Ein Knoten in Varel

Hellmut-Barthel-Straße / Quelle: Stadt Varel

Es braut sich etwas zusammen, das sich in einer Kostenexplosion entladen könnte: Der Knotenpunkt an der Hellmut-Barthel-Straße.

Die Stadtverwaltung hat am 09.07.2019 im Ausschuss für Stadtentwicklung, Planung und Umweltschutz den konkretisierten Entwurf für den Sportpark vorgestellt. Die besondere Schwierigkeit ist die verkehrstechnische Anbindung, denn über die jeweiligen Zufahrtstraßen des Langendammer Sportgeländes, den Herrenkampsweg und die Schuhmacherstraße, wird der prognostizierte Verkehr nicht zubewältigen sein. Daher heißt es in der entsprechenden Präsentation:

Die Erschließung erfolgt für den motorisierten Verkehr von der Hellmut-Barthel-Straße über eine Verlängerung der Straße im Bereich des ehemaligen Fußballgolf-Geländes. Der dortige Knotenpunkt soll eine Ampelanlage erhalten. Über die gleiche Zuwegung (dann allerdings über eine geschützte Nebenanlage) können die Fußgänger und Radfahrer aus Richtung Norden den Sportpark erreichen.

die geplante Entflechtung des Knotenpunktes /Quelle: Stadt Varel

Dieser Knotenpunkt entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein ausgesprochen schwieriger Knoten: Nicht nur, dass die notwendige Verbreiterung der Hellmut-Barthel-Straße als Baustelle den Lieferverkehr der Papier- und Kartonfabrik Varel (PKV) temporär beeinträchtigen wird (Vgl. nebenstehendes Luftbild); auch die Ampelanlage wird seitens der PKV ausgesprochen kritisch gesehen. So äußerte sich Sönke Klug, Unternehmenssprecher der PKV, mit folgenden Worten:

Pro Tag erreichen im Durchschnitt 300 bis 350 LKW unser Werk, die uns vor allem unseren Rohstoff Altpapier (…) liefern. Im Interesse einer effizienten und nachhaltigen Logistik organisieren wir die Verkehre so, dass möglichst viele dieser LKW wieder beladen mit fertigen Produkten für unsere Kunden das Werk verlassen und nicht leer kommen oder leer abfahren. (…) Angesichts des Verkehrsaufkommens sind wir nicht davon überzeugt, dass eine Ampelanlage an der beschriebenen Stelle eine gute Lösung wäre. Wir befürchten unter anderem erhebliche Rückstaus zu der nahen Ampelanlage an der Kreuzung zur B437.“

Klug geht davon aus, dass der Bedarf an umweltfreundlichen Verpackungen aus Altpapier steigen wird und der Betrieb stellt sich auf diese wachsende Nachfrage ein. Daher rechnet er damit, „dass die Zahl der LKW-Verkehre dadurch in den nächsten Jahren um 10 bis 15 Prozent steigen könnte.“ Dass diese Perspektive ernstzunehmen ist, zeigt sich nicht zuletzt in den umfangreichen Investitionen der PKV, mit der der Vareler Standort modernisiert wird. Die PKV beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter und ist als bedeutende Arbeitgeberin bei der Diskussion um die Entwicklung des Sportparks kaum zu ignorieren.

Wenn das geplante Wettkampfstadion (Typ B) und der neue Kunstrasenplatz realisiert werden, dann ist an diesem Knotenpunkt nicht nur mit einem Stau des Lieferverkehrs zu rechnen, sondern auch ein stetig wachsendes Aufkommen an Individualverkehr zu erwarten. Es wird nicht nur der Verkehrsfluss der PKV empfindlich gestört werden, sondern die Planung der Stadtverwaltung zeigt auch, wie wenig zukunftsorientiert das Verkehrskonzept der Stadt Varel ist: Die von Bürgermeister Wagner immer wieder betonten stadtpolitischen Entwicklungsimpulse, die er durch den Sportpark Langendamm erwartet, sind bisher nur in einem greifbar: Es wird mehr Individualverkehr mit dem Auto geben und den Warenverkehr der PKV behindern.

Es wird auch kaum jemanden in Varel überzeugen, dass just an dieser Kreuzung die Schüler auf dem Weg zum Sportunterricht oder Jugendliche zum Vereinstraining mit dem Fahrrad die Straße sicher überqueren können, an der es 2018 – ebenfalls an einer Ampelkreuzung – zu zwei schweren Unfällen kam, bei denen Sattelzüge Fahrradfahrer lebensgefährlich verletzten.

Das kann nicht die Lösung sein und eine Ausweitung der Hellmut-Barthel-Straße zu einer mehrspurigen Zufahrtstraße inklusive Unterführung für Fußgänger und Fahrradfahrer, ist sehr wahrscheinlich kaum finanzierbar oder eben nur, wenn man eine Kostenexplosion in Kauf nimmt.

von Norbert Ahlers

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Die „brutalstmögliche“ Sanierung

In diesen Tagen fühlen sich viele Vareler Bürger in der Diskussion um den Erhalt des Waldstadions an die Vorgänge in Dangast um 2013 erinnert. Peter Beyersdorf hat auch knapp und präzise die Übereinstimmungen beschrieben und es kommt einem in der Tat so vor, als wollte die Stadtverwaltung einen Coup nochmals versuchen.

Doch es gibt Unterschiede: Während man seinerzeit in Dangast einen finanziell maroden Kurbetrieb in der „brutalstmöglichen“1 Form sanieren wollte, der einen ebenso sanierungsbedürftigen Kommunalhaushalt belastete, so wird nun in Varel kein Handlungszwang begründet. Hier beschränkt man sich allein auf die in Aussicht gestellten Fördergelder. Der seit langem geäußerte Wunsch der Rasensportvereine nach einem ganzjährig nutzbaren Sportplatz mutierte in den Büros der Stadtverwaltung zu einem Sportzentrum, dessen Entwicklungspotenzial den Bau eines neuen Hallenbades, neuer Sporthallen, weiterer Feldplätze und einer Veranstaltungshalle mit 400 – 800 Plätzen beschreibt.

Für all dies sollen zwecks Gegenfinanzierung die Flächen des Waldstadion-Areals verkauft werden – und wenn Bürgermeister Wagner von der Notwendigkeit eines Entwicklungskonzeptes Windallee spricht, dann dürften mittelfristig auch das Tivoli samt Parkplatz, die Weberei2 und das Schulgelände der Heinz Neukäther Schule/Pestalozzi-Schule zur Disposition stehen.

Dem blumigen Strauß an Versprechungen und Möglichkeiten, die sich in Langendamm bald entfalten sollen, steht ein Mangel an plausiblen Sachargumenten gegenüber. Es überrascht auch, wie selten Statements der Stadträte von SPD, CDU, FDP und BBV in den lokalen Medien zu lesen sind. Es ist, als würde sie ihren eigenen Visionen nicht glauben. So ist dieser Text hier eine Skizze, die sich aus einzelnen Mosaiksteinen zusammensetzt. Mosaiksteinen, die so zusammengestellt eine Art von Phantombild ergeben:

Anfang 2018 konstatierte man, dass es im Landkreis und somit auch in Varel vor allem an kleineren, preisgünstigen Mietwohnungen mangele. Zwar zeichnet sich mit dem demografischen Wandel ein Bevölkerungsrückgang ab, doch im Segment der kleineren, preisgünstigeren Mietwohnungen würde sich ein Mangel entwickeln. Ebenso im Bereich des sozialen Wohnungsbaus, der lange Zeit vernachlässigt wurde. Ein Jahr später, am 31.12.2018 äußerte sich Bürgermeister Wagner gegenüber der NWZ, dass demgegenüber die Entwicklung der Einwohnerzahl die Attraktivität der Stadt Varel dokumentiere. Daher wäre es das Ziel der Stadtverwaltung, Bauland zu entwickeln. In der Stadtplanung setze man hier auf die sogenannte Nachverdichtung. Im Juli 2019 wurde der bundesweit beachtete IW-Report 28/2019 „Ist der Wohnungsbau auf dem richtigen Weg“ von R. Henger und M. Voigtländer veröffentlicht, der für den Landkreis Friesland eine 178% Überversorgung an fertiggestelltem Wohnraum konstatierte. Einfach gesagt: Es wurde fast doppelt so viel gebaut wie gebraucht wurde. Damit – und das ist das wirklich Kuriose – zeigt Friesland die gleiche Tendenz wie etwa die Landkreise Wittmund (167%), Schaumburg (190%), Vogelsbergkreis (230%), Nordfriesland (230%) u.a.m. Allesamt ländliche Gebiete mit touristischen Erholungswert, die für die Mittelschicht ideale Immobilienangebote als Kapitalanlagen zu bieten scheinen.

In Friesland kommt aber noch ein weiteres Moment hinzu: Es steigen die Wohnungspreise stärker als die Mietpreise3, d.h. es ist langfristig günstiger zu mieten als eine Wohnung zu kaufen. Wer also baut, will vor allem vermieten – und das nicht an eine finanzschwache Klientel. Man baut weniger für den Eigenbedarf oder aus Interesse an einer biederen Kapitalanlage, sondern spekuliert auf einen stabilen Profit. Sollte sich der Markt weiterhin so entwickeln, dann ist eine Wertsteigerung der Immobilie ohnehin zwangsläufig. All das ist in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft nichts Anrüchiges, doch geschieht dies auf Kosten öffentlicher Ressourcen, dann ist Widerspruch Pflicht.

In Varel, wo man sich auf die Nachverdichtung konzentriert, sollen das Waldstadion, der Schlackeplatz und die Deharde-Wiese zu Bauland umgestuft werden. Die Flächen zwischen Windallee und Steinbrückenweg sind in ihrer Lage nur potenziell wertvoll. Erst durch eine Umwidmung der Nutzung könnten sie ihren spekulativen Wert entfalten, d.h. würde die Stadt die 25.000 m² im günstigen Fall für 180,- €/ m² verkaufen, so wäre das ein Erlös von 4.500.000 €. Davon müssten die Erschließungskosten für das Areal wiederum abgezogen werden. Diejenigen, die nun aber dieses Bauland verkaufen und bebauen, würden dann den Wert dieser Flächen um ein Vielfaches steigern, so dass man wohl durchaus von mindestens 15 Millionen € sprechen kann. Diese Wertsteigerung aber ist allein in privater Hand und der Kommune bzw. den Einwohnern endgültig entzogen. Die Bebauung wird wohl kaum bedarfsorientiert sein, d.h. kleinere, günstigere Mietwohnungen mit sozialgebundener Mietpreisbindung. Auch stehen die Einnahmen, die hier durch die Grundsteuer generiert werden könnten, in keinem Verhältnis zu den privaten Gewinnen.

Der Restrukturierungsmanager Johann Taddigs, der nun auch im Gespräch ist für die Leitung des neuzugründenden Eigenbetriebes „Wohnungswirtschaft der Stadt Varel“, dürfte in seiner unsentimentalen Art so umsichtig vorgehen, wie er es in Dangast schon gezeigt hat: brutalstmöglich.

Man kann sagen, dass dieses Mosaik, was hier skizziert ist, nicht stimmig ist, dass es viele leere Stellen hat und man überhaupt das Positive vermisst, doch ich möchte zu bedenken geben, dass diese Zeilen nur ein Versuch sind, hinter der zaghaften Argumentation, den dürftigen Projektbegründungen, den übereilten Entwurfskizzen4 und den blumigen Versprechungen der Stadtverwaltung einen Sinn zu erkennen. Es ist der Versuch, die Zusammenhänge zu verstehen, weshalb ein Bürgermeister so massiv auf eine fantasielose Projektskizze beharrt, ohne sie substantiell in ihrer Notwendigkeit oder gar in ihrer sozialen Vision begründen zu können. Offensichtlich geht es nicht um den Sport, sondern um die postulierte Attraktivität der Stadt Varel, die aber gerade mit den geplanten Baumaßnahmen der Stadtverwaltung irreversibel beschädigt werden würde5. Ist dieses Mosaik- oder Phantombild nicht zutreffend, dann darf ich allerdings erwarten, dass man meine Überlegungen argumentativ widerlegt.

Im Kern wird das Förderprogramm zur Sanierung kommunaler Sportstätten hier in Varel auf eine bloße Wirtschaftsförderung reduziert. Der Sport selbst ist für die Stadtverwaltung das Vehikel, mit dem der lokalen Immobilien- und Bauwirtschaft neue Ressourcen auf Kosten des öffentlichen Eigentums und der Daseinsvorsorge zugeführt werden soll. Die Privatisierung der öffentlichen Flächen Waldstadion, Schlackeplatz, Deharde-Wiese, Weberei und Tivoli wäre für die Stadt Varel nicht nur ein kulturhistorischer Verlust, es wäre auch der unwiederbringliche Verlust eines innerstädtischen Erholungsraumes mit unvergleichlichem Entwicklungspotenzial für einen lebendigen Ort als öffentlichen Raum der Begegnung und des Zusammenlebens.

von Norbert Ahlers

Eine alte Kreuzung in Varel, die die Neue Straße und Hindenburgstraße zusammenführte. Links im Bild eine Grünfläche, der alte Stadtfriedhof, heute eine Parkplatzfläche an der B 437.  – Bild: Villa Schmalfilm

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1) Wortschöpfung vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Bedeutung laut Duden „ohne jegliche Rücksichtnahme“.

2) Bei der Bürgerfragestunde sagte Wagner, dass er mit den Jugendlichen schon im Gespräch sei, einen neuen Standort für die Skaterbahn zu erörtern und das Biker-Gelände im Entwurf des Langendammer Sportpark ist nicht weniger beredt.

3) Es erstaunt doch, wenn im Vergleich des Kauf-Miet-Verhältnisses der Landkreis Friesland (wie auch der Vogelsbergkreis und Nordfriesland) die gleiche Dynamik zeigen wie die Städte Düsseldorf, München, Stuttgart, Berlin und Hamburg, also die Brennpunkte der aktuellen Wohnungsnot. Nicht, dass die Situation in Friesland mit der in Hamburg zu vergleichen ist,  die bizarre Gemeinsamkeit verblüfft dennoch.

4) Beispiel: So findet sich in der Entwurfsskizze ein Badmintonfeld unter freiem Himmel. Badminton ist ein Hallensport. Meint man aber Crossminton, so sollte das Feld auch als solches bezeichnet werden. Allerdings spielt kaum jemand in Varel diese Variante des Badmintons.

5) Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der geplante Sportpark Langendamm mit all seinen möglichen Erweiterungen sich im Ergebnis ebenso unbeeindruckend entpuppen wird, wie der Seekurpark in Dangast.

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Anders ist besser

Von dem Vorschlag, der sowohl besser durchdacht als auch kostengünstiger ist.

Bürgerpark Waldstadion

Entwurf vom Förderkreis Bürgerpark Waldstadion (Bild: © J.Spanjer)

Der Bürgerpark Waldstadion (s.o.) ist eine reale Alternative zum Entwurf der Stadtverwaltung. Bürgermeister Wagner bezeichnete ihn allerdings in einer Stellungnahme in der NWZ vom 26.07.2019 jüngst als ein „ganz anderes Projekt.“ Es ist insofern tatsächlich ein anderes Projekt, als es schlicht das bessere ist. Besser in der Lage, besser in der skizzierten Konzeption, besser in der inhaltlichen Begründung und nicht zuletzt auch besser in der Finanzierung.

Nimmt man die Zahlen der Projetskizze FRI_SpoBuePark (Titel: „Sanierung der Sportstätten Langendamm und Windallee durch Errichtung eines zentralen Sport- und Bürgerparks am zu sanierenden Standort Langendamm sowie Aufgabe des Standortes Windallee im Rahmen des Sportstättenentwicklungskonzeptes“), die die Stadtverwaltung in Berlin eingereicht hat, dann fällt auf, dass 2019 allein 1.539.000 € nur für Grunderwerb (800.000,-), Planung (357.000,-) und Verkehrserschließung (382.000,-) verausgabt werden, jedoch kein Cent für eine Sanierungsmaßnahme. Erst 2020 werden 1.173.000 € in einen Sportplatz investiert, 2021 dann nochmal 1.150.000 € in die weiteren Plätze.

Im Jahr 2023 sind dann noch einmal 983.000 € für das Vereinsheim eingeplant.

Das sind 3.899.000 für die Sportstätte Langendamm. Dem gegenüber stehen 3.665.000,- € für den Zeitraum 2019 – 2023 allein für Planung und die Verkehrserschließung. Anders gesagt: Die Sportstättensanierung ist zu 50% eine Verkehrsförderung, primär für den Autoverkehr.

All dies wäre mit dem Entwurf des Förderkreises Bürgerpark wesentlich kostengünstiger und bedarfsgerechter zu realisieren. Die Instandsetzung des Rasenplatzes im Waldstadion kann mit 250.000,- €, die der Kleinfelder, Finnbahn, Umkleidekabine, Begrünung u.v.m. mit 450.000,- €, die Planung mit 300.000,- € und die Naturbühne nebst Pavillon mit 700.000,- € veranschlagt werden. Dabei könnte die Naturbühne an einem solch zentralen Ort in der Stadt sehr wahrscheinlich durch Sponsorengelder kofinanziert werden. Das wäre insgesamt ein Kostenvolumen von 1.700.000,- €.

Für Langendamm stünden somit 2.300.000,- € zur Verfügung plus dem notwendigen Eigenanteil der Kommune. Mit diesem Geld wäre ein ganzjährig bespielbarer Feldplatz und ein separater Tunierplatz zu finanzieren, ohne dass der kommunale Haushalt ernsthaft belastet würde.

Weshalb aber insistiert Bürgermeister Wagner so vehement auf den wesentlich kostspieligeren Entwurf der Stadtverwaltung?

Es gibt viele Vermutungen, die jedoch nicht belegt werden können. Somit müssten schon für 2019 die Ausgaben zum Grunderwerb in Langendamm gebunden sein, denn nach Auskunft des Bürgermsieters wurden schon Flächen per Handschlag angekauft. Allerdings muss man durch die überraschende Kostensteigerung eines notwendigen Grundstücks nochmals neu kalkulieren. Zudem wurde auch schon ein Planungsbüro wurde beauftragt. Es geht also hier immerhin um 1.157.000,- € für den Flächenerwerb und die Planung, die schon fest gebunden wurden und bei Nicht-Erfüllung wahrscheinlich auch regressflichtig würden. Ausgaben, die laut Projektskizze für 2019 mit 813.900,- € durch Bundesmittel alimentiert werden sollten. Ohne eine endgültige Zusage seitens des BBSR, die erst noch in einem Gespräch am 30.09.2019 bestätigt werden muss, hat man also schon kommunale Gelder ausgegeben.

Insofern ist der alternative Entwurf des Förderkreises Bürgerpark Waldstadion für den Bürgermeister ein ernsthaftes Dilemma, denn er ist effektiver und kostengünstiger. Die notwendigen Flächen sind schon im Besitz der Kommune und die innovativen Impulse einer nachhaltigen Stadtentwicklung für Varel liegen auf der Hand. Das dürften auch die Kriterien sein, die in Berlin und Bonn überzeugen. Ein ausführliches  Begründungsschreiben in diesem Sinne liegt dem Ministerium vor.

von Norbert Ahlers

bürgerpark. jpg

Mit ein wenig Fantasie: Die Fläche, auf der man ein Kleinfeld, eine Naturbühne, Blühwiesen und ein Pavillon errichten könnte – und alles mit Blick auf das Zentrum der Stadt.

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Bürgerpark Waldstadion

Reden wir mal über Alternativen

Bei der Kundgebung für den Sport- und Bürgerpark in Langendamm am 02.07.2019 hieß es von Seiten der Vereine, es sei besser für etwas zu sein, als gegen etwas. Das übersieht die Tatsache, dass es Alternativen jenseits des Schwarz-Weiß-Denkens gibt und man zugleich für einen Turnierplatz in Langendamm und für einen Bürgerpark im Waldstadion sein kann.

Bürgermeister Wagner äußerte in der vergangenen Sitzung des Ausschusses für Schulen, Kultur und Sport am 24.06.2019 gegenüber Werner Vogel, dass seitens des Bundes von den Antragsstellern erwartet werde, dass man mit der Sanierung von Sportstätten städteplanerische Impulse setzen müsse, man also keine 08/15-Sportstättensanierungen darunter fassen könne. Dieses Geld bekomme man für gewichtige Maßnahmen. Die „Trauben dieses Antrags“ hingen hoch und so waren die Kriterien für die Projektskizze eine Herausforderung. Liest man jedoch die formellen Kriterien des BBSR , dann findet man von alldem kein Wort. Dort heißt es vielmehr: „Gefördert werden investive Projekte mit besonders sozialer und integrativer Wirkung. (…) Ein Qualitätsmerkmal der Projekte ist eine gute Einbindung in das städtische Umfeld. (…) Die Zweckbindung ist die Sanierung der kommunalen Infrastruktur.“ Aspekte, die umstandslos für alle Sportstätten Varels gelten, auch und vor allem für das Waldstadion. Die besondere Schwierigkeit für die Stadtverwaltung bei der Antragsskizze war weniger die Erwartungshaltung, wie man eine „gewichtige Maßnahme“ entwickelt, sondern wie man den eigenständigen Neubau einer Sportstätte so beschreibt, dass er als Ersatzneubau interpretiert werden kann. In den Antragsformalien steht eindeutig, dass der Altbau einer Sportstätte abgerissen werden muss, da „es sich sonst um einen eigenständigen Neubau handelt, nicht um einen baulich unmittelbaren Ersatz. Ein Ersatzneubau muss im Wesentlichen den gleichen Charakter haben wie vorher (einschließlich neuerer Anforderungen und Auflagen). (…) Gibt es zudem eine Erweiterung, die nicht unwesentlich ist, muss diese aus der Gesamtsumme des Projektes herausgerechnet werden. Unwesentliche, den ursprünglichen Charakter nicht verändernde Erweiterungsbauten sind förderfähig. (…) Grundsätzlich soll die örtliche Unmittelbarkeit für den Ersatzneubau gegeben sein. Damit ist ein Ersatzneubau an anderer Stelle im Stadtgebiet nicht möglich.“ Ausnahmen sind möglich, müssen aber zwingend begründet und belegt sein. Diese Begründung aber bleibt die Projektskizze weitgehend schuldig, denn dort heißt es nur: „Das Projekt ist das zentrale Schlüsselprojekt – quasi der Startschuss zur Umsetzung des SSEK der Stadt Varel. Mit der Sanierung gleich zweier Sportstätten entstehen deutliche stadtentwicklungspolitische Impulse.

Die Zusammenführung an einem Standort führt zu einer enormen Entlastung sowie besonderer regionaler und überregionaler Wahrnehmbarkeit. (…) Der SBP fügt sich in das Wohnumfeld Langendamm/Innenstadt städtebaulich ein und liefert unter baukulturellen Aspekten eine interessante, qualitative Erweiterung.“ (vgl. Projektskizze, Begründung des Projektes).

Zusammengefasst: Das zentral gelegene Waldstadion mit den angrenzenden Flächen wird verkauft und bebaut, um in Langendamm seinen Ersatz zu finden. Diesen Flächenverkauf bezeichnet man gegenüber dem Bund als Sanierungsmaßnahme und erklärt, dass man in Langendamm städteplanerische Impulse schafft. Diese aber werden nicht benannt und verfolgt man die aktuellen Entwürfe, so ist der einzige Impuls ein Zuwachs an Autoverkehr in Langendamm bzw. auf der Barthelstraße.

Bürgermeister Wagner hat in der oben genannten Ausschusssitzung auch zugegeben, dass er keine Alternative zu den präsentierten Entwürfen hat entwickeln lassen. Trotzdem gibt es – schon seit 2013 in den Skizzen von Jens Pöhlandt, Gymnasiallehrer am LMG und Fachbereichsleiter Sport, einen Gegenentwurf, der bisher offensichtlich konsequent ignoriert wurde. In den Kreisen, die sich für den Erhalt des Waldstadions einsetzen, kursiert zudem der durchaus begründete Entwurf eines Bewegungs- und Bürgerparks Waldstadion bei gleichzeitiger Sanierung eines erweiterten Tunierplatzes in Langendamm. Würde in Langendamm der Feldplatz dergestalt saniert werden, dass er den neuen Wettkampfkriterien entspricht und man auf den vorhandenen Flächen zwischen Windallee und Steinbrückenweg eine Version des Volksparks für Training, Bewegung und Erholung entwickelt, wäre die Fianzierung mit Förderung und bestehenden Eigenmitteln gewährleistet. In dieser Konstellation würde die Stadt Varel tatsächlich stadtentwicklungspolitische Impulse setzen. Die kommenden Generationen der Stadt werden es zu schätzen wissen, wenn heute eine zentrale, innerstädtische Grünfläche als Bewegungs- und Bürgerpark zum Erholungsort gesichert wird.

Bürgerpark-Waldstadion-klein

Schlicht zusammengefasst sprechen folgende Punkte für die Sport-und Trainingsflächen Windallee/Steinbrückenweg:

  • sie liegen in zentraler Lage der Stadt Varel und sind vor allem für die Schulen im Stadtgebiet die direkt erreichbaren Sportflächen,
  • sie hätten einen sozial integrativen Charakter, weil auch Jugendliche ohne Vereinszugehörigkeit gegenwärtig dort gerne kicken,
  • sie stellen räumlich mit der Umgebung einen historisch gewachsenen Stadtraum dar (was die Kommune mit der Erhaltungssatzung auch anerkannt hat), sie bilden eine räumliche Einheit zur Freizeitfläche Weberei,
  • sie haben für die zukünftige Stadtentwicklung der Stadt Varel einen unschätzbar hohen Wert, denn im Zusammenhang mit dem Wald stellen sie einen innerstädtischen Erholungsraum von unvergleichbarer Qualität dar,
  • sie haben mit dem Haus Tivoli und der Heinz-Neukäter-Schule/Pestalozzischule zwei weitere wichtige Bezugspunkte kommunaler Aufgabenbereiche (Kultur und Bildung), die ein enormes bildungskulturelles Potenzial darstellen.

Eine soziokulturelle Nutzung dieser Areale wäre genau der Aspekt und Impuls, an die das Bundesinnenministerium und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) gedacht – und die es erwartet hat. Demgegenüber erschreckt die Vorstellung Wagners, Varel auf die Überholspur bringen und endlich Gas geben zu wollen– so seine Worte auf der Veranstaltung am 02.07. auf dem Sportplatz Langendamm vor den Fußballvereinen. Wer mit Vollgas auf der Überholspur dahin jagt, hat vor allem Lust, sich in dem machtvollen Gefühl der Geschwindigkeit zu spüren, ohne dabei die Umgebung, durch die er rast, wahrzunehmen. Verantwortungsvolle Politik aber im Sinne der Stadt setzt darauf, dass Bestehende zu wahren, um Zukunft zu ermöglichen.

waldstadion-varel

 

von Norbert Ahlers

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Varel: Wenn mit heißer Nadel gestrickt wird

Vareler Waldstadion, Linoldruck N.Ahlers 2018

Vareler Waldstadion, Linoldruck N. Ahlers 2018

Wir müssen uns irgendwann entscheiden. Die Stadtverwaltung arbeitet mit ganz heißer Nadel und sie wird das auch weiter tun.“ (Bürgermeister Wagner in der Ausschusssitzung vom 4.6.2019, zitiert NWZ 06.06.2019)

Mit diesen Worten hat der Vareler Bürgermeister nichts anderes gesagt, als dass die Stadtverwaltung gegenwärtig unter ausgesprochenem Zeitdruck und damit vor allem fahrlässig arbeitet, denn in diesem Sinne wird dieses Idiom herkömmlich verwendet. Diesen Vorwurf würde Herr Wagner aber so nicht stehen lassen – und das auch mit Recht, denn tatsächlich arbeitet die Stadtverwaltung ungewöhnlich zielorientiert auf die Realisierung des neuen Sportparks Langendamm und auf den Verkauf des Waldstadions hin.

Die Projektskizze des Antrags auf Bundesfördermittel lautet im Titel: „Sanierung Sportanlage Langendamm und Windallee durch Errichtung eines zentralen Sport- und Bürgerparks am zu sanierenden Standort Langendamm sowie Aufgabe des Standortes Windallee im Rahmen des Sportstättenentwicklungskonzeptes“.

Wohl gemerkt: Es geht um die Sanierung zweier Standorte, die aber praktisch den Verlust des eines zentralen Platzes zugunsten des anderen in der Randlage darstellt. Dabei wird der Sanierungsbedarf des Waldstadions im Rahmen der Informationsveranstaltungen und Ausschusssitzungen zum Sportstättenentwicklungskonzept als so umfangreich beschrieben, dass man den Eindruck bekommt, eine Sanierung wäre kostspieliger als ein Neubau andernorts. Der konkrete Nachweis dafür aber in Form einer seriösen Kostenkalkulation für Investitions- und Betriebskosten wird seitens der Stadt Varel nicht erbracht. Im Gegenteil: Mit Hinweis auf einen umfangreichen Diskussionsprozess bei gleichzeitigem Zeitdruck durch Förderfristen betont man immer wieder, dass noch nichts entschieden sei. Wenn denn nicht fehlerhafte Fahrlässigkeit die Arbeit des Stadtrates und der Verwaltung kennzeichnet – ein Vorwurf, dem gegenüber sich der Bürgermeister vehement verwahrt – dann hat dieses Vorgehen offensichtlich Methode: Die Sportstätten in der Windallee (Waldstadion und Kleinplätze), zeigen von allen Sportplätzen den größten Sanierungsbedarf, weil die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren eine adäquate Instandhaltung vernachlässigt haben.

2013 zeigte ein Investor sein deutliches Interesse an innerstädtischen Grünflächen wie etwa an dem Weberei-Gelände, das in unmittelbarer Nähe zum Waldstadion liegt. Die Bebauung, die damals noch verhindert werden konnte, dürfte allerdings über die Jahre weiterhin Begehrlichkeiten provoziert haben. Die dynamische, doch zusammenhangslose Bauentwicklung im sogenannten Waldviertel (ehemaliges Kasernengelände) seit 2015/16 wird ihr übriges dazu beigetragen haben. Bürgermeister Wagner betont in den Sitzungen immer wieder die Impulse für die Vareler Statdtentwicklung, wenn denn die Grünflächen zwischen Steinbrückenweg und der Windallee bebaut werden könnten. Diese Impulse bleiben aber unklar. Ob es sich nun um soziale Wohnungsbauten oder gar andere Ideen wie der Neubau für das Rathaus handelt – alles scheint offen.

Hingegen hat aber das Planungsbüro Richter Sportstättenkonzepte GmbH auf den Seiten 159ff des Sportstättenentwicklungskonzeptes 2018 schon klare Vorstellungen geliefert, wie eine Bebauung der neuen Flächen aussehen könnte. Dieser Entwurf dürfte nahe dran sein an dem, was Investoren sich vorstellen mögen. Diese Skizzen haben jedoch nichts mit sozialem Wohnungsbau oder innovativen Ideen zu tun.

plannungsentwurf richter

Quelle: Sportstättenentwicklungskonzept der Stadt Varel  S.161

Tatsächlich existiert ein Zeitdruck bei Planung, denn bis zum Herbst 2019 müssen die Voraussetzungen für die Förderung durch Bundesmittel geschaffen sein, d.h. Kauf der neuen Flächen in Langendamm, Bodenuntersuchungen und die Bereitstellung des finanziellen Eigenanteils müssen abgeschlossen sein. Der aber kann nur durch den Verkauf der Flächen zwischen der Windallee, der Waldstraße und dem Steinbrückenweg gewährleistet werden. Dieser Verkauf wiederum muss durch einen Ratsbeschluss bestätigt werden. Im Antrag an den Bund schrieb man, dass man den nachreichen werde. Die Frage ist nur, wann dieser Beschluss gefasst wird bzw. ob man den Beschluss zum Antrag vom 19.09.2018 selbst schon als einen solchen interpretieren will?

Letzteres hieße, dass man mit dem Antrag auch dem Verkauf des Waldstadions zugestimmt hätte, ohne in der Öffentlichkeit konkret darüber diskutiert oder direkt abgestimmt zu haben. Da Letzteres doch eher unwahrscheinlich, weil verantwortungslos und täuschend gewesen wäre, wird man in Varel wohl in den kommenden Wochen mit einer entsprechenden Beschlussvorlage für den Stadtrat rechnen dürfen. Daher wird sich in den kommenden Wochen mit aller Wahrscheinlichkeit eine ungewöhnlich intensive Diskussion in Varel entwickeln.

Norbert Ahlers

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Lebenzeichen in der Vareler Kulturlandschaft?

Erst wegen der „Förderkulisse“ die Planung eines Kulturzentrums im Kasernengelände, dann die Aussicht eines Veranstaltungsortes in der alten Katholischen Kirche und nun der Begegnungsort im Neubau des Gymnasiums. Man möchte meinen, dass sich etwas in der kargen Kulturlandschaft Varels bewegen würde. Doch leider sind all diese Verlautbarungen nicht mehr als der Ausdruck einer Gedankenlosigkeit, die Varels politische Gremien schon seit Jahrzehnten kennzeichnet. Wie begründet sich diese Einschätzung?

Zum einen wäre es fast schon wunderhaft zu nennen, wenn plötzlich in der Kulturpolitik, einem stets konsequent vernachlässigten Bereich der Stadtpolitik, die strategischen Impulse im Sinne der Nachhaltigkeit gesetzt werden würden, die in der Verkehrspolitik, im Tourismus oder in der Frage um das Biosphärenreservat bisher strikt abgelehnt wurden. Man muss in Varel und Umgebung nur an die Initiative des Herrn Freese denken, der ein Automuseum im Hansa-Gebäude errichten wollte und die der Stadtrat mit seinen Bedenken wegen der Betriebskosten eines solchen Vorhabens ablehnte (ein Kostenfaktor, der nun weder bei dem geplanten Kulturzentrum noch bei dem Sportstättenkonzept eine Rolle zu spielen scheint). Mit anderen Worten: Es gibt einen langjährigen Erfahrungswert, der die Skepsis gegenüber den genannten Verlautbarungen unterfüttert. Doch unabhängig von diesem eher subjektiven Erfahrungswert sprechen auch Fakten gegen diese neue Umtriebigkeit in Sachen Kultur. Der Haushalt der Stadt Varel ist da sehr beredt: Die Schuldenlast der Kommune wird für 2022 auf 18.878.800,- € veranschlagt, allein für das Jahr 2019 auf 3.931.600,- €. Insgesamt geht man also von einer Mehrverschuldung von 3.290.800,- € gegenüber der Schuldenlast von 2017 aus. Die Verwaltung kann allenfalls als Erfolg behaupten, dass 2018/19 keine Liquiditätkredite notwendig sind, ansonsten ist ihre Einschätzung alles andere als ermutigend: „Nach derzeitiger Lage ist ein dauerhaft strukturelles Defizit zu erwarten“ und die „Erwartung steigender Gewerbesteuererträge allein (sind) für einen dauerhaften Haushaltsausgleich nicht ausreichend.“ Für Investitionen, z.B. Kinderbetreuung, müssen Kredite aufgenommen werden. Potentielle Mehreinnahmen sollen, wenn vorhanden, vor allem für die Instandhaltung der Straßen verwendet werden. In einer solchen finanziellen Situation ist es kaum zu erwarten, dass die öffentliche Hand der Stadt Varel den Schneid hat, in Bildung und Kultur zu investieren. Schaut man auch die Verlautbarungen genauer an, so lobt man hier vor allem Projekte, die entweder aus privater Initiative entwickelt werden (Alte Katholische Kirche) oder vom Bund, Land oder Kreis finanziert werden. In beiden Fällen begrüßt die Stadtverwaltung diese Entwicklungen, wohl wissend, dass sie im Schatten dieser Entwicklungen Immobilien wie das Tivoli, die Weberei und anderes mehr profitabel veräußern kann. So muss man also leider davon ausgehen, dass die obengenannten Schwächen der Komunalpolitik in dieser Stadt weiterhin ihr unseliges Beharrungsvermögen zeigen und die Zukunft dieser Stadt vertan wird.

Schauspielhaus. Zeichnung

rekonstruierte Zeichnung des einst geplanten gräflichen Schauspielhaus zu Varel (1841), vgl. Originalpläne im Landesarchiv Oldenburg.

von Norbert Ahlers

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Varels Ansichten verlieren ihre Weite

Varel 19. Jahrhundert

Varel in der Perspektive des 19.Jahrhunderts – Überschaubarkeit, die Vertrauen in Zukunft produzierte (Bild: Archiv Villa Schmalfilm)

Stadtansichten von Varel aus dem 19. Jahrhundert zeigen eine kleine Stadt mit Windmühlen, Fabrikschornsteinen, Schlosskirche und Bäumen. Diese Bilder fallen aber auch dadurch auf, dass sie in der unteren Bildhälfte mit Wiesen eine Weite zeigen, die in gewisser Hinsicht mit der des Himmels korrespondiert. Diese Weideflächen waren bzw. sind agrarische Wirtschaftsflächen und somit in gewisser Weise Gewerbeflächen.

Im Bildaufbau aber vermitteln sie in der historischen Stadtansicht eine ausgewogene Stimmigkeit. Die Stadt, die Arbeitswelt und die Landschaft stellen visuell eine Einheit dar. Diese Bilder beschrieben keine Idylle, aber im Zusammenspiel bezeichneten sie etwas Vertrautes. Dieses Landschaftsbild ist auch heute noch für viele Vareler die vertraute Idee, die sie assoziieren, wenn sie sich eine Gesamtansicht ihrer Stadt vorstellen oder wie sie sie auch von Hohenberge aus noch teilweise betrachten können.

Diese Stadtansichten sind in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive demontiert worden. Angefangen mit dem Bau der Autobahn und der eher bizarren Straßenführung im Bereich Torhegenhausstraße im Zusammenhang mit der B 437 bis zur endgültigen Aufgabe der Güterbahnlinie Borgstede – Varel (Stilllegung schrittweise zwischen 1997 und 2001) und dem Verlust der Grünflächen durch die gegenwärtige Ausdehnung des sogenannten Gewerbe- und Logistikports Varel. Doch damit wird es sicher nicht sein Ende haben und die Möglichkeiten für neue Gewerbegebiete werden seitens der Stadt schon ausgelotet.

Die Umwandlung von agrarischen Grünflächen in herkömmliche Gewerbegebiete für Logistik- und Produktionsbetriebe aber ist signifikant für die Veränderungen der Oldenburger Provinz. Die ländlichen Flächen werden einerseits immer weiter zurückgedrängt und gleichzeitig in ihrer Nutzung intensiviert und optimiert. Der Stadtrand selbst aber wird zersiedelt und ist als Gesamtansicht nicht wiederzuerkennen. Die Stadtansicht verschwindet hinter einem Konglomerat gesichtsloser Bauten und Hallen, die jedes architektonische Proportionsgefühl zur Umgebung vergessen zu haben scheinen. Es verschwinden dabei mehr als nur einige Grünflächen: Mit ihnen verlieren sich die imaginierte Weite eines Landschaftsbildes und der vertraute Zusammenhang zwischen Stadt und Land.

Der sanfte Übergang von Weiden und Feldern zum Stadtrand verliert sich in zerfaserten Gewerbeansiedlungen, beziehungslosen Wohngebieten mit auf engstem Raum verdichteten Einfamilienhäusern und überlasteten Straßen. Vor allem aber verliert sich mit der Stadtansicht das, was eine Stadt ideell zusammenhält – und somit auch ihre Identität.

 

von Norbert Ahlers

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