Kulturhaus Tivoli – der bestgeeignete Ort

In Varel kommt etwas in Bewegung: In der Drostenstraße entsteht die „Börse der Ideen“ und die alte katholische Kirche wird zu einer „Kunst- und Kulturkirche“ umgestaltet. Für den ehemaligen Güterschuppen am Bahnhof wollte die SPD einen Antrag zur Nutzung als Fahrradstation, Ausstellungs- oder Kommunikationsfläche sowie „flexiblen großen Raum“ für Vorträge, Theater und andere Veranstaltungen stellen (der Antrag wurde inzwischen zurückgezogen). Für das Tivoli hingegen, der inoffiziellen Stadthalle Varels, bleiben nur die Träume von einem soziokulturellen Kulturhaus ähnlich dem „Vereenshus“ in Zetel, die Möglichkeiten einer Rettung und vor allem der Weiternutzung des Gebäudes werden bisher kaum diskutiert. Doch die Zeit drängt, denn im Frühjahr 2021 wird das Tivoli den regulären Betrieb schließen.

Der Grosse Saal des Tivoli – Spielstätte der Niederdeutschen Bühne

Hier zeigt sich eine grundsätzliche Schwierigkeit in der Vareler Kulturarbeit: Trotz einer bemerkenswerten Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement gibt es keine inhaltlichen Schwerpunkte, keinen Zusammenhang und wenig Kooperation. Hintergrund ist das Missverständnis in Varel, dass Kultur nicht Sache der Kommune, sondern der Bürger selbst sein soll. Es ist deswegen ein Missverständnis, weil somit gilt, dass die, die das Vermögen haben in Kultur zu investieren, auch definieren, was in der Öffentlichkeit als Kultur verstanden wird. Schwieriger aber ist, dass sich in Varel viele kleine Initiativen, Vereine oder Einzelpersonen für ein Anliegen oder eine Idee einsetzen, sich jedoch ohne stabile Rahmenstrukturen nach kürzester Zeit erschöpfen oder kaum substantiell weiter entwickeln. Im ländlichen Raum kommt zudem noch eine Neigung zur gegenseitigen Abgrenzung hinzu, die weder Kooperationen noch Innovationen ermöglicht. Unter diesen Bedingungen wird in den meisten Fällen ein dürftiges Mittelmaß erreicht. Der Mangel an Qualität wird dann als Indiz missverstanden, der die Ablehnung für eine substantielle Förderung, sprich eine institutionelle Förderung begründen soll. Statt den Mangel in der kulturellen Bildungsarbeit aufzuarbeiten dient eben gerade dieses Defizit als Grund, alles so zu belassen, wie es ist. So vergewissert man sich einander in dem Glauben, dass man sich in der Provinz nicht den Herausforderungen der Kunst und denen der sozialen und kulturellen Reflexion stellen müsse. Der Konsens ist banal: Kunst darf nichts kosten, solange sie selbst keinen Profit bringt.

Der Garten des Tivoli, der sich direkt an die Deharde-Wiese bzw. den Sportplätzen anschließt

Was aber wäre für Varel der Vorteil und die Besonderheit eines Kulturhauses im Tivoli? Für eine Stadt wie Varel wäre das Tivoli als Kulturhaus für die Niederdeutsche Bühne, für ein längst überfälliges Kino, für eine Literaturwerkstatt und verschiedene Werkateliers ein überzeugender Ort. Das Haus verfügt über drei Säle (Kleiner Saal, Großer Saal und das sogenannte Clubzimmer) und zwei weitere größere Zimmer, also Räume für Probebühnen, Seminarräume, Theater und Konzerte. Hinzu kommen die ehemaligen Hotelzimmer im ersten Stock, die lange Zeit als Wohnung der Pächter dienten. Es braucht wenig Fantasie, sich dort Werkateliers oder Unterkünfte für „Artist in Residenz“-Programme vorzustellen. Eine Gastronomie zum Verweilen und für Gespräche ist auch vorhanden. Der große Garten hinter dem Haus schließt sich an die Deharde-Wiese an und könnte so dem geplanten Sport- und Stadtpark eine sinnvolle Ergänzung sein.

Es reicht nicht aus, dass man in Varel immer nur auf Dangast, das Kurhaus und seinen Rharbarberkuchen hinweist, wenn es um Kultur geht. Dangast ist eine ganz eigene Destination, die in ihrer Geschichte eher unter Varel zu leiden hatte als dass das Dorf von der Stadt profitieren konnte. Varel, das sogenannte Mittelzentrum im Kreis Friesland, steht in Fragen der Kulturarbeit stets im Schatten von Jever und Rastede, von Oldenburg und Wilhelmshaven ganz zu schweigen.

Die kommunalen Gremien und deren Verantwortliche weisen auch immer wieder auf das vielfältige und reiche Kulturleben der Stadt Varel hin und dass man doch vieles im Rahmen der Möglichkeiten unterstütze. Dennoch gilt der Vorbehalt, dass Kultur eher Luxus als Notwendigkeit ist, um den sich die BürgerInnen angesichts der klammen Haushaltskassen selbst kümmern sollen.

Der Kleine Saal – ideal als Probebühne und Tanzsaal

In Baden-Würtemberg formuliert das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Bedeutung der Breitenkultur mit folgenden Worten: „Kulturelles und künstlerisches Engagement ist für viele Menschen zu einem Grundbedürfnis ihres Lebens geworden. Es führt Menschen zusammen, sei es als Akteure oder Publikum. Für eine moderne, hochentwickelte Gesellschaft sind die Identifikation mit Kultur und die Entwicklung neuer künstlerischer Impulse von unschätzbarem Wert.“ Ein solches Engagement braucht offene Orte mit entsprechendem Equipment, d.h. eine Theatergruppe braucht einen Saal und eine Bühne, Maler brauchen Ateliers, FilmemacherInnen brauchen einen Gerätepool und alle brauchen ein Haus, in dem sie arbeiten und einander begegnen können. Es geht um reale Grundbedürfnisse. Kulturelles und künstlerisches Engagement ist nicht nur eine Verständigung kultureller Identitäten in einer komplexer gewordenen Wirklichkeit, es ist auch der ständige Versuch, an den aktuellen Gegebenheiten und Veränderungen teilzuhaben, sie überhaupt zu verstehen. In Baden-Württemberg versteht man unter Breitenkultur die Förderung von Amateurtheater, -musik und der Kleinkunst, zudem die Förderung der Heimatpflege sowie die Unterstützung für Jugendkunst-, und Musikschulen und der kulturellen Jugendbildung.

Förderungen, die auch in Niedersachsen möglich wären, wenn es denn die Kommunen überhaupt wollten bzw. das Kulturengagement ihrer BürgerInnen als Grundbedürfnis anerkennen wollten. Wohl verstanden: Bei dieser Förderung geht es nicht um die Marketing-Events einer Stadt, sondern um die aktive Teilhabe am Kunst- und Kulturleben vor Ort. Will daher Varel der ihr zugeordneten Rolle eines Mittelzentrums gerecht werden, dann braucht die Stadt ein Kulturzentrum mit einer Theaterbühne. Dafür ist das Tivoli mit einer Gastronomie und den Sälen ein ideales Haus, was erhalten werden sollte. Nicht nur, dass man ein historisches Veranstaltungshaus, in dem man sich seit 1901 kontinuierlich zu geselligen Festen traf und trifft, für das Stadtbild erhalten würde und man das Gebäude mit seinem großen Garten dem skizzierten Bewegungs- und Begegnungspark angliedern könnte, es könnte vor allem in seiner neuen Funktion und im Zusammenspiel mit der „Börse der Ideen“ über die Grenzen der Stadt hinaus eine eindrucksvolle kulturelle und innovative Bedeutung entfalten. Will also Varel überregional repräsentiert sein, so wie es Bürgermeister Wagner anstrebt (vgl. den Friebo), dann gelingt dies nur, wenn die Stadt auch ein ernstzunehmendes Angebot in der Jugendförderung, der Breitenkultur und der Kreativwirtschaft vorstellen kann. Das Tivoli wäre dafür der bestgeeignete Ort.

Das Clubzimmer oder auch ein Ort für ein kommunales Kino Varel

 

Norbert Ahlers

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Gemeinsames Lernen – eine Herausforderung im steinigen Gelände

Das Niedersächsische Kultusministerium gab vor kurzem dem Antrag der Oberschule Varel auf eine abweichende Organisation der Fachleistungsdifferenzierung in den Schuljahrgängen 9 und 10 der jahrgangsbezogenen Oberschule statt.

Diese Neuigkeit wurde in der vergangenen Woche der Vareler Öffentlichkeit kundgetan und es fand sich ein großer Bahnhof: Andreas Michalke, Sebastian Wosnitza und Sabine Kampmann, sie repräsentierten die Schulleitung der OBS Varel, erläuterten den neuen pädagogischen

Ansatz gegenüber Tanja Mlodzian (Landesschulbehörde Regionalabteilung Osnabrück für den Bereich Varel), Gerd-Christian Wagner (Bürgermeister der Stadt Varel), Sven Ambrosy (Landrat des Kreis Friesland), Miriam Engels-Isigwe (Rektorin der Schlossplatzschule Varel), Ronald Ernst (Hauptsachgebietsleiter für Schulen im Landkreis Friesland), Silke Faulwetter (Regionale Beratungs- und Unterstützungszentren Inklusive Schule RZI Friesland), Reinhold Harms (Bildungsregion Friesland), Franziska Scholl (Barthel-Stiftung) und Sandra Heidenreich und Holger Behnken (beide Schulleitung der Heinz-Neukäter-Schule) sowie Vertreter der Presse. Es fehlten die Schulleitungen des Lothar-Meyer-Gymnasiums und der BBS.

Die Räumlichkeiten von Institutionen haben eine eigene Textstruktur: Das Gebäude vermittelt immer, wie sich der Anwesende in den Räumen zu bewegen hat. Das gilt für Schulen ebenso wie für Gerichte, Kirchen oder Rathäuser.

Die Besonderheit dieses neuen Modells der Oberschule Varel, das tatsächlich singulär in Friesland und Oldenburg ist, zeichnet sich durch die Betonung der Erfahrung der Gruppengemeinschaft aus, die bisher zu wenig Beachtung findet. Die Kontinuität einer Klassengemeinschaft kann SchülerInnen den notwendigen Rückhalt geben, den Heranwachsende brauchen, nicht zuletzt um sich in der Pubertät gegenüber den Ansprüchen des Elternhauses, der Peer-Group und der Konsumgesellschaft eigenständig und stabil zu entwickeln. Dass man nun auch weiterhin in den Klassenstufen 9 und 10 den Klassenverband erhält und im Rahmen der sogenannten Binnendifferenzierung unterrichtet, gilt nachweislich als Vorteil, zumal auch die Klassenleitung als zentrale Bezugsperson für die SchülerInnen in ihrer Verbindlichkeit erhalten bleibt.

Die inhaltlichen Neuerungen der Oberschule, deren Modell seit 2011 in Niedersachsen Standard geworden ist, sind in der Bevölkerung immer noch nicht ernsthaft verstanden worden. In der Öffentlichkeit begreift man die Oberschule als eine Zusammenlegung der Haupt- und Realschule bzw. als die schlechtere Alternative zum Gymnasium. Dass sich die Oberschule gegenüber den alten Schulformen pädagogisch grundlegend anders versteht und auch arbeitet, ist in der breiten Öffentlichkeit immer noch nicht angekommen.

Die Oberschule konzentriert sich auf ein Miteinander, sowohl im Bereich der Inklusion als auch der Integration. Sie setzt auf Kooperation und nicht auf Hierarchie. Das pädagogische Credo für die Oberschule Varel lautet „WIR LERNEN GEMEINSAM“, es geht darum, gezielt Gemeinsamkeiten zu stärken und vor ihrem Hintergrund und aus ihrer Sicherheit heraus auf die Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft vorzubereiten.

Dazu Andreas Michalke, Oberschulrektor der OBS Varel, im Interview:

N. Ahlers: Was sind die Erwartungen an die Lehrer? Was erwarten die Eltern von der Oberschule?

A. Michalke: Anfangs gab es einige Verwirrung wegen der Umbenennung durch die Schulreform. Viel wird immer noch mit den alten Bezeichnungen Haupt- und Realschule gedacht, das heißt man sucht alte, vertraute Elemente wieder zu entdecken. Das wird sich irgendwann demografisch auswachsen. Der Bildungsauftrag ist klar beschrieben, auch in Abgrenzung zur gymnasialen Bildung, wo eben die Studienorientierung fokussiert wird, ist der Hauptschwerpunkt der Oberschule eine Berufsorientierung. Das ist verankert im Niedersächsischen Schulgesetz. Nichtsdestotrotz gibt es auch hier eine Studienorientierung.

N. Ahlers: Wie sind die neuen Prozesse und Herausforderungen in der Erwartungshaltung abgebildet?

A. Michalke: Noch vor der Umstrukturierung zur Oberschule gab es den Trend zu Ganztagsschulen, das war eine gravierende Veränderung in den 90er Jahren, die aber mit der erhöhten Arbeitszeit der Eltern zusammenhing. Das brach die traditionelle Vorstellung von Elternhaus und familiärem Leben auf.

N. Ahlers: Die Ganztagsbetreuung macht ja durchaus den Eindruck des Provisorischen. Es ist nicht so wie in Frankreich.

A. Michalke: Das stimmt, das hatte hier nicht die Tradition und so kann man den Eindruck durchaus bekommen.

N. Ahlers: Ist dieses Credo ‚gemeinsam lernen‘ das neue Profil, mit dem sich die Oberschule gegenüber dem Gymnasium neu positionieren will?

A. Michalke: Das Gymnasium hat im Grunde mit einer ähnlichen Heterogenität zu tun, wie die Oberschule. Es ist ja so, dass das Anwahlverhalten vieler Eltern aus mancherlei Gründen einen ganz starken Andrang in Richtung Gymnasium zeigt. Das dokumentieren die Anmeldezahlen. Das hat zur Folge, dass sich die pädagogische Herausforderung am Gymnasium auch stark gewandelt hat. Die Gymnasien können sich mit ihren klar definierten Leistungsanforderungen von vielen dieser Schüler trennen.

N. Ahlers: Die dann wieder zurückkehren in die Oberschule?

A. Michalke: Ja, genau.

N. Ahlers: Sie erlernen also erst eine massive Frustration, z.B. weil sie die Eltern scheinbar enttäuscht haben, und dann versuchen sie sich wieder neu zu entwickeln?

A. Michalke: Ja, und da gibt es ganz verschiedene Verläufe: Wenn das zu spät geschieht, brauchen die SchülerInnen eine längere Zeit, um mit Erfolgserlebnissen wieder Freude am Lernen und an der Schule zu haben und wir hatten durchaus auch Fälle, wo Kinder das alles erleben mussten und man dann bei den jüngeren Geschwistern bei der Anmeldung dann anders vorgegangen ist.

N. Ahlers: Inklusion, was versteht man hier an der Oberschule ganz konkret darunter?

A. Michalke: Das ist eine Sache, die ja mit dem Motto ‚gemeinsam lernen‘ abgedeckt wird. Also ganz einfach: Neben mir als Schüler kann ein/e SchülerIn sitzen, der/die andere Lernvoraussetzung hat als ich und – so die Idealvorstellung – es gelingt, dass sich beide mit demselben Gegenstand auf dem jeweils angemessenen Anforderungsniveau gemeinsam mit einem Thema befassen.

N. Ahlers: Konzentriert sich Inklusion auf sozial Benachteiligte, auf körperlich und geistig Beeinträchtigte oder auf Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund?

A. Michalke: Wenn man den Begriff benutzt, wie er im Schulgesetz steht, gibt es eben anerkannte sonderpädagogische Unterstützungsbedarfe – Sehen, Hören, KME, Lernen, geistige Entwicklung und sozial-emotionale – und für die gab und gibt es in Niedersachsen eine eigene Förderschullandschaft- Im Förderbedarf Lernen ist es erklärtes Ziel, die Förderschule Lernen auslaufen zu lassen, d.h. dass alle Schüler mit einem Unterstützungsbedarf Lernen inklusiv an Oberschulen beschult werden – aber nicht nur Oberschulen, sondern auch an Gymnasien. Das hängt von der Wahl der Eltern ab, wo sie dann zieldifferent unterrichtet werden. Was den interkulturellen Unterricht angeht, so sind wir hier an unserer Schule in der glücklichen Situation, dass wir im Kollegium auch Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte haben, die so auch veranschaulichen, dass der Lehrerberuf auch für die SchülerInnen eine Option sein kann.

N. Ahlers: Spannend ist, wie sich unter den Bedingungen der Heterogenität ein neues Gemeinsames definieren kann. Erleben Sie so etwas – dass man sich in einer neuen Gemeinsamkeit entdeckt?

A. Michalke: Naja, zum einen ist die Schraubzwinge der Schulpflicht eine Gemeinsamkeit. Man trifft sich hier ja nicht ganz freiwillig; und zum anderen ist es unser Konzept der stabilen Klassengemeinschaften, das ja für uns eine zentrale Rolle spielt, das diese Prozesse extrem begünstigt. Es werden Vorurteile abgebaut, weil man in der alltäglichen Begegnung den konkreten Menschen kennenlernt und nicht auf eine trennende Kategorie beharrt.

N. Ahlers: Der neue Ansatz ‚gemeinsam lernen‘ basiert ja darauf, dass man gemeinsam eine Leistungserwartung auf dem jeweiligen Niveau erfüllt. Sie versuchen somit Leistung individuell zu definieren. Wie entwickelt sich hier die Klassengemeinschaft, wenn doch individuell gelernt wird?

A. Michalke: Nun, es ist insbesondere eine hohe Kunst – und auch eine neue Herausforderung – für unsere Lehrkräfte bei dieser individualisierten Form des Lernens im gemeinsamen Klassenverband. Die Anforderungen werden sich steigern. Alle haben das gleiche Thema, aber einen unterschiedlichen Zugang. Der Lernzuwachs besteht darin, dass die SchülerInnen eben gegenüber diesen Unterschieden bzw. für diese Andersartigkeit ihr eigenes Verständnis und die eigene Empathie entwickeln müssen. Im Streitfall sind dann hier die LehrerInnen auch als Moderatoren gefordert. Das sind Kompetenzen, die jenseits der bloßen Wissensvermittlung liegen. Das ist dann auch der erzieherische Auftrag, den die Lehrkraft hat.

Die Gängen, konzipiert in der 70er Jahren, scheinen licht und offen zu sein, doch sie werden vor allem durch Kunstlicht erhellt.

Bei allem Zuspruch muss aber doch konstatiert werden, dass zum einen Varel ein reales Bildungsproblem hat, denn im Gegensatz zu den Bildungsreformen im 19. und 20. Jahrhundert scheint Bildung nicht mehr für ein Versprechen der Emanzipation und Befreiung zu stehen, sondern nur noch für Kompetenzentwicklung und Valuationsnachweise für den weiteren Ausbildungs- oder Studiengang. Steine lügen nicht und wenn Bauten in Stein formulierte Gedanken sind, dann dokumentieren gerade die Schulgebäude die Zweckorientierung, die offensichtlich die zentralen Ideen dieser Gesellschaft bilden. Sie sind der fragwürdige Konsens, gegenüber dem sich die Lehrkräfte und die Schüler mühevoll behaupten müssen. Die Bauten veranschaulichen auch, wie klein die Freiräume sind, in denen sich Schulleitungen und Lehrkräfte bewegen können.Wenn die zentralen Vorteile des Vareler Modells, eben die Optionen der Fachdifferenzierung (Lernen entsprechend der eigenen Stärken, Interessen und Möglichkeiten) und die Stabilität der Klassengemeinschaft gleichsam zu erhalten, nicht selbstverständlich sind, sondern in Niedersachsen einen experimentellen Schritt darstellen, dann zeigt diese Sachlage die Verengung des gegenwärtigen Bildungssystems und dessen Vertrauenskrise. In § 4 des Niedersächsischen Schulgesetzes heißt es:

„1) Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang und sind damit inklusive Schulen. Welche Schulform die Schülerinnen und Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten (§ 59 Abs. 1 Satz 1).

2) In den öffentlichen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam erzogen und unterrichtet. (…)“

Solange die Erziehungsberechtigten nicht davon überzeugt werden können, dass ein gemeinsames Lernen und die Entwicklung von Empathie für die besondere Situation des Anderen mehr zählt als der bloße Leistungsnachweis, wird die Oberschule immer noch als eine bloße Zusammenlegung der Haupt- und Realschule begriffen. Somit wird sie als „Restschule“ gegenüber dem Gymnasium missverstanden und es war bezeichnend, dass trotz manch gelungener Kooperation zwischen der OBS und den weiterführenden Schulen bei diesem Termin die Schulleitungen der Gymnasien fernblieben.

Dass zu Schulbeginn unter dem Schatten der Pandemie andere Themen nicht so sehr in den Fokus genommen werden, wie sie es verdienen, ist eine Sache, doch eine ganz andere Sache ist es, dass man in Varel seit der Auseinandersetzung um die OBS Obenstrohe die überfällige Diskussion um die Bildung vor Ort oder auch im Landkreis gänzlich aus den Augen verloren zu haben scheint. Es bedarf mehr solcher Initiativen wie die der Gesamtkonferenz und des Vorstands der Oberschule Varel und öfter solche Ermutigungen wie die des Niedersächsischen Kultusministeriums. Es bedarf mehr solcher Experimente, in denen Erfahrungsräume des Gemeinsamen bei gleichzeitiger Wahrnehmung der Differenzen erlebbar werden. Nicht nur SchülerInnen lernen, sondern auch Institutionen – und auch die Erziehungsberechtigten. Doch das gelingt nur, wenn man der Schule und ihren Zielen Vertrauen entgegenbringt. In Varel ist da noch einiges zu tun.

von Norbert Ahlers

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Stadtgespräche – lasst uns reden

Einen öffentlichen Disput einzufordern ist die eine Sache, ihn zu führen oder zu moderieren eine andere. Öffentliche Diskussionen scheinen sich ihrer Umgangsformen unsicher geworden zu sein. Insbesondere in den sozialen Netzwerken kommt es zu Statements, die eher von vehementen Ressentiments als gedanklichen Argumenten geprägt zu sein scheinen. In öffentlichen Auseinandersetzungen geht es parallel zu den jeweiligen Themen immer auch um Aufmerksamkeit. Das war zu anderen Zeiten nicht anders – und dennoch scheint etwas anders geworden zu sein. Dass in einer Konfrontation eher bloße Haltungen als reflektierte Gedanken zum Ausdruck kommen, ist nichts Neues. Die Intentionen in einer solchen Auseinandersetzung scheinen sich allerdings verändert zu haben. Wollte man früher seinen Gegenüber überzeugen, so zielt man heute eher auf die Aufmerksamkeit des eigenen Auftritts. Dabei verstört die Vehemenz mancher Statements. Ein Beispiel: Der Widerstand gegenüber den Forderungen der Klimaaktivisten oder den SchülerInnen der Friday for Future-Bewegung haben eine Wut, die man früher in Westdeutschland nur zu hören bekam, wenn ein Antikommunisten sich in Rage geredet hatte. Allerdings hatten jene Herren noch einen verlorenen Krieg in den Knochen und eine präzise Vorstellung davon, wie verroht Menschen zueinander sein können. Das ist heute glücklicherweise bei den meisten Bundesbürgern nicht mehr der Fall und trotzdem artikuliert sich aktuell eine Wut, die einen erschreckt.

Was ist das für ein Widerstand?

Es ist zweckmäßig, diesen Widerstand in seinen Motiven nachzuvollziehen. Ein Beispiel: Jürgen Bruns, SPD-Ratsmitglied der Stadt Varel, sagte vor längerer Zeit auf einer Veranstaltung, dass er die umstrittene Umgehungsstraße für Varel begrüße, denn Straßen bringen Warenverkehr und dieser wiederum Wohlstand. Anders gesagt: Je mehr Warenverkehr, desto mehr Konsum und mit steigendem Konsum mehr Wachstum. Solange Menschen konsumieren ist daher das Wachstum unendlich. Bruns Satz kam nicht von ungefähr: Drohten sich noch um die Milleniumswende weite Teile der ländlichen Regionen zu strukturschwache Randzonen zu entwickeln, so konnte ein solcher Prozess tatsächlich durch Tourismus und Ansiedlungen von Unternehmen, z.B. im Bereich der Logistik oder der regenerierbaren Energietechnologien, vermieden werden.

In der Provinz suchte man zudem die Vorzüge der Abgeschiedenheit mit den Event-Angeboten der urbanen Zentren zu kombinieren. Damit schuf man eine neue, regionale Attraktivität durch Innovationen. Der Erfolg war nachhaltig: Dachte man in den 90er Jahren bei ländlichen Räumen vor allem an Landflucht, Überalterung, strukturschwache Kommunen, dürftige medizinische Versorgung und schlechte Verkehrsanbindungen, so vollzog sich in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts mancherorts eine rasante Veränderung. Durch vielfältige Anstrengungen wurden die Provinzen an die vielfältige Entwicklungen der Metropolregionen angebunden. Wachstum war also auch auf dem Land möglich und die Abwanderung von Talenten (braindrain) schien nicht mehr zwangsläufig. Dennoch scheint sich etwas grundlegend verändert zu haben. Eine Veränderung, die weit älter und tiefgreifender ist, als die Förderprogramme für strukturschwache Regionen in den vergangenen Jahren. Das Credo vom unendlichen Wachstum in den vergangenen Jahren ist zutiefst erschüttert worden und inzwischen haben es sogar die Grundschüler begriffen, dass der hemmungslose Konsum der Eltern und Großeltern auf Ressourcen basiert, die endlich sind. Versprechen, wie sie Jürgen Bruns deduzierte, überzeugen die Kinder nicht mehr. Diese Kinder sind aber nicht selten die der neuen urbanen Mittelklasse, deren Arbeitsfelder eher die der Wissensökonomie sind, also der wissensintensiven Dienstleistungen in Bereichen wie Forschung, Kommunikation, Design, Planung und Informationsdienstleistungen. Daher geht es um den Transformationsprozess der sogenannten breiten Mitte bzw. der nivellierten Mittelschicht1, die von den 50er Jahren bis Mitte der 80er Jahre des 20.Jahrhunderts das soziale Gefüge der westdeutschen Gesellschaft definiert hat. Einer relativ homogenen Gesellschaft mit einem gemeinsamen Erfahrungshintergrund und einem gesellschaftlichen Wertekonsens. Dass nur drei Parteien (CDU, SPD und FDP) über Jahrzehnte die politischen Geschicke dieser Republik bestimmten, war für diese Gesellschaft bezeichnend. Die nivellierte Mittelschicht war das, was heute noch als Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird. Eine Mehrheit, die es in diesem Sinne gar nicht mehr gibt. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist diese Mitte weitgehend erodiert, d.h.wer das anstrebt, womit man einst in der Mitte der Gesellschaft ankommen und soziale Anerkennung finden konnte, findet sich nun in einer zunehmend fragmentierten Sozialstruktur wieder. Das ist ein Dilemma, denn obwohl es der Mehrheit finanziell vergleichsweise gut geht, ist sie zutiefst verunsichert, denn sie weiß, dass eine Vermögensbildung, wie sie noch den Eltern gelang, für die Jüngeren nicht mehr möglich ist.

Das starrsinnige Beharren auf Ideologeme ist gerade in dieser traditionellen Mittelschicht massiv. Andreas Reckwitz beschreibt in einem Interview die traditionelle Mittelklasse mit folgenden Worten: „Menschen mit mittlerer Bildung, oft in kleinstädtisch-ländlichen Regionen beheimatet, in Einstellung und Lebensführung eher konservativ-traditionell: ein bescheidenes Eigenheim, zwei Kinder, der Kombi steht vor der Tür. Hier finden Sie gewissermaßen das Erbe der einstigen „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“.“ Politisch sind sie meist von der SPD bzw. der CDU geprägt. Es sind Menschen, die sich durch kontinuierlichen Konsum versichern, dass ihre Lebensentwürfe gelungen sind. Statussymbole haben für sie einen hohen Stellenwert. Sie sind Anwender der digitalen Techniken und somit scheinbar auf der Höhe der Zeit, doch sie sind nicht deren Entwickler. Dieser Widerspruch ist spürbar. Sie stehen in der Mitte des Lebens oder sind älter, haben einen relativ hohen materiellen Lebensstandard und empfinden gleichzeitig eine Erosion ihrer Wertvorstellungen. Gegenüber der neuen Mittelschicht der Wissensökonomie in den Metropolen erleben sie sich in einem permanenten Leistungs- und Rechtfertigungsdruck und damit in einer hoffnungslosen Defensive. Es fehlt ihnen am sogenannten kulturellen Kapital. Diese soziale Marginalisierung kann nicht durch die Wirklichkeit der Provinz ignoriert werden und so wird sie zum Nährboden für Abstiegsängste. Das Empfinden der soziokulturellen Marginalisierung kann ein zentrales Motiv sein, weshalb erwachsene Menschen mit einer solch unverhältnismäßigen Vehemenz ihre Ablehnung gegenüber grünen Themen oder einem Mädchen wie Greta Thunberg in den sozialen Medien mit hasserfüllter Wut zum Ausdruck brachten – und immer noch bringen.

Eine Mittelschicht, die mehrere Generationen lang in ihren Haltungen und in ihrer beharrlichen Ausdauer den Erfolg dieser Bundesrepublik verkörpert hat, wird nicht nur in ihren Vorstellungen, sondern auch in ihren Aufstiegsmöglichkeiten in Frage gestellt und so stehen nun Glaubenssätze dieser Lebensentwürfe zur Disposition. Wer will jedoch die Ahnungen herbeireden, die man allerorten wahrnimmt, aber in der eigenen Comfortzone nicht erkennen will? Die Generation, die mit der Globalisierung aufgewachsen ist, handelt gemeinsam mit den Älteren im Glauben an die eigenen Rationalisierungen2 daher konsequent gegen die eigenen Interessen. Sie setzen aus Mangel an solidarischen Visionen auf die Erfolgsmodelle der Vergangenheit, die sie allerdings just in diese Situation gebracht haben. Wenn es aber um Ängste und Glaubensgrundsätze geht, wird der sachliche Dialog schwierig und wo Aufstiegsmöglichkeiten ausgebremst werden, erwachen die eigenen Abstiegsängste. Statt Dialog werden starrsinnige Haltungen artikuliert, doch nicht um zu überzeugen, sondern andere auf sich aufmerksam zu machen. Gerade im ländlichen Raum kann man es sich aber nicht mehr leisten, den Dialog um eine Postwachstumsökonomie zu verweigern. Es geht weniger um ein Verstehen der Menschen, die in diesen Regionen leben, als vielmehr um die neuen Optionen, die mit den notwendigen Neuorientierungen angesichts des Klimawandels verbunden sind. Diese Chancen schwinden, je vehementer der Widerstand gegenüber den Veränderungen in Gesellschaft und Ökonomie wird. In Varel stehen zahlreiche Herausforderungen an: Bildungsarbeit, Biosphärenreservat, nachhaltiger Tourismus, neue Mobilitätskonzepte, Stadtpark, soziokulturelles Zentrum, interkulturelle Kommunikation u.a.m. Es ist an der Zeit, dass in Varel dieser Dialog aufgenommen wird – und zwar jenseits der Illusion vom unbegrenzten Wachstum.

                                                                                                                               Norbert Ahlers

 

1 ) der Begriff nivellierte Mittelschicht geht auf den Soziologen Helmut Schlesky zurück und meint eine Angleichung zwischen der Arbeiterklasse und dem Kleinbürgertum. Gleichzeitig suggerierte der Begriff die Überwindung der sogenannten Klassengegensätze.

2 ) Tiefenpsychololgisch bedeutet Rationalisierung das verstandesmäßige Rechtfertigen eines Verhaltens (Innere Ausrede). Das Ich ersetzt aus dem Es stammende, wahre, aber nicht eingestandene Motive (Motiv, vom Über-Ich verboten) durch unwahre, aber eingestandene Motive (vom Über-Ich nicht verboten). (Quelle: DORSCH Lexikon der Psychologie, Hrsg. Markus Antonius Wirtz) Gemeint sind hier Begründungen wie etwa, dass man z.B. eine Fitnessuhr wegen der motivierenden Selbstkontrolle und den Vergünstigungen bei den Krankenkassen kaufen würde.

Varel aus der Luft, ein Blick aus längst vergangenen Jahren. Es überrascht die innerstädtische Offenheit durch große Grünflächen. Man wünscht sich diese Offenheit in den Köpfen der StadtbewohnerInnen. Bild: Privatbesitz

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Varel in unwegsamem Gelände

„In der Stunde größter Not, bringt der Mittelweg den Tod.“ Dieses Epigramm schreibt man dem Barockdichter Friedrich von Logau (1605 – 1655) zu.

Bruecke 437 Varel 2

Die Brücke an der Bundesstraße 437 ist wegen des Scheiterns ihrer geplanten Ausmaße der einzige Abschnitt dieser Straße, der ein Interesse provoziert. Die Magistrale selbst ist ohne jedweden Reiz.

Am 31.08.2020 tagt wieder der Finanzausschuss der Stadt Varel. Da im Moment weder für den September noch für den Oktober weitere Sitzungen für diesen Ausschuss terminiert sind, ist davon auszugehen, dass Ende August die Zahlen für das vergangene Quartal Mai/Juni und Juli vorgestellt werden, also die Monate, in der der Shutdown massiv zu spüren war, aber auch die ersten Lockerungen zur Wiederherstellung der sogenannten Normalität eingeführt wurden. Wieder wird der Kämmerer darauf hinweisen, dass der Rat der Stadt seine Finanzlage für 2021/22 neu ausrichten muss – was man aufschiebend zur Kenntnis nehmen wird, da im kommenden Jahr die Kommunalwahlen anstehen. Sehr wahrscheinlich wird überhaupt zur Vorsicht gemahnt, denn die Gesamtsituation bewegt sich vor dem Hintergrund einer drohenden zweiten Welle, die durch Urlaubsrückkehrer, die alltägliche Leichtsinnigkeit und einen kollektiven Unmut gegenüber den Hygieneauflagen befürchtet wird. Latent korrespondiert diese Bedrohung allerdings auch mit den immer wieder erwarteten Einbrüchen bei den Steuereinnahmen und dem vorsichtigen Konsumverhalten.

Wurden im Juli die Einnahmenverluste in den Tabellen der kommunalen Haushaltspläne noch als „Delle“ visualisiert und entsprechend als beherrschbar kommuniziert, so dürfte eine erneute Zuspitzung der Pandemie in den kommenden Wochen eine ernsthafte Verschärfung der Situation darstellen. Eine Delle ist kein Totalschaden und der Vareler Haushalt wurde noch im Juli dieses Jahres allgemein als robust beschrieben. Doch die Zahlen hatte man da nur unter Vorbehalt vorgestellt; sie seien eben nur eine Momentaufnahme. Gerade recht kommt da die Bewilligung der Zuschussgelder für den geplanten Sportpark, denn so kann die Stadt Varel mit einer umfangreichen öffentlichen Investition den Bauboom in der Krisensituation jedenfalls vorübergehend stützen. So bleibt weiterhin die Devise bestehen: Keine Panik – Normalität wird wiederhergestellt und das Ganze ist zu schaffen.

Tatsächlich war der Lockdown ein drastisches Mittel, was sehr wahrscheinlich viele Leben gerettet, doch manche Existenz ruiniert haben dürfte. Seit Mai/Juni wird nun mit den Lockerungen kontinuierlich versucht, die sogenannte Normalität wieder herzustellen und wer Normalität will, sollte Panik vermeiden. Insofern macht die Devise durchaus Sinn.

Was aber heißt unter den aktuellen Bedingungen Normalität? Der Shutdown hat die Momente in der Gesellschaft und in der ökonomischen Logik aufgezeigt, die schon vor der Pandemie fragil und kritisch waren: Die mangelnde Wertschätzung sozialer Berufe und Versorgungssysteme, die Belastungen der Menschen in Logistikbereichen, die irrationalen Muster des Konsumverhaltens, die Schadstoffbelastungen durch anachronistische Verkehrs- und Tourismuskonzepte usw. Doch von all dem will man nun in der Rekonstruktion der sogenannten Normalität nicht mehr viel wissen.

Bei der Sonderprämie für das Krankenhauspersonal wird geknausert, SUVs müssen verkauft werden wie zuvor, gegen das UNESCO-Biosphärenreservat an der Küste und dem niedersächsischen Volksbegehren für mehr Artenvielfalt wird vehement protestiert und wer nur etwas von Einschränkungen im Urlaubsverkehr, bei Partys oder beim Motorradfahren sagt, wird mit einem „es muss Geld verdient werden“ abgefertigt. Es muss wieder „brummen“. Niemand soll einem jetzt noch mit Abstand und Maskenpflicht daherkommen und überhaupt – sind wir nicht alle irgendwie systemrelevant?

In dieser Atmosphäre findet sich die Stadtverwaltung von Varel – wie viele andere Städte auch – in einer Zwickmühle, denn zum einen steht man vor enormen und langwierigen Herausforderungen (Klimawandel, Verkehr, Bildung und Integration) und zum anderen wird man die gesellschaftliche Stabilität nur dann gewährleisten können, wenn die Einkommens- und Einnahmeneinbrüche eben tatsächlich nur eine Delle bleiben und nicht zu einer nachhaltigen Lähmung des Wirtschaftsleben führen.

Solange die Leute kaufen, lässt man sich die Konsumkritik gefallen, doch was ist, wenn der Konsum tatsächlich einbricht? Die Maßnahmen in diesem Frühjahr gaben einen Eindruck, was notwendig wäre, um Klimaziele zu erreichen und tatsächlich haben Messwerte ergeben, wie sehr sich die Natur in vielen Bereichen in jenen Wochen erholen konnte. Wer also tatsächlich für die kommenden Generationen die Lebensbedingungen erhalten will, muss neue Konzepte entwickeln – jenseits der quasireligiösen Wachstumsideologie. Doch wie soll das gelingen, wenn mit den veröffentlichten Haushaltszahlen die besorgten Gemüter vorerst beschwichtigt werden sollen? Mit der scheinbar gewonnenen Zeit und Ruhe will man auch suggerieren, dass man so weitermachen könne, wie bisher. Aber das ist eben eine Illusion.

Die Pandemie hat ja nur eine Ahnung vermittelt, was in den kommenden Jahrzehnten auf uns zu kommen wird. Das gilt sowohl für die urbanen Zentren als auch für den ländlichen Raum und man muss unter Hochdruck neue Konzepte konsequent entwickeln und Hilfen skizzieren, wie die beruflichen Existenzen auf diese Umbrüche konstruktiv vorbereitet werden können. Die oft beschworene Normalität ist demgegenüber keine reale Alternative mehr. Im Gegenteil: Sie ist der besagte Mittelweg mit tödlichem Ausgang.

Es gilt für die Stadt, sich in einer breiten Fläche neu und anders aufzustellen, d.h. neue Schwerpunkte, insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit und Ökologie zu entwickeln. Wenn die Versorgungsketten im Krisenfall nur durch Einzelhandelskonzerne wie Famila, Aldi oder Lidl aufrechtzuerhalten sind, dann stimmt etwas nicht mit den Versorgungsketten. Eine Kommune allein wird daran wenig ändern können, aber sie kann die Rahmenbedingungen für ein vielfältiges Angebot im Kleinen schaffen, insbesondere im Innenstadtbereich. Sie kann zukunftsorientierte Mobilitätskonzepte forcieren, sie kann regionale Versorgungswege stärken und ein soziokulturelles Miteinander fördern. Doch dazu braucht es Entschlossenheit zu grundlegenden Veränderungen, Ideen eben jenseits des Mittelweges. Es ist ein fataler Widerspruch, einen Ausweg aus der Krise suchen zu wollen, wenn man gleichzeitig auf die Normalität setzt, die einen letztlich in diese Krise geführt hat. Wer sich aber mit seiner Strategie allein auf die Wiederherstellung der Normalität konzentriert, verhindert die Chancen zu entwickeln, die sich uns in der Krise für einen Moment kurz eröffnet haben.

 

Norbert Ahlers

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Börse der Ideen – eine Vision für Varel

Varel, Drostenstraße 11, ein klassizistischer Bau von 1812, besser bekannt als die Vareler Börse, das ehemalige Clubhaus der Vareler Kaufleute.

Seit Donnerstag, dem 09.07.2020, ist nun die Vareler Barthel-Stiftung Eigentümerin dieses Gebäudes und wird dort das Projekt „Börse der Ideen“ realisieren. Kristian Evers, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, erläuterte am vergangenen Montag in den Räumlichkeiten des Hauses das geplante Vorhaben. Ziel ist es, einen neuen Ort für Denken und Arbeiten, für Zusammenkunft und Kommunikation in Varels Zentrum zu schaffen. Es klingt wie ein visionäres Versprechen.

Seit dem Prozess der Neuausrichtung des Vareler Agenda-Büros bewegte Evers laut eigener Aussage die Idee eines Zukunftsortes, deren Anregung auf die Erfahrungen von Christof Isopp zurückgehen. In Österreich zeigte sich, dass Netzwerke in ländlichen Räumen vor allem dann gelingen, wenn BürgerInnen zum Mitgestalten eingeladen werden – und diese Möglichkeit auch mit einem konkreten Ort identifizieren können. Einen solchen Anlaufpunkt zum Gedankenaustausch und der Ideenentwicklung habe man nun gemeinsam mit der Stadt Varel in der ehemaligen Vareler Börse ausgemacht. Während die Stiftung Eigentümerin des Hauses ist, verbleibt das Grundstück selbst im Besitz der Stadt Varel. Bürgermeister Wagner begrüßt ausdrücklich das neue Konzept, weil es Ausdruck der Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der Stiftung ist und weil das Haus selbst nun weit effektiver genutzt werden kann, als es die Jahrzehnte zuvor der Fall gewesen ist.

Arbeitsbereiche der Konzentration – noch eine visionäre Perspektive

In Zusammenarbeit mit dem Berliner Architekturbüro SchönbornSchmitz soll schon im August dieses Jahres mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die Kosten dieser Sanierung werden zur Zeit mit ca. 1 Million € veranschlagt. Über die Bauzeit sind nur vage Prognosen möglich, da ein historisches Bauwerk immer wieder Komplikationen mit sich bringt, die oft die ambitionierten Zeitpläne in Frage stellen. Optimistisch geht man aber von 1 ½ Jahren aus, bis die ersten Räume bezogen werden können. Die Architektin Kathrin Schmitz stellte die ersten Planungsskizzen vor und beschrieb, dass man sich gegenwärtig auf die Gestaltung des Erdgeschosses und der 1. Etage fokussiere. Die vier Ebenen des Hauses werden konzeptionell in drei Bereiche gegliedert: Das Erdgeschoss als Bereich der Kommunikation, das 1.OG als Ort der Präsentation und Keller sowie das 2.OG als Bereiche der Konzentration.

Planskizzen des Architekturbüros SchönbornSchmitz

Das Erdgeschoss soll stets für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Diese Einladung wird auch mit den offenen, fasst fließenden Räumen sinnlich veranschaulicht. Im 1.OG können die größeren Räumlichkeiten, insbesondere der sogenannte Ballsaal für verschiedene Ausstellungen, Events oder andere Präsentationen genutzt werden. Die Außenfassade wird restauriert, lediglich bei der Tür gibt es die Idee, diese durch Lichtinstallationen so zu gestalten, dass eine farbige Beleuchtung nach Außen kommuniziert, was für aktuelle Veranstaltungen im Haus gerade stattfinden, je nach Farbe ob Vortrag, Konzert, Lesung o.ä.

Planskizze vom Erdgeschoss – fließende Offenheit

Für Kristian Evers ist es wichtig, dass dieses Haus in seiner multifunktionalen Nutzung immer auch fortwährend als Projekt verstanden wird. Der Stiftung gehe es nicht darum, dem Haus eine klar definierte Funktion wie etwa die einer Kunsthalle zuzuordnen, sondern den Ort als einen offenen Raum der gedanklichen Auseinandersetzung und des gemeinsamen Prozesses zu sehen. Nicht eine bestimmte Nutzung allein soll dominieren, sondern stattdessen eine lebendige Interpretation der Räume durch aktive Teilhabe der BürgerInnen. Dabei denke man vor allem an die verschiedenen Gruppen in der Stadt, aber auch an die Ränder des gemeinnützigen Engagements, den Social Entrepreneurships, also dem Sozialunternehmertum. Zudem sucht man in diesen Bereichen auch das Zusammenspiel mit der Universität Oldenburg und der Jade-Universität in Wilhelmshaven, da die Barthel-Stiftung an der Carl-von-Ossietzki-Universität auch das Gründungs- und Innovationszentrum (GIZ) fördere. Evers betont, dass hier in der Börse die Vareler BürgerInnen selbst verhandeln, was sie als ausstellungsrelevante Kultur verstehen, wer überhaupt bestimmt, was in der Stadt als Kultur gilt und wem die Stadt gehöre. Diese spannenden Diskussionen seien auch Indikatoren für eine lebendige Demokratie und diese Demokratie gilt es auch vor Ort konkret zu stärken – indem eben Freiräume dieser Art geschaffen werden. Inwieweit die BürgerInnen das Haus auch organisatorisch mitverwalten oder ob dies hierarchisch über die Stiftung oder das Agenda-Büro geschieht, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch ungeklärt. Evers kann sich vorstellen, dass es wie eine Plattform funktionieren könnte, was aber von den Akteuren und deren Kompetenz zur Eigenverantwortung abhängig wäre.

Letztlich hängt es davon ab, wie die VarelerInnen selbst dieses ungewöhnliche und innovative Angebot wahrnehmen und ob sie zu ihrem alten Stadtzentrum zurückfinden möchten. Das ist mehr als nur eine Frage des Ortes.

der ehemalige Ballsaal der Vareler Börse – auch damals ein Ort der Präsentation

Als man 1812 dieses Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Rathaus errichtete, das dann mit der Kirche, dem Schloss, der alten Gaststätte „Zum schwarzen Roß“ und dem alten Wochenmarkt das bürgerliche Zentrum Varels in einem eindrucksvollen Selbstbewusstsein repräsentierte, hatte man von der Mitte dieser Stadt eine klare Vorstellung. Demgegenüber scheinen gegenwärtig die Vareler BürgerInnen mit den Shoppingfreuden im Gewerbegebiet zwischen Famila und Lidl zufrieden zu sein und lassen als Kollateraleffekt das historische Stadtzentrum implodieren.

Die „Börse der Ideen“ insistiert dagegen auf eine kommunale Öffentlichkeit im ländlichen Raum, auf eine Landkarte der Ideen als Netzwerk Stadt, schlicht auf eine Vision von eigenverantwortlicher Stadtgesellschaft. Daher ist dieses Projekt auf jeden Fall ein ermutigender Anfang, das öffentliche Leben in Varel wieder zu beleben und den notwendigen Dialog und den Austausch von Ideen zu fördern. Herausforderungen hat diese Stadt genug: Klimawandel, Biosphärenreservat, neue Mobilitätskonzepte, Bildungsarbeit, Interkultureller Dialog über Kunst, Kultur und Integration.

Mehr Gespräche, intensiverer Gedankenaustausch und neue Ideen sind längst überfällig und wenn die Börse hier einen substantiellen Anfang bieten kann, wird der Kurswert dieser Stadt wieder steigen und mit Sicherheit überregionale Beachtung finden. Doch letztlich steht und fällt der Erfolg dieses Vareler Projektes mit der Lust auf Bildung und dem Engagement der Menschen vor Ort.

Norbert Ahlers

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Oberschulen als die Reformschulen des 21. Jahrhunderts?

In der vergangenen Woche tagte in Varel der Kreisausschuss für Schule, Sport und Kultur. Thema waren ein Antrag der Linken und der Menschenmüll-Wählergemeinschaft (MMW) auf Stellung einer Resolution an das Land Niedersachsen zur Anpassung des Klassenteilers an Grund- und allgemeinbildenden, weiterführenden Schulen sowie ein Antrag der CDU Kreistagsfraktion Friesland auf Änderung der Schulbezirkssatzung für die Oberschule Obenstrohe. Während der CDU-Antrag abgelehnt wurde, beschloss man den Antrag auf Stellung einer Resolution zur Beratung in die Fraktionen zurückzugeben. Damit hat man das Dilemma fortgeschrieben bzw. das konkrete Problem auf die kommenden Sitzungen verschoben. Birgit Renken, Leiterin für den Fachbereich Jugend, Familie, Schule und Kultur des Landkreises, fasste das Problem nochmal klar zusammen: Ohne einen klaren politischen Auftrag seitens des Kreistages kann der Arbeitskreis aus Landesschulbehörde, den beiden beteiligten Schulleitungen und des Landkreises nicht zielorientierte Lösungskonzepte entwickeln. Dass der Shutdown während der Pandemie und die entsprechende Umstellung auf Homeschooling das Thema in den Hintergrund gedrängt hatte, kam erschwerend hinzu. Die Mitglieder des Kreistagsausschusses wie etwa Niksa Marusic, Vertreter des Kreiselternrates für die allgemeinbildenden Schulen, wiederum haben nach den langen Diskussionen der vergangenen Jahren im Arbeitskreis Schulentwicklungsplanung kein Interesse mehr an inhaltlichen Auseinandersetzungen, sondern fordern konkrete Lösungsschritte. Der Antrag der MMW/Linke wäre vielleicht kein radikaler Schritt, aber ein deutliches Zeichen gewesen. Doch die Vorstellung, eine Resolution an das Land Niedersachsen bzw. an den niedersächsischen Kultusminister Grant H.Tonne zu verfassen und eine konkrete Hilfestellung zu leisten, war für die meisten Mitglieder des Ausschusses eine Zumutung. Zwar befürworteten alle kleinere Klassen, doch seitens Martina Esser von Bündnis90/Die Grünen wurde befürchtet, dass ein kleinerer Teiler für Schulklassen das Land nur zu weiteren Sparmaßnahmen motivieren würde und Melanie Sudholz von der CDU gab zu bedenken, dass man weder ausreichend Lehrkräfte noch Räumlichkeiten für mehr kleinere Klassen zur Verfügung hätte – ein Sachverhalt, der vor dem Hintergrund der Hygienemaßnahmen noch verstärkt werden würde. Axel Neugebauer von Zukunft Varel meinte, dass die Resolution zu dünn sei, dokumentierte allerdings nur, dass er den Antrag nicht sorgfältig gelesen hatte. Knapp zusammengefasst: Man fände kleinere Klassen ja gut, aber man traue sich nicht, gegenüber dem Ministerium etwas einzufordern. Eine Resolution sei hingegen nur ein kleiner Impuls, der auch nur dann seine Wirkung entfalten könne, wenn auch andere Kreise und Kommunen ähnliches einfordern würden. Dennoch ist es im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten die richtige Stellschraube, an der gedreht werden müsste. Dass dies geht, hat Nordrhein-Westfalen 2016 gezeigt, wo man die Grundschulklassen verkleinert hat und damit Schulen in der Fläche erhalten konnte. Die Erfolge sind belegbar, denn die Studien der beiden Forscher Maximilian Bach und Stephan Sievert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dokumentieren den Lernerfolg der kleineren Klassen gerade in den Fächern Deutsch und Mathematik. In dieser Ausschusssitzung des Kreistages wurde allerdings auch deutlich, dass man die Zeit des Shutdowns hat verstreichen lassen, in der man notwendig neue Ideen und Schwerpunkte im Konzept der Oberschulen hätte entwickeln können – und das wiederum veranschaulicht die Verunsicherung und den hilflosen Umgang in dieser Region, wenn es um Fragen der Bildung geht.

Wenn die Mehrheit der Eltern dem Gymnasium als Schulform vertraut, dann ist das eine Tatsache, die verdeutlicht, dass die anderen Schulformen nicht mehr als gleichwertig wahrgenommen werden. In Varel besuchen nur noch annähernd die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs die Oberschulen, die seit 2011eine komplexe Zusammenlegung der ehemaligen Real- und Hauptschulen sind. Allerdings sind sie kaum mehr mit den Real- und Hauptschulen vor 30 Jahren zu vergleichen – also so, wie sie die Eltern erlebt haben, die heute ihre Kinder auf die Oberschule schicken. Diese Situation ist prekär, denn eigentlich vertrauen Eltern dieser Schulform, doch sie wissen, dass die Kinder mit einem Haupt- oder Realschulabschluss im Vergleich mit Abiturienten auf dem Ausbildungsmarkt kaum eine Chance haben und dass sie von Herausforderungen und Konflikten hören, die ihnen vor dem Hintergrund in ihrer eigenen Schulzeit völlig fremd zu sein scheinen. So liegt es nahe, dass Eltern ihre Kinder auf ein Gymnasium schicken möchten, auch weil diese ihren Vorstellungen von Schule und Lernen noch am ehesten entsprechen.

Oberschule Obenstrohe – auf den ersten Blick erscheint sie wie eine Dorfschule. In ihrer Überschaubarkeit ideal für modellhafte Reformansätze.

Die Oberschulen haben in der Tat enorme Herausforderungen zu bewältigen: Sie leisten bei der Integration der SchülerInnen mit Migrationshintergrund den größten Anteil, sie müssen Kindern und Jugendlichen einen vielfältigen Lernstoff vermitteln, ohne eine begleitende Unterstützung im Elternhaus voraussetzen zu können. Gleichzeitig wurde in einigen Fächern das Curriculum wie etwa im Fach Deutsch so weit modifiziert, dass man eher Jugendbücher und nicht mehr eine reduzierte Variante der gymnasialen Lektüre vermittelt. Selbst wenn man einen erweiterten Realschulabschluss an der Oberschule erreicht, so fehlen einem die kulturellen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Anschluss z.B. in der gymnasialen Oberstufe des Lothar-Meyer-Gymnasiums (LMG). Selbst wenn man nicht das LMG, sondern die Oberstufe der Berufsbildenden Schule (BBS) besuchen möchte, so wird trotzdem die strukturelle Ausgrenzung fortgeschrieben, eben weil den Kindern der Erwerb des sogenannten kulturellen Kapitals vorenthalten wurde.

Insofern wäre es konsequent, wenn die Oberschulen ihre Krise umkehren und eine Neuausrichtung wagen würden. Die Oberschulen als die Reformschulen des 21. Jahrhunderts. Kleinere Klassen wären ein notwendiger Bestandteil, aber auch eine klare Vision der interkulturellen Kompetenz. Ein unterstützendes Angebot zum Erlernen der jeweiligen Muttersprachen, das gegenseitige Kennenlernen der Buch- und Filmkultur der verschiedenen Länder (wer weiß denn in Varel etwas über die eindrucksvolle Filmgeschichte Polens, das neue russische Kino oder die Erzählungen maghrebinischer Autoren?) und ein Dialog der wechselseitigen Zusammenhänge der jeweiligen Kulturen. Wie hilfreich wäre es, wenn die Eltern ermutigt werden würden, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, wenn ihnen bei Erziehungskonflikten beigestanden werden würde und man nicht mit dem Smartphone und der Familie allein gelassen wäre. Und wie hilfreich wäre es, wenn die Schule weniger der Ort wäre, an dem der deutsche Staat seine Erwartungen vermittelt, sondern es vor allem das Haus wäre, in dem man die Welt und die Ferne zu entdecken lernen könnte.

Die Pandemie hat die Defizite unserer Gesellschaft offengelegt, auf die reagiert werden muss. In Varel sollten die Oberschulen um ihrer selbst willen und in einem Dialog mit der Landesschulbehörde, den Eltern und den gesellschaftlichen Gruppen neue modellhafte Konzepte entwickeln und der Kreistag sollte die Resolution so bald wie möglich beim Kultusministerium Niedersachsens einreichen. Es ist an der Zeit.

 

von Norbert Ahlers

 

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Kommunen ohne Rettungsschirm?

„Daß es ’so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“ (W.Benjamin)

 

In einem vielbeachteten Interview mit dem Berliner Tagesspiegel vom 26.04.2020 wies Wolfgang Schäuble auf einen Krisenzustand hin, der in den vergangenen Wochen in den Hintergrund getreten ist: „Noch immer ist nicht nur die Pandemie das größte Problem, sondern der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt, all die Schäden, die wir Menschen und vor allem wir Europäer durch Übermaß der Natur antun. Hoffentlich werden uns nicht wieder nur Abwrackprämien einfallen, die es der Industrie ermöglichen, weiter zu machen wie bisher.

Tempel von Delphi und Schatzhaus der Athener (Thesaurós) Foto: Napoleon Vier, CC BY-SA 3.0,

Im Moment geht jedoch alles um die Maßnahmen für den Exit aus dem Shutdown und um die Liquiditätssicherung der Unternehmen und Freiberufler. Bricht man die aktuellen Themen auf die Ebene der Landkreise und Kommunen herunter, dann ist die Situation eine verzwickte. Die Vorstellung, dass der Staat die Umsatzdefizite und entsprechende Insolvenzen mit Rettungsschirmen abfangen könnte, erscheint angesichts der kommunalen Haushaltslagen fragwürdig. Im Gegensatz zu Bund und Ländern bewegen sich Kommunen haushaltsrechtlich in deutlich engeren Grenzen, denn für sie gilt der Artikel 109 Abs.3 des Grundgesetzes nicht. Da die Coronakrise die zentralen Einnahmenbereiche (Gewerbesteuer und Anteile der Einkommenssteuer) der Kommunen durch den Shutdown und die Kurzarbeit einbrechen lässt, müssen sie auf die massiven Mindereinnahmen mit Haushaltssperren reagieren. Damit sind sie im Blick der Kommunalaufsicht. Die entsprechenden Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung werden die Kommunen für die kommenden Jahre knebeln.

Wie brisant die Situation ist, zeigt dies Beispiel: Die Stadt Varel hatte am 27.02.2020 den Doppelhaushalt 2020/21 mit knapper Mehrheit beschlossen. In der Diskussion wurde schon zu diesem Zeitpunkt kritisch bemerkt, dass dieser Haushalt nicht nur darauf basiert, die finanziellen Rücklagen der vergangenen Jahre aufzuzehren, sondern dass in ihm auch bestimmte Herausforderungen der kommenden Jahre schlicht ausgeblendet werden. Insgesamt hat man für den Haushalt 2020 eine Schuldenlast von 14,5 Millionen € erwartet, ging dann allerdings schon für 2022 von 19,6 Millionen € aus. Umgerechnet also eine pro-Kopf-Verschuldung von 815,- €. Zu diesem Zeitpunkt hielt man eine Pandemie für ein Phänomen, das am Landkreis Friesland vorbeiziehen würde. Doch es kam bekanntlich anders. Einen Monat später wurde die Kontaktsperre erklärt und der Haushaltsbeschluss nichtig.

Schon einigen Wochen nach dem Shutdown wurde gefragt, wie sich diese rigorosen Schutzmaßnahmen auf den kommunalen Haushalt auswirken werden. Bürgermeister Wagner nahm gegenüber der Redaktion des NWZ-Gemeinnützigen in einem Interview dazu Stellung, vermied es aber konkrete Zahlen zu nennen oder in diesem Zusammenhang den umstrittenen Haushaltsbeschluss vom Februar zu erwähnen. Er sagte lediglich: “In jeder Kommune, also bei Städten, Gemeinden und den Landkreisen, wird es Veränderungen geben. Dabei baue ich auf den angedachten „kommunalen Stabilisierungspakt“, den Wirtschaftsminister Althusmann ins Gespräch gebracht hat. Die Landesregierung muss einsehen, dass den Kommunen wie den Unternehmen geholfen werden muss.“

Die Kommunen und der Landkreis Friesland richteten am 24. April den Hilfsfonds Friesland ein mit einem Gesamtvolumen von drei Millionen €, um regionale Unternehmen zu unterstützen. Die Unternehmen vor Ort unmittelbar zu entlasten, ist so sinnvoll wie dringend geboten. Diese Maßnahmen führen in den Kommunen allerdings zu weiteren Einnahmenverlusten. Der erwähnte Stabilisierungspakt seitens des Landes ist demgegenüber bisher nur eine Idee. Seitens der Landesregierung liegt für ein entsprechendes kommunales Hilfspaket oder eine Lockerung des kommunalen Haushaltsrechtes noch kein Beschluss vor.

„Das Land wird um Liquiditätshilfen auch bei den Kommunen nicht vorbeikommen“, so Wagner. Im Moment geht die Stadtverwaltung davon aus, dass man in der Mitte des Jahres ernsthafte Zahlenwerte haben wird, mit denen die Steuer- und Einnahmenverluste seriös skizziert werden können. Da es allen Kommunen in der Republik gegenwärtig so ergeht, setzt man darauf, dass auch allen geholfen werden muss. Diese Vorstellung dürfte auf die Äußerungen der Bundespressekonferenz vom 13.03.2020 zu den Maßnahmen der ökonomischen Liquiditätssicherung zurückgehen, auf der Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmeier die Kreditvergabe ohne Limit als Rettungsschirm verkündet haben. Für diese KfW-Kredite würde der Staat dann zu 100% bürgen.

Dieses Signal der Sicherheit war sehr wahrscheinlich notwendig, ist aber auch mehr als heikel. Und dieser Rettungsschirm wurde auf der besagten Pressekonferenz für Unternehmen und Freiberufler aufgespannt, nicht für die Kommunen. Der Gedanke des Rettungsschirms ist, den Unternehmen zu helfen, denn eine Insolvenzwelle wäre teurer als die Rettungsmaßnahmen. Es  dürfte aber eine eklatante Fehleinschätzung sein, dass der Staat in diesem Umfang auch die Umsatzeinbrüche der Kommunen abfangen könnte.

Es geht hier um Kredite und damit um Schulden, die zurückzuzahlen sind. Bleiben die Firmen liquide, wären sie sowohl als Unternehmen als auch als Steuerzahler gerettet – und somit auch die Kommunen. Für die kommunalen Haushalte, die schon vor der Corona-Krise auf Kante genäht waren (wie etwa der Doppelhaushalt der Stadt Varel), sind aber die Kredite eines „kommunalen Stabilisierungspakts“ ein wüstes Fangeisen. Die öffentliche Hand muss sie – wie alle anderen auch – zu den Bedingungen des Finanzmarktes beantragen und entsprechend bedienen. Bei einem kommunalen Rettungsschirm würden der Bund und/oder das Land lediglich die Bürgen sein, die Schulden aber bleiben.

Mit dem Shutdown hat es die Kommunen im vollen Lauf erwischt und die Probleme, die sich schon zuvor abzeichneten, werden mit der Corona-Krise nun radikal und in allen Bereichen beschleunigt. In Varel zeichnete sich zum Anfang des Jahres mit der Schließung der Vareler Niederlassung des Zuliefererunternehmens ThyssenKrupp Aerospace eine erste Verunsicherung ab. Die aber wird sich mit dem Stillstand des internationalen Flugverkehrs zu einer veritablen Krise im Flugzeugbau ausweiten, die auch an den vor Ort ansässigen Unternehmen wie Deharde und Aerotec nicht spurlos vorbeiziehen wird. Und auch ein anderer ökonomischer Sektor, der in den vergangenen Jahren enorme Zuwachsraten verbuchen konnte, ist zum Erliegen gekommen: Der Tourismus. Mit einem sogenannten Drei-Stufen-Plan will man sukzessiv die Reste der Saison für die Branche retten. Dabei setzt man auf ein umsichtiges Wiederhochfahren der Konzepte, die in der Vergangenheit erfolgreich waren.

Insgesamt geht man in Varel davon aus, dass die Stadt an einer Haushaltssperre vorbeikommen wird, da sie im Vergleich zu anderen Kommunen als verhältnismäßig finanzstark gilt. Die Vorstellung aber, dass man dort weitermachen könne, wo man im März jäh unterbrochen wurde, erscheint so naiv wie träge. Das oben erwähnte Statement von Wolfgang Schäuble zeigt, dass man in Berlin sehr wohl darum weiß: Die relevanten Probleme, die wir in dem Wachstumswahn konsequent ausgeblendet haben, wurden und werden durch die Pandemie nicht geschaffen, sondern nur verschärft. Die aktuelle Unterbrechung hat die Fehlentwicklungen veranschaulicht, verstellt allerdings auch gleichzeitig den Blick auf die realen Herausforderungen des Klimawandels. Statt dass kleine Kommunen nun die Gelegenheit wahrnehmen und Arbeitskreise schaffen, die konsequent nachhaltige Konzepte des Zusammenlebens und Wirtschaftens entwickeln, setzt man auf die schlichte Vorstellung, dass man weiter machen könnte wie bisher. Schon aus fiskalischen Gründen können wir uns im Stadtrat die Ideen alter Herren und deren Wachstumsfetisch nicht mehr leisten. Die Realwirtschaft wird nicht mit stupidem Konsum und den fiktiven Geldwetten des Finanzmarktes gerettet, sondern mit konkreten Umsätzen, tragfähigen Konzepten der Nachhaltigkeit und realer Solidarität.

Norbert Ahlers

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Kunstwerke brauchen kein Publikum, sie brauchen Gespräche

Als meine Großmutter mit ihrer jungen Familie gerade den Ersten Weltkrieg überstanden hatte und das Wüten der Spanischen Grippe noch weiterhin zahllose Menschen dahinraffte, hungerte man – so erzählte sie – nach Tanz, Theater und Kino. Eine Sehnsucht der Städte, die aber auch in den Badeorten der Provinz zu spüren war.Wie in einem Fieber entstanden neue Stile und Ideen. Ideen, die das 20. Jahrhundert prägten. Von dieser Sehnsucht nach Kunst und Kultur ist gegenwärtig nichts mehr zu spüren oder zu hören. Es wird über die KünstlerInnen geredet, weil ihnen die Einnahmen wegbrechen, über ihre neue Ideen wird nicht gesprochen. Jedenfalls scheint dies für das Oldenburger Land der Fall zu sein.

Die KünstlerInnen selbst aber sind aktiv. Es wird kein Geld verdient, aber die meisten sitzen zu Hause und probieren mit neuen Techniken und neuen Formaten. Diedel Klöver berichtet, dass er in diesen Wochen ständig an neuen Musikstücken arbeite, dass er anderen neue Ideen als digitale Aufnahme zusendet, die diese wiederum weiter entwickeln und ihm als File zurückschicken. Gelegentlich findet man auch Wege zu einer Onlinesession. Bei bildenden KünstlerInnen ist die Situation eine andere: Hier arbeiten die KünstlerInnen weit weniger in Teams, sondern jeder ist für sich allein im Atelier. Vor allem die Einnahmen von Workshops oder die Verkäufe in Galerien sind weggebrochen. Claus Rabba hat unmittelbar darauf reagieren können und bietet seine Malkurse nun online an. So konnte er den Kontakt zu seinen KundInnen und Interessierten aufrechterhalten und die Einnahmeverluste weitgehend abfedern. Hingegen hat der Shutdown manch anderen mit voller Wucht getroffen. KünstlerInnen in Varel haben somit ausgesprochen unterschiedliche Voraussetzungen und Hintergründe.

Nach mehr als einem Monat irritiert es aber dennoch, dass innerhalb der Kunst- und Kulturszene in Varel und Umgebung nicht öffentlich über die weiterreichenden Konsequenzen der Kontaktsperre gesprochen und geschrieben wird. Es wird hier und da ein wenig beklagt und geklagt, gelegentlich suchte die eine oder der andere „neue“ Wege mittels Clips auf Videoplattformen zu gehen, doch eine substantielle Diskussion in der Öffentlichkeit wird nicht geführt. Die neuen Ideen, Bilder und Texte, die nun erarbeitet werden, finden hier vor Ort nicht in die kommunale Öffentlichkeit. Dabei bieten die digitalen Techniken durchaus die Möglichkeit, eine Nähe durch virtuelle Distanz zu schaffen. Es ist ein spannendes Experiment, die konkreten Räume sozusagen in ein Spacelab zu transponieren. Der Kunstraum Varel zum Beispiel hat einen ersten Versuch mit seiner aktuellen Schülerausstellung erarbeitet und entwickelt nun weitere Ideen, die die Axiome der digitalen Ästhetik stärker berücksichtigen möchten. Gegenwärtig werden all diese Aktivitäten nur in Freundeskreisen oder bestenfalls in der jeweiligen Szene wahrgenommen.

Damit stellt die Situation die Kulturarbeit im ländlichen Raum grundlegend in Frage.Wer nicht über Kunstwerke spricht, entbehrt sie offensichtlich auch nicht.

Die Probleme der Zeitgenossen sind offensichtlich andere – und die Bedürfnisse oder gar Sehnsüchte auch. Auf dem Land ziehen sich die meisten vorzugsweise in ihre Hausgärten zurück oder machen Spaziergänge in den Wäldern und Feldern. Manch einer würde nun vielleicht gerne einen Rhabarberkuchen in einem Café genießen, seinen Gedanken nachhängen oder schlicht ein wenig klönen. Viele würden auch ein Schwimmbad oder Sportplätze aufsuchen wollen, weil sie Bewegung und Geselligkeit suchen. Viele vermissen vor allem den Kontakt zu Freunden und Familienmitgliedern. Kunst allerdings fehlt den meisten hier in Varel so sehr wie ein Kino: nicht wirklich oder gar ernsthaft.

Es ist weniger die Pandemie bzw. der Shutdown, als vielmehr der Mangel an Dialogen mit und über die Kunst, der die Kulturarbeit auf ein Randproblem dieser Tage reduziert. Die Schwierigkeiten von KünstlerInnen bzw. Kulturorten wird in der Öffentlichkeit bestenfalls im Zusammenhang mit dem Tourismus wahrgenommen, doch aus der Kunstszene vor Ort selbst wird keine Diskussion eingefordert oder selbst initiiert. Es erschreckt, wie konsequent die KünstlerInnen und VeranstalterInnen kulturpolitische Zusammenhänge ausblenden, sei es nun aus Angst, Gleichgültigkeit oder intellektueller Trägheit. KünstlerInnen wie VeranstalterInnen gehen davon aus, dass man im Herbst irgendwie dort wieder nahtlos anschließen könne, wo man vor der Kontaktsperre aufhören musste. Das ist nicht nur ein Ausdruck von hilfloser Ohnmacht, es ist auch ein Mangel an kulturellem und öffentlichem Leben: Ohne Diskussionen keine Ideen, ohne Ideen keine Alternativen. Insofern ist es so konsequent wie fatal, dass man schlicht dort weitermachen möchte, wo man unterbrochen wurde. Der Horizont dieses Denkens: Kunst und Kultur scheinen dann relevant zu sein, wenn es darum geht, als Event die touristische Attraktivität zu steigern. Das ist ein reales Dilemma, denn alles war auf den Event ausgerichtet, nicht auf die inhaltliche Auseinandersetzung. Der Kunstwert ist aber nicht die Aufmerksamkeit, sondern realisiert sich im aufmerksamen Zuhören und Verstehen. Das braucht Zeit und kein Spektakel.

Das Schweigen der KünstlerInnen ist – je länger es dauert – beunruhigend, denn es zeigt, dass sie nicht mehr das sind, was sie einmal wesentlich waren und was sie vom Kunsthandwerk und Design unterschied: Beobachter aus einer kritischen Distanz, denen die Wirklichkeit unter die Haut geht und die mit ihren Werken zu einem Perspektivwechsel auffordern. Genau dies ist in diesen Monaten dringend geboten. KünstlerInnen, die diese Dringlichkeit nicht empfinden und wahrnehmen, sind keine – jedenfalls in diesem Sinne. Sie sind Kreative oder Kulturschaffende, die vor allem Publikum und Anerkennung suchen.

Es braucht KünstlerInnen, um aus dieser Situation  Chancen und Ideen zu entwickeln – und neue Perspektiven braucht Varel, schon wegen seines kommunalen Haushalts der kommenden Jahre. Kunstwerke brauchen kein Publikum, sie brauchen Gespräche. Die List der KünstlerInnen in ihrem Spiel und ihren Arbeiten ist dringender denn je, denn Krankheiten und Zusammenbruch bewältigt man nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Witz und Spiel.

Es braucht Mut – und den können wir uns gegenseitig zusprechen.

Zuspruch finden wir in Gesprächen und es wäre ein Anfang, wenn die KünstlerInnen wieder in die Öffentlichkeit zu einem Dialog vor Ort zurückfinden könnten – auch in Varel.

Technisches Denkmal in einer Kulturlandschaft – das Kulturzentrum Seefelder Mühle 2019

Norbert Ahlers

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Elternbildung in Varel / Teil 2

Elternbildung – oder man kann nicht lernen, nicht zu lernen.

Sollen die Oberschulen in Varel weiterhin eine Zukunft haben, dann müssen sie andere werden, als sie sind. Konkret: Sie könnten sich mit dem Format der Elternbildung ein Profil schaffen, das über den konventionellen Schulbetrieb hinausgeht und somit tatsächlich eine Alternative gegenüber dem populären Gymnasium darstellt.

Schulhöfe in Varel – trotz der verschiedenen Schulkonzepte dokumentieren die leeren Flächen eine beunruhigende Gemeinsamkeit.

Elternbildung ist im Wesentlichen ein Lernen, das sich von dem konventionellen Unterricht unterscheidet. Im Kern steckt die Idee, dass Eltern das Lernen für sich neu entdecken und so die eigene Erziehungskompetenz stärken. Eltern, die selbst lernen, können Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit besser begleiten.

Zudem könnte man mit einer gehörigen Portion Chuzpe auch sagen, dass Schulen, in denen Erwachsene lernen, keine sinkenden Schülerzahlen haben. Doch was so simpel klingt, ist alles andere als einfach. Es bedarf dazu nicht nur der engagierten und konstruktiven Offenheit aller Beteiligten, sondern auch ungewöhnlicher Pädagogen: Denn ist es schon eine Herausforderung, Jugendliche zu motivieren, so ist Bildungsarbeit mit Erwachsenen die pädagogische Königsdisziplin.

Wie ist aber die Lage in Varel?

Als am 03.12.2019 in einem Pressegespräch Landrat Sven Ambrosy überraschend erklärte, dass man die Beschlussvorlage Nr. 0802/2019 zurücknehme, atmeten viele Eltern und Schüler in Obenstrohe auf. Der Vorschlag, die Oberschule Obenstrohe zu schließen, war damit in der Kreistagssitzung nicht mehr Gegenstand der Diskussion. Hintergrund für die geplante Schließung waren die Arbeitsergebnisse des Schulentwicklungsplans 2019 für den Landkreis Friesland. Der Protest des Schulelternsprecherrats, der SchülerInnen, der Eltern und der politischen Fraktionen in Obenstrohe waren jedoch so massiv wie engagiert, dass man kurz vor der letzten Kreistagssitzung 2019 die erwähnte Vorlage von der Tagesordnung strich.

Seitdem ist es um das Thema still geworden. Die Schulen sind durch die Corona-Krise, den Unterrichtsausfall bzw. die Umstellung auf Homeschooling mit anderen Herausforderungen konfrontiert. In dieser Situation interessiert sich niemand für die Ergebnisse und problematischen Perspektiven des Schulentwicklungsplans, gleichwohl müssen sie diskutiert werden. Sie basieren auf dem sogenannten Hildesheimer Bevölkerungsmodell, mit dem anhand des konkreten Zahlenmaterials der jeweiligen Einwohnermeldeämter auch Kommunen und kleinere Regionen präzise Bevölkerungsprognosen entwickeln können. Danach werden die Schülerzahlen für die Oberschulen folgendermaßen beschrieben:

Sollen es 2020/21 in Obenstrohe noch 232 SchülerInnen sein, so rechnet man 2024/25 nur noch mit 179 SchülerInnen. Zum Vergleich: Für die OBS Arngast werden 2020/21 312 und 2024/25 271 SchülerInnen erwartet, für das LMG für die Sekundarstufe I 2020/21 834 und 2024/25 gar 988 SchülerInnen. An zwei Oberschulen in Varel werden 450 SchülerInnen unterrichtet. Das ist noch nicht einmal die Hälfte der Schülerzahlen, die zum örtlichen Gymnasium gehen.

Bildungspolitisch ist das ein Dilemma, denn neben der Entwicklung der Schülerzahlen wurden die Erwartungen an das örtliche Gymnasium in dieser Diskussion weitgehend ausgeblendet. Dabei macht es keinen Sinn, den elterlichen Entschluss in Frage zu stellen, ihre Kinder auf ein Gymnasium zu schicken, wenn gleichzeitig ein Abitur in vielen Bereichen als Zugangsvoraussetzung für fast alle weiteren beruflichen Entwicklungen ist.

Das Gymnasium ist so populär geworden, dass fast die Hälfte der Schüler der Sekundarstufe I diesen Weg gehen (2016 erreichten bundesweit 52 % die Hochschulreife, davon ca. 41% über das gymnasiale Abitur), die andere Hälfte entscheidet sich für die Oberschulen, in denen sowohl Haupt- als auch Realschulabschlüsse absolviert werden können. Das ist eine grundlegend andere Situation als z.B. zu Beginn der 90er Jahre im 20. Jahrhundert, wo bundesweit ca. 31 % die Allgemeine Hochschulreife erreichten, ganz zu schweigen von den 60er Jahren, wo in Westdeutschland 7% die Allgemeine Hochschulreife erlangten. Im Kern ist dieser Zuspruch gegenüber dem Gymnasium nur zu begrüßen und es ist eine enorme Leistung, dass diese Schulform sich der Herausforderungen angenommen hat. Ursprünglich war sie weder strukturell noch dem eigenen Selbstverständnis nach auf diese Massen ausgerichtet.

Allerdings kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Entwicklung die anderen Schulformen deklassiert und in dieser Lage müssen die Oberschulen nun ihre Attraktivität gegenüber dem Gymnasium steigern. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade die Oberschulen die sozialen Herausforderungen und Veränderungen klassischer Ausbildungs- und Berufsbilder durch die fortschreitende Digitalisierung, die soziale Integrationsarbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Selbstbehauptung von Bildungsansprüchen gegenüber der Unterhaltungsindustrie zu bewältigen haben. Es kann mit den konventionellen Maßnahmen faktisch nicht gelingen, eine nennenswerte Zahl an neuen Schülern zu gewinnen und den oben beschriebenen Trend umzukehren.

Das Desinteresse an diesen Zahlen ist zwar nachvollziehbar, aber weder zwingend noch zweckmäßig, denn gerade im aktuellen Shutdown des öffentlichen Lebens wären Überlegungen zur Bildungssituation in Varel mehr als nur eine Option. Sie wären eine Chance, wobei es weniger um die Optimierung der Unterrichtsformen z.B. durch digitale Techniken ginge, als vielmehr um inhaltliche und strukturelle Fragen und visionäre Experimente.

Die gegenwärtige Ausgangslage wird nun allerdings als ein „Zurück auf Anfang“ beschrieben. Die mehrjährige Arbeit des Arbeitskreises Schulentwicklungsplanung scheint unbeachtet zu bleiben, weil gegenwärtig keiner der Beteiligten einen politischen Auftrag hat, die Perspektiven der Vareler Oberschulen weiter zu entwickeln. Zudem sind die Eltern der SchülerInnen froh, dass der Status quo erhalten bleibt. Die Schulleitung in Obenstrohe sieht sich letztlich in ihrem pädagogischen Konzept bestätigt und die Parteien vor Ort verharren angesichts der kommenden Wahlen in bleiernem Schweigen. Lediglich die Schulleitung der Oberschule Varel an der Arngaster Straße hat ein erklärtes Interesse an der Veränderung dieser Situation, denn aus ihrer Sicht sind beide Schulstandorte in der bisherigen Form bei den prognostizierten Schülerzahlen langfristig nicht mehr zu halten.

Nach Dezember 2019 wurde zwar ein neuer Arbeitskreis zusammengestellt, an dem die Schulleitungen der jeweiligen Schulen, der Landkreis und die Landesschulbehörde teilnehmen, doch ohne einen politischen Auftrag seitens des Kreistages kann sich niemand effektiv bewegen.

Welche Spielräume aber hätten Kreis und Kommune, hier eigene Wege zu gehen? Eine Idee ist die oben angedeutete: intensiver auf Elternbildung zu setzen. Hier könnte unabhängig von der Schulbehörde, aber letztlich mit ihr ein Campus entwickelt werden, auf dem alle Generationen das Lernen entsprechend ihrem Alter und ihrer Situation für sich entdecken und sich gegenseitig stärken können. Erste behutsame Ansätze zu einer konstruktiven Elternbildung finden sich in der Oberschule Varel mit einem „Elterncafé“. Von Eltern für Eltern an der Schule initiiert, konnten mit diesem Angebot positive Erfahrungen der aktiven Teilhabe gesammelt werden und so wurde auch ein thematischer Schwerpunkt aus dem Kreis der Teilnehmenden für den Schulbetrieb aufgenommen. Dabei muss das grundlegende Missverständnis aufgeklärt werden, dass Bildung auf den Erwerb von Zertifikaten reduziert wird. Bildung ist vielmehr eine komplexe Erziehung zur zweckfreien und spielerischen, also zu einer intellektuellen Neugierde. Die Lust, gemeinsam mit anderen im Gespräch die Welt zu begreifen. Nicht anderen die Zusammenhänge zu erklären, sondern sie mit anderen zusammen zu verstehen. Jeder Schüler ist bereit zu lernen, wenn er einem Lehrer gegenüber sitzt, der sich selbst so sehr für seinen Stoff interessiert, dass er dieses Interesse mit allen teilen möchte, um es selbst besser zu verstehen. Diese Lust sollten Eltern wieder für sich entdecken, nicht nur weil dieses Interesse ihre Kinder stärkt, sondern weil es sie selber ermutigen könnte – nicht zuletzt in Krisenzeiten wie den unsrigen. Es ist an der Zeit, dafür zu arbeiten. 

Norbert Ahlers

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Elternbildung in Varel / Teil 1

Elternbildung als Option ist mehr als nur eine Anregung: Es ist eine Herausforderung.

Im Landkreis Friesland findet die Elternbildung im Rahmen der evangelischen Familienbildungsstätte in Wilhelmshaven statt. Sie ist eine von 25 anerkannten Familienbildungsstätten, die vom Land Niedersachsen bzw. dem niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gefördert werden. Es ist bemerkenswert, dass sich 22 von den 25 Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft befinden, doch das ist nur bedingt ein Problem. Schwieriger ist die räumliche Ferne zur Zielgruppe. In Varel finden die meisten Kurse der Familienbildungsstätte im Gemeindehaus der Arche in Büppel statt, nicht in den Schulen der Kinder. Und sie orientieren sich an einem konventionellen Bildungsangebot, das sehr der VHS ähnelt: Kurse im Umgang mit dem Smartphone, Fremdsprachen- oder Nähkurse. Das dürfte dem Bedürfnis der Gemeindemitglieder entsprechen, doch Elternbildung im engeren Sinne ist das nicht. Nur der Kurs „Klassenelternvertreter/in – Chancen und Aufgaben“ hat einen eindeutigen Bezug zur Schule und pädagogischer Arbeit. Es zeigt sich deutlich, dass hier die Bildungsangebote an den Zielen der Elternbildung vorbeigehen. In einem kirchlichen Haus wird das angeboten, was letztlich der Gemeindearbeit dient und nützt: Mehr Begegnungs- und Freizeitangebote denn pädagogisch gezielter Elternarbeit, die die Eltern in ihrem Familienalltag stärken würde. Daher ist es von zentraler Bedeutung, dass die Elternbildung im engen Verbund mit den jeweiligen Schulen und Stadtteilen stattfindet, es ist von zentraler Bedeutung, dass das Angebot der Elternbildung für interessierte Zielgruppen leicht zugänglich ist.

Schule als Bildungsgarten – die Lust der Neugierde könnte sich gegenüber klarer Linienführung behaupten.

Wer Elternbildung ernst nehmen möchte, muss sich über einige Prämissen im Klaren sein:

  • Elternbildung sucht die Eltern an die Momente zu erinnern, wo sie Kulturangebote als ermutigend erlebt haben.
  • sucht die Eltern daran zu erinnern, dass Bildung Freude und Selbstbestätigung sein kann – für Kinder wie Eltern.
  • Elternbildung sollte die konventionelle Vorstellung von Bildung nicht zum Maßstab nehmen.
  • Elternbildung ist milieugebunden, d.h. sie hat sich an der kulturellen Lebenssituation der Eltern und Kinder zu orientieren.
  • Elternbildung setzt immer den Dialog voraus und basiert nicht auf Unterricht.
  • Elternbildung ist freiwillig.

Das ist alles leichter gesagt und geschrieben, als in der Praxis realisiert. Die Elternarbeit ist eine pädagogische Arbeit, die kaum Beachtung findet, aber ein besonderes pädagogisches Gespür und Talent erfordert. Den eigenen Bildungshintergrund und dessen Ansprüche zurückzunehmen und sich auf die Eltern einzulassen, ohne diese zu düpieren, ist eine herausragende pädagogische Qualifikation.

Wer zum Beispiel mit einem Medienangebot einen klassischen Bildungsanspruch vermitteln möchte, verfehlt sowohl die Ziele der Elternarbeit, als auch die Adressaten. Wer Eltern auffordert, Filme zu nennen, die sie gerne gesehen haben, als sie so alt waren wie ihre Kinder, muss Filmtitel wie „Kevin allein zu Haus’“ auch ernst nehmen. Es geht nicht um cineastische Entdeckungen und Filmanalysen, sondern um das Erleben der Eltern, das sie mit diesem Filmtitel assoziieren.

Umgekehrt muss der inszenierte Anspruch, dem der Begriff Bildung anhaftet, zurückgebaut werden. Die Neugierde sowie das Entdecken und Verstehen haben im Vordergrund zu stehen. Bildung soll nicht Erwartungen provozieren, sondern den Dialog. Der gelingt just in den Momenten, wo nicht Erwartungen bedient werden.

Erwachsene – und vor allem diejenigen, die die Schule eher überstanden als gemeistert haben – wollen in der Regel nicht mehr unterrichtet oder unterwiesen werden. Sie haben ein Interesse, etwas gut zu machen und ihren Kindern das Beste zu geben,was in ihrem Vermögen steht, sie wollen Hilfe – aber nicht als Hilfsbedürftige wahrgenommen werden. Wer der Hilfe bedarf, hat meist wenig Spielraum für Experimente, sondern muss mit seinen knappen (materiellen wie seelischen) Ressourcen sehr sorgsam umgehen. Da muss sich etwas lohnen oder ein Ergebnis nutzen, aber Bildung ist eben in diesem Zusammenhang eher das Einüben im Wechsel von Perspektiven. Das ist weniger ergebnisorientiert als vielmehr Spiel und Erfahrung. Genau das, was die meisten Zeitgenossen in der Schule nicht durften und die daher mit Bildung eher 45-minütigen Frontalunterricht assoziieren. Als Eltern sollen sie nun das ausprobieren, was ihnen als Kind verwehrt wurde – und das noch vor dem Hintergrund, dass ihnen geholfen werden soll, sie also als Eltern defizitär wahrgenommen werden. So strukturiert, ist die Elternarbeit zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Es ist schon schwierig, die Eltern der Kinder zum Beispiel einer Oberschule in die Schule einzuladen. Sie kommen allenfalls zu Elternsprechstunden oder Schul- und Abschlussfesten. Tatsächlich sind die Schulen auch oft architektonisch so gebaut, dass man sich dort nicht länger aufhalten möchte als nötig. Es bedarf eines intensiv gepflegten Kontaktes mit den Eltern, um einerseits das Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen zu verstehen, als auch den Handlungsraum der Eltern zu begreifen. Nur mit diesen Kenntnissen kann für die Eltern ein Angebot entwickelt werden, was ihren Bedürfnissen und Schwierigkeiten entspricht. Ein solches Bildungsangebot muss über die Nähe zur Schule oder in deren Rahmen entwickelt werden.

Die schwierige Situation der beiden Oberschulen in Varel und Obenstrohe wäre eine Gelegenheit, hier ein modellhaftes Angebot zu erarbeiten, was überregional Beachtung finden dürfte – und die Corona-Krise eröffnet jetzt den Raum, in dem man dieses Modell ernsthaft skizzieren könnte, denn wer Kinder stärken möchte, muss Eltern unterstützen.

                                                                                                                                     Norbert Ahlers

 

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