und den Kulturschaffenden auf der anderen Seite bildet. Der Kulturbeirat wird in kulturellen Angelegenheiten vom Rat und den betreffenden Ausschüssen angehört. Durch die Besetzung mit ständigen Vertretern örtlicher Kulturinstitutionen und frei gewählten Mitgliedern ist er demokratisch legitimierter als der lose Zusammenschluss eines Kulturrates. Konkrete Entscheidungsmöglichkeiten hat aber auch der Beirat nicht.

Ein grundsätzliches Problem der genannten Organisationsmöglichkeiten ist die Verlagerung kultureller Belange in ein „Expertengremium“ oder eben in die Hände „eines Experten“. Wie in anderen Bereichen auch, besteht die Gefahr, dass die Entscheidungsträger sich auf diese Expertenmeinung berufen, ohne sich selbst näher mit der Materie zu befassen. Die Kulturschaffenden werden also nicht darum herumkommen, sich selbst in parteipolitische Prozesse zu begeben und so die Ausrichtung der städtischen Kulturarbeit direkt mitzugestalten.

Aber schon allein die Diskussion, ob und welche Organisationsform, welche Form der Unterstützung von den Kulturschaffenden gewünscht ist, kann zu einer Vernetzung und damit zur Stärkung des Bewusstseins für gemeinsame Interessen führen. Schon allein deshalb wäre der Beginn dieses Prozesses ein großer kulturpolitischer Schritt nach vorn. Da auch die Institutionen der Stadt Varel ein Interesse an einer funktionierenden und produktiven Kulturszene haben müssen, ist eine Begleitung durch Vertreter der Stadt (als Anschub) sicherlich zielführend.

In der Formulierung gemeinsamer Positionen, in der Zusammenarbeit und Intensivierung aber auch letztendlich mit dem Blick über den eigenen künstlerischen Tellerrand hinaus liegt die Chance, die Bedeutung von Kunst und Kultur insgesamt aber auch die Relevanz der eigenen Arbeit zu steigern. Denn auch wenn die Qualität von Kulturangeboten nicht mit Zahlen zu fassen ist und einfache Kosten-Nutzen-Rechnungen ins Leere führen, so ist doch der Wunsch nach Aufmerksamkeit und daraus abgeleitet der Wunsch nach Bedeutung des eigenen kreativen Handelns das verbindende Element zwischen allen Kulturschaffenden.

Wo steht also die Kulturarbeit in Varel? Sie steht auf einsamem und vernachlässigtem Posten, ist aber nicht verloren. Und vielleicht macht sie sich gerade auf den Weg.

Das Tivoli – als Kulturhaus für Varel noch nicht verloren.

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„Ohne Kultur auch keine Bildung“ – Interview mit Gerd-Christian Wagner

Krisen, so heißt es, vernichten die Schwachen und machen die Starken stärker. Das Kulturleben wurde in den vergangenen Monaten auf den Nullpunkt gebracht. In der vergangenen Ausschusssitzung für Bauen, Liegenschaften und dem Eigenbetrieb Wohnungsbau Varel am 01.02.2021 wurde über die weitere Bewirtschaftung des Tivoli entschieden. Der Vorschlag der Verwaltung ist, ab August 2021 einen Hausmeister als geringfügig entlohnten Beschäftigten einzustellen, um für die Übergangszeit eine Nutzung des Tivoli für die Vereine sicherzustellen. Sechs Vereine sind auf die Räumlichkeiten angewiesen. Dieser Vorschlag wurde mit acht Ja-Stimmen und einer Enthaltung angenommen. Die erwähnte Übergangszeit soll dazu genutzt werden, um im offenen Dialog und unter intensiver Beteiligung der Bürgerschaft im Stadtrat darüber zu entscheiden, ob das Tivoli saniert wird oder ob man andere Optionen favorisieren sollte. Dass Varel ein Kultur- und Veranstaltungshaus braucht, scheint Konsens zu sein.

Tivoli um 1909 – ein Restaurant mit großem Saal und Gartenwirtschaft. Zu diesem Zeitpunkt hatte Varel im Schwarzen Roß auch schon ein Kino. So gesehen hatte die Stadt vor 121 Jahren ein Kulturangebot, das man heute vermisst.

Während sich Axel Neugebauer von Zukunft Varel klar für den Erhalt des Tivoli aussprach, plädieren sowohl die FDP als auch die CDU für einen Abriss und einen Neubau. Sie gehen davon aus, dass die vorhandenen Räumlichkeiten in ihrem Grundriss nicht mehr zeitgemäß seien. Beide Parteien sind aber auch noch nicht in der Lage, zeitgemäße oder gar neue Konzepte für ein Kulturleben vorzustellen. Dass man in alten Räumlichkeiten sehr wohl neue und lebendige Programme vorstellen kann, zeigen das Zeli in Zetel oder das Vereenshuus in Neuenburg. Es war aber auch Jost Etzold, der in der Sitzung darauf hinwies, dass eine Sanierung mit 7,5 Millionen € günstiger als ein Abriss und Neubau sei.

Für die Vareler Randnotizen Grund genug, mit dem Vareler Bürgermeister Gerd-Christian Wagner über das Kulturleben in Varel und das Tivoli zu sprechen. Das Interview führte Norbert Ahlers.

 

Norbert Ahlers: Wo sehen Sie die Stärken Varels?

Bürgermeister Gerd-Christian Wagner, Foto: Stadt Varel

Gerd-Christian Wagner: Die Stärken von Varel – ich glaube, wir haben hier in Varel eine Gesellschaft, die in den letzten Jahren um ganz viele Dinge gestritten hat, um ganz viele Dinge gekämpft hat und unter’m Strich haben wir es meines Erachtens geschafft, Varel weiter und die Dinge voran zu bringen. Das war kein leichter Prozess, doch genau darin liegt die Stärke Varels: Dass wir soviel Kraft gehabt haben, die Dinge zu verändern. Ich erinnere da an die Veränderungen im Bereich der Grundschulen. Da haben wir gesagt, wir wollen sechs starke, größere Einheiten haben und die beiden kleinen fusionieren wir mit den größeren Einheiten und im Nachhinein zahlt sich das m.E. aus, dass wir mittlerweile sechs gute, gefestigte Grundschulen haben, wo die SchülerInnen gerne hingehen. Diese Veränderungskraft aus den Krisen heraus: Das zeichnet Varel aus.

Bei der Bildung gibt es Zustimmung, bei anderen Punkten gibt es Widerstand – trotzdem der Wille zur Veränderung. Wie würden Sie denn das kulturelle Leben in Varel beschreiben? Hat sich da auch etwa verändert und gehört auch das kulturelle Leben zu den Stärken dieser Stadt?

Ich glaube, dass sich das kulturelle Leben in Varel in den letzten 40 Jahren extrem verändert hat. Wenn ich sehe, was wir für eine Landschaft vor 40 Jahren hatten, also um 1980 herum, da war Varel noch sehr kleinstädtisch geprägt. Da gab es eine Kneipenkultur, da gab es eine andere Vereinskultur und das hat sich in den Jahren extrem verändert. Wir hatten hier Ende der 70er Jahre eine enorm hohe Kneipendichte. Davon kann man heute nicht mehr sprechen. Das hat sich auch im Vereinsleben sehr stark abgebildet: Hat man früher das Vereinsleben in die Gaststätten hineingetragen, so ist das heute nicht mehr der Fall. Kultur im Sinne von Kunst und Kultur, da haben wir mittlerweile mehr Vereine und sehr viele Akteure. Leider arbeiten die nicht zusammen. So jedenfalls ist meine Wahrnehmung. Ich glaube, dass wir beispielsweise mit der Kunstszene in Varel ganz viele Punkte haben, die aber immer nur Punkte bleiben. Es ist nie etwas Gemeinsames und das ist schade. Ich glaube, letztlich macht nur eine Gemeinschaft, auch im kulturellen Bereich, ein Interesse stark, gemeinsam lässt sich viel mehr erreichen. Das ist in Varel offensichtlich schwierig denn jeder Einzelne sieht für sich seinen eigenen Part. Vielleicht möchte man ja auch gar kein Gemeinsames.

1930 – das Tivoli umbenannt und renoviert, nunmehr das Allee Hotel in Varel

Weshalb hat dann die Stadt Varel keinen Kulturreferenten wie es z.B. Neuenburg Zetel hat? Der könnte ja solche Einigungsprozesse vorantreiben.

Ich glaube, die Stadt Varel hat immer darauf gesetzt, dass die Menschen, die Vereine sich da selbst orientieren. Da als Kommune, als Gemeinde Vorgaben zu machen, würde ich nie wollen.

Es geht ja nicht um Vorgaben, es geht um Unterstützung.

Ich glaube, wir unterstützen viele Vereine, wenn sie kommen und sagen, sie brauchen beispielsweise eine finanzielle oder inhaltliche Unterstützung. Ich glaube nicht, dass wir da schlechter dastehen – das ist meine persönliche Meinung – als Zetel oder Bockhorn.

Wir sprachen gerade im Grunde von der Vielzahl der Einzelakteure und dem Mangel des Zusammenspiels – und das hier jemand sein könnte, der das Zusammenspiel koordiniert.

Ich würde mich erstmal scheuen, einen Kulturkoordinator städtischerseits zu implementieren. Das würde ich auch nicht wollen, dass die Stadt sagt, wie Kultur gespielt werden muss. Die Stadt kann mitbegleiten, kann Impulse setzen, aber ich würde die Stadt nicht in dieser Rolle sehen.

Muss man neue Formen für das Gemeinsame suchen? 

Ja.

Wie muss man sich diese neuen Formen vorstellen?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir – vielleicht auch mit Unterstützung aus dem Bereich „Börse der Ideen“ – einen Nukleus (Kern) schaffen, der genau diese unterschiedlichen Formen, die Vereine und die Aktiven zusammenbringt. Ich halte sehr viel davon, wenn das nicht öffentlich-rechtlich passiert, sondern beispielsweise über die Agenda-Gruppen. Wir haben sehr gute Menschen, die da aktiv sind, die das auch bewirken können. Wenn die „Börse“ demnächst, also in 1 ¾ Jahren eröffnet, sollten die Akteure und deren Ideen, die sich hier finden, schlichtweg gebündelt werden. Das ist etwas, dass Varel weiter nach vorne bringen wird: Mehr gemeinsam zu arbeiten und Strukturen zu schaffen, wo sich jeder wiederfinden kann.

Der Gartenbereich des heutigen Tivoli – großzügig, aber ungenutzt.

Wenn ich das richtig verstehe, ist ja die „Börse“ so etwas wie ein Begegnungsort, d.h. man kommt dort zusammen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, neue Ideen zu entwickeln und vielleicht auch in kleinformatiger Art und Weise Veranstaltungen zu präsentieren. Für größere Veranstaltungen ist da kein Raum.Wir haben noch die private Initiative vom „Förderkreis Alte Katholische Kirche“, der aber eher das Spirituelle sucht, also Kultur im Rahmen spiritueller Suche anbietet. Für größere Veranstaltungen,sei es Konzerte, sei es Theater, sei es eine größere Gemeinschaftsveranstaltung haben wir nur das Tivoli. Es biete sich also als Kulturzentrum an. Spricht irgendetwas dagegen, hier im Tivoli ein städtisches Kulturzentrum  einzurichten?

Nichts. Ganz im Gegenteil. Das sollte ja auch mal dort entstehen. Wenn man sich die alten Akten anschaut, dann ist ja auch genau das damals Thema gewesen, als man das Tivoli städtischerseits gekauft hat. Man wollte im Bereich Jugend und Kultur etwas aufbauen. Das ist dann aber gänzlich aus dem Blick gekommen. Es stand und fiel sehr stark mit den Pächtern, denn ich glaube, dass man sich vielfach auf die Pächter fokussiert hat. Die Vorstellung war, dass sie all das voranbringen sollten.  Wenn man sich an die Personen erinnert, die das damals gemacht haben, stellt man sehr schnell fest… viele sind auch einfach nicht angekommen, vielleicht auch gescheitert. Das war vor meiner Zeit, aber was ich so gehört habe, wurde städtischerseits kein wirklicher Hebel angesetzt, um dort weiterzuarbeiten. Man hat sich schlichtweg darauf verlassen, dass es andere machen und die haben es nicht gemacht. Bis dann Fred Lienemann kam, der durchaus ein bisschen Kultur hineingebracht hat. Aber der halt vor dem Hintergrund als Restaurantbetreiber gesehen hat, dass er das Restaurant und die Mannschaft usw. über die Jahre bringen muss. Das hat er sehr gut gemacht. Er hat das mit viel Einsatz getan. Unter’m Strich aber sind keine Strukturen entstanden. Es gibt mal Highlights, aber ich glaube, das Herzblut als solches nie wirklich zu spüren war wie es beispielsweise im Bürgerhaus in Schortens der Fall ist. Da ist auch seitens der Kommune versucht worden, das Haus noch mehr mit Leben zu füllen. Das hat Varel einfach versäumt.

Ist nun die Gelegenheit, dieses Versäumnis nachzuholen?

Wenn die Bürgerinnen und Bürger das wollen, dann ja. Nachholen – nun ich denke, wir brauchen da in Teilen einen Neuanfang. Die Frage lautet, was soll in Varel mit Veranstaltungen insgesamt passieren und wie können wir jetzt eine neue Zeit anbrechen lassen? Mein Plädoyer wäre: Wir sollten uns erst mal zwei Jahre lang Zeit nehmen bzw. geben und mit den BürgerInnen zusammen schauen, in welche Richtung wir tatsächlich wollen.

Sie suchen den offenen Dialog?

Absolut – in der Vergangenheit hat die Politik bei den Veränderungsprozessen sehr stark gesagt: So wir wollen das. Das war beispielsweise bei der Veränderung Schützenwiese, Famila der Fall. Das war eine politische Entscheidung und die ist dann umgesetzt worden. Ich glaube aber, dass gerade das Tivoli dazu einlädt, einen Bürgerbeteiligungsprozess in Gang zu setzen. Gerade da, weil es dort ganz viele Menschen gibt, die etwas dazu beitragen.

Die ehemalige Gartenwirtschaft des Tivoli um 1909. In ihrer Anlage ähnelt sie einem Kurpark

Wie stellen sie sich diesen Dialog konkret vor?

Ich stelle mir vor, dass wir wirklich auch einmal die Zahlen, Daten und Informationen den BürgerInnen zur Verfügung stellen, was denn eigentlich an Kosten, an Budget usw. hinter solch einer Maßnahme wie einem Veranstaltungsgebäude steckt. Dass Varel ein Veranstaltungsgebäude braucht, das ist – glaube ich – von allen akzeptiert. Die Frage ist, wie können wir es in Varel hinbekommen, dass die Menschen dieses Veranstaltungsgebäude dann auch gerne mittragen. Es muss klar gesagt werden: Wenn wir Veranstaltungen machen, begleiten und auf die Beine stellen, dann bedeutet das, dass wir dafür viel Geld in die Hand nehmen müssen. Das bedeutet dann auch, dass es dafür ein Budget geben muss. Andere Städte wie Oldenburg, Jever und auch Schortens haben das m.E. ganz klar zum Ausdruck gebracht, indem sie das Budget in diesem Bereich deutlich nach oben gefahren haben. Das war kein kleiner Betrag, den Schortens hier für die Kultur in die Hand genommen hat. Die BürgerInnen müssen vor allem informiert werden, damit sie wissen, warum kommt denn der Stadtrat zu diesen Ergebnissen – und neben der Information geht es auch um Kommunikation und das Darstellen der Diskussion. Wir müssen sehen, dass das Thema ganz stark an die BürgerInnen herangebracht wird. Nur so wird sich auch ein Verständnis für die Entscheidungen des Rats finden, denn der Rat entscheidet sicherlich für die BürgerInnen, aber er entscheidet vor allem relativ rational. Wir werden Workshops brauchen, wir werden in meinen Augen eine von außen geleitete Diskussion haben müssen, denn auch die Verwaltung hat ja eine gewisse Position und ich fände es gut, wenn wir diesen Prozess begleiten lassen würden. Es wäre nicht hilfreich, wenn man die Verwaltung beauftragen würde, diesen Prozess selber zu steuern und zu strukturieren. Wenn man Teil des Prozesses ist, kann man nicht wirklich neutral sein.

Sie sprachen gerade von konkreten Zahlen. Können Sie welche nennen?

So ein Neubau bzw. solch eine Sanierung in der Größe, wie wir sie jetzt haben, wird irgendwo in der Nähe von 7 – 9 Millionen Euro liegen, egal ob Sanierung oder Neubau. Wir haben mit Architekten gesprochen, die uns klar versichert haben, dass wir ein Sanierungsrisiko von ca. 20% haben, d.h. also man kann davon ausgehen, dass das ein oder andere sowieso noch kommt, was man so noch nicht sieht. Und dann ist die nächste Frage natürlich: Wird das vorhandene Gebäude den Ansprüchen einer modernen Veranstaltungshalle gerecht?

Der Kleine Saal – ein Tanzboden im Tivoli

Allen Anforderungen wird man nie gerecht werden. Man muss Schwerpunkte setzen, aber dafür haben wir dann ja den Dialog. Alte Gebäude zu pflegen ist etwas, was identitätsstiftend ist, was den Wert einer Stadt ausmacht und das Lebensgefühl einer Stadt zum Ausdruck bringt. Insofern bietet sich doch eine Sanierung an, weil dieses Haus ein traditionelles Haus ist. Es ist ein Ort, den die VarelerInnen akzeptieren, den man pflegen sollte, um dann in den Räumen – das wäre dann ja die Konsequenz – ein Konzept zu entwickeln, wo auch das Neue seinen Platz hat. Oder sehen sie das anders?

Nein, das liegt ja auf der Hand. Die Frage ist doch – und das meine ich ja gerade mit rationalen Erwägungen: Wenn ein Ratsherr gefragt wird, wie wollen wir in der Zukunft ein Veranstaltungsgebäude haben, muss er sich ja auch fragen, wie stelle ich das denn her? Das müssen die Ratsvertreter m.E. entscheiden, in die eine oder andere Richtung. Dieser Prozess muss aber offen sein, muss ganz transparent sein und jeder muss dann auch so entscheiden können, wie er es für richtig hält. Die BürgerInnen müssen sich auch im Klaren sein, dass sie dieses Veranstaltungsgebäude dann auch für die nächsten 20, 30, 40 oder vielleicht sogar 50 Jahre nutzen müssen.

Würden sie dem zustimmen, dass Kultur so wichtig ist wie Bildung?

Da müssen wir uns darauf einigen, was wir unter Kultur und was wir unter Bildung definieren. Also für mich ist Bildung etwas ganz Elementares. Das ist so wichtig wie nur irgendetwas und Kultur – wenn ich sie nicht auf Kunst beschränke – ist etwas wie die Basis des Ganzen, denn ohne Kultur habe ich auch keine Bildung.

Wenn wir in Bildung investieren, z.B. in eine Schule, dann wissen wir nicht, was es uns morgen bringt, sondern wir wissen nur, dass es eine wichtige Voraussetzung ist. Wenn Sie sogar noch sagen, dass Kultur die Voraussetzung für Bildung ist, dann wäre die Investition in Kultur geradezu elementar, systemrelevant.

Ja, aber das will ich ja auch.

Das heißt, wenn die Stadträte ihren Ansatz teilen würden, wäre eine rationale Entscheidung eigentlich immer für ein Kulturzentrum.

Ja, natürlich.

Also dürfte die Kostenfrage nicht das Maß aller Dinge sein, denn bei Schulen fragen wir uns das auch nicht in dieser Art.

Da bin ich absolut bei Ihnen. Wenn wir sagen, wir wollen das fördern, wir wollen das ausbauen und wir wollen Varel kulturell auf ein neues Niveau bringen, dann muss allen Beteiligten klar sein, dass das Geld kostet. Dabei haben wir einen Vorteil: Wir haben Zeit. Solch ein Prozess dauert drei oder vier Jahre, bis das aufkeimt, was wir uns am Anfang vorgestellt haben. Ich denke, wenn man den Leuten sagt, was das für tolle Sachen bringen kann und wie sehr davon die Gemeinde, die Gesellschaft profitieren kann, dann sind sie auch bereit, dafür die notwendigen Budgets zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet zum einen, dass eine Verschiebung von finanziellen Mitteln vollzogen wird, aber zum anderen vielleicht auch das Generieren von neuen Mitteln. Machen wir uns nichts vor: Alles was wir tun, was wir haben wollen, kostet Geld – und das bedeutet, dass wir dementsprechend verändern müssen.

Varel um 1960 – Verdichtung nicht als Planungskonzept, sondern als Lebensgefühl.

Neues Niveau: Was schwebt Ihnen da konkret vor? Geht das auch in Richtung digitale Technik, Hackerspace u.a.m. oder ist es eher, dass wir das, was wir verloren haben, wieder zurückgewinnen, wie etwa die Kammerkonzerte am Hafen?

Wir haben 2019 auf dem Schlackenplatz die Oper Nabucco zeigen können. Das war eine gelungene Veranstaltung. Aber wir dürfen das andere aber auch nicht Außen vor lassen. Es muss auch immer wieder etwas Neues geben. Mit den Kammerkonzerten für Neue Musik, die am Hafen stattfanden, hatten wir eine sehr schöne Veranstaltungsreihe. Es ist dann natürlich aber auch immer eine Frage, wer das macht. Da erwarte ich, dass sich die Stadt Varel mit einer Art Kulturagentur neu aufstellt. Das man hier wirklich sagt: Wir kommen mit den Kulturschaffenden zusammen und gemeinsam versuchen wir etwas für Varel auf die Beine zu stellen. Dazu müssen wir sehen, dass wir die Menschen wieder zusammenbringen, das ist ganz wichtig. Denn ohne ein gemeinschaftliches Tun an dieser Stelle, wo sich jeder einbringt, wo man sich aber vielleicht auch einfach mal zurücknimmt, wird es nicht gehen. Es sollte sich eine Gruppe finden und konstituieren, die sich bereit erklärt, dem Stadtrat im kulturellen Bereich mit tatsächlichem Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Können Sie sich vorstellen, dass Varel ein soziokulturelles Zentrum bekäme?

Die „Seefelder Mühle“, wenn sie mich darauf beispielsweise ansprechen, da stehen bestimmte Menschen bzw. eine engagierte Gruppe dahinter. Wenn wir solche Menschen hier in Varel haben, hätte ich überhaupt nichts dagegen. Das Ganze lebt mit diesen Menschen und wenn eine solche Gruppe akzeptiert ist und sozusagen auch ein Mandat der anderen Kulturschaffenden bekommt, dann kann ich mir das auch für unsere Stadt gut vorstellen. Hier in Varel sehe ich aber, dass es nicht ganz so einfach ist, die Leute zu bündeln und zusammenzubringen. Insofern ist das keine einfache Situation.

Ich danke für das Gespräch.

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Wird die Alte Feuerwache verkauft?

Einerseits bemüht man sich in Varel mit einem faszinierenden Projekt, den engagierten BürgerInnen einen Ort zu geben, damit sie sich in dem Entwicklungsprozess der Stadt mit einbringen und andererseits wird kommunaler Hausbesitz ohne weitere Diskussion und Überlegungen stillschweigend veräußert. Das ist ein grundlegender Widerspruch und das sind die Beispiele: Die Alte Feuerwache und die Börse in Varel. Beide Gebäude wurden lange Zeit weit unter ihren Möglichkeiten genutzt und waren in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent. Im vergangenen Jahr wurde dann ohne viel Federlesen das Gebäude der Alten Börse – ein Haus, das mehr als 208 Jahre alt ist – an die Barthel-Stiftung verkauft. Die Stiftung ist nun dabei, eine Ideenbörse zu realisieren. Bei der Feuerwache am Alten Marktplatz zeichnet sich das Gleiche ab. Hintergrund ist die kommende Sitzung des Ausschusses für Schulen, Kultur und Sport am 19.01.2021, in der ein Antrag der Niederdeutschen Bühne Varel über einen kommunalen Mietzuschuss für den neuen Standort des Bühnenfundus zur Entscheidung steht. In der Begründung des Sachverhaltes seitens der Verwaltung findet sich folgende Formulierung: Nachdem der NDB Varel mitgeteilt wurde, dass Überlegungen bestehen, das Gebäude einer anderen Nutzung zuzuführen bzw. zu veräußern, wurde dem Verein von privater Seite angeboten, ehemalige Werkstatträume einer ähnlichen Größenordnung wie bisher zu mieten.“

Das alte Stadtzentrum: Die Alte Feuerwache am Marktplatz, im Hintergrund die Vareler Börse.

Dass der Antrag bewilligt wird, ist wahrscheinlich, wohl auch deswegen, weil die Überlegungen eines Verkaufs der Alten Feuerwache schon weitgehend vorbereitet zu sein scheinen. Über die Nutzungsmöglichkeiten auch im kommunalen Rahmen wurde und wird nicht nachgedacht. So bietet sich die Feuerwache als Teil einer „Kulturmeile“ an, die von der Alten Feuerwache über die Börse hin zur Stadtbibliothek einen innerstädtischen Zusammenhang rekonstruieren könnte – der Alte Marktplatz als ehemaliges Stadtzentrum nun als Kulturforum.

Doch solche Ideen überfordern die Stadt Varel, in der die Verwaltung und der Rat die Kunst und Kultur weitgehend an die BürgerInnen zurückgeben möchte. In guten wie in schweren Zeiten zieht sich die Verwaltung auf die Pflichtaufgaben zurück. Im Falle der Niederdeutschen Bühne ist das schon fast sarkastisch, denn die Spielstätte der Niederdeutschen Bühne, das Tivoli, ist gefährdet. Manch einer fabuliert von einem neuen Veranstaltungshaus im ehemaligen Kasernengelände, bei dem allerdings eher das Bauvorhaben und der damit verbundene Bauauftrag im Vordergrund zu stehen scheinen, als die inhaltliche und betriebliche Konzeptentwicklung. Und bei alle dem werden die BürgerInnen weitgehend ausgeschlossen.

In diesem kommunalen Rahmen muss sich nun ein Projekt wie die Ideenbörse der Barthel-Stiftung behaupten: Entgegen der alltäglichen Erfahrung soll den Menschen mit ihrem Engagement ein konkreter Ort der lebendigen gesellschaftlichen Teilhabe gegeben werden – und entgegen all ihrer Erfahrungen sollen sie ihn auch tatsächlich in diesem Sinne nutzen. Dazu bedarf es mehr als nur guten Willens, aber ohne ihn geht gar nichts.

Am vergangenen Montag (11.01.2021) hatte die Bartel-Stiftung zu einem Pressegespräch eingeladen. Anwesend waren auch Klaus Blum und Markus Neumann von der LzO, die im Rahmen der Ideenbörse das konstruktive Gespräch mit der Barthel-Stiftung gesucht haben. Seitens der Förderer sucht man nunmehr verstärkt die Kooperation und weniger die Konkurrenz um die attraktivsten Projekte. Dazu sind sie auch gezwungen, denn die Stiftungen haben aufgrund der Zinspolitik immer weniger Erträge. Demgegenüber aber wächst die Zahl der Anträge. Bei Förderungen die Gemeinsamkeiten zu suchen, kann also bei allen Beteiligten Synergieeffekte entfalten. Doch hier zeichnet sich das schon angedeutete Dilemma der Stadt Varel ab: Diese hat es über einen langen Zeitraum versäumt, ein Umfeld für die Kreativ- und Kulturwirtschaft zu entwickeln. Viel zu lange hat man auf die konventionellen Industriefelder gesetzt, ohne zu realisieren, dass der Wohlstand immer stärker auf den Ideen der digitalen Tüftler und Nerds basiert, deren Alltagssound das Surren der Festplatten ist. Gerade die Vorschläge auf dem Ideenforum wie etwa ein Kreativlabor, einem Hackerspace oder einem FabLab sind Anregungen, die ernstzunehmen sind. Wenn diese keinen Platz in der Börse finden, dann sollten sie ihn in der Feuerwache oder im Tivoli haben. Das Zusammenleben unserer Gesellschaft verändert sich – nicht zuletzt auch im Schatten der Pandemie – grundlegend und die Stadt Varel wäre schlecht beraten, wenn sie den Initiativen der Barthel-Stiftung und vor allem solchen innovativen Ideen wie einem Hackerspace oder einem FabLab nicht aktiv zur Seite stehen würde. Konkret heißt das, die Kreativ- und Kulturwirtschaft stärker in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung zu bringen. Bildung ist mehr als nur eine Chance auf dem Arbeitsmarkt durch Ausbildung. Vor allem (inter-)kulturelle Bildung ist eine offene und lebendige Auseinandersetzung mit neuen Perspektiven – und insofern hat die Stadt Varel ein eklatantes Bildungsdefizit, das mit jeder Entscheidung wie etwa dem Verkauf der Feuerwache oder gar des Tivoli zu einem kostspieligen Abgrund wird.

Norbert Ahlers

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Farbenfrohe Strahlkraft in der Börse der Ideen

Lichtinstallation in der Drostenstraße 11

Lichtinstallation in der Drostenstraße 11

„Aus vielen guten Ideen kann Gutes erwachsen – sei dabei!“ So der Slogan der Barthel-Stiftung für das derzeit wohl eindrucksvollste Projekt in Varel: Die Börse der Ideen. Dorothee Evers und Franziska Scholl von der Barthel-Stiftung hatten zur Präsentation der Lichtinstallation geladen, mit der die Börse der Ideen im neuen Licht erstrahlen soll.

Dorothee Evers und Franziska Scholl und der Ideen-Postkasten bei der Börse

Mit einer Box voller Ideenkarten und einem Briefkasten in der Drostenstraße 11 können nun auch die VarelerInnen ihre Erwartungen, Wünsche und Visionen direkt mitteilen und sich so schon früh in den Prozess der Projektentwicklung selbst mit einbringen. Mit der Firma Coldewey aus Westerstede gelang es, eine Lichtinstallation im Gebäude zu entwerfen, die dem Haus in der winterlichen Dunkelheit eine neue Aufmerksamkeit verleiht und auch schon ein wenig von der erhofften Farbenfreude dieses Ortes erahnen lässt. Das Gebäude selbst wird erst im kommenden Jahr umgebaut und dann mit Abschluss der Renovierungsarbeiten öffentlich zugänglich sein. Dass dabei dem Projekt noch ein inhaltliches Profil fehlt, scheint durchaus gewollt zu sein. Das Haus soll ein Ort für die Vareler BürgerInnen sein, d.h. sie bestimmen letztlich durch ihre eigenen Inhalte und ihre Nutzungsvorschläge den Charakter dieser ungewöhnlichen Börse. Das hat durchaus einen Modellcharakter für die Region und es wäre eine Unterstützung gewesen, wenn der Stadtrat in der letzten Ratssitzung sowohl die Arbeit des Agenda-Büros als auch dieses Projekt konkret mit dem Beschluss zur nachhaltigen Kommunalentwicklung im Sinne der Agenda 2030 unterstützt hätte. Doch hier hat der Rat versagt und somit die BürgerInnen in ihrem Engagement allein gelassen. Aber vielleicht wird dieses Haus in der Drostenstraße ja der Beginn für eine Neuorientierung in dieser Stadt sein, auf jeden Fall aber ist es eine Einladung an alle, sich für die Belange dieser Stadt einzusetzen.

Wovon träumst Du? - Die Kartenaktion der Barthel-Stiftung

Wovon träumst Du? – Die Kartenaktion der Barthel-Stiftung

Wer vor dem Gebäude steht und gerade keinen Stift zur Hand hat, um eine Idee auf eine der Karten zu schreiben, kann dies auch im Netz tun, in dem er seinen Text auf einer digitalen Karte notiert. Hier der dazugehörige Link: www.börse-der-ideen.de/.

Norbert Ahlers

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Kulturhaus Tivoli – der bestgeeignete Ort

In Varel kommt etwas in Bewegung: In der Drostenstraße entsteht die „Börse der Ideen“ und die alte katholische Kirche wird zu einer „Kunst- und Kulturkirche“ umgestaltet. Für den ehemaligen Güterschuppen am Bahnhof wollte die SPD einen Antrag zur Nutzung als Fahrradstation, Ausstellungs- oder Kommunikationsfläche sowie „flexiblen großen Raum“ für Vorträge, Theater und andere Veranstaltungen stellen (der Antrag wurde inzwischen zurückgezogen). Für das Tivoli hingegen, der inoffiziellen Stadthalle Varels, bleiben nur die Träume von einem soziokulturellen Kulturhaus ähnlich dem „Vereenshus“ in Zetel, die Möglichkeiten einer Rettung und vor allem der Weiternutzung des Gebäudes werden bisher kaum diskutiert. Doch die Zeit drängt, denn im Frühjahr 2021 wird das Tivoli den regulären Betrieb schließen.

Der Grosse Saal des Tivoli – Spielstätte der Niederdeutschen Bühne

Hier zeigt sich eine grundsätzliche Schwierigkeit in der Vareler Kulturarbeit: Trotz einer bemerkenswerten Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement gibt es keine inhaltlichen Schwerpunkte, keinen Zusammenhang und wenig Kooperation. Hintergrund ist das Missverständnis in Varel, dass Kultur nicht Sache der Kommune, sondern der Bürger selbst sein soll. Es ist deswegen ein Missverständnis, weil somit gilt, dass die, die das Vermögen haben in Kultur zu investieren, auch definieren, was in der Öffentlichkeit als Kultur verstanden wird. Schwieriger aber ist, dass sich in Varel viele kleine Initiativen, Vereine oder Einzelpersonen für ein Anliegen oder eine Idee einsetzen, sich jedoch ohne stabile Rahmenstrukturen nach kürzester Zeit erschöpfen oder kaum substantiell weiter entwickeln. Im ländlichen Raum kommt zudem noch eine Neigung zur gegenseitigen Abgrenzung hinzu, die weder Kooperationen noch Innovationen ermöglicht. Unter diesen Bedingungen wird in den meisten Fällen ein dürftiges Mittelmaß erreicht. Der Mangel an Qualität wird dann als Indiz missverstanden, der die Ablehnung für eine substantielle Förderung, sprich eine institutionelle Förderung begründen soll. Statt den Mangel in der kulturellen Bildungsarbeit aufzuarbeiten dient eben gerade dieses Defizit als Grund, alles so zu belassen, wie es ist. So vergewissert man sich einander in dem Glauben, dass man sich in der Provinz nicht den Herausforderungen der Kunst und denen der sozialen und kulturellen Reflexion stellen müsse. Der Konsens ist banal: Kunst darf nichts kosten, solange sie selbst keinen Profit bringt.

Der Garten des Tivoli, der sich direkt an die Deharde-Wiese bzw. den Sportplätzen anschließt

Was aber wäre für Varel der Vorteil und die Besonderheit eines Kulturhauses im Tivoli? Für eine Stadt wie Varel wäre das Tivoli als Kulturhaus für die Niederdeutsche Bühne, für ein längst überfälliges Kino, für eine Literaturwerkstatt und verschiedene Werkateliers ein überzeugender Ort. Das Haus verfügt über drei Säle (Kleiner Saal, Großer Saal und das sogenannte Clubzimmer) und zwei weitere größere Zimmer, also Räume für Probebühnen, Seminarräume, Theater und Konzerte. Hinzu kommen die ehemaligen Hotelzimmer im ersten Stock, die lange Zeit als Wohnung der Pächter dienten. Es braucht wenig Fantasie, sich dort Werkateliers oder Unterkünfte für „Artist in Residenz“-Programme vorzustellen. Eine Gastronomie zum Verweilen und für Gespräche ist auch vorhanden. Der große Garten hinter dem Haus schließt sich an die Deharde-Wiese an und könnte so dem geplanten Sport- und Stadtpark eine sinnvolle Ergänzung sein.

Es reicht nicht aus, dass man in Varel immer nur auf Dangast, das Kurhaus und seinen Rharbarberkuchen hinweist, wenn es um Kultur geht. Dangast ist eine ganz eigene Destination, die in ihrer Geschichte eher unter Varel zu leiden hatte als dass das Dorf von der Stadt profitieren konnte. Varel, das sogenannte Mittelzentrum im Kreis Friesland, steht in Fragen der Kulturarbeit stets im Schatten von Jever und Rastede, von Oldenburg und Wilhelmshaven ganz zu schweigen.

Die kommunalen Gremien und deren Verantwortliche weisen auch immer wieder auf das vielfältige und reiche Kulturleben der Stadt Varel hin und dass man doch vieles im Rahmen der Möglichkeiten unterstütze. Dennoch gilt der Vorbehalt, dass Kultur eher Luxus als Notwendigkeit ist, um den sich die BürgerInnen angesichts der klammen Haushaltskassen selbst kümmern sollen.

Der Kleine Saal – ideal als Probebühne und Tanzsaal

In Baden-Würtemberg formuliert das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Bedeutung der Breitenkultur mit folgenden Worten: „Kulturelles und künstlerisches Engagement ist für viele Menschen zu einem Grundbedürfnis ihres Lebens geworden. Es führt Menschen zusammen, sei es als Akteure oder Publikum. Für eine moderne, hochentwickelte Gesellschaft sind die Identifikation mit Kultur und die Entwicklung neuer künstlerischer Impulse von unschätzbarem Wert.“ Ein solches Engagement braucht offene Orte mit entsprechendem Equipment, d.h. eine Theatergruppe braucht einen Saal und eine Bühne, Maler brauchen Ateliers, FilmemacherInnen brauchen einen Gerätepool und alle brauchen ein Haus, in dem sie arbeiten und einander begegnen können. Es geht um reale Grundbedürfnisse. Kulturelles und künstlerisches Engagement ist nicht nur eine Verständigung kultureller Identitäten in einer komplexer gewordenen Wirklichkeit, es ist auch der ständige Versuch, an den aktuellen Gegebenheiten und Veränderungen teilzuhaben, sie überhaupt zu verstehen. In Baden-Württemberg versteht man unter Breitenkultur die Förderung von Amateurtheater, -musik und der Kleinkunst, zudem die Förderung der Heimatpflege sowie die Unterstützung für Jugendkunst-, und Musikschulen und der kulturellen Jugendbildung.

Förderungen, die auch in Niedersachsen möglich wären, wenn es denn die Kommunen überhaupt wollten bzw. das Kulturengagement ihrer BürgerInnen als Grundbedürfnis anerkennen wollten. Wohl verstanden: Bei dieser Förderung geht es nicht um die Marketing-Events einer Stadt, sondern um die aktive Teilhabe am Kunst- und Kulturleben vor Ort. Will daher Varel der ihr zugeordneten Rolle eines Mittelzentrums gerecht werden, dann braucht die Stadt ein Kulturzentrum mit einer Theaterbühne. Dafür ist das Tivoli mit einer Gastronomie und den Sälen ein ideales Haus, was erhalten werden sollte. Nicht nur, dass man ein historisches Veranstaltungshaus, in dem man sich seit 1901 kontinuierlich zu geselligen Festen traf und trifft, für das Stadtbild erhalten würde und man das Gebäude mit seinem großen Garten dem skizzierten Bewegungs- und Begegnungspark angliedern könnte, es könnte vor allem in seiner neuen Funktion und im Zusammenspiel mit der „Börse der Ideen“ über die Grenzen der Stadt hinaus eine eindrucksvolle kulturelle und innovative Bedeutung entfalten. Will also Varel überregional repräsentiert sein, so wie es Bürgermeister Wagner anstrebt (vgl. den Friebo), dann gelingt dies nur, wenn die Stadt auch ein ernstzunehmendes Angebot in der Jugendförderung, der Breitenkultur und der Kreativwirtschaft vorstellen kann. Das Tivoli wäre dafür der bestgeeignete Ort.

Das Clubzimmer oder auch ein Ort für ein kommunales Kino Varel

 

Norbert Ahlers

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Gemeinsames Lernen – eine Herausforderung im steinigen Gelände

Das Niedersächsische Kultusministerium gab vor kurzem dem Antrag der Oberschule Varel auf eine abweichende Organisation der Fachleistungsdifferenzierung in den Schuljahrgängen 9 und 10 der jahrgangsbezogenen Oberschule statt.

Diese Neuigkeit wurde in der vergangenen Woche der Vareler Öffentlichkeit kundgetan und es fand sich ein großer Bahnhof: Andreas Michalke, Sebastian Wosnitza und Sabine Kampmann, sie repräsentierten die Schulleitung der OBS Varel, erläuterten den neuen pädagogischen

Ansatz gegenüber Tanja Mlodzian (Landesschulbehörde Regionalabteilung Osnabrück für den Bereich Varel), Gerd-Christian Wagner (Bürgermeister der Stadt Varel), Sven Ambrosy (Landrat des Kreis Friesland), Miriam Engels-Isigwe (Rektorin der Schlossplatzschule Varel), Ronald Ernst (Hauptsachgebietsleiter für Schulen im Landkreis Friesland), Silke Faulwetter (Regionale Beratungs- und Unterstützungszentren Inklusive Schule RZI Friesland), Reinhold Harms (Bildungsregion Friesland), Franziska Scholl (Barthel-Stiftung) und Sandra Heidenreich und Holger Behnken (beide Schulleitung der Heinz-Neukäter-Schule) sowie Vertreter der Presse. Es fehlten die Schulleitungen des Lothar-Meyer-Gymnasiums und der BBS.

Die Räumlichkeiten von Institutionen haben eine eigene Textstruktur: Das Gebäude vermittelt immer, wie sich der Anwesende in den Räumen zu bewegen hat. Das gilt für Schulen ebenso wie für Gerichte, Kirchen oder Rathäuser.

Die Besonderheit dieses neuen Modells der Oberschule Varel, das tatsächlich singulär in Friesland und Oldenburg ist, zeichnet sich durch die Betonung der Erfahrung der Gruppengemeinschaft aus, die bisher zu wenig Beachtung findet. Die Kontinuität einer Klassengemeinschaft kann SchülerInnen den notwendigen Rückhalt geben, den Heranwachsende brauchen, nicht zuletzt um sich in der Pubertät gegenüber den Ansprüchen des Elternhauses, der Peer-Group und der Konsumgesellschaft eigenständig und stabil zu entwickeln. Dass man nun auch weiterhin in den Klassenstufen 9 und 10 den Klassenverband erhält und im Rahmen der sogenannten Binnendifferenzierung unterrichtet, gilt nachweislich als Vorteil, zumal auch die Klassenleitung als zentrale Bezugsperson für die SchülerInnen in ihrer Verbindlichkeit erhalten bleibt.

Die inhaltlichen Neuerungen der Oberschule, deren Modell seit 2011 in Niedersachsen Standard geworden ist, sind in der Bevölkerung immer noch nicht ernsthaft verstanden worden. In der Öffentlichkeit begreift man die Oberschule als eine Zusammenlegung der Haupt- und Realschule bzw. als die schlechtere Alternative zum Gymnasium. Dass sich die Oberschule gegenüber den alten Schulformen pädagogisch grundlegend anders versteht und auch arbeitet, ist in der breiten Öffentlichkeit immer noch nicht angekommen.

Die Oberschule konzentriert sich auf ein Miteinander, sowohl im Bereich der Inklusion als auch der Integration. Sie setzt auf Kooperation und nicht auf Hierarchie. Das pädagogische Credo für die Oberschule Varel lautet „WIR LERNEN GEMEINSAM“, es geht darum, gezielt Gemeinsamkeiten zu stärken und vor ihrem Hintergrund und aus ihrer Sicherheit heraus auf die Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft vorzubereiten.

Dazu Andreas Michalke, Oberschulrektor der OBS Varel, im Interview:

N. Ahlers: Was sind die Erwartungen an die Lehrer? Was erwarten die Eltern von der Oberschule?

A. Michalke: Anfangs gab es einige Verwirrung wegen der Umbenennung durch die Schulreform. Viel wird immer noch mit den alten Bezeichnungen Haupt- und Realschule gedacht, das heißt man sucht alte, vertraute Elemente wieder zu entdecken. Das wird sich irgendwann demografisch auswachsen. Der Bildungsauftrag ist klar beschrieben, auch in Abgrenzung zur gymnasialen Bildung, wo eben die Studienorientierung fokussiert wird, ist der Hauptschwerpunkt der Oberschule eine Berufsorientierung. Das ist verankert im Niedersächsischen Schulgesetz. Nichtsdestotrotz gibt es auch hier eine Studienorientierung.

N. Ahlers: Wie sind die neuen Prozesse und Herausforderungen in der Erwartungshaltung abgebildet?

A. Michalke: Noch vor der Umstrukturierung zur Oberschule gab es den Trend zu Ganztagsschulen, das war eine gravierende Veränderung in den 90er Jahren, die aber mit der erhöhten Arbeitszeit der Eltern zusammenhing. Das brach die traditionelle Vorstellung von Elternhaus und familiärem Leben auf.

N. Ahlers: Die Ganztagsbetreuung macht ja durchaus den Eindruck des Provisorischen. Es ist nicht so wie in Frankreich.

A. Michalke: Das stimmt, das hatte hier nicht die Tradition und so kann man den Eindruck durchaus bekommen.

N. Ahlers: Ist dieses Credo ‚gemeinsam lernen‘ das neue Profil, mit dem sich die Oberschule gegenüber dem Gymnasium neu positionieren will?

A. Michalke: Das Gymnasium hat im Grunde mit einer ähnlichen Heterogenität zu tun, wie die Oberschule. Es ist ja so, dass das Anwahlverhalten vieler Eltern aus mancherlei Gründen einen ganz starken Andrang in Richtung Gymnasium zeigt. Das dokumentieren die Anmeldezahlen. Das hat zur Folge, dass sich die pädagogische Herausforderung am Gymnasium auch stark gewandelt hat. Die Gymnasien können sich mit ihren klar definierten Leistungsanforderungen von vielen dieser Schüler trennen.

N. Ahlers: Die dann wieder zurückkehren in die Oberschule?

A. Michalke: Ja, genau.

N. Ahlers: Sie erlernen also erst eine massive Frustration, z.B. weil sie die Eltern scheinbar enttäuscht haben, und dann versuchen sie sich wieder neu zu entwickeln?

A. Michalke: Ja, und da gibt es ganz verschiedene Verläufe: Wenn das zu spät geschieht, brauchen die SchülerInnen eine längere Zeit, um mit Erfolgserlebnissen wieder Freude am Lernen und an der Schule zu haben und wir hatten durchaus auch Fälle, wo Kinder das alles erleben mussten und man dann bei den jüngeren Geschwistern bei der Anmeldung dann anders vorgegangen ist.

N. Ahlers: Inklusion, was versteht man hier an der Oberschule ganz konkret darunter?

A. Michalke: Das ist eine Sache, die ja mit dem Motto ‚gemeinsam lernen‘ abgedeckt wird. Also ganz einfach: Neben mir als Schüler kann ein/e SchülerIn sitzen, der/die andere Lernvoraussetzung hat als ich und – so die Idealvorstellung – es gelingt, dass sich beide mit demselben Gegenstand auf dem jeweils angemessenen Anforderungsniveau gemeinsam mit einem Thema befassen.

N. Ahlers: Konzentriert sich Inklusion auf sozial Benachteiligte, auf körperlich und geistig Beeinträchtigte oder auf Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund?

A. Michalke: Wenn man den Begriff benutzt, wie er im Schulgesetz steht, gibt es eben anerkannte sonderpädagogische Unterstützungsbedarfe – Sehen, Hören, KME, Lernen, geistige Entwicklung und sozial-emotionale – und für die gab und gibt es in Niedersachsen eine eigene Förderschullandschaft- Im Förderbedarf Lernen ist es erklärtes Ziel, die Förderschule Lernen auslaufen zu lassen, d.h. dass alle Schüler mit einem Unterstützungsbedarf Lernen inklusiv an Oberschulen beschult werden – aber nicht nur Oberschulen, sondern auch an Gymnasien. Das hängt von der Wahl der Eltern ab, wo sie dann zieldifferent unterrichtet werden. Was den interkulturellen Unterricht angeht, so sind wir hier an unserer Schule in der glücklichen Situation, dass wir im Kollegium auch Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte haben, die so auch veranschaulichen, dass der Lehrerberuf auch für die SchülerInnen eine Option sein kann.

N. Ahlers: Spannend ist, wie sich unter den Bedingungen der Heterogenität ein neues Gemeinsames definieren kann. Erleben Sie so etwas – dass man sich in einer neuen Gemeinsamkeit entdeckt?

A. Michalke: Naja, zum einen ist die Schraubzwinge der Schulpflicht eine Gemeinsamkeit. Man trifft sich hier ja nicht ganz freiwillig; und zum anderen ist es unser Konzept der stabilen Klassengemeinschaften, das ja für uns eine zentrale Rolle spielt, das diese Prozesse extrem begünstigt. Es werden Vorurteile abgebaut, weil man in der alltäglichen Begegnung den konkreten Menschen kennenlernt und nicht auf eine trennende Kategorie beharrt.

N. Ahlers: Der neue Ansatz ‚gemeinsam lernen‘ basiert ja darauf, dass man gemeinsam eine Leistungserwartung auf dem jeweiligen Niveau erfüllt. Sie versuchen somit Leistung individuell zu definieren. Wie entwickelt sich hier die Klassengemeinschaft, wenn doch individuell gelernt wird?

A. Michalke: Nun, es ist insbesondere eine hohe Kunst – und auch eine neue Herausforderung – für unsere Lehrkräfte bei dieser individualisierten Form des Lernens im gemeinsamen Klassenverband. Die Anforderungen werden sich steigern. Alle haben das gleiche Thema, aber einen unterschiedlichen Zugang. Der Lernzuwachs besteht darin, dass die SchülerInnen eben gegenüber diesen Unterschieden bzw. für diese Andersartigkeit ihr eigenes Verständnis und die eigene Empathie entwickeln müssen. Im Streitfall sind dann hier die LehrerInnen auch als Moderatoren gefordert. Das sind Kompetenzen, die jenseits der bloßen Wissensvermittlung liegen. Das ist dann auch der erzieherische Auftrag, den die Lehrkraft hat.

Die Gängen, konzipiert in der 70er Jahren, scheinen licht und offen zu sein, doch sie werden vor allem durch Kunstlicht erhellt.

Bei allem Zuspruch muss aber doch konstatiert werden, dass zum einen Varel ein reales Bildungsproblem hat, denn im Gegensatz zu den Bildungsreformen im 19. und 20. Jahrhundert scheint Bildung nicht mehr für ein Versprechen der Emanzipation und Befreiung zu stehen, sondern nur noch für Kompetenzentwicklung und Valuationsnachweise für den weiteren Ausbildungs- oder Studiengang. Steine lügen nicht und wenn Bauten in Stein formulierte Gedanken sind, dann dokumentieren gerade die Schulgebäude die Zweckorientierung, die offensichtlich die zentralen Ideen dieser Gesellschaft bilden. Sie sind der fragwürdige Konsens, gegenüber dem sich die Lehrkräfte und die Schüler mühevoll behaupten müssen. Die Bauten veranschaulichen auch, wie klein die Freiräume sind, in denen sich Schulleitungen und Lehrkräfte bewegen können.Wenn die zentralen Vorteile des Vareler Modells, eben die Optionen der Fachdifferenzierung (Lernen entsprechend der eigenen Stärken, Interessen und Möglichkeiten) und die Stabilität der Klassengemeinschaft gleichsam zu erhalten, nicht selbstverständlich sind, sondern in Niedersachsen einen experimentellen Schritt darstellen, dann zeigt diese Sachlage die Verengung des gegenwärtigen Bildungssystems und dessen Vertrauenskrise. In § 4 des Niedersächsischen Schulgesetzes heißt es:

„1) Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang und sind damit inklusive Schulen. Welche Schulform die Schülerinnen und Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten (§ 59 Abs. 1 Satz 1).

2) In den öffentlichen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam erzogen und unterrichtet. (…)“

Solange die Erziehungsberechtigten nicht davon überzeugt werden können, dass ein gemeinsames Lernen und die Entwicklung von Empathie für die besondere Situation des Anderen mehr zählt als der bloße Leistungsnachweis, wird die Oberschule immer noch als eine bloße Zusammenlegung der Haupt- und Realschule begriffen. Somit wird sie als „Restschule“ gegenüber dem Gymnasium missverstanden und es war bezeichnend, dass trotz manch gelungener Kooperation zwischen der OBS und den weiterführenden Schulen bei diesem Termin die Schulleitungen der Gymnasien fernblieben.

Dass zu Schulbeginn unter dem Schatten der Pandemie andere Themen nicht so sehr in den Fokus genommen werden, wie sie es verdienen, ist eine Sache, doch eine ganz andere Sache ist es, dass man in Varel seit der Auseinandersetzung um die OBS Obenstrohe die überfällige Diskussion um die Bildung vor Ort oder auch im Landkreis gänzlich aus den Augen verloren zu haben scheint. Es bedarf mehr solcher Initiativen wie die der Gesamtkonferenz und des Vorstands der Oberschule Varel und öfter solche Ermutigungen wie die des Niedersächsischen Kultusministeriums. Es bedarf mehr solcher Experimente, in denen Erfahrungsräume des Gemeinsamen bei gleichzeitiger Wahrnehmung der Differenzen erlebbar werden. Nicht nur SchülerInnen lernen, sondern auch Institutionen – und auch die Erziehungsberechtigten. Doch das gelingt nur, wenn man der Schule und ihren Zielen Vertrauen entgegenbringt. In Varel ist da noch einiges zu tun.

von Norbert Ahlers

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Stadtgespräche – lasst uns reden

Einen öffentlichen Disput einzufordern ist die eine Sache, ihn zu führen oder zu moderieren eine andere. Öffentliche Diskussionen scheinen sich ihrer Umgangsformen unsicher geworden zu sein. Insbesondere in den sozialen Netzwerken kommt es zu Statements, die eher von vehementen Ressentiments als gedanklichen Argumenten geprägt zu sein scheinen. In öffentlichen Auseinandersetzungen geht es parallel zu den jeweiligen Themen immer auch um Aufmerksamkeit. Das war zu anderen Zeiten nicht anders – und dennoch scheint etwas anders geworden zu sein. Dass in einer Konfrontation eher bloße Haltungen als reflektierte Gedanken zum Ausdruck kommen, ist nichts Neues. Die Intentionen in einer solchen Auseinandersetzung scheinen sich allerdings verändert zu haben. Wollte man früher seinen Gegenüber überzeugen, so zielt man heute eher auf die Aufmerksamkeit des eigenen Auftritts. Dabei verstört die Vehemenz mancher Statements. Ein Beispiel: Der Widerstand gegenüber den Forderungen der Klimaaktivisten oder den SchülerInnen der Friday for Future-Bewegung haben eine Wut, die man früher in Westdeutschland nur zu hören bekam, wenn ein Antikommunisten sich in Rage geredet hatte. Allerdings hatten jene Herren noch einen verlorenen Krieg in den Knochen und eine präzise Vorstellung davon, wie verroht Menschen zueinander sein können. Das ist heute glücklicherweise bei den meisten Bundesbürgern nicht mehr der Fall und trotzdem artikuliert sich aktuell eine Wut, die einen erschreckt.

Was ist das für ein Widerstand?

Es ist zweckmäßig, diesen Widerstand in seinen Motiven nachzuvollziehen. Ein Beispiel: Jürgen Bruns, SPD-Ratsmitglied der Stadt Varel, sagte vor längerer Zeit auf einer Veranstaltung, dass er die umstrittene Umgehungsstraße für Varel begrüße, denn Straßen bringen Warenverkehr und dieser wiederum Wohlstand. Anders gesagt: Je mehr Warenverkehr, desto mehr Konsum und mit steigendem Konsum mehr Wachstum. Solange Menschen konsumieren ist daher das Wachstum unendlich. Bruns Satz kam nicht von ungefähr: Drohten sich noch um die Milleniumswende weite Teile der ländlichen Regionen zu strukturschwache Randzonen zu entwickeln, so konnte ein solcher Prozess tatsächlich durch Tourismus und Ansiedlungen von Unternehmen, z.B. im Bereich der Logistik oder der regenerierbaren Energietechnologien, vermieden werden.

In der Provinz suchte man zudem die Vorzüge der Abgeschiedenheit mit den Event-Angeboten der urbanen Zentren zu kombinieren. Damit schuf man eine neue, regionale Attraktivität durch Innovationen. Der Erfolg war nachhaltig: Dachte man in den 90er Jahren bei ländlichen Räumen vor allem an Landflucht, Überalterung, strukturschwache Kommunen, dürftige medizinische Versorgung und schlechte Verkehrsanbindungen, so vollzog sich in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts mancherorts eine rasante Veränderung. Durch vielfältige Anstrengungen wurden die Provinzen an die vielfältige Entwicklungen der Metropolregionen angebunden. Wachstum war also auch auf dem Land möglich und die Abwanderung von Talenten (braindrain) schien nicht mehr zwangsläufig. Dennoch scheint sich etwas grundlegend verändert zu haben. Eine Veränderung, die weit älter und tiefgreifender ist, als die Förderprogramme für strukturschwache Regionen in den vergangenen Jahren. Das Credo vom unendlichen Wachstum in den vergangenen Jahren ist zutiefst erschüttert worden und inzwischen haben es sogar die Grundschüler begriffen, dass der hemmungslose Konsum der Eltern und Großeltern auf Ressourcen basiert, die endlich sind. Versprechen, wie sie Jürgen Bruns deduzierte, überzeugen die Kinder nicht mehr. Diese Kinder sind aber nicht selten die der neuen urbanen Mittelklasse, deren Arbeitsfelder eher die der Wissensökonomie sind, also der wissensintensiven Dienstleistungen in Bereichen wie Forschung, Kommunikation, Design, Planung und Informationsdienstleistungen. Daher geht es um den Transformationsprozess der sogenannten breiten Mitte bzw. der nivellierten Mittelschicht1, die von den 50er Jahren bis Mitte der 80er Jahre des 20.Jahrhunderts das soziale Gefüge der westdeutschen Gesellschaft definiert hat. Einer relativ homogenen Gesellschaft mit einem gemeinsamen Erfahrungshintergrund und einem gesellschaftlichen Wertekonsens. Dass nur drei Parteien (CDU, SPD und FDP) über Jahrzehnte die politischen Geschicke dieser Republik bestimmten, war für diese Gesellschaft bezeichnend. Die nivellierte Mittelschicht war das, was heute noch als Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird. Eine Mehrheit, die es in diesem Sinne gar nicht mehr gibt. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist diese Mitte weitgehend erodiert, d.h.wer das anstrebt, womit man einst in der Mitte der Gesellschaft ankommen und soziale Anerkennung finden konnte, findet sich nun in einer zunehmend fragmentierten Sozialstruktur wieder. Das ist ein Dilemma, denn obwohl es der Mehrheit finanziell vergleichsweise gut geht, ist sie zutiefst verunsichert, denn sie weiß, dass eine Vermögensbildung, wie sie noch den Eltern gelang, für die Jüngeren nicht mehr möglich ist.

Das starrsinnige Beharren auf Ideologeme ist gerade in dieser traditionellen Mittelschicht massiv. Andreas Reckwitz beschreibt in einem Interview die traditionelle Mittelklasse mit folgenden Worten: „Menschen mit mittlerer Bildung, oft in kleinstädtisch-ländlichen Regionen beheimatet, in Einstellung und Lebensführung eher konservativ-traditionell: ein bescheidenes Eigenheim, zwei Kinder, der Kombi steht vor der Tür. Hier finden Sie gewissermaßen das Erbe der einstigen „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“.“ Politisch sind sie meist von der SPD bzw. der CDU geprägt. Es sind Menschen, die sich durch kontinuierlichen Konsum versichern, dass ihre Lebensentwürfe gelungen sind. Statussymbole haben für sie einen hohen Stellenwert. Sie sind Anwender der digitalen Techniken und somit scheinbar auf der Höhe der Zeit, doch sie sind nicht deren Entwickler. Dieser Widerspruch ist spürbar. Sie stehen in der Mitte des Lebens oder sind älter, haben einen relativ hohen materiellen Lebensstandard und empfinden gleichzeitig eine Erosion ihrer Wertvorstellungen. Gegenüber der neuen Mittelschicht der Wissensökonomie in den Metropolen erleben sie sich in einem permanenten Leistungs- und Rechtfertigungsdruck und damit in einer hoffnungslosen Defensive. Es fehlt ihnen am sogenannten kulturellen Kapital. Diese soziale Marginalisierung kann nicht durch die Wirklichkeit der Provinz ignoriert werden und so wird sie zum Nährboden für Abstiegsängste. Das Empfinden der soziokulturellen Marginalisierung kann ein zentrales Motiv sein, weshalb erwachsene Menschen mit einer solch unverhältnismäßigen Vehemenz ihre Ablehnung gegenüber grünen Themen oder einem Mädchen wie Greta Thunberg in den sozialen Medien mit hasserfüllter Wut zum Ausdruck brachten – und immer noch bringen.

Eine Mittelschicht, die mehrere Generationen lang in ihren Haltungen und in ihrer beharrlichen Ausdauer den Erfolg dieser Bundesrepublik verkörpert hat, wird nicht nur in ihren Vorstellungen, sondern auch in ihren Aufstiegsmöglichkeiten in Frage gestellt und so stehen nun Glaubenssätze dieser Lebensentwürfe zur Disposition. Wer will jedoch die Ahnungen herbeireden, die man allerorten wahrnimmt, aber in der eigenen Comfortzone nicht erkennen will? Die Generation, die mit der Globalisierung aufgewachsen ist, handelt gemeinsam mit den Älteren im Glauben an die eigenen Rationalisierungen2 daher konsequent gegen die eigenen Interessen. Sie setzen aus Mangel an solidarischen Visionen auf die Erfolgsmodelle der Vergangenheit, die sie allerdings just in diese Situation gebracht haben. Wenn es aber um Ängste und Glaubensgrundsätze geht, wird der sachliche Dialog schwierig und wo Aufstiegsmöglichkeiten ausgebremst werden, erwachen die eigenen Abstiegsängste. Statt Dialog werden starrsinnige Haltungen artikuliert, doch nicht um zu überzeugen, sondern andere auf sich aufmerksam zu machen. Gerade im ländlichen Raum kann man es sich aber nicht mehr leisten, den Dialog um eine Postwachstumsökonomie zu verweigern. Es geht weniger um ein Verstehen der Menschen, die in diesen Regionen leben, als vielmehr um die neuen Optionen, die mit den notwendigen Neuorientierungen angesichts des Klimawandels verbunden sind. Diese Chancen schwinden, je vehementer der Widerstand gegenüber den Veränderungen in Gesellschaft und Ökonomie wird. In Varel stehen zahlreiche Herausforderungen an: Bildungsarbeit, Biosphärenreservat, nachhaltiger Tourismus, neue Mobilitätskonzepte, Stadtpark, soziokulturelles Zentrum, interkulturelle Kommunikation u.a.m. Es ist an der Zeit, dass in Varel dieser Dialog aufgenommen wird – und zwar jenseits der Illusion vom unbegrenzten Wachstum.

                                                                                                                               Norbert Ahlers

 

1 ) der Begriff nivellierte Mittelschicht geht auf den Soziologen Helmut Schlesky zurück und meint eine Angleichung zwischen der Arbeiterklasse und dem Kleinbürgertum. Gleichzeitig suggerierte der Begriff die Überwindung der sogenannten Klassengegensätze.

2 ) Tiefenpsychololgisch bedeutet Rationalisierung das verstandesmäßige Rechtfertigen eines Verhaltens (Innere Ausrede). Das Ich ersetzt aus dem Es stammende, wahre, aber nicht eingestandene Motive (Motiv, vom Über-Ich verboten) durch unwahre, aber eingestandene Motive (vom Über-Ich nicht verboten). (Quelle: DORSCH Lexikon der Psychologie, Hrsg. Markus Antonius Wirtz) Gemeint sind hier Begründungen wie etwa, dass man z.B. eine Fitnessuhr wegen der motivierenden Selbstkontrolle und den Vergünstigungen bei den Krankenkassen kaufen würde.

Varel aus der Luft, ein Blick aus längst vergangenen Jahren. Es überrascht die innerstädtische Offenheit durch große Grünflächen. Man wünscht sich diese Offenheit in den Köpfen der StadtbewohnerInnen. Bild: Privatbesitz

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