Architektur ist ein Gefühl für Proportion

Wie sähe in Varel ein neues Veranstaltungshaus aus? Was würde ein solcher Bau mit welchen Mitteln darstellen und vermitteln wollen? Der Antwort kann man sich über einen Umweg recht präzise annähern. In einer Gegenüberstellung zweier Fotografien, zwischen denen wohl ca. 60 Jahre liegen, kann man eine Idee nachzeichnen, die das repräsentative Bauen in dieser Stadt veranschaulicht:

Zu sehen ist die Neue Straße mit Blick Richtung Oldenburger Straße. Auf der linken Seite ist das Hotel Ebole zu erkennen. Die Fassade von 1815 ist heute noch weitgehend erhalten, allerdings wurden die Fenster modernisiert (vgl. W.M. Janssen „Bauten in Varel“, S. 110). An das Gebäude schließt sich zwei Häuser weiter die ehemalige Landessparkasse Oldenburg an. Beide Bauwerke waren repräsentative Bauten bürgerlichen Selbstbewusstseins und Erfolges. Beide Bauten verkörperten zudem auch Kontinuität, denn das Hotel Ebole war seit 1800 sowohl ein Posthaus als auch eine Gastwirtschaft. Erst 1877 wurde aus der Gastwirtschaft auch ein Hotel. Die Landessparkasse Oldenburg wurde 1786 gegründet und hatte seit 1915 eine selbstbewusste Niederlassung in der Stadt. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite waren eher typisch kleinteilige Gebäudetypen vertreten, unter anderem auch die legendäre Gaststätte „Vareler Krug“ von Jupp Sommer.

Schaut man heute auf die Straße, so hat sich die Konstellation umgekehrt. Die einst repräsentativen Bauten wirken gegenüber dem massiven Gebäudekomplex der EWE und der Raiffeisenbank klein und mit ihrem Fassadenschmuck fast feinsinnig. Die EWE-Filiale hingegen ist ein demonstrativer Machtbau, dessen Architektur eine komplexe Textur ist. Der Klinker zitiert den regionalen Baustoff nur, denn im Kern handelt es sich um ein Betongebäude, das die Fassade durch große Fensterpartien bricht und aufzuheben scheint. Die Klinker wirken auf den zweiten Blick wie Säulen, vergleichbar den unechten bzw. vorgeblendeten Säulen am Gebäude der Landessparkasse Oldenburg.

Ehemalige Niederlassung der Landessparkasse zu Oldenburg in Varel. Überraschend sind die Sternzeichen als Rahmung des Eingangs / Foto: N.Ahlers

In der Fassade, vor allem in der Rundung zur Bundesstraße hin, dominiert das Glas, das vordergründig eine kundenorientierte Transparenz vermitteln soll, faktisch aber für reale Dominanz im regionalen Energie- und Kommunikationsmarkt steht. Die Flachdächer und das Penthouse-Büro betonen die Form des Kastens, die den ganzen Komplex definiert und abweisend wirkt. Dass man mit diesem Gebäudekomplex auch den Bereich der einst einflussreichen VW-Vertretung Albrechts & Anders überbaut hat, ist dabei eine stille Fußnote der Vareler Stadtgeschichte, denn das Unverstandene in der Geschichte klingt auch in der Ignoranz der Häuser nach, die auf deren Grund stehen.1

Das, was einst im ausgehenden 19. Jahrhundert repräsentativ für bürgerliches Selbstbewusstsein war, ähnlich den Bauten um den Vareler Schlossplatz, wirkt heute in Lust am Detail und im Gefühl für Proportionalität wohltuend und erhaltenswert – allerdings auch, weil die alten Bauten gegenüber denen der Gegenwart geradezu schutzlos wirken.

Es ist der Verlust an Maß und Zusammenhang, der in der aktuellen Architektur des ländlichen Raums massiv zum Ausdruck kommt. Schaut man sich die Pläne für den Umbau des Bürgerhauses in Schortens an, dann bekommt man eine Ahnung, was der SPD und Bürgermeister Wagner für den Bau einer Veranstaltungshalle ungefähr vorzuschweben scheint. Statt Sanierung eines vorhandenen Hauses und Entwicklung eines innovativen Konzepts setzt man auf einen technisch hochwertigen Neubau, der vor allem eines erfüllt: Repräsentanz.

Bauskizze für das Bürgerhaus Schortens vom Januar 2021. Über die Fassadengestaltung wird im Stadtrat Schortens noch diskutiert. Quelle: Stadt Schortens

Bürgermeister Wagner, der sich an Beispielen wie Oldenburg oder Schortens orientiert (vgl Interview mit G.- Ch. Wagner), und der Stadtrat haben den Dialog über ein Veranstaltungshaus nun an einen temporären Bürgerrat delegiert. Dieses neue Modell, mit dem Demokratie als das Versprechen einer emanzipativen Moderne wieder erfahrbar werden soll, wird nunmehr instrumentalisiert. Bedient man unreflektierte Erwartungen mit entsprechenden Fakten, dann gibt es zwischen motivierten Bürgerräten und geladenen Experten eine unheilige Allianz.

Ohne konkrete eigene Gestaltungserfahrungen und Geschichte, die ein Haus vergegenwärtigt, wird ein solcher Neubau als Kultur- und Veranstaltungshaus nicht mehr als ein bloßes Dienstleistungsangebot sein und bleiben. Das hat mit Kultur wenig zu tun, sondern wird eher dem unseligen Bau der EWE ähneln. Eine vermeintliche Moderne, die kein Gefühl für Proportionalität und kein Verständnis für den architektonischen Zusammenhang einer Stadt hat, ist nicht modern, sondern im wahrsten Sinne des Wortes brutal2. Was sich selbstgefällig als Veränderung durch vermeintlich Neues feiern möchte, ist gegenüber den kommenden Generationen nichts anderes als Missbrauch. Ein Missbrauch, den sich diese Stadt mit einer Bundesstraße quer durch die Innenstadt jeden Tag vergegenwärtigen muss.

Norbert Ahlers

1) Albrechts & Anders hatten damals maßgeblich die B 437 als Durchgangsstraße befürwortet.

2) Ratsherr Uwe Cassens hat mich in diesem Zusammenhang auf § 34 des Baugesetzbuches hingewiesen, der im aktuellen Wortlaut folgendes festschreibt:

II. § 34 Abs. 1 des BauGB: Baugesetzbuch
Zulässigkeit von Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile

(1) Innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und die Erschließung gesichert ist. Die Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse müssen gewahrt bleiben; das Ortsbild darf nicht beeinträchtigt werden.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

20 Strandkörbe und ein paar Übertöpfe – die Innenstadt als Klischee

Die Maßnahmen im Rahmen des Sofortprogramms „Perspektive Innenstadt!“ werden am 08.06.2022 im Ausschuss für Kultur, Sport und Bildung vorgestellt und beraten, um fristgerecht die Fördergelder in Höhe von 258.000,- € zu beantragen.

Varel / Obernstraße – bemerkenswert vor allem das Gebäude hinter der Alten Apotheke.

Das enge Zeitfenster und das fragwürdige Zeitmanagement sowohl der Lenkungsgruppe als auch der Stadtverwaltung haben eine substantielle Ideenentwicklung massiv eingeschränkt. Allerdings sind 258.000,- € im Rahmen einer Innenstadtentwicklung eine eher bescheidene Summe, die größere Projekte ohnehin unmöglich machen dürfte.

Konkret werden nun dem genannten Ausschuss folgende Maßnahmen vorgestellt:

  • Mobile Pflanzgefäße inkl. Bepflanzung und Neubepflanzung vorhandener Beete (Kosten 90.000,- €),
  • 20 Strandkörbe als neue Sitzgelegenheiten (50.000,- €),
  • Spielgeräte (45.000,- €),
  • Wasserspender (13.000,- €),
  • eine mobile Bühne (58.000,- € )
  • sogenannte Multifunktionsüberdachungen auf Wunsch der CDU

Das Honorar für den beauftragten Freiraumplaner ist hier nicht bekannt.

Bei diesen Maßnahmen von einer neuen Erlebnisqualität der Innenstadt zu sprechen, wäre wohl vermessen, aber zumindest kann man hier Mosaiksteine für weitere Optionen erkennen. Allerdings zeigen sich hier wieder die eklatanten Schwächen der Stadtverwaltung: keine erkennbaren konzeptionellen Leitbilder oder langfristigen Ideen, die identitätsstiftend sein könnten und keine ernsthaften Projekte, die Rahmenbedingungen für bürgerschaftliches Engagement schaffen könnten. Vielmehr setzen Rat und Verwaltung auf Förderungen, für die man dann übereilt Ideen sucht. Ein solches Vorgehen entspricht entweder einer finanziellen Notsituation oder mangelnder gedanklicher Vorarbeit. Konstruktiv wäre es hingegen, zuerst Ideen zu entwickeln, die dann durch passende Fördermaßnahmen realisiert werden. Bezeichnend ist der Vorschlag der Lenkungsgruppe, dass der Fußweg von Thalia zur Bibliothek durch die Neuanlage eines Beetes (durch Reduktion der Fläche des Gehweges) aufgewertet und für Fußgänger sicherer gestaltet werden“ soll. Diese Idee ignoriert gänzlich die Notwendigkeit neuer planerischer Schwerpunkte sowohl in den Fragen der Mobilität und der Attraktivität als auch der ökologischer Nachhaltigkeit. Von Akteuren, die jeden Parkplatz mehr wertschätzen als neue Begrünungen im Innenstadtbereich (z.B. ein Lesegarten hinter der Stadtbibliothek als innerstädtische Oase und Aufwertung der Bibliothek und des öffentlichen Raumes), sind qualitative Fortschritte in der Innenstadtentwicklung nicht zu erwarten.

Rückblickend aber ist es gut, dass parallel zur Arbeit um diesen Maßnahmenkatalog eine Diskussion zur Innenstadt eröffnet wurde, die zudem am Rande auch ganz eigene Formate hervorgebracht hat und neue Impulse geben.

Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Eine Stadt mit verschütteten Eigenschaften

Während eine 19-köpfige Lenkungsgruppe still daran arbeitet, die Aufenthaltsqualität der Innenstadt zu steigern und das Vareler Stadtzentrum in einen Erlebnisort zu transformieren, gibt es ausgerechnet bei Facebook eine kleine Gesprächsrunde Vareler Bürger, in der offen und engagiert über die Möglichkeiten eines solches Transformationsprozesses geschrieben und diskutiert wird. Das Stadtgespräch1 mit Uwe Cassens und Norbert Ahlers wurde in diesem Kreis als eigenes Format angeregt und sucht den direkten Dialog und den konkreten Gedankenaustausch in der Innenstadt, „um über die Stadt und die Ideen einer Stadt zu sprechen.“ Letzteres ging auf eine Notiz von Bärbel Inhülsen zurück: „Was wird mir geboten? Wir haben die Wahl zwischen Mode und Fast Food. Was kann ich in Varel tun, wenn ich der Idee nachgehe, einmal kein Geld auszugeben? Mit allen Touristen das Glockenspiel bei Hespe ansehen? Und dann? Gut, ein paar Sitzgelegenheiten gibt es. Aber es ist nicht leicht, einfach mal nur sitzen zu bleiben.


© Hajo Teschner „Varel – ein feuchter Traum ?“ (2022)

Wenn es um die Innenstadt geht, wird schnell die Entwicklung um den Neumarkt angesprochen. Der dreiste Ausverkauf des öffentlichen Platzes zugunsten von Parkmöglichkeiten und Events der neuen Erlebnisqualität provoziert viele, bringt aber auch manch überraschende Idee in die Diskussion. So kann sich Reimund W. Peikert den Wochenmarkt sehr gut in der Schloßstraße (oder alternativ in der Drostenstraße) vorstellen.

Doch Vorschläge dieser Art scheinen gegenüber der Wirklichkeit so fantastisch zu sein wie der Ansatz von Rolf Hartmann, der beispielsweise dazu aufruft, die Möglichkeiten eines enkeltauglichen Varels aus einer futuristischen Perspektive zu skizzieren. Wie ließe sich die Stadt aus der Sicht der Enkel beschreiben? Seine Zukunftsbilder sind mehr als nur Wunschbilder, denn sie erzählen von den aktuellen Notwendigkeiten: vom Leben und Wohnen im Stadtkern und einer Vielfalt im (kunst-)handwerklichen Angebot. Hartmann mahnt aber auch an, dass die anderen Ortsteile bei diesem Transformationsprozess nicht aus dem Blick gelassen werden dürfen. Es reiche nicht aus, wenn die Innenstadt Erlebnisqualität entwickelt und Büppel zum Schlafquartier verkümmert. Seine utopischen Momentaufnahmen vermeiden es zudem, sich in aktuellen Kontroversen zu verheddern und zu verlieren.

Eine solche Kontroverse ist z.B. der Gegensatz zwischen Tourismus und Marketing einerseits und die Stärkung eines qualitativen Lokalkolorits andererseits. Die Frage, wie man das Unverwechselbare, das Varel charakterisiert, beschreiben könnte, ist ausgesprochen kompliziert. Wenn man sich aber auf das Authentische dieser kleinen Stadt konzentrieren möchte, dann ist gerade das recht schwierig auf den Begriff zu bringen oder gar zu visualisieren. 47 Jahre konsequente Erziehung zum bedingungslosen Konsum haben die Stadt und die Menschen deutlich verändert. Das zeigt sich in der Kleidung genauso wie in den Alltagsgewohnheiten oder in der Architektur. Die Bauten der vergangenen dreißig Jahre sind indifferent oder schlicht brutal (z.B. die Klinkerburg der EWE, die zusammenhangslose Nachverdichtung auf dem Schulgelände des LMG oder das neue Wohnviertel im ehemaligen Kasernengelände). Der aktuelle Transformationsprozess, den man nun für die Innenstadt anstrebt, ist in seiner Intensität und in seinen Konsequenzen grundlegend. Das ausgegebene Motto von der Einkaufs- zur Erlebnisstadt klingt eher flüchtig, denn die Vorstellungen von Erlebnissen im kommerziellen Kontext sind in der Regel eine Farce. Sie ähneln eher denen eines Freizeitparks als dem Erfahrungsspektrum dieser kleinen Stadt.

Der Versuch, die Innenstadt von einer Einkaufsstadt in eine Erlebnisstadt zu transformieren, soll nun durch die Lenkungsgruppe forciert werden. Dieser Prozess hat in gewisser Weise schon ein Vorbild: Als man 1975 die Vareler Innenstadt in eine Fußgängerzone verwandelte und wenig später auch das legendäre Stadtfest initiierte, hatte man einen Leitgedanken und ein klares Vermittlungsziel. Damals war dieses Vermittlungsziel der ungestörte (und ungefährdete) Konsum. Der aktuelle Transformationsprozess ist daher in seiner Intensität mit dem damaligen durchaus vergleichbar. Die Lenkungsgruppe hat aber faktisch nur noch bei drei Treffen und einem dreistündigen Workshop die Gelegenheit, ihre Ideen zu entwickeln. Bis Ende Mai muss sie ihr Maßnahmenpaket dem Ausschuss für Schulen, Kultur und Sport vorstellen und bisher ist sie nur mit der Idee von Multifunktionsschirmen, einer mobilen Bühne und dem Fahrradfahren in der Innenstadt an die Öffentlichkeit getreten. Das wirkt eher bescheiden. Zwischen diesen Vorschlägen und dem Anspruch, die Einkaufsstadt in eine Erlebnisstadt zu verwandeln, liegt noch ein weiter Weg. Wenn die Lenkungsgruppe für das Sofortprogramm ihr Vermittlungsziel nicht klarer darzustellen vermag, dann – so ist zu vermuten – reduziert sich der groß angekündigte Transformationsprozess auf eine kostenintensive Aufhübschung und Varel bleibt, was es seit zwei Jahrzehnten ist: Eine Stadt mit verschütteten Eigenschaften.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass in der Lenkungsgruppe über das lokale Kolorit, Stadtgeschichte und das Unverwechselbare der Stadt Varel ausführlich reflektiert oder die angestrebte Erlebnisqualität klar definiert wird, allein weil schon die Zeit dazu fehlt. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, „dass das neue Konzept stark von der Idee der Kommunikation geprägt sein wird. Wenn dem so ist, dann spielt die digitale Kommunikation eine elementare Rolle. Diese Kommunikation hat ihre eigenen Grundregeln: So ist man vor allem an Anerkennung durch Likes und weniger an Gedanken interessiert. Aufmerksamkeit definiert Relevanz und nicht die gelungene Arbeit. (…) Wenn nun ein Innenstadtkonzept vor allem die Erwartungshaltung der Aufmerksamkeit bedient, weil diese als Ressource sowohl Umsatz als auch Wertigkeit verspricht, dann wird die Innenstadt zu einer virtuellen Wirklichkeit. Das mag marktgerecht sein, aber mit dem konkreten Leben hat das nichts zu tun.“

Doch unabhängig von dem Sofortprogramm „Perspektive Innenstadt“ gibt es verschiedene andere Projekte und Initiativen und somit auch ermutigende Beispiele. So ist die Neugestaltung der alten katholischen Kirche in der Osterstraße eine hoffnungsvolle Neuorientierung, die beim ehemaligen Tivoli zum Vorbild als soziokulturelles Haus für Theater, Film und Literatur weiter entwickelt werden könnte. Auch die Alte Börse verspricht ein spannender Ort zu werden. Daher sollte ein authentisches Profil skizziert werden, was bestimmte kulturelle Stärken der Stadt betont – und diese Stärken könnten dann die Gäste als das Besondere von und in Varel entdecken. Die Gruppe Menschenmüll hat es vor ca. 25 Jahren erfolgreich mit dem Spijöök vorgemacht. Schaut man sich aber die Lenkungsgruppe in ihrer Zusammenstellung an, ist es unwahrscheinlich, dass man sich an diesem erfolgreichen Beispiel orientieren möchte. Somit bringt es letztlich der Satz von Thomas Frese, Varel sei „eine Kleinstadt mit soviel Charme und vielleicht nicht allzu vielen Chancen“ auf den Punkt.

Jenseits all der Belange um diesen ambitionierten Transformationsprozess wird der kleine Gesprächskreis weiterhin nach den Besonderheiten und den Spuren des Authentischen dieser Stadt suchen, geht es doch in dieser Runde darum, Varel neu zu beschreiben. Spannend wird es an den Rändern und Bruchstellen. Dynamisch „sind die unkontrollierten Nebeneffekte, die Momente des Lebendigen eröffnen und auf die wir alle gespannt sein dürfen.“

_________________________

1) Das Stadtgespräch findet sonnabends zwischen 11:00 und 12:00 Uhr in der Obernstraße statt. Termine werden in der erwähnten Gesprächsrunde der Vareler Randnotizen bekannt gegeben.

Veröffentlicht unter Allgemein | 3 Kommentare

Die Stadt Varel und das Projekt LOSLAND

Eine Richtigstellung: Im vorausgegangenen Text „Ein Bürgerrat in Varel – Chance oder bloßes Instrument?“ wurde LOSLAND als Agentur bezeichnet. Das ist ist nicht korrekt, denn es handelt sich vielmehr um ein Projekt des Vereins „Mehr Demokratie“, wissenschaftlich begleitet von dem IASS Potsdam (Institute for Advanced Sustainability Studies e.V., dt: Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung).

Das IASS hat auf Nachfrage der Vareler Randnotizen auch angemerkt, dass sich das Arlberger Modell nicht auf das Kriterium der Enkeltauglichkeit bezieht, „sondern auf eine bestimmte Form von Bürgerräten.“ Das ist bemerkenswert, weil zum einen gerade im Vareler Antrag für die Teilnahme am Projekt LOSLAND die Leitfrage des Bürgerbeteiligungsprojektes lautet: „Wie gestalten wir eine ‚enkeltaugliche‘ Zukunft hier bei uns vor Ort?“ und zum anderen auch in der Präsentation des Projekts die Enkeltauglichkeit explizit hervorgehoben wurde.

Was die Enkel von den Großeltern heraushören und verstehen, ist etwas anderes, als was diese im Sinn hatten.

Ohne Zweifel kennzeichnet das Arlberger Modell vor allem seine methodische Dichte sowie eine spezifische Form der Moderation (Dynamic Facilitation). Der Bürgerrat selbst gliedert sich in diesem Modell in vier Schritte (Vorbereitung – Bürgerrat – Bürger-Café – Auswertung). Eine sogenannte Resonanzgruppe wertet die Ergebnisse aus und prüft sie auf Machbarkeit bzw. Umsetzung. Hier ist die Frage, ob diese Resonanzgruppe identisch ist mit der Vorbereitungs- bzw. Steuerungsgruppe oder ob es sich nochmals um eine eigenständige Arbeitsgruppe handelt.

Das IASS betont, dass sich das „Loslassen“ von Kontrolle seitens der Stadtverwaltung bzw. des Auftraggebers auf die Inhalte und Diskussionen bezieht, nicht aber auf das Verfahren selbst. Für das Projekt LOSLAND muss hingegen das Verfahren gut durchdacht und in die Entscheidungswege vor Ort eingebettet sein. Kontrolle ist auf dieser Ebene notwendig, um keine Enttäuschungen durch Indifferenzen in einem konfusen Prozess zu schaffen. Dies zu vermeiden, ist eine wichtige Aufgabe der Steuerungsgruppe. Somit scheint die Steuerungsgruppe von zentraler Bedeutung zu sein, zumal in ihr das Modell eines Bürgerrates entsprechend der Bedingungen vor Ort angepasst wird (z.B. Varianten des Losverfahrens, personelle Größe des Bürgerrates, thematische Schwerpunkte und Bestellung der Experten). Sollte sie auch noch in ihrer Zusammensetzung die Umsetzbarkeit der Stellungnahme des Bürgerrates prüfen und beurteilen, dann bedarf gerade diese Gruppe einer Legitimation, die von einem breiten Konsens getragen wird.

Die Stadt Varel scheint von diesem verzwickten Sachverhalt eine Ahnung zu haben, denn im Antrag zur Teilnahme an dem Projekt LOSLAND hat man bei der Aufgabenbeschreibung der Steuerungsgruppe darauf verzichtet, die Vermittlung gegenüber der lokalen Öffentlichkeit zu erwähnen. Die Transparenz ist aber das Gütesiegel des geplanten Bürgerrates.

Das beständige Schweigen der Initiatoren, also die örtliche SPD und die Vareler Stadtberwaltung, irritiert. Der Bürgerrat ist ein interessantes Modell, dass nur dann gelingt, wenn sich die Einwohner dafür begeistern und das Experiment mittragen werden. Man hat aber den Eindruck, als wollten die Initiatoren selbst an die Hand genommen werden, weil man das Projekt selbst noch nicht verstanden hätte. Das sind für einen Bürgerrat schlechte Voraussetzungen. Gegenüber dem Tivoli-Gebäude und der Möglichkeit, nun endlich das längst überfällige Kultur- und Theaterhaus für Varel zu realisieren, aber kann man dieses Schweigen nicht anders als fahrlässig bezeichnen.

Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar

Ein Bürgerrat in Varel – Chance oder bloßes Instrument?

Morgenröte am Tivoli / Foto: N. Ahlers

Es ist still geworden um das Tivoli. Doch das dürfte sich in den kommenden Wochen ändern, denn für die Sitzung des Stadtrats am 30.03.2022 liegt der Antrag vor, an dem Modellprojekt der Agentur LOSLAND teilzunehmen. Der Bürgerrat war eines der großen SPD-Versprechen in den vergangenen Kommunalwahlen und von Mehr Demokratie wird die Vareler Initiative bereits auf der Homepage, die bundesweit alle Bürgerräte listet, als „Neue Ideen“ (Zukunft des Tivoli) aufgeführt. Das Vorhaben Bürgerrat hat die Vareler Stadtverwaltung konsequent weiterentwickelt. Immerhin geht es im Bereich Oldenburger Straße – Windallee – Steinbrückenweg um einen wichtigen Baustein in einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung. Im Antrag an den Stadtrat werden zentral zwei Fragen formuliert:

  • Welchen Veranstaltungsraum braucht die Stadt Varel, um ihre kulturellen und gesellschaftlichen Verpflichtungen gut erfüllen zu können?
  • Was ist ein guter, weiterer Umgang mit dem Tivoli-Gebäude?

Diese Fragen bzw. deren Antworten sollen sich vor allem an dem Kriterium einer „enkeltauglichen Zukunft“ messen lassen.

Die Agentur LOSLAND, die in den Verein Mehr Demokratie eingebettet ist, wird bundesweit 10 Bürgerräte begleiten. Gegenwärtig sind sechs Städte schon benannt und mit sieben weiteren Kommunen ist man noch im Gespräch, unter anderem auch mit Varel. Varel beschleunigt nun das Antragsvorhaben, um an dem Projekt teilnehmen zu können und es ist durchaus wahrscheinlich, dass dies gelingen wird.

Wie soll der Bürgerrat nun praktisch durchgeführt werden?

In der Antragsbeschreibung heißt es, dass eine Steuerungsgruppe von ca. 10 Personen aus Vertretern des Rates, der Verwaltung sowie von Mehr Demokratie e. V./LOSLAND gebildet wird. Sie bereitet den Prozess vor und wahrscheinlich soll dann in acht bis zehn Wochen der besagte Bürgerrat, der aus ausgelosten Mitgliedern der Vareler Bürgerschaft zusammengestellt sein wird, dann zum ersten Mal tagen. Anschließend gibt es eine Art Forum, in dem die Ergebnisse des 12 – 20-köpfigen Bürgerrats einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Anregungen aus diesem Forum fließen dann nochmals in die Stellungnahme bzw. das Schlusswort des Bürgerrats ein und wird dem Stadtrat übergeben. Der Stadtrat kann die Empfehlungen des Bürgerrats aufnehmen und bei seiner weiteren Entscheidung über die Zukunft des Tivoli berücksichtigen – oder eben auch nicht. So das Prozedere.

Das Losverfahren selbst mutet ungewöhnlich an, denn durch Zugriff auf das Melderegister soll eine repräsentative, vielfältige Gruppe aus der Bevölkerung Varels per Algorithmus ausgelost werden. Die Kriterien sind Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Wohnort, Migrationserfahrung und die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Betreffenden werden angefragt und wenn ein Kreis von max. 20 Personen zusammengestellt ist, werden sie zu einem anderthalb tägigen Meeting eingeladen. Dieses Treffen wird von der Agentur LOSLAND moderiert und Experten informieren über den baulichen Zustand des Tivoli, die Kosten der jeweiligen Optionen, die sozialen und kulturellen Funktionen und die Nutzung und den bauhistorischen Wert. Unklar jedoch ist im Moment noch, wer diese Experten benennt und welchen Zeitraum sie haben, ihre Überlegungen und Informationen darzustellen bzw. Fragen zu beantworten.

Für die Agentur LOSLAND ist das zentrale Kriterium, inwieweit die gesuchte Lösung „enkeltauglich“ sein wird. Dabei orientiert man sich an dem Voralberger Modell. Enkeltauglich meint, dass man eine Lösung sucht, die auch in 50 Jahren noch tragfähig sein sollte.

Künstlerin: J. v. Eßen, Krabbenpulerin (mit Enkelkind?) / Foto: N. Ahlers

In der Regel hat man von der Zukunft, also z.B. von der Wirklichkeit in 50 Jahren (dann ist der Enkel alt genug um ggf. zu begreifen, wie irrig manche Entscheidungen der Großeltern waren) keine substantielle Vorstellung. Man orientiert sich bestenfalls an einigen Wünschen und den eigenen Lebenszielen. Die aber wiederum repräsentieren weniger das Neue als vielmehr das scheinbar Bewährte (Eigenheim, Sicherheit und Stabilität), das auch unter neuen Bedingungen Bestand haben soll. Dem stehen aber die enormen Herausforderungen unserer Gegenwart gegenüber, die auf die kommenden Generationen zukommen und die Zukunft in düsteren Farben ankündigen. Zudem kommt noch eine Vareler Besonderheit hinzu: Mit baulichen Zukunftsvisionen im Namen der Modernität und des Fortschritts hat man in Varel bisher keine allzu guten Erfahrungen gemacht (Beispiel Durchgangsstraße B 437).

Das Vorhaben ist ein ausgesprochen ambitioniertes Projekt, denn Varel hat wenig Erfahrung mit aktiver Bürgerbeteiligung und offenen Diskursen. Im Grunde scheint man alles richtig zu machen, aber in nur anderthalb Tagen in einem weitgehend unvorbereiteten Kreis von 20 Personen eine zukunftstaugliche Idee für ein sensibles Problem der Stadtplanung zu entwickeln, erscheint kühn – oder es ist Kalkül. Auf jeden Fall ist das Modell Bürgerrat für Varel tatsächlich etwas gänzlich Neues.

Es ist wichtig, bei einem Bürgerrat konkrete Projekte zu erörtern, um sich nicht in allzu weitschweifigen und komplexen Themen zu verlieren. Allerdings funktioniert ein Bürgerrat vor allem dort plausibel, wo er werteorientierte Fragen erörtert. Die Frage einer enkelgerechten Perspektive ist werteorientiert. Leitlinien für einen nachhaltigen Tourismus oder kulturelle Schwerpunktförderung in Varel im Sinne einer innovativen Stadtentwicklung wären werteorientiert und gäben für die Praxis klare Orientierung. Das Tivoli hingegen ist – wie auch die Deharde-Wiese und der Schlackenplatz – für manche Beteiligte vor allem ein begehrter Baugrund. Gravierend ist zudem, dass relevante Informationen über das Tivoli öffentlich nicht einzusehen sind, so z.B. das Baugutachten zum Tivoli.

Wenn der oben genannte Zeitplan nur annähernd zutrifft, dann verwundert es doch, dass im Vorfeld nicht intensiver über den Bürgerrat diskutiert und geschrieben wurde und wird. Das erweckt den Eindruck, dass man seitens der Stadt das Verfahren kontrollieren will. Eine zentrale Voraussetzung ist jedoch, dass man Kontrolle loslässt. So sagt Dr. Manfred Hellrigl, Leiter des Vorarlberger Umweltinformationszentrums: „Es braucht einen Auftraggeber, der bereit ist, Kontrolle loszulassen. Wer ein Verfahren kontrollieren will, wer schon im vorneherein wissen will, was da herauskommt, der ist nicht gut beraten, Bürgerräte zu initiieren.“

Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

„Erlebnisstadt Varel“ – ohne Witz und Eigensinn

Kunst und Kultur sind Formen intellektueller Gartenarbeit und jeder Gärtner weiß, dass man Pflanzen zwar ziehen kann, aber nicht an ihnen ziehen sollte.

In Varel fokussiert sich die Stadtverwaltung zur Zeit auf einen großen Transformationsprozess der Innenstadt. Im Zentrum dieser Entwicklung sollen Kunst und Kultur einen entscheidenden Stellenwert einnehmen. Hintergrund dafür sind Fördergelder aus dem EU-Programm „Perspektive Innenstadt“ und dem Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“, die für Varel bewilligt wurden.

Dass die Innenstadt spezifische Schwierigkeiten hat, ist seit langem bekannt und es gibt kaum jemanden in Varel, der nicht über den Leerstand, die Billiganbieter, das karge Straßenbild oder das mangelhafte Angebot klagt. Es gab manche Initiativen, wie etwa die umfangreiche Stadtsanierung von 2002 bis 2018 oder kleinere, private Maßnahmen wie den alljährlichen Schnäppchen-Markt. Mit Events wie dem 2004 initiierten Kürbis-Fest oder dem Lichterfest (seit 2011) wollte man fixe Attraktionen schaffen und mit der Aktion „Vareliebt“ des Stadtmarketings 2021 die Bindung zur Stadt Varel fördern (mit so genannten Binnenmarketingkampagnen). All diese Maßnahmen waren zweckmäßig, haben aber das Dilemma nicht auflösen können: In der Innenstadt weht immer noch kein „frischer Wind“.

Foto: N.Ahlers

Nun will man mittels der beiden Förderprogramme das Problem unter dem Motto „Erlebnisstadt Varel“ erneut angehen. Inhaltlich soll die Skizze bis Ende Februar soweit entwickelt sein, dass sie die Grundlage für den konkreten Projektantrag sein kann, der spätestens bis Ende März gestellt werden muss. Weitere Projektanträge können dann bis Ende Juni nachgereicht werden.

Kernstück dieser Skizze bildet eine 10 bis 12-köpfige Arbeitsgruppe, die im wesentlichen aus Vertretern der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Varel e.V., dem innerstädtischen Einzelhandel, dem Agenda-Büro, dem Tourismus, der innerstädtischen Gastronomie, den Immobilienbesitzern, der Kultur und jeweils einem Vertreter der Ratsfraktionen besteht. Diese Gruppe soll im Weiteren die städtische „Zukunftskulturagentur“ entwickeln, mit der ein Netzwerk von kulturellen Orten, Institutionen und Personen in Varel aufgebaut wird.

Die Idee einer „Zukunftskulturagentur“ entspricht den Gedanken, die die Varelerin Julia Rorig am 25. Januar 2022 bei einer Informationsveranstaltung zu den Förderanträgen Innenstadtentwicklung den Ratsmitgliedern vorstellte. Für sie ist ein Kunst- und Kulturnetzwerk eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen der angestrebten Belebung der Vareler Innenstadt. „Eine Transformation der Innenstadt, die durch künstlerische und kulturelle Vielfalt unterstützt und langfristig erfolgreich sein soll, setzt allerdings eine Organisationsstruktur voraus, die dafür Sorge trägt, dass kreative Ressourcen entfaltet werden, aber auch nachhaltig attraktiv bleiben und damit zukunftsfähig in der Stadt verankert sind“, so Rorig. Weiterhin sagt sie, dass „der Verbund die Umsetzung seiner programmatischen und kuratorischen Vorhaben in Kooperation mit der Stabsstelle Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing zu managen (hätte). Diese Zusammenarbeit wäre idealerweise im Rahmen einer Agentur zu organisieren.“ Hier liegen ihre Vorstellungen eng bei denen der Stadtverwaltung, die von einer „Zukunftskulturagentur“ und einer entsprechenden Koordinationsstelle spricht. Was ihr Entwurf leider ausblendet, sind die eher ausgesprochen komplizierten Beziehungen innerhalb der Kultur- und Kunstszene Varels, und das sowohl zwischen den KünstlerInnen als auch unter den FreundInnen der Kunst.

Dabei sind die Vorstellungen von Frau Rorig durchaus im Trend – nur eben die Vareler nicht. So heißt es im Positionspapier des Deutschen Städtetages zur Zukunft der Innenstadt: „Zahlreiche Projekte in Deutschland beweisen, dass lokale, gemeinwohlorientierte Investierende eine immense Kraft bei Schlüsselprojekten – auch in den Innenstädten – entfalten können. Akteurinnen und Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft, Kulturschaffende, gemeinwohlorientierte Initiativen, „Stadtmacher“ oder Start-Ups können neue Impulse liefern und bedürfen einer gesonderten Unterstützung. Eine deutlicher am Gemeinwohl orientierte Innenstadtentwicklung erfordert auch Mut zum Experiment und Raum für Ideen.“(S.8)

Die Kraft, von der hier gesprochen wird, soll zwar genutzt werden, aber sie darf nicht frei sein, d.h. sie muss in Varel in die Strukturen der Verwaltung eingebunden werden. Dieser Ansatz ist vor allem zweckorientiert.1

Foto: N.Ahlers

Kunst aber braucht autonome Freiräume und bisher haben in Varel m.W. nur Diedel Klöver mit seiner YardArt, Ulrike Hinck in der Villa Irmenfried und Menschenmüll mit dem Spijöök solche Freiräume behaupten können – und das trotz der Vareler Stadtverwaltung und nicht wegen ihr. Diese Freiräumen sind von einem anarchischen Charme und Witz. Doch die Genannten sind nicht mehr die jüngsten und die nachfolgenden KünstlerInnen sind in den Doktrin der Kreativwirtschaft eingeklemmt. Dies gilt für die neue Galerie Kunstwerk ebenso wie für das Alte Kurhaus in Dangast. Wenn Kunst und Kultur aber vor allem zweckorientierte Impulse zur besseren Entwicklung der so genannten Aufenthaltsqualität geben sollen und damit vor allem der touristischen Attraktivitätssteigerung dienen, dann wird die Kunst selbst zur Phrase. Damit mag mancher über die Runden kommen, doch mit Kunst hat das nichts tun. Alles ist möglich, nur nicht Freiheit, knorriger Eigensinn, kluger Witz und Charme des Experiments.

Die Alternative zu diesem Trend ist die Idee, dass man Kunst und Kultur als Formen einer intellektuellen Gartenarbeit begreift. So setzt andere Schwerpunkte und eröffnet andere Fenster. Kunst und Wissen brauchen Zeit – und vor allem brauchen sie den Austausch von Gedanken und Beobachtungen. Es bedarf – bildlich gesprochen – kleiner Inseln, auf denen sich Menschen versammeln, arbeiten, miteinander sprechen und reflektieren. Kleine Inseln, die jede für sich eigene Schwerpunkte haben und entfalten können. Exklusive Gebiete, die gemeinsam eine Inselkette darstellen, die dem Festland Schutz bieten. Insofern konzentrieren sich diejenigen, denen es ernsthaft um Kunst geht, auf die eigenen Dünen und Deckwerke. Sich zu vernetzen macht dann Sinn, wenn man Akteure sucht, die Gleiches wollen. Die zu finden, ist aber schwer und setzt lokale Kenntnisse und Erfahrungen voraus.

Wer Netzwerke bedienen will, die vor allem die touristische Attraktivität und das Marketing stärken sollen, ist kein Gärtner, sondern nur der arme Kerl, der am Strand die Plastikstühle in endlosen Reihen aufstellt. Doch wer will solche Strände – oder Innenstädte?

Norbert Ahlers

1) Übrigens wird so nicht nur die Kunst in Varel missverstanden, sondern auch die Lokalgeschichte, denn das Heimatmuseum Varel soll nun auch nicht mehr Archiv und Kuriositätenkabinett sein, sondern Visitenkarte der Stadt werden, leicht zugänglich und auf den durchreisenden Blick der Touristen zugeschnitten.

Foto: N.Ahlers
Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Glück findet sich dort, wo man von den eigenen Wunden sprechen kann

Gemeinsames Erinnern – die Wochen im November sind oft Tage des Gedenkens und Erinnern. Wer sich erinnert, denkt an die eigene Beziehung zu den anderen Menschen oder zu bestimmten Begebenheiten aus der Vergangenheit. Erinnern ist sozusagen ein Fenster mit Blick nach Innen oder anders gesagt: ein Moment der Konzentration und ein Stück weit Loslösung von den Ansprüchen des gegenwärtig Alltäglichen.

Doch dieser Rückzug ist keiner in eine vermeintliche Idylle, im Gegenteil: Es ist die Hinwendung zu ganz konkreten Altlasten. Diese Aufgaben aus der Vergangenheit überschatten unseren Alltag und sie haben ihren Hintergrund in den jeweiligen Geschichten verschiedener Nationen – im Guten wie im Schlechten. Diese Altlasten zu verstehen, ist eine mühsame Angelegenheit.

Ein Beispiel:

2021 arbeitet ein junger Mann, er ist 25 Jahre alt, als Gleisarbeiter in Deutschland. Er ist seit 2015 in diesem Land, seit zwei Jahren hat er eine Arbeit. In seiner Gruppe sprechen die meisten türkisch, die offizielle Sprache aber ist deutsch. Die Leitung des Bauabschnitts hat ein deutscher Ingenieur. Der junge Mann selbst kommt aus dem Norden Afghanistans. Jetzt arbeitet er im Norden Deutschlands an einem Gleis, irgendwo zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg. In den Pausen steht man zusammen, man redet miteinander, aber nicht viel, meist nur das Notwendige. Der junge Mann spricht deutsch, weil ihm Sprachen leicht fallen. Er wurde 1996 geboren, er war also ein Säugling, als die Taliban in Kabul die Macht übernahmen. Da lag über dem Land schon 17 Jahre lang ein trostloser Krieg. Als 2001 eine Militärallianz von fremden Staaten und Milizen die Herrschaft der Taliban brach, war er ein Junge von fünf Jahren. Auch wenn er sich für die Fremden interessierte, war seiner Familie und somit auch ihm immer klar, dass sie nicht für lange werden bleiben können. Doch seine größte Sorge galt dem Hunger, dem Hunger seiner kleinen Geschwister und der klaglosen Erschöpfung der Mutter. 2015 brach er als 19jähriger auf, um mit einem anderen Leben sich, aber auch seiner Familie neue Möglichkeiten zu eröffnen. „Etwas besseres als den Tod findet man überall“, hatte ein Deutscher mal zu ihm gesagt. Auf dem Weg nach Europa sah er allerdings viele Tote. Aber er hatte Glück. Für einige Wochen öffneten sich die Grenzen und er erreichte Deutschland erschöpft, aber ohne Verletzungen oder Krankheiten. Jetzt stand er an einem Gleis in einer ihm fremden Landschaft in einem Land, dass er nicht verstehen wollte.Vieles in ihm schrie, aber er hatte dafür keine Sprache und auch niemanden, der all das hören wollte. Ein alter Lehrer, bei dem er einen Sprachkurs absolvierte, sagte, dass seine Eltern selbst Flüchtlinge waren und sie stets sagten, dass hier ihr zu Hause wäre, aber ihre Herzen immer noch in Ostpreußen lebten. Von der Flucht hätten sie nie oder nur sehr selten erzählt. Das leuchtete dem jungen Mann ein, doch dann sagte der alte Mann, dass dieses Schweigen sein ganzes Leben überschattet hätte. Dann schwieg auch er. Nun steht der junge Mann an einem Bahngleis und spürt die Schatten all dieser Geschichten, doch er hat den Eindruck, dass er hier niemanden hat, mit dem er darüber reden könnte.

Das Beispiel veranschaulicht das Knäuel wuchernder Narben. Es ist ein Rhizom, das sich unter der Oberfläche ausdehnt. Sich über die Zusammenhänge der unterschiedlichen Erlebnisse auszutauschen, scheint in einer interkulturellen Gesellschaft noch schwerer zu sein, als es in den vermeintlich homogenen Staatsgemeinschaften je gewesen ist.

Der beschriebene Afghane hat eine ähnliche Erfahrung wie die Eltern oder Großeltern eines Deutschen vor 70 Jahren. Der eine wuchs im Schweigen auf, der andere schweigt wieder. Das ist wie ein Wiederholungszwang in dem kein Lernen ist – und all das in einem Land, dass sich brüstet, aus seiner Vergangenheit gelernt zu haben und seine Erinnerungskultur als vorbildlich betrachtet. Offensichtlich ist das nicht der Fall, denn Rassismus und Ressentiments werden offener denn je geäußert. Es ist, als hätten sich die Generationen etwas anderes von ihren Eltern und Großeltern abgeschaut als das, was sie ihnen lehren wollten.

Anders gesagt: Wer über seine Leiden schweigen muss, lässt seinen Körper in Gesten, Gewohnheiten und Haltungen davon erzählen. Man sagt nicht ohne Grund, dass einem etwas in den Knochen stecke. So ist die Not von einst unter die Haut gegangen. Die Traumata der Vergangenheit und die Scham liegen so unterhalb des Sprechens. Kinder haben ein genaues Gespür dafür, weil sie wissen wollen, was wichtig ist im Leben der Erwachsenen. Sie verstehen es nicht, haben aber eine Ahnung, die irgendwann zu einem Gefühl wird. Dieses Gefühl steht quer zu ihrem Leben und ist eine permanente Sollbruchstelle. Über Bruchstellen wird in der Regel nicht gesprochen, stattdessen zwingt man sich, immer nur nach vorne zu schauen.

Wenn die Alteingesessenen mit den Zugewanderten ins Gespräch kommen und sich für ihre Geschichten interessieren, dann könnte Integration ernsthaft gelingen. Das ist eine Herausforderung, die auf gegenseitigem Interesse basiert. Dafür aber müssen konkrete Räume vor Ort eröffnet werden, in denen die Menschen offen sprechen können – und in denen ihnen auch zugehört wird. Mit bloßen Gesten eines rituellen Gedenkens ist es da nicht getan. Solches Gedenken ist kein Erinnern, sondern verdeckt vielmehr ein Versagen, dem man sich im Grunde stellen müsste. Es ist wohl dieses vermaledeite Schweigen, was uns allen – trotz all der kulturellen Differenzen – gemeinsam ist. Zeit heilt keine Wunden, aber nimmt man sich Zeit, finden sich vielleicht die richtigen Worte. Es wäre ratsam, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen würden, denn sowohl das Glück als auch die Versöhnung mit der eigenen Geschichte braucht den richtigen Moment. Den aber nehmen wir nur wahr, wenn wir uns Zeit geben und zuhören.

Aderlinien eines Wurzelgeflechts oder Phantomschmerz: Die Frau, die ihre Heimat verließ, um ein besseres Leben zu finden, sagte nach 55 Jahren, dass hier nun ihr Zuhause sei, aber ihr Herz im Grunde noch immer dort wohne, wo sie einst herkam.
Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Ein Haus und das Konzept für eine Stadtgeschichte

Foto: Heimatverein Varel

Der Heimatverein Varel lädt zum Planungsworkshop ein.

Zur Vorbereitung der Planungen für eine neue Dauerausstellung sollen VarelerInnen zusammen mit dem Planungsteam die neuen Schwerpunkte des Museums skizzieren und diskutieren. Folgende Fragen sollen Impulse geben:
• Welche Ereignisse haben die Stadt geprägt und beeinflussen sie bis heute?
• Wie sah der Alltag der VarelerInnen über die Jahrhunderte aus?
• Was macht die Identität Varels aus?

Wann: Sonnabend, den 13.11.2021, 14 bis 18 Uhr,
Wo:  Heimatmuseum Varel, Neumarktplatz 3a,

Anmeldung unter heimatverein.varel@t-online.de oder unter Tel. 04451/952924 

Link zum Info-Flyer des Workshops
 

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Kommunalwahl 2021 in Varel – Was ist da passiert?

Eindrucksvoll war der klare Sieg der SPD, die noch Anfang des Jahres im Schatten des bundesweiten Stimmungstiefs stand – sowohl im Bund wie auch in der Provinz. Im Wahlkampf aber zeigt sich die Vareler SPD von einer Professionalität, die manch einen verblüffte. Die CDU stand zwar mit ihren Auftritten in den sozialen Medien und mit der Präsenz von Plakaten der SPD in Nichts nach, dennoch beherrschte die SPD von Anfang an das öffentliche Bild in diesem Wahlkampf. Andere Parteien wie etwa Bündnis90/Die Grünen, FDP, Zukunft Varel, Klare Kante und Soziale Wählergemeinschaft schienen in diesem Rennen nur noch hinterher zu stolpern.

Aber weniger die offensive Präsenz als vielmehr der Punkt, mit dem die SPD einen Nerv in Varel getroffen zu haben schien, weist auf den hiesigen Erfolg bei den Kommunalwahlen hin. Man vergegenwärtige sich noch einmal die Spitzenergebnisse: Siemtje Möller erhielt mit 3.452 die meisten Stimmen und lag damit noch vor Karl-Heinz Funke, der 3.002 Stimmen auf sich versammeln konnte. Das erscheint auf den ersten Blick wie ein grundsätzlicher Wechsel. In einem traditionell ländlich geprägten Umland und einer von seiner Industriegeschichte geprägten Kleinstadt setzt sich eine Lehrerin gegen einen Landwirt, eine Bundestagsabgeordnete gegen einen ehemaligen Bundesminister, eine Frau gegen einen Patriarchen durch. Bei der Kommunalwahl 2016 sah das noch ganz anders aus. Nun mögen vielleicht viele diesem Sachverhalt nicht allzu große Bedeutung beimessen, denn zum einen war auch Funke von 1974 bis 1983 Lehrer an der BBS Varel und zum anderen standen bei der Kommunalwahl 2016 ganz andere Themen im Vordergrund. Konkret waren die dominante Positionierung des neuen Famila-Marktes (2013) gegenüber der Vareler Innenstadt und die verheerenden Auseinandersetzungen um die Bebauung in Dangast die zentralen Streitpunkte. Und dass sich die Kandidaten und das Wählerklientel der SPD schon lange von ihrem historischen Hintergrund abgelöst hatten, ist auch keine neue Erkenntnis. Es seien nur ein paar markante Beispiele der Vareler SPD genannt: Adolf Heidenreich, 1945–46 und 1948–49 Bürgermeister von Varel, war Zimmermann und Wilhelm Kammann, Bürgermeister von 1961–1976, gelernter Dreher. Hingegen hatte Wolfgang Busch, Bürgermeister von 2001–2006, in der öffentlichen Verwaltung gelernt, ebenso der amtierende Bürgermeister Gerd-Christian Wagner. Salopp gesagt: Bei der SPD wurden über die Jahrzehnte aus Proletariern aufstrebende Beamte.

Zudem provozierte es bei manchem Unmut, dass eine erfolgreiche Bundestagsabgeordnete sowohl für den Stadtrat als auch für den Kreistag kandidierte, weil kaum jemand erwarten mochte, dass sie ihren möglichen Sitz im Stadt- oder  Kreistag ernsthaft wahrnehmen würde. Somit hatten viele in den gegnerischen Parteien den Eindruck, dass sie nur als Stimmenfängerin fungieren sollte. Sicher mag das eine Überlegung gewesen sein, aber ganz so schlicht sollte man die Motive ihrer Kandidatur nicht verstehen wollen – und vor allem wäre es eine Missachtung der Wählerstimmen. Der Erfolg von Siemtje Möller steht für mehr als nur einen einfachen Sieg. Interessanter ist in diesem Zusammenhang das Image, das Siemtje Möller in der Wahlkampagne verkörpern sollte: Sie wurde nicht als die Politikerin präsentiert, die sich anschickt, in der ersten Reihe der SPD auf Bundesebene zu stehen, sondern ausschließlich als die Frau von Nebenan, die im politischen Alltag hart arbeitet, gerne als Lehrerin tätig war, stets lächelt und sportlich ist und vor allem die Zeit mit ihren Kindern im Garten genießt – zudem auch noch zu kochen versteht (vgl. Wahlwerbeclip). Auch die großflächigen Plakate waren auf dieses Image zugeschnitten. Die zentralen Inhalte der SPD wurden in diesen Bildern transportiert. Der inhaltliche Kern lässt sich mit den Begriffen Aufstieg, Erfolg, Sicherheit, Bürgerlichkeit und Kontinuität zusammenfassen. Und genau hier traf man den Nerv der VarelerInnen, die spätestens seit 2019 zutiefst verunsichert waren, weil ihre Lebensgewohnheiten massiv in Frage gestellt und mit 2020 durch die Pandemie die Konsumgewohnheiten in ihrer Selbstverständlichkeit auch real erschüttert wurden. Die Krise bei Aerotec tat ihr Übrigens dazu.

Das Image der erfolgreichen Frau, die sich auf dem Watt’n Schlick-Festival wohlfühlt, das Wattenmeer oder den Vareler Hafen gerne als Hintergrund für TV-Interviews nutzt, beschreibt eine Stabilität und Kontinuität, auf die die Mehrheit in Varel vertrauen möchte und damit allerdings nur das fortschreibt, was uns all die Erschütterungen beschert hat. Es gibt nicht wenige, die in Varel auf den neuen Stadtrat manche Hoffnungen setzen wie mehr Bürgerbeteiligung, mehr klimagerechtes Handeln und klügere Mobilitätskonzepte. Dass mehr Jüngere, mehr Frauen und gar Mitglieder aus den Agenda-Arbeitskreisen in den Rat gewählt wurden, deutet man als hoffnungsvolles Zeichen. Der Witz dabei ist, dass Siemtje Möller mit diesem Image in Varel gerade nicht für einen grundsätzlichen Wechsel und für eine zukunftsorientierte Politik steht, sondern für die Kontinuität. Sie selbst begann in Berlin um einiges dynamischer und fiel schon 2018 mit einem Thesenpapier zur Erneuerung der SPD auf. Einem Thesenpapier, das so gar nicht zu den Positionspapieren des Seeheimer Kreises passt, deren Sprecherin sie nun seit 2020 ist.

In Erwartungen verharren – eine junge Frau nach der Wahl, nicht verbeamtet.

Nun haben SPD und CDU in Varel eine Koalition beschlossen und somit für sich eine stabile Mehrheit zusammengestellt. Das erste Signal, das aber mit dieser Entscheidung signalisiert wurde, ist die Fortsetzung des schlichten „Weiter so.“ Das bringt Varel um die längst überfälligen Veränderungen, die die kleine Stadt hätten zukunftsgerechter werden lassen können. Doch in dieser Ratsmehrheit kündigt sich nichts an, was über die Ausweisung von neuen Bau- und Gewerbegebieten, eine autogerechte Verkehrsführung, mehr Parkplätze, uneingeschränktes Düngen der Felder und eine konzeptlose Digitalisierung der Schulen hinausweist. Die Kulturarbeit bleibt ein privates Engagement, das sich der leisten mag, der es kann. Tourismus ist nur als Wachstumssektor relevant und während Varel bei den explodierenden Kosten für den Stadionbau in Langendamm improvisieren muss, werden in den kommenden Jahren andere Kommunen und Kreise an Varel in Fragen der Bildung, Kunst und einer nachhaltigen Reise- und Gastkultur vorbeiziehen.

So berechtigt die Wünsche nach Aufstieg, Erfolg, Sicherheit und Kontinuität sind, die in dem Image von Siemtje Möller transportiert werden, so wenig sollte man der Macht der Bilder vertrauen. Demokratische Politik basiert auf Entscheidungen, die in gemeinsamen Diskussionen und dem Tausch von Argumenten begründet werden. Es gilt zu verstehen und zu überzeugen. Das ist schwierig unter Nachbarn – denn Nachbarn überzeugt man in der Regel nicht, man versucht, mit ihnen auszukommen.

Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Begrenzt offen für Alles

Was hat Bürgermeister Wagner mit dem Tivoli vor?

Die Vareler SPD und mit ihr der amtierende Bürgermeister Gerd-Christian Wagner setzen sich dafür ein, dass ein Bürgerrat zum Tivoli Stellung nemen soll. „Wir sollten die VarelerInnen fragen, was brauchen sie denn eigentlich? Was wollen wir? Nur eine Veranstaltungshalle, wollen wir eine Multifunktionshalle, für wen wollen wir das?“ So Wagner im NWZ-Gespräch vom 26.08.2021. Weiter heißt es da: „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir die Bürgerinnen und Bürger befragen und sie unvoreingenommen einfach mal den Bürgerwillen formen lassen.“ Jürgen Bruns, auf Listenplatz 1 der SPD, ergänzt hierzu, dass Bürgerbeteiligungen oftmals mit Interessensgemeinschaften verwechselt würden und dass nicht immer die Lauten recht haben, die in der ersten Reihe stehen. „Für uns ist unheimlich wichtig, dass wir auch die hören, die leise sind und deshalb die Idee des Bürgerrates, um wirklich einen Prozess in Gang zu setzen, wo alle BürgerInnen, alle Schichten die Möglichkeiten haben, ihre Ideen mit einzubringen“. Nun ist allerdings bekannt, dass die leise Mehrheit in der Regel deswegen schweigt, weil sie sich mit diesen Themen nicht identifiziert, weil sie gegebenenfalls ganz andere Sorgen hat. Wer sich zum Beispiel wegen des Stellenabbaus bei Aerotec Gedanken machen muss, wie er die Miete oder die Raten für sein Eigenheim abbezahlen kann: In einer solchen Situation rückt für die Betroffenen die Frage nach dem Bürgerwillen und der Zukunft des Tivolis verständlicherweise in den Hintergrund.

Der Tanzsaal im Tivoli, genutzt als Trainingsaal vom Tanzsportclub Schwarz-Gelb Varel e.V.

Trotzdem bleibt die Frage: Wer formt da wie welchen Bürgerwillen?

In dem Rededuell zwischen Wagner und seinem Herausforderer Torsten Tschigor betonte der Bürgermeister vor allem die Schwächen des Tivoli, d.h. die Schäden im Keller, die mögliche Kostenexplosion bei einer Sanierung (mit der allerdings unter den gegenwärtigen Bedingungen auch bei einem Neubau zu rechnen wäre), die Raumaufteilung, die seiner Meinung nach nicht optimal wäre und die „2b-Lage für einen Restaurantbetrieb.“ Er selber favorisiere persönlich eine eigene Lösung, doch in der Diskussion um das Tivoli sei er völlig offen. Für ihn sei hier der Bürgerrat ein mutiger Versuch und ein Instrumentarium, das man auch mal in Varel anwenden könne, zumal es die Bundesregierung mittlerweise zum zweiten Mal einsetzt.

Man muss nicht mit dem ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo DiFabio übereinstimmen, aber sein Einwand zum Thema Bürgerrat ist bedenkenswert: „Hier entscheiden gewählte Bürger als eine Art Volkssurrogat. Sie sollen aber bereits wissenschaftlich moderiert werden. Die da ausgelost sind, werden bereits durch wissenschaftliche Sachkunde geleitet.“ Im Grunde genommen, so DiFabio, sei es ein Modell der Expertokratie, wo die gelosten BürgerInnen die Fassade sind, damit ExpertInnen ihr Urteil mit einer gewissen Autorität im parlamentarischen Raum durchsetzen. Das ist überspitzt, aber im Falle des Vareler Tivolis nicht unzutreffend, denn so wie Bürgermeister Wagner es im Rededuell skizziert hat, will er die Information belegt sehen, dass das Gebäude marode und als Multifunktionshalle nicht geeignet ist. Zudem deutet er an: „Wenn Herr Lienemann aus dem Nähkästchen plaudern würde, dann würden einigen die Augen übergehen. Ja. Dann kommt man schon in eine ganz andere Diskussion hinein und wenn man dann auch noch mal den Kostenblock mit dazu nimmt…“. Die Stadtverwaltung wird eine externe Agentur beauftragen, den Diksussionsprozess zu moderieren und so wird die entscheidende Frage sein, wie diese Agentur den Bürgerrat moderiert, welche ExpertInnen sie zu dem Thema einladen wird, welche Informationen sie in welcher Intensität präsentiert und inwieweit die Stadtverwaltung als Auftraggeberin die Rahmendaten für diesen Prozess vermitteln kann. All dies ist nicht transparent, geschweige denn, dass die Verwaltung oder die SPD den Algorithmus nachvollziehen könnten, nach dem die BürgerInnen ausgelost werden sollen. Transparenz aber ist ein zentrales Merkmal für die Bürgerbeteiligung.

Bei der Diskussion um den Bürgerrat wird zudem außer Acht gelassen, dass es nicht nur, wie Bürgermeister Wagner meint, um eine simple Multifunktionshalle geht, sondern um den Erhalt eines Veranstaltungshauses und dass im Weiteren um das Konzept eines Kulturzentrums im Kernbereich der Stadt verhandelt wird. Das Erschreckende dabei ist, dass Wagner in dem Rededuell nicht ein einziges Mal das Wort Kultur verwendet, geschweige denn von Kunst spricht. Auch sein großflächig verteilter Flyer erwähnt die Kulturarbeit nicht. Im SPD-Programm heißt es zwar, dass Kulturprojekte Identität und Einzigartigkeit stiften, aber dann versteht man im Detail darunter die Schwimmbäder, die Stadtbücherei und nicht näher bezeichnete Kunst- und Kulturprojekte.

Weiterhin fällt auf, dass sich Wagner seit dem 05.02.2021 in einem Interview gegenüber den Vareler Randnotizen nicht mehr konzeptionell zur Kulturarbeit in Varel öffentlich geäußert hat. Er weiß um die Schwäche der Vareler Kulturszene (mangelnde Bereitschaft, gemeinsam Forderungen zu artikulieren und durchzusetzen) und schon damals beschäftigte ihn die Idee eines Bürgerrates. Seitdem die CDU jedoch ihren übereilten Vorschlag eines Neubaus in die Diskussion gebracht hat, beschränken sich die Stellungnahmen von Bürgermeister Wagner zur Kunst darauf, z.B. ein Puzzle von Anja Voß als Meisterwerk zu bezeichnen.

Die 15 Jahre im Bürgermeisteramt haben Wagner offensichtlich die Erfahrung vermittelt, dass man öffentliche Projekte in anderen Kategorien denken muss als nur in den Zeitfenstern einer Legislaturperiode. Es gilt in erster Linie sie durchzusetzen und dies gelingt mit Beharrlichkeit. Diese ist nicht mit Sturheit zu verwechseln. Im Gegenteil: Beharrlichkeit ist dann erfolgreich, wenn sie sich der aktuellen Kommuniktaion zu bedienen und „die Menschen abzuholen“ weiß.

Die ursprüngliche Projektskizze des Sport-und Bürgerparks in Langendamm von 2018, das (vom Verfasser) braun eingefärbte Rechteck links oben war als Eventhalle geplant. Inzwischen ist das Projekt nur auf den Sportpark begrenzt./ Quelle: Stadt Varel

Schaut man sich die ersten Pläne des Sportparks Langendamm an, so war dieser als Bürger- und Sportpark skizziert und sollte auch so beantragt werden. Da Wagner sich nicht explizit von dieser Ideenskizze distanziert hat, könnte man davon ausgehen, dass er diese Planung noch weiterhin im Sinn hat, zumal er gerne immer wieder das Stichwort einer Multifunktionshalle erwähnt. Das wäre dann eine Veranstaltungshalle mit einem Fassungsvermögen von ca. 1000 BesucherInnen und in unmittelbarer Nähe zum neuen Sportstadion.

Für den Bürgermeister ist Kultur offensichtlich vor allem ein Verwaltungsakt, aber weniger eine gesellschaftliche oder inhaltliche Frage. Das kann man ihm nicht wirklich vorwerfen, wenn man ihn (wieder) gewählt haben sollte, doch zum Vorwurf wird auf jeden Fall, dass er scheinbar ein Modell der Bürgerpartizipation dazu instrumentalisieren will, um einen vermeintlichen Bürgerwillen in seinem Sinne zu formen. So dürfte ein innovatives Bürgergremium tatsächlich zur fadenscheinigen Legitimation für die Planvorstellungen von Bauunternehmen und deren Bürgermeister werden. Die SPD selbst macht sich für diese Vorstellung zum Dienstmädchen, denn sie formuliert keine eigenen Vorstellungen zu den Forderungen für kulturelle Bildungsarbeit, Kunst und für ein Kulturzentrum. Man bekommt den desaströsen Eindruck, dass die SPD sich unter Kultur nur spaßige Unterhaltung vorstellen kann. Ansonsten überlässt man die Kulturarbeit dem bürgerschaftlich-ehrenamtlichen Engagement der Bessergestellten. Solange die SPD und mit ihr der amtierende Bürgermeister nicht substantiell und konkret etwas zu einem Kulturzenztrum und der notwendigen kulturellen Bildungsarbeit für Varel sagt, besitzt sie in Sachen Bürgerrat keine Glaubwürdigkeit. Die Vereine, die das Tivoli gegenwärtig für ihre Arbeit nutzen, wissen übrigens – trotz aller Schwächen und Schwierigkeiten – um die Vorzüge dieses Haus. Vor allem aber, kann man das Tivoli vielfältig nutzen, ohne dass es den Charakter und den fraglichen Charme einer Veranstaltungsmehrzweckhalle hat, die eher an einen Großmarkt erinnert, als an einen Ort für Kunst und Kultur. Die Unverständigkeit der örtlichen SPD gegenüber kulturellen Belangen sollte den Kunst- und Kulturschaffenden in Varel zu denken geben. „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“

Norbert Ahlers

Veröffentlicht unter Allgemein | 1 Kommentar