Varels Ansichten verlieren ihre Weite

Varel 19. Jahrhundert

Varel in der Perspektive des 19.Jahrhunderts – Überschaubarkeit, die Vertrauen in Zukunft produzierte (Bild: Archiv Villa Schmalfilm)

Stadtansichten von Varel aus dem 19. Jahrhundert zeigen eine kleine Stadt mit Windmühlen, Fabrikschornsteinen, Schlosskirche und Bäumen. Diese Bilder fallen aber auch dadurch auf, dass sie in der unteren Bildhälfte mit Wiesen eine Weite zeigen, die in gewisser Hinsicht mit der des Himmels korrespondiert. Diese Weideflächen waren bzw. sind agrarische Wirtschaftsflächen und somit in gewisser Weise Gewerbeflächen.

Im Bildaufbau aber vermitteln sie in der historischen Stadtansicht eine ausgewogene Stimmigkeit. Die Stadt, die Arbeitswelt und die Landschaft stellen visuell eine Einheit dar. Diese Bilder beschrieben keine Idylle, aber im Zusammenspiel bezeichneten sie etwas Vertrautes. Dieses Landschaftsbild ist auch heute noch für viele Vareler die vertraute Idee, die sie assoziieren, wenn sie sich eine Gesamtansicht ihrer Stadt vorstellen oder wie sie sie auch von Hohenberge aus noch teilweise betrachten können.

Diese Stadtansichten sind in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive demontiert worden. Angefangen mit dem Bau der Autobahn und der eher bizarren Straßenführung im Bereich Torhegenhausstraße im Zusammenhang mit der B 437 bis zur endgültigen Aufgabe der Güterbahnlinie Borgstede – Varel (Stilllegung schrittweise zwischen 1997 und 2001) und dem Verlust der Grünflächen durch die gegenwärtige Ausdehnung des sogenannten Gewerbe- und Logistikports Varel. Doch damit wird es sicher nicht sein Ende haben und die Möglichkeiten für neue Gewerbegebiete werden seitens der Stadt schon ausgelotet.

Die Umwandlung von agrarischen Grünflächen in herkömmliche Gewerbegebiete für Logistik- und Produktionsbetriebe aber ist signifikant für die Veränderungen der Oldenburger Provinz. Die ländlichen Flächen werden einerseits immer weiter zurückgedrängt und gleichzeitig in ihrer Nutzung intensiviert und optimiert. Der Stadtrand selbst aber wird zersiedelt und ist als Gesamtansicht nicht wiederzuerkennen. Die Stadtansicht verschwindet hinter einem Konglomerat gesichtsloser Bauten und Hallen, die jedes architektonische Proportionsgefühl zur Umgebung vergessen zu haben scheinen. Es verschwinden dabei mehr als nur einige Grünflächen: Mit ihnen verlieren sich die imaginierte Weite eines Landschaftsbildes und der vertraute Zusammenhang zwischen Stadt und Land.

Der sanfte Übergang von Weiden und Feldern zum Stadtrand verliert sich in zerfaserten Gewerbeansiedlungen, beziehungslosen Wohngebieten mit auf engstem Raum verdichteten Einfamilienhäusern und überlasteten Straßen. Vor allem aber verliert sich mit der Stadtansicht das, was eine Stadt ideell zusammenhält – und somit auch ihre Identität.

 

von Norbert Ahlers

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Tivoli – ein Bürgerhaus für die Stadt Varel

Seit 1999 wird das Tivoli, Varels Traditionsgaststätte, von Fred und Jeannine Lienemann erfolgreich geführt. Eigentümerin dieses Hauses ist die Stadt Varel und 2021 wird der aktuelle Pachtvertrag enden. Das Tivoli, das seit 1901 als Gaststätte in der Windallee existiert, steht mit dem Vertragsende zur Disposition. Die Stadtverwaltung präferiert den Verkauf des Grundstückes mitsamt dem Parkplatz und setzt auf den Neubau einer großen Veranstaltungshalle am Stadtrand. Der Gegenentwurf wäre eine Sanierung des Gebäudes und die Umgestaltung zu einem Kulturhaus für Theater, Film und Literatur. Grund genug für die Vareler Randnotizen, denjenigen zu fragen, der das Tivoli am besten kennt und es zu dem gemacht hat, was es heute in Varel wieder ist. Hier das Interview mit Fred Lienemann, Geschäftsführer und Gastwirt der Windallee 21, dem Tivoli.

 

Ahlers: Was hat Sie bewogen, nach Varel zu ziehen?

Lienemann: Ganz einfach: Ich wollte mich selbstständig machen. Mein Werdegang ist: Realschule im tiefsten Ostfriesland, in Großenfehn. Ich habe dann in Neuharlingersiel ganz klassisch Koch gelernt und nach der Lehrzeit ging ich nach Berlin ins Excelsior. Da bin ich dann 10 Jahre geblieben – mit Unterbrechung der Meisterschule in Koblenz. Ich hatte noch vier Semester BWL-Studium und fühlte mich nun gewappnet. Mit 28 Jahren war ich dann soweit, dass ich mir gesagt habe, jetzt mache ich mich selbstständig. Das war auch immer mein Ziel. Das liegt in meiner Familie, mein Vater, meine Großväter waren alle selbstständig, das war schon immer so. Mit 28 machte ich mich also auf die Suche und es kamen für mich nur zwei Regionen in Frage: Das waren Berlin und der Nordwesten. Ich habe meinen Vater gefragt, ob er die Augen aufhalten könne und er hat mir dann das Zeitungsinserat zugeschickt: Stadt Varel sucht Pächter für das Allee-Hotel. Wir uns den Laden angeschaut und ich sah, dass es ein großes Haus war. Ich wollte nichts kleines. In der Gastronomie können sie mit einem kleinen Laden nicht weit kommen. Mit einem größeren Haus hat man zwar größere Risiken, aber man hat die Chance auf einen größeren Umsatz – und mit dem kann man es schaffen. Ich habe mich dann beworben und meine Chancen standen recht gut. Ende April 1999 war dann eine Sitzung der Ratsmitglieder und meine Frau und ich hatten die gesamte Kriegsbemalung der Zertifikate und Qualifikationen dabei. Nach ein paar Tagen meldete sich dann Herr Busch und teilte uns mit, dass wir – wenn wir denn noch Interesse hätten – das Allee-Hotel übernehmen könnten. So bin ich wieder in den Nordwesten bzw. nach Varel gekommen.

Ahlers: Das Haus hieß ja noch Allee-Hotel. Wie kam es, dass Sie es in Tivoli umbenannt haben?

Lienemann: Das war aus der Not geboren. Erst hieß das Haus weiter Allee-Hotel, dann versuchte ich es kurzzeitig mit dem Namen Storchennest, aber das funktionierte nicht. Das Haus hieß erst seit 1920/21 Allee-Hotel und wer das Schild Allee-Hotel liest, vermutet hier auch ein Hotel. Der Hotelbetrieb ging jedoch nur bis zum Krieg und die letzten Gäste, die das Haus gesehen hat, waren Verwundete im Krieg. 1945 hatten es die kanadischen Truppen beschlagnahmt. Bei der Wiedereröffnung nach dem Krieg nahm man dann den Gaststättenbetrieb wieder auf, verzichtete aber auf den Hotelbetrieb. Die Hotelzimmer lagen über der Gastronomie, haben aber schon seit langem nicht mehr dem Standard für eine Übernachtung entsprochen. Diese Räumlichkeiten wurden somit als Wohnung für die jeweiligen Pächter genutzt. Ich habe dort auch bis 2007 gewohnt. Das hat Vor- und Nachteile, doch wenn man dort mit kleinen Kindern wohnt, wird es schwierig.

Allerdings kam es regelmäßig vor, dass immer wieder Menschen nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragten und als 2004 die niedersächsischen Skatmeisterschaften im Haus stattfanden, kamen 250 von 300 Teilnehmern von Auswärts. Entsprechend oft wurde angerufen, ob wir denn noch ein freies Zimmer hätten. Da hat es uns gereicht. Ich wusste, dass das Haus früher Tivoli hieß und da habe ich beim Rathaus gefragt, ob wir es umbenennen können. Das klappte dann auch. Es war zwar kostspielig, aber letztlich war es gut. Wenn man kein Hotel ist, soll man auch nicht Hotel heißen.

Ahlers: Sie mussten 1999 praktisch von Null anfangen. Sie hatten nur das Gebäude. Was war in dieser Situation ihr Konzept?

Lienemann: Im Prinzip einfach eine gute Küche und einen guten Service bieten. Ich wusste, dass der Laden Potential hat, weniger wegen des Restaurants, sondern vor allem wegen des Saales. Der Saal ist groß und es gibt Veranstaltungen, die immer wiederkehren. Dafür braucht es einen großen Saal, z. B. etwa für einen Silvesterball oder für Firmenveranstaltungen. Meine Situation war so, dass mein Vorgänger den Laden wirklich gegen die Wand gefahren hatte. Da sind damals einige kuriose Dinge passiert und am Ende hatte man nur noch 26 Gäste für den Silvesterball im großen Saal. Da funktionierte nichts mehr. Wäre der Abriss 1998/99 Thema gewesen, hätte wohl kaum jemand dem damaligen Allee-Hotel eine Träne nachgeweint.

Ahlers: Als Sie das Haus 1999 übernommen haben, hatten sie den Eindruck, dass das Haus damals sanierungsbedürftig gewesen wäre?

Lienemann: Nun, ich war damals 20 Jahre jünger und hatte weniger Ahnung von Technik. Doch als wir 1999 kamen, funktionierte alles. Die Küche allerdings mussten wir renovieren. Das haben wir in Zusammenarbeit mit der Stadt damals gemacht, ansonsten gab es nur kosmetische Veränderungen. Technisch ist das Gebäude auf dem Stand von 1973. Die Stadt hatte seinerzeit das Gebäude übernommen und dann massiv renoviert. Danach hatte sich nicht viel verändert, also Steckdosen und Leitungen sind immer noch auf dem Standard jener Jahre. Die Heizung wurde – denke ich – in den 80er Jahren erneuert. Insgesamt ist das Haus auch heute noch gut in Schuss. Es ist nicht marode. Es tropft nicht irgendwo durch, aber was teuer wird, ist der Brandschutz: Die Auflagen von heute gab es vor 20 Jahren noch nicht. Wenn Behörden andere Gastronomen auf diesen Brandschutzvorgaben hinweist, kann es nicht sein, dass eine Kommune bei ihren eigenen Häusern diesen Vorgaben nicht nachkommt und nicht investiert. Da muss also was getan werden.

Ahlers: Handlungsbedarf besteht also vor allem beim Brandschutz?

Lienemann: Ja – und wenn man dann anfängt, ist man auch gleich bei der Wärmedämmung. Die gab es damals so auch nicht. Geht man das grundlegend an, dann wird es umfrangreich und sehr teuer.

Ahlers: Es war überraschenderweise Anfang des Jahres in der Zeitung zu lesen, dass Sie vorzeitig aufhören wollen.

Lienemann: Nein, ich erfülle meinen Pachtvertrag, der bis zum 31.07.2021 geht.

Ahlers: Laut Zeitung hieß es, dass der Pächter früh aus seinem jetzigen Beruf aussteigen wolle.

Lienemann: Nein, das war ein wenig irreführend. Ich habe immer gesagt, dass ich das nicht bis zur Rente machen werde. Die statistische Lebenserwartung von Gastwirten mit einem Saalbetrieb liegt bei 54 Jahren. Ich alleine kenne fünf Küchenchefs, die zwischen 54 und 60 mit einem Herzinfarkt dahingerafft worden sind. Den Job kann man nicht bis 67 machen. Die Arbeitsbelastungen sind enorm. Aber bis 2021 bin ich auf jeden Fall dabei – und ich hoffe, meine Gäste auch. Ich bin mit der Stadt so verblieben, dass ich – wenn der Neubau einer Mehrzweckhalle, einer Art Stadthalle, aber ohne Gastronomie, sich verzögert – ich noch bis Ende des Jahre 2021 bleibe oder vielleicht auch bis zum Sommer 2022. Doch das muss man dann sehen.

Ahlers: Das Tivoli ist ein Gaststättenbetrieb mit Veranstaltungsprogramm. Kann man das so beschreiben?

Lienemann: Das Tivoli ist die Stadthalle bzw. das Bürgerhaus der Stadt Varel, es heißt nur aus historischen Gründen nicht so.

Ahlers: Nun wird die Diskussion um ein Kulturzentrum geführt. Ist denn das Tivoli immer auch das Kulturzentrum Varels gewesen?

Lienemann: Varel hat eine besondere Situation. In anderen Orten konzentriert sich das meist auf eine Location. In Varel aber haben wir mehrere Orte. Lesungen, Theater usw. finden in der Aula des LMG statt und in zwei großen Kirchen finden Konzerte statt. Zudem gibt es die Schulaula an der Arngaster Straße und wir haben in Varel dann noch die Weberei und das Tivoli. Das Tivoli ist inzwischen in der regionalen Kulturszene nicht unbekannt. Wir stellen den Saal für Veranstalter zur Verfügung und so gibt es auch hier Theater, Lesungen, Konzerte und Vorträge. So sind wir gewissermaßen auch ein Kulturhaus. Wir sind aber kein Kulturzentrum im Sinne etwa des Bürgerhauses Schortens, wo große Namen auftreten. Das haben wir in Varel nicht.

Ahlers: Könnten Sie sich vorstellen, dass das Tivoli ein Potential für Theater, Literatur und für Kino hätte?

Lienemann: Ja, durchaus. Theater sind wir. Wir sind das Domizil der niederdeutschen Bühne mit drei Inszenierungen pro Jahr bzw. Saison mit je 10 Aufführungen. Mit Lesungen ist das in Varel schwieriger, denn da ist eine Veranstaltung mit 50 Besuchern schon gut besucht. Ausnahmen sind vielleicht Veranstaltungen wie im Kurhaus, wo Autoren wie Wigald Boning oder Heinz Strunk kommen. Aber das Potential liegt letztlich im Vareler Publikum – und wer solch ein Programm auf die Beine stellt. Doch ich als Gastwirt stelle kein Kulturprogramm auf die Beine.

Ahlers: Sehen Sie denn aufgrund ihrer Erfahrungen ein solches Potential für das Tivoli?

Lienemann: Ja, das Potential ist schon da. Wenn eine Sanierung nicht zuviel Geld verschlingt, dann wäre das schon drin. Allerdings konkurriert man in Varel z.B. mit dem LMG. Die Situation müsste man dann schon verändern – aber aus Sicht eines Gastwirts weiß ich, dass man mit Kulturveranstaltungen nicht das große Geschäft macht. Die dürfen z.B. nicht mit anderen Festen kollidieren, weshalb sie im Tivoli oft in der Mitte der Woche stattfinden. Das ist einfach eine ökonomische Frage. Eine Hochzeit macht einen Umsatz von 6000,- €. Bei einer Lesung reden wir von 130,- € Umsatz. Aber klar: Man muss Kulturveranstaltungen machen, doch das muss man subventionieren. Es werden ja noch ganz andere Sachen um ein Vielfaches subventioniert – und dann finde ich das Fördergeld beim Theater ganz gut angelegt.

Ahlers: Wäre es sinnvoll, wenn Varel solch ein Kulturhaus hätte?

Lienemann: Ja, also wenn die die Halle, also das neue Kulturzentrum im ehemaligen Kasernengelände bauen, dann vor allem im Hinblick auf die niederdeutsche Bühne, um die nicht sterben zu lassen. Darum geht es im Endeffekt. Es wird sich hier jetzt kein Ensemble bilden, was ein hochrangiges Programm entwickelt, schon weil es hier kein Publikum dafür gibt. Es müssen ja auch die Besucherzahlen stimmen und bei der niederdeutschen Bühnen stimmen die Zahlen wieder halbwegs. Die haben auch ihr Potential.

Ahlers: Im Haus gibt es mehrere Säle, d.h. man hätte die Option für eine Probebühne, für ein kleines Schauspielhaus, für einen kleinen Kinosaal und gleichzeitig gäbe es eine Gastronomie, also einen Ort, an dem Begegnung stattfände.

Lienemann: Würde man das so machen, würde sich die Gastronomie nicht tragen. Wäre der kleine Saal eine Bühne, wären keine Hochzeiten oder Grünkohlfeiern mehr möglich. Unser Erfolg liegt in der Gastronomie und nicht in den Kulturveranstaltungen. Davon leben wir. Ich habe hier zehn Festangestellte, da kann man sich die Lohnsumme ausrechnen und die muss jeden Monat bewegt werden. Wenn man keine Hochzeit mehr machen kann, weil Kulturveranstaltungen Vorrang hätten, dann hätte ich auch keine zehn Festangestellten mehr.

Ahlers: Sie haben eine moderate Pacht und müssen zudem die Nebenkosten aufbringen.

Lienemann: Die Kostenstruktur der Betriebskosten ist für die Stadt Varel nicht das große Problem. Natürlich hat die Stadt mit dem Haus Kosten, aber wenn man das mit anderen Bürgerhäusern vergleicht, ist man hier gut aufgestellt. Konkret: Die Energiekosten belaufen sich auf 4400,- € pro Monat, die muss ich tragen. Außerdem übernehme ich mehr oder weniger die Hausmeistertätigkeiten. Ich finanziere die Pacht und damit auch die städtischen Gebühren. Größere Reparaturen übernimmt die Stadt als Eigentümerin. Wenn also die Stadt in einen Neubau investiert, dann hätte sie beim Bau einen Vorteil, aber die Betriebskosten wären ungeklärt. Denn es gäbe keinen Pächter und somit wäre die Stadt selbst Betreiberin. Die Nebenkosten müsste die Stadt konsequenterweise selbst erwirtschaften. Und Veranstaltungen gehen oft bis tief in die Nacht… da muss dann jemand vor Ort sein. Gastronomie ist kein 9 to 5-Job. Da gäbe es einiges an Nachtzuschlägen. Die Gastronomie würde durch einen Catering-Dienst übernommen. Billiger wird der Betriebskostenanteil mit dem Neubau nicht.

Ahlers: Ist hinten an dem Gebäude noch Grünfläche?

Lienemann: Da gibt es einen große Garten, dafür gibt es aber keine Konzession. Den Garten pflegen wir und bei Hochzeiten wird er gelegentlich für einen Sektempfang genutzt, aber mehr auch nicht. Gastronomisch nutzen wir ihn nicht. Das Problem ist schon die Theke, die ja im Haus ist. Damit wäre der Laufweg zu weit, um einen Service zu gewährleisten. Zudem ist bisher die Sommersaison in Friesland eher überschaubar gewesen.

Ahlers: Wie ist der Zustand der Fassade? Früher gab es der Zeit entsprechende Fassadenornamente. Sind die alle hinter der Verkleidung noch verborgen oder hat man die damals abgeklopft?

Lienemann: Das ist meines Wissens alles abgeklopft worden. Es gab die Sprossenfenster, doch die sind ja schon lange weg und die Fensterläden sind es ja auch.

Ahlers: Wie stellen Sie sich die Zukunft dieses Hauses vor?

Lienemann: Ich sehne mich nach einem etwas zivilisierterem Leben, also nach einer besseren work-live-Balance. Für mich persönlich ist die Frage damit beantwortet. Die Zukunft des Hauses ist mir nicht egal, aber wenn es so ist, wie der Bürgermeister sagt, dass man für den Neubau eine Förderung bis zu 60% bekommen könnte und eben für eine Sanierung gar keine Förderung, dann stellt sich für mich aus ökonomischer Sicht keine Frage mehr.

Ahlers: Aus rein ökonomischer Sicht betrachtet, gibt es einen schwerwiegenden Grund, aber gibt es nicht auch einen emotionalen Grund, der nicht weniger bedeutend ist?

Lienemann: Stimmt. Dann ist das hier vorbei. Hier wird nie wieder eine Gastronomie aufgebaut werden. Sehr wahrscheinlich würden hier seniorengerechte Wohnblocks entstehen, drei Blocks mit je acht Wohnungen und Fahrstuhl. Doch andererseits, klar: Das Haus ist Vareler Geschichte und wenn man die ältere Generation fragt, werden nicht wenige sagen, dass sie hier gefeiert oder sich gar kennengelernt haben. Ein prominentes Vareler Pärchen sind Anita und August Osterloh. Die haben sich hier beim Tanzen kennengelernt. Wenn man eine Umfrage machen würde, das Haus zu erhalten oder nicht, dann würde wohl für den Erhalt 80:20 abgestimmt werden. Das hängt aber immer auch vom aktuellen Standing ab. 1999 wäre das sicher anders gewesen.

Ahlers: Hat sich in all den Jahren das Publikum verändert?

Lienemann: Nein, das Tivoli ist gutbürgerlich, also ein klassisches Dorfgasthaus. In Varel gibt es für die Größe der Stadt eine bemerkenswerte gastronomische Vielfalt und in dieser hat das Tivoli einen guten Platz. Wir sind kreisweit bekannt. Es kommen Leute aus Wittmund, Wilhelmshaven, Schortens und für größere Festgesellschaften sind wir hier die gute Adresse. All das zeigt eine Kontinuität. Es ist ein wenig wie früher: Man feiert hier die Hochzeit, dann kommen Kinder und man feiert hier auch die Taufe, anschließend die Konfirmation und irgendwann kommt man als Trauergemeinschaft zum Kaffee wieder zusammen.

Ahlers: Wenn es das Tivoli nicht mehr gibt, wer würde dann dessen Funktion ersetzen?

Lienemann: Dann würde ein großer Saalbetrieb fehlen, aber es würde sicher auch etwas Neues entstehen. Vielleicht würde jemand in einen neuen Saalbetrieb investieren.

Ahlers: Für Varel würden sie den Erhalt wünschen oder würden sie für ein Kulturhaus plädieren?

Lienemann: Schwierige Frage. Es wäre schön, wenn es einen Nachfolger gäbe. Es wäre schön, wenn die Geschichte, die wir geschaffen haben, fortgeschrieben werden könnte. Aber ich kann die Bedenken der Stadtverwaltung durchaus nachvollziehen. Die Sanierung darf kein Fass ohne Boden werden. Es ist auch nicht so, dass es die Aufgabe einer Kommune wäre, einen Gastbetrieb in der Stadt anzubieten. Andererseits ist es auch so, dass eine Stadt nicht allein aus Gewerbegebieten besteht. Das müssen allerdings letztlich die politischen Gremien entscheiden. Ich bin da neutral.

Tivoli 2019, Foto: Villa Schmalfilm

Ein Haus für die Kunst ist weniger Leuchtturm als vielmehr ein Hafen, ein Umschlagsplatz von Informationen, Ideen und Gefühlen.

Das Interview führte Norbert Ahlers

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Eine Frage des Bürgermeisters ernst genommen

Wollen wir in ein altes, marodes Bauwerk Tivoli noch viel Geld stecken, oder ein neues errichten, in dem neue Formate wie die Landesbühne oder eine neue Niederdeutsche Bühne unsere Kulturszene beleben, bündeln und erneuern?“ So die rhetorische Frage von Varels Bürgermeister Gerd-Christian Wagner.

Hier aber ein Versuch, diese Frage ernstzunehmen. Gerd-Christian Wagner geht davon aus, dass ein Neubau per se besser sein muss als ein Altbau. Altes bedeutet hier marode1, also überholt, rückschrittlich und „abgewirtschaftet“ (nicht etwa geschichtsträchtig oder traditionsreich). Neues wäre dementsprechend zeitgemäß, fortschrittlich und belebend.

Dass ein Neubau die Kulturszene bündeln und beleben könnte, ist eine These, die hier durch nichts belegt wird. Der Stadtrat Varel, geschweige denn die Stadtverwaltung, haben keinerlei Konzeption für die Kulturarbeit. Weder gibt es in Varel ein kommunales Kulturbüro, noch gibt es eine KulturkoordinatorIn. Insofern sind Aussagen über potentielle Effekte eines neuen Kulturzentrums bestenfalls als vage zu bezeichnen.

Architektonisch dürfte ein solcher Neubau sehr wahrscheinlich für die kommenden zwei Jahrzehnte den technischen Standards eines Veranstaltungsortes entsprechen, doch vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Kulturzentren in anderen Orten sind diese Gebäude immer ein Ort der Nachbesserungen, weil die Ansprüche in der Kulturarbeit dynamisch und in stetem Wandel begriffen sind.

Der Gedanke, dass der Vareler Stadtrat sich dazu entschließen könnte, ein Schaupielhaus mit Probebühnen, vielleicht sogar mit einem integrierten kommunalen Kino zu bauen, gehört in der gegenwärtigen politischen Situation in die Welt der Wünsche und Visionen.

Daher wäre dieser Bau – auf Grund der Kosten – immer nur als Kompromiss gedacht, also bestenfalls als eine schlichte Mehrzweckhalle, in der neben Theaterveranstaltungen allerlei Events jedweder Art stattfinden könnten. Es ist unwahrscheinlich, dass von solch einer Halle eine relevante Belebung des Vareler Kulturlebens ausgehen könnte, geschweige denn dass der Neubau für die Kulturszene ein anregender, belebender und reizvoller Ort werden dürfte. Und das aus einem einfachen Grunde: Dieser Kulturbau am Rande des Gewerbegebietes wäre ohne Geschichte, ohne Beziehung zur Stadt und deren Lebensmitte und ohne Bezug zur Kunst- und Kulturszene Varels.

weberei teestube 1979 - 80

In dem ehemaligen Werkgebäude der Weberei gab es von 1979 – 1980 eine von Jugendlichen weitgehend selbst organisierte Teestube, die Anfänge des Jugendzentrums.  Foto: © Archiv Villa Schmalfilm

Und dass man in Varel kein glückliches Händchen mit Neubauten hat, zeigen Beispiele wie das Dienstleistungszentrum des Landkreises zu genüge, das immer noch vor allem an eine Kaserne erinnert oder die Baracken des Vereinshauses Weberei. Ganz zu schweigen von der Baugeschichte des Vareler Rathauses.

Was aber wäre, wenn man das Tivoli saniert, teilweise restauriert und schließlich einen Theaterbetrieb mit verschiedenen Werkstätten für Bühnenbild und Kostüme, für Schauspiel, Literatur und Sprachen einrichten würde? Das Ganze in einem Zusammenspiel mit einem erfolgreichen Restaurantbetrieb. Im Tivoli wären tatsächlich relevante Impulse für das Kulturleben zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg zu erwarten. Hier könnte eine Kulturszene sich bündeln, eben weil die Kunst an einen vertrauten Ort zurückfindet. Die Sanierung des Tivoli wäre – wenn es denn in Varel um Kultur und Kunst ginge – auf jeden Fall kostengünstiger und erfolgreicher.

Jeder weiß es im Stillen: Es geht hier nicht um die Niederdeutsche Bühne oder gar die Kunst- und Kulturszene Varels, denn sonst hätte diese Stadt schon längst ein Kulturmanagment und die Idee einer kulturpolitischen Leitlinie. Es verhält sich hier mit der Kunst- und Kulturszene genauso wie mit der Idee der Nachhaltigkeit oder dem Biosphärenreservat: Man muss sie sich leisten können. Es geht hier der Stadt Varel nicht darum, das Theater als ein wesentliches Gut und als Voraussetzung für ein waches und kritisches Gemeinwesen Ernst zu nehmen, sondern sich, möglichst kostengünstig, mit ein paar Federn zu schmücken, die nicht recht zum Rest des Kleides passen wollen.

Text: Ahlers & Hirdes

1)  Wenn die Stadt Varel als Eigentümerin des Tivoli die eigene Immobilie als „marode“ bezeichnet und sie deshalb verkaufen und einen Neubau errichten möchte, so zeigt sich in diesem Vorgehen eine naive Verantwortungslosigkeit: Nicht nur, dass sie selbst Schuld an dem baulichen Zustand des Tivoli hat (ähnliches gilt im übrigen in Bezug auf den traurigen Zustand des Waldstadions), es bringt auch nichts, etwas Neues zu bauen, wenn das Neue nicht auch eine neue Idee vermittelt. Eben diese neue Idee aber gibt es in Varel nicht.

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Ohne Biosphärenreservat bleiben den Varelern nur kleine Reservate für nachhaltige Bildung

Zu einer Anhörung über die Optionen des Biosphärenreservats waren am 18.12.2018 Jürgen Rahmel, Beauftragter für das Biosphärenreservat, und Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung, zur Sitzung des Vareler Ausschusses für Stadtentwicklung, Planung und Umweltschutz eingeladen. Der „Gemeinützige“ und der „Friebo“ berichteten darüber.

Diese Sitzung war ernüchternd, denn die Mehrheit der Vareler Ratsmitglieder wollte von dem Angebot einer Modellregion im Sinne eines Biosphärenreservates nichts wissen. Die Mitglieder des Ausschusses befürchten nur mehr Auflagen durch den Naturschutz, der eine industrielle Entwicklung der Stadt und die landwirtschaftlichen Betriebe einschränken könnte. Die Einwände und Bedenken waren ein Déjà-vu-Erlebnis in Bezug auf den Umweltschutz der frühen 80er Jahre: Man müsse sich doch erst die Basis erwirtschaften, wenn man sich den Luxus des Umweltschutzes und dessen Diskussionen leisten wolle oder was China in drei Wochen an CO2 in die Luft schleudere, entspräche der jährlichen Emission des Autoverkehrs in der gesamten EU, also solle man doch dort die Welt retten und nicht am Jadebusen. Mit Bedenken dieser Art dokumentierten die Vareler Repräsentanten vor allem, dass sie sich weder mit dem Konzept des Biosphärenreservates auseinandergesetzt haben, noch dass sie die realen ökonomischen und ökologischen Herausforderungen realisieren. Anstatt also die Impulse eines Bildungsplanes für nachhaltige Entwicklung (BNE) aufzunehmen und mitzugestalten, Mobilitätskonzepte für die Zukunft zu entwickeln, regionale Produktvermarktung zu stärken, soziokulturelle Zusammenhänge zu fördern, will man schlicht weitermachen wie bisher und sich in alten Vorstellungen und Lösungsmodellen verschanzen.

In der Konsequenz ist das die Bildungsferne der Bessergestellten.

Es macht wenig Sinn, die Betreffenden darauf hinzuweisen, dass der Status des UNESCO-Weltnaturerbes für den Nationalpark Wattenmeer zu einem nicht unerheblichen Teil auf der Anerkennung als Biosphärenreservat basiert. Die Auszeichnung als UNESCO-Weltnaturerbe fußt auf zwei Säulen: dem Nationalpark und dem Biosphärenreservat. Letzteres wird nun von politischen Kreisen abgelehnt, weil befürchtet wird, dass die Kommunen ihre Eigenständigkeit in Teilen einem Konzept auf Landes- und EU-Ebene zum Schutze der Region unterordnen müssten. Einen Schutz, den man als vermeintliche Fremdbestimmung missversteht.

Es macht wenig Sinn, sich beim Niveau der Argumentation und der Ressentiments aufzuhalten. Sicher ist, dass Varel sich nach der Diskussion in diesem Ausschuss nicht als Biosphärenreservat begreifen will und wird. Damit werden grundlegende Entwicklungschancen vertan, die nicht zuletzt für die Stadt Varel eine wichtige Hilfestellung gewesen wären.

Was aber bleibt denen, die es mit Fragen der Bildungs- und Kulturarbeit, der zukunftsfähigen Mobilitätskonzepte im ländlichen Raum und der Arbeitswirklichkeit in der volldigitalisierten Gesellschaft ernst meinen? Ohne Einbindung in das Modell des Biosphärenreservats bleiben den Varelern nur noch kleine Reservate für nachhaltige Bildung, also Inseln der ambitionierten Kultur- und Bildungsarbeit.

Bildungsarbeit

Tous les matins du monde (F 1991) – Man lernt mit Hingabe und Freude. Dies verrät, wer allein den Erfolg sucht. Bild: © N.Ahlers

Auch wenn sich die Kommune der Idee des Biosphärenreservats verweigert, so können einzelne Institutionen oder Vereine doch zu Kooperationspartnern des Nationalparks Wattenmeer werden. Auch wenn diese Option in seiner Konzeption noch entwicklungsfähig ist, so wäre ein Verbund mit anderen Gruppen in der Region ein Schritt, mit dem die Vareler nicht gänzlich den Anschluss an andere Modellprojekte und -regionen verlieren müssten. Wer Bildung sucht, sollte sich von denen nicht aufhalten lassen, die diese Bildungsarbeit nicht leisten wollen.

So könnten etwa der Vareler Heimatverein, der Kunstraum Varel, der Lernort Bauernhof, der Eine-Welt-Laden der evangelischen Kirche, der Ekenhof und andere mehr eine Kooperation beantragen. Wichtig ist, dass die Stadt durch das Engagement der Vareler aus dem dürftigen „Kleinklein“ sich herausarbeitet und neue Perspektiven skizziert. Varel muss sich verstärkt an dem Bildungsplan für nachhaltige Entwicklung orientieren. Ob es eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Fakultäten der Uni Oldenburg ist oder ob es eigene soziokulturelle Projekte sind, ob man den Erfahrungsaustausch mit anderen Biosphärenreservaten wie etwa Mittelelbe/Oranienbaum sucht oder die direkte Zukunftswerkstatt in Kooperation mit dem Regionalen Umweltzentrum in Schortens, wichtig ist, dass Aktivitäten dieser Art zusammengeführt werden und die Zukunft Varels vermitteln können. Wenn sich der Stadtrat dem Angebot verweigert, sich als Biosphärenreservat zu entwickeln, so müssen es die BürgerInnen selbst wagen.

Die Stadt Varel leistet sich viel, doch Bildungsferne kann sie sich nicht leisten.

 

Text: N.Ahlers

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Politische Partizipation von Vareler Jugendlichen im Promillebereich geplant

Die SPD in Varel ist offensichtlich in schweres Fahrwasser gekommen: Statt um Inhalte zu ringen, diskutiert man über eine grundlegende Umstrukturierung der hiesigen Ortsvereine. Die Vehemenz, mit der diese Diskussion geführt wird, lässt vermuten, dass es um komplexere Motive geht als lediglich eine Zusammenlegung der vier Ortsvereine, die dann eine gesteigerte „Schlagkraft“ entwickeln sollen. Die Jusos in Varel hingegen bemühen sich, die politische Diskussion wieder auf Inhalte auszurichten. Nach einem Auftritt des bundesweit bekannten Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert ist nun von einem Antrag an den Stadtrat die Rede, in der eine reale Beteiligung der Jugendlichen an kommunalpolitischen Fragen und Themen vorgesehen ist. Jugendliche sollen – wie es in anderen Kommunen in Form von Jugendparlamenten u.a.m. schon seit langem gängige Praxis ist – endlich auch in Varel an politischen Entscheidungsprozessen partizipieren können. Das ist konsequent, wenn in Niedersachsen schon 16-Jährige an Wahlen teilnehmen können. Gleichzeitig zeigt ein solcher Antrag auch, weshalb die SPD für Jugendliche kaum politisch attraktiv sein kann. Die Idee der Partizipation aber bleibt diffus, denn die Jugendlichen sollen sich nicht eigenständig in einem konstitutionellen Rahmen einbringen, sondern es soll eine hauptamtliche Stelle die Jugendlichen ansprechen und sie zur Partizipation anleiten. Es ist die Rede von „projektorientiert Arbeiten an konkreten Themen“ oder von einem jährlichen Treffen, in dem Themen erörtert und Vorschläge erarbeitet werden könnten (NWZ 07.11.). Als Beispiel für ein solches Thema wird z.B. Mobilität genannt. Mit ernstgemeinter Partizipation hat ein solcher Vorschlag wenig zu tun, denn die ist ein komplexer Prozess und weniger das Einüben bestehender Machtverhältnisse bei gleichzeitiger Vermittlung eines Bediensteten der Kommune. Mutig und ermutigend wäre es, wenn die die SPD in Varel die Idee eines autonomen Jugendkulturzentrums stärken würde, einen Debattierklub zur Stärkung der Gesprächskultur in Varel – kurz einen Ort für eigenständiges und ideenreiches Experimentieren mit sozialkritischen Perspektiven. Es würde der SPD – vor allem in Varel – wohltun, wenn sie sich mit ihrem Verständnis von der Wachstumsgesellschaft in offenen Reflexionen auseinandersetzt, wenn sie selbst eigene Formen entwickeln würde, die über die herkömmlichen Vorstellungen hinausgingen. Das ist ein Sachverhalt, der zweifellos auch für die anderen Parteien gilt und auf keinen Fall dem nationalkonservativen und rechtsextremen Spektrum oder religiösen Fanatikern überlassen werden darf. Demokratie ist Fortschritt und der ist eine Schnecke, doch gleichzeitig ist nichts so spannend wie die gelebte Demokratie, wenn man in offenen Freiräumen neue Ideen entwickeln, ausprobieren und die Vorstellung einer eigenen Zukunft spürbar werden lassen kann. Demokratie ist: Mit anderen zusammen die eigenen Lebensverhältnisse selbst bestimmen. Das ist die Messlatte, an der man sich in seinem Engagement stets orientieren sollte. Das wäre auch der Maßstab, mit dem die SPD wieder überzeugen könnte.

Norbert Ahlers

ein Moment im November

Der Wunsch nach Partizpation kann Kriege beenden – vor 100 Jahren / Collage von N. Ahlers

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Varel zwischen alten Straßen und neuen Wegen

arngast

Leuchttürme sind Seezeichen an verkehrsintensiven Seerouten. Im Internet der Dinge sind Navigationssystem von zentraler Bedeutung. „Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.“ (A. Einstein)

An der Bucht der Jade, also sprichwörtlich vom Rande der Republik über die allgemeinen Verkehrs- und Mobilitätskonzepte zu fabulieren, klingt so wirr wie vermessen. Da jedoch gerade die erwähnte Region sich offensichtlich in einer massiven Umbruchsituation befindet, ist zumindest der Versuch, die Idee von Mobilität zu begreifen, alles andere als vermessen.

Neben den Energiesektor investiert man in beeindruckenden Diemensionen in den Bau von Straßen und Bahn, also in die Logistik. So wird 2018 der erste Bauabschnitt von Westerstede über Dringenburg bis Jaderberg eröffnet. In den kommenden Jahren wird dann die Küstenautobahn A 20 vervollständigt. Bei Bekhausen (in unmittelbarer Nachbarschaft von Jaderberg und 12 km von Varel entfernt) ist ein Autobahnkreuz geplant und von Jaderberg bis zum Wesertunnel zieht man im Folgenden eine Trasse durch eine bis dahin in sich stimmige Landschaft. Eine Landschaft, die historisch und geologisch in einem direkten Zusammenhang mit den Nationalpark Wattenmeer steht.

Im Schatten dieser Projekte wird in Varel um eine geplante Umgehungsstraße diskutiert, die die kleine Stadt im Dreieck Wilhlemshaven – Oldenburg – Wesertunnel strukturell auf die prognostizierten Wachstumszahlen für den regionalen Verkehr anpassen soll. Aber auch hier ist ein fragiler Landschaftsraum nachhaltig bedroht.

Wie kann man aber in dieser Dynamik den Verkehr so verstehen, dass man ihn überhaupt alternativ denken kann?

Als Verkehr wird sowohl Umgang zwischen Personen und Dingen als auch Beförderung bzw. Bewegung von Menschen und Gütern bezeichnet. Eine bedeutsame Gemeinsamkeit: Ob Dinge, Informationen oder Waren – alle bewegen sich auf den dafür definierten und organisierten Wegen nach den entsprechenden Regeln.

Allerorten wird von der Digitalisierung der Arbeit und des alltäglichen Lebens gesprochen und es ist offensichtlich, dass auch die Verkehrsformen sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend neu organisiert haben.

Dieser Sachverhalt ist allerdings in den Diskussionen kaum präsent. Wer von aktuellen Verkehrsproblemen und Lösungen spricht, der skizziert dabei oft lediglich die Entwürfe der Vergangenheit.

Das lässt sich mit einem Beispiel veranschaulichen: Seit 1924 bzw. 1927 galt die öffentliche und kreuzungsfreie „Kraftfahrstraße“, seit 1929 schlicht die Autobahn, als das Sinnbild für einen individuellen, modernen und zukunftsorientierten Verkehr. Diese Idee konkurrierte mit dem bis dahin vorherrschenden Bahnverkehr.

Als man in den Jahren von 1969 bis 1984 die Bundesautobahn A 29 baute und somit die alte B 69 zu entlasten suchte, erlebte die überwiegende Mehrheit in der Region den Anschluss an das Autobahnnetz als einen Modernisierungsschub. Mehr als 40 Jahre nach den ersten Autobahnen in Deutschland hatte man endlich auch vor Ort einen direkten Zugang zu diesem Netzwerk der Straßen Europas. Allerdings war dieser Fortschrittsglaube durch die Ölkrise von 1973 schon bei vielen BürgerInnen erschüttert.

Bemerkenswert ist, dass 1969 zeitgleich an dem Vorläufer des Internets, dem Arpanet, gearbeitet wurde. Dieses kleine geschlossene Netz war bis 1989 aktiv und wurde dann vom Internet, das nun auch für den kommerziellen Gebrauch geöffnet wurde, endgültig abgelöst. 1997 waren schon 17 Millionen Nutzer aktiv. Angesichts des wachsenden Bedarfs ist seit den frühen 2000er die Verbreitung des Breitbandzugangs forciert worden. Im Landkreis geht man von einer Breitbandversorgung von 85 % aus, wobei allerdings eine 2MBit/s-Leistung nur in den Ballungsräumen des Kreises vorhanden ist.

Kurz: Was früher der Anschluss an die Moderne in Form einer Autobahnauffahrt war, zeigt sich heute im Anschluss an die digitalen Datenbahnen. Zeigt sich hier allerdings eine Parallelität, dann scheint der Bau einer Autobahn oder gar einer Umgehungsstraße wie ein Anachronismus. Hatte man beim Auto 40 Jahre gewartet, um endlich den Anschluss zu finden, so hängt man bei den zukunftsorientierten Techniken im ländlichen Raum wieder hinterher. Nun möchte man sagen, dass Internet und Automobile doch etwas anderes seien. Doch beide sind Verkehrsformen und der Verkehr der Zukunft wird – so darf man erwarten – den kostenintensiven Individualverkehr eindämmen. Sehr wahrscheinlich werden mittels 3-D-Drucker viele Produkte schon vor Ort produziert, die man zuvor just-in-time durch die Republik oder gar durch ganz Europa transportierte.

Daraus folgt, dass weitere Straßen nicht die Probleme lösen, sondern dass der Verkehr in seiner weiteren Entwicklung radikal anders gedacht werden muss, will man auf die neuen Herausforderungen ernsthaft reagieren. Nicht mehr Straßen, sondern andere Straßen – so ließe sich schlicht ein Motto in diesem Zusammenhang formulieren. Der Autoverkehr der Gegenwart dürfte in absehbarer Zukunft so zelebriert werden wie heute in den Oldtimer Rallyes der aus vergangenen Jahrzehnten, aber er ist kein Lösungsmodell mehr gegenüber den aktuellen logistischen Herausforderungen. Dass aber rigorose Straßenkonzepte nachhaltige Schädigungen hinterlassen, zeigt gerade die B 347 als Durchgangsstraße bzw. Bürgermeister Heidenreich-Straße in Varel. Seit 40 Jahren schmerzt diese Straße als Magistrale im Stadtbild und es wirkt grotesk, dass man meint, mit einer Umgehungsstraße in einer intakten Landschaft diese derangierte Stadtansicht doch noch restaurieren zu können. So wird hier eine Sehnsucht als Legitimation für eine weitere Fehlleistung benutzt.

Dabei darf man nicht ausblenden, dass man auch in Varel 1969 meinte auf der Höhe der Zeit zu sein. Angesichts all der fragwürdigen Traditionen im Schatten einer verheerenden Geschichte wollte man fast trotzig ein anderes, modernes und offenes Varel – und im Zusammenspiel mit profitablen Versprechen suchte man der kleinen Stadt einen autogerechten Planungsentwurf zu verpassen. Was hier an Vision angedeutet wurde und eine neue Großzügigkeit signalisieren wollte, blieb vor Ort ein Missverständnis, an dessen Konsequenzen die Stadt noch immer zu tragen hat.

katholisches Gelände

Varel: Katholisches St. Johannes-Hospital (1863) und die katholische Kirche St. Bonifatius (1967) an der Bundesstraße 437. Die neue Kirche kontrastiert gegenüber dem alten Bauwerk und zeigt einen offenen, schwunghaften Bogen, der in weiträumigen Zu- und Ausfahrten aufgenommen wird. Das Bauwerk scheint idealtypisch auf den mobilen Kirchgänger der Zukunft zugeschnitten gewesen zu sein. Mit der Mobilität verschwand allerdings auch der traditionelle Kirchgänger.

So wie es Zeit braucht, Ideen zu entwickeln, braucht es auch seine Zeit, sie zu verstehen. Dieses Verständnis aber gelingt nur durch einen prozessorientierten Dialog. Also durch Gespräche, in denen Ideen, Erfahrungen, Beobachtungen und neue technische Entwicklungen zusammengeführt werden und es macht Sinn, schon heute nach den Ideen von morgen zu fragen (Mobilität 4.0). Ideen, auf die man sich auch in der Provinz so früh und qualifiziert wie möglich vorbereiten sollte. Nicht autoritäre Entscheidungen im Sinne eines Entweder/Oder, sondern gemeinsam neue Lösungen denken und einfordern – das wäre konsensfähig und modellhaft.

Angesichts der fortschreitenden Verdichtung kommt es vielmehr darauf an, weniger Autoverkehr und vor allem intelligentere Verkehrsformen zu fördern. Hier könnte Varel gerade in der aktuellen Situation als Modellbeispiel für Nordwestdeutschland dienen und die Provinz könnte die aktuellen Entwicklungen begleiten, statt 40 Jahre auf einen späten Anschluss zu hoffen. Verdient hätte es der Ort nach all seinen Irrtümern.

von Norbert Ahlers

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Diese Suche muss verständig sein – Auswege in der Provinz

Dass die Globalisierung Land und Leute beziehungsweise die gesellschaftliche Wirklichkeit verändert hat, ist eine Binsenweisheit. Dass diese Veränderungen in den Metropolen und Großstädten augenscheinlich wahrzunehmen sind, meint heute jeder sehen zu können. In der Provinz aber möchte man glauben, dass die sogenannte Mehrheitsgesellschaft noch eine solche wäre und man von bestimmten sozialen Zuspitzungen doch verschont sei. Einschätzungen dieser Art aber sind irrig, denn die gesellschaftlichen Veränderungen kommen in der Provinz nicht verzögert, sondern lediglich anders an. So ist der demografische Wandel, der in der Provinz weit konkreter wahrzunehmen ist als in Ballungszentren. Er ist ein Effekt dieser Entwicklungen und nicht das Problem einer egomanen Konsumorientierung der jüngeren Generationen und einer allgegenwärtigen Unterhaltungsindustrie.

Die Abwanderung der Jüngeren, die Verkarstung der sozialen Infrastrukturen und das Absterben der traditionellen Geschäfte und Unternehmen im Ortskern sind Beispiele für die sozialen Herausforderungen, die der globalisierte Handel und die digitalen Techniken in der Provinz gezeitigt haben.

Ein besonderes Dilemma allerdings ist, dass in der Provinz nur allzu gern auf die neuen Modelle in den urbanen Centren geschaut wird, allein weil sie die progressiven Entwicklungen und die modernen Lösungen darstellen – und weil man gerade in der Provinz vor allem eines nicht sein möchte: Vom Fortschritt abgehängt. So reagiert man nur allzu oft in Form der billigen Kopie dieser urbanen Modelle, weil es an Geld und ernsthaftem Verständnis für diese Ideen fehlt.

Die Kopien dieser Ideen sind keine realen Lösungsoptionen für die Probleme im ländlichen Raum, vielmehr gilt es mit der Stärkung der eigenen Erfahrungen und regionaler Eigenschaften den aktuellen Herausforderungen in der Provinz zu begegnen. Was aber sind diese besonderen Erfahrungen und Eigenschaften?

Vielleicht sind sie in den stillen und schrägen Gewohnheiten wiederzuerkennen, die eher verschämt verborgen werden als diejenigen, die Marketingagenturen in den Klischees von der jeweiligen Region zeichnen. Vielleicht sind es die Momente, in denen man aufgrund einer gemeinsamen Schulzeit seinem Gegner immer noch eine stille Achtung zeigt – und wenn es nur ein schattenhafter Respekt gegenüber seiner Familie ist, die einen länger kennt als man sich selbst. Doch geht es hier nicht um romantische Vorstellungen von vermeintlichen Eigenschaften kerniger Provinzcharaktere, sondern um heimliche Kompetenzen, mit denen man sich in der Provinz gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen eigenständig behaupten kann.

varel

„Die Kirche im Dorf lassen“ –  eine Mahnung, das eigene Gefühl für Proportionen zu bewahren. Ein Gefühl, dass man in den Fingerspitzen und nicht in den Ambitionen finden kann.                          

Solche Fähigkeiten erscheinen auch eher wie Vermutungen, wie untergegangene Schätze. Sie aufzuspüren, wäre wie eine Archäologie verschütteter Gefühle, denn seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich die ländlichen Regionen grundlegend verändert.

Die Dörfer existieren nicht mehr als Produktions- und Lebensgemeinschaften. Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete prägen nachhaltig die Landschaften und deren Bewohner. Orte der dörflichen Geselligkeit verschwinden und Traditionen werden mehr und mehr für Touristen inszeniert. Erfahrungen und Erzählungen erodieren. Will man also in der Provinz eigene Wege gehen und sich mittels der eigenen Kompetenzen den Herausforderungen der Zukunft stellen, dann ist es an der Zeit, eben diese spezifischen Erfahrungen und Eigenschaften aufzuspüren. Die sind alles andere als glatt, schön oder smart, aber ihnen wohnt ein substanzielles Unterscheidungsvermögen inne. Ein Gefühl, das davon weiß, was vor Ort in welchem Tempo geht und was nicht.

Auch wenn es wenig originell ist, so könnte doch die Auseinandersetzung mit dem literarischen Realismus des 19. Jahrhundert (Th. Fontane, Th. Storm, J.P. Hebel) konstruktiv sein. Vielleicht wäre eine konzentrierte Lektüre von Arno Schmidts Werken schon Anregung genug oder schlicht die Suche nach den Alltagsgeschichten und vergessenen Erzählungen vor Ort. Doch wichtig ist vor allem: Diese Suche muss verständig sein. Sie ist vor allem ein Zuhören. Ein Zuhören, dass Dialoge und Partizipation begründen kann.

Ob Dialoge über Kunst oder über Demokratie, über Straßen oder Landschaften, sie müssen mit einer sorgfältigen Langsamkeit und der behutsamen Präzision des Fingerspitzengefühls das Bestehende pflegen und das Neue, wo es notwendig wird, gemeinsam ermöglichen. Dieses Fingerspitzengefühl ist wahrscheinlich eine dieser gesuchten Eigenschaften und es gilt, dafür einen Sinn zu bekommen.

von Norbert Ahlers

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