Eine Lyrikerin aus Varel: Anna Joachimsthal-Schwabe (1892-1937)

Interview mit Holger Frerichs, der Varel als den Geburtsort der Dresdnerin Anna Joachimsthal-Schwabe identifizieren konnte.

Holger Frerichs, geboren 1958 in Jever, langjährige Forschungen in der regionalen Geschichte, verschiedene Publikationen, seit 2015 in einem Projekt zur Provenienzforschung im Schlossmuseum Jever beschäftigt. Frerichs ist Mitglied im Arbeitskreis „Juden in Varel“.

Ahlers
Bist du Jeveraner, Vareler oder findest du solche Selbstbezeichnungen irrelevant?

Frerichs
In Jever geboren und aufgewachsen, lebe ich seit 1994 in Varel. Insofern begreife ich mich, wenn denn eine solche Selbstbezeichnung erforderlich ist, als Friesländer, vor allem aber einfach als ein Mensch.

Ahlers
Ich frage, weil einer deiner Interessenschwerpunkte, die Familiengeschichten der aus Varel vertriebenen und geflüchteten ehemaligen jüdischen Bürger, überregionale Zusammenhänge eröffnet. Viele Angehörige dieser Familien leben heute in den USA, England, Israel oder anderen fernen Ländern. Wie verstehst Du Dich da in deiner Rolle als Lokalhistoriker?

Frerichs
Lokale Ereignisse haben immer einen übergeordneten regionalen, nationalen und internationalen Kontext. Das war lange und ist gelegentlich noch immer ein Problem für die Heimatkunde oder Lokalgeschichte. Will man nicht mit verengtem lokalen Blick heimattümeln, muss man die Geschichten vor Ort immer in größeren Zusammenhängen verstehen, das gilt insbesondere für die jüdische Geschichte.

Mir geht es vor allem um die Vermittlung dieser Geschehnisse, etwa die des Nationalsozialismus. Diese sind wesentlich besser zu begreifen, wenn die Ereignisse vor Ort einen Namen und ein Gesicht bekommen. Dies betrifft sowohl die Opfer wie auch die Täter, Mitläufer und Zuschauer. Da werden sie begreifbar, sinnlicher erfahrbar. Da sind sie aber auch schmerzhaft. Doch das muss benannt werden, die Namen müssen genannt werden, denn sonst läuft der Verdrängungsprozess ständig einfach weiter.

Ahlers
Das ist schwierig, denn benennt man einen der Alteingesessenen, machen es sich andere leicht, weil sie mit den Finger auf ihn zeigen können und ignorieren die eigene, stille Bereitschaft oder das eigene Dulden. Gerade im Dörflichen findet man schnell einen, der für den Opportunismus der anderen herhalten muss.

Frerichs
Die Enkelgeneration ist aber inzwischen zumeist ernsthaft an der Geschichte der eigenen Familie interessiert. Da geht es auch mehr um Aufklärung, nicht um Abrechnung. Und ein Ziel ist es, die Enkelgenerationen zusammenzubringen, also die Nachkommen der damals „Alteingesessenen“ und die der Vertriebenen und Verfolgten.

grab-familie-schwabe

Grab der Familie Robert und Elisabeth Schwabe auf dem jüdischen Friedhof bei Varel.

Ahlers
Wo wäre denn hier ein Ort für diese Begegnung?

Frerichs
Anders als z.B. in Jever mit dem Gröschlerhaus fehlt in Varel bisher ein ganz konkreter Ort, an dem die jüdische Geschichte der Stadt erinnert oder vergegenwärtigt wird. Denkbar wäre hier z.B. eine Dauerausstellung des Heimatvereins – mit Unterstützung der Stadt Varel – zur jüdischen Geschichte in den Räumen des Heimatmuseums. Oder das ehemals in Besitz der Familie Weinberg befindliche Haus in der Schüttingstraße, von 1937 bis 1942 auch als sogenanntes Jüdisches Altenheim genutzt. Voraussetzung wäre dort der Erwerb durch die Stadt.

Ahlers
Wie bist du zu der Autorin Anna Joachimsthal-Schwabe gekommen?

Frerichs
Reiner Zufall. Biografische Forschungen in alle Richtungen zu den jüdischen Familien in Varel. Erst beim zweiten Blick auf all die Informationen ist mir aufgefallen, dass es sich bei der Dresdnerin um die Tochter des Vareler Kaufmanns Robert Schwabe handelte. Sie ist zudem die Schwester von Erich Schwabe, der im I.Weltkrieg fiel und dessen Name auf dem Mahnmal vor der Kirche zu finden ist.

Ahlers
Wann fiel dir der Zusammenhang auf?

Frerichs
Das war in diesem Jahr, dass mir der Zusammenhang zwischen den Familien Joachimsthal und Schwabe auffiel. Die Hardekopf-Veranstaltungen waren dann ein Impuls, nicht mehr zu warten, bis die biografische Forschung zu den Schwabe-Familien abgeschlossen ist. Ich denke, es lohnt, dass man da schon vorzeitig auf diese Autorin aufmerksam machen sollte. Eine Kollegin in Dresden, die damals 2004 die Forschung für einen Ausstellungskatalog gemacht hat, ist inzwischen auch um einiges weitergekommen. Mit unseren Informationen aus Varel verdichtet sich das Bild um Anna Joachimsthal-Schwabe jetzt mehr und mehr.

Ahlers
Du sagst, sie hätte die Literaturszene in Dresden geprägt. Inwieweit war das der Fall?

 

Frerichs
Sie hat die jüdische Literaturszene in Dresden geprägt, weil sie ihren Kolleginnen und Kollegen, insbesondere den jüngeren, einen Freiraum gegeben hat. Je mehr man sich mit ihrem Engagement beschäftigt, desto deutlicher wird, dass der Salon bei ihr zu Hause ein zentraler Ort für Lesungen gewesen ist. Carossa und Klemperer waren dort. Der entscheidende Impuls für ihr eigenes Schreiben aber kam mit der Erkrankung, die sie in den Jahren von 1931 bis ’37 gezeichnet hat. Sie selbst hat Texte im Dresdner Gemeindeblatt veröffentlicht. Ihre Gedichte wurden als Buch aber erst posthum herausgegeben. Vor der Krankheit hat sie sich allerdings eher auf die Förderung der künstlerischen Szene konzentriert.

Ahlers
Gibt es noch weitere schriftliche Zeugnisse von ihr? Etwa Briefe?

Auflage 2 Gedichtband 00-2

Cover des Lyrikbandes in der Ausgabe von 1959

Frerichs
Es gibt aus den 1920/1930er Jahren von ihr z.B. einen Brief an Waldemar Bonsels (Autor von „Biene Maja“), oder an Fritz Plöger aus Varel, der 1934 das Haus der Schwabes in der Neuen Straße / Ecke Obernstraße erwarb – und eben die Gedichte.

Ahlers
Die Gedichte haben – so sagst Du – einen tiefreligiösen Touch. Was hast Du in diesem Zusammenhang in Erfahrung bringen können?

Frerichs
Aus meiner persönlichen Empfindung, ja. Zum Inhalt der Gedichte möchte und kann ich aber nicht viel mehr sagen. Hier, denke ich, wäre es genau deine Baustelle, da ich mir nicht anmaße, als Literaturgeschichtler oder gar Literaturkritiker aufzutreten.

Ahlers:
Was würdest du dir in Varel im Zusammenhang mit Anna Joachimsthal- Schwabe wünschen?

Frerichs:
Dass sich diejenigen, die sich hier mit Literatur auseinandersetzen, mit ihr beschäftigen, sie in den Kanon der sogenannten „Vareler Autoren“ wieder mit aufnehmen und ein wenig dem Vergessen entreißen. Dies hilft auch, sich bei Gelegenheit immer mal wieder der jüdischen Familiengeschichte in Varel zu vergegenwärtigen.

Überblicksartikel zu Anna Joachimsthal-Schwabe unter:

https://www.groeschlerhaus.eu/forschung/varel-und-friesische-wehde-2/eine-vergessene-juedische-dichterin-aus-varel-anna-joachimsthal-schwabe-1892-1937/

 

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