Gedichte im Schatten der Krankheit

„Uns zu lieben“, so betitelte Hans Joachimsthal ein Poem in dem Sammelband, den er 1937 im Gedenken an seine Frau Anna Joachimsthal-Schwabe nach ihrem frühen Tod herausgab. Sie selbst hatte offensichtlich viele Gedichte ohne Titel zurückgelassen, so auch dieses. Es ist eines ihrer sinnlichsten Gedichte, dicht am Diesseits, zwischen Glück, Zerrüttung und Hoffnung.

Daß der Herzen Kräfte auferständen / Und zu neuer Bindung neu sich fänden“.

Die Hoffnung der Auferstehung – in welcher Form auch immer – trägt ihre Haltung, die sicher oft in all den Jahren zwischen 1914 und 1937 in Dresden gefordert war. Mag die erste Zeit in Dresden vielleicht für die junge Frau aus Varel noch neu, belebend und aufregend gewesen sein, dürfte sie 1914 mit der Geburt ihres ersten Kindes schon sehr bald der Alltag einer Hausfrau im Griff gehabt haben.

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aus: „Gedichte von Anna Joachimsthal-Schwabe“  S.33

Der Verlust ihres Bruders Erich, der ein Jahr später im Krieg in einer der Materialschlachten an der Westfront fiel, dürfte ihr veranschaulicht haben, dass die Welt, in der sie als junge Frau aus Varel hinausgezogen, nunmehr in sich zusammengebrochen war. Was ihr nun blieb, war ein Frauenleben. Ein Leben, dass sie in dem gleichnamigen Gedicht beschrieben hat.

 

Anna Joachimsthal-Schwabe aber ließ sich nicht in Klage und Tristesse dahintreiben, sondern engagierte sich in der jüdischen Kultusgemeinde Dresdens, nahm in den 20er Jahren intensiv am kulturellen Leben der Stadt teil und war ihren Kindern eine aufmerksame Begleiterin.

Doch meist beschreibt sie in ihrer Lyrik ihre Beziehung zum Tod und dessen mögliche Überwindung durch das Vertrauen zu Gott. Hintergrund dürfte vor allem 1931 die Diagnose einer schweren Krankheit gewesen sein, an der sie auch 1937 verstorben sein muss. In ihren Gedichten fällt auf, dass sie in diesem Zusammenhang jüdische Wörter wie etwa Gan Eden (גן עדן) oder Ge-Hinnom (גֵי־הִנֹם) nicht verwendet, dafür aber die Begriffe „Sein“, „Nah-Sein“ oder „Menschsein“. Begriffe, die in jenen Jahren en vogue waren und deutlich sowohl von dem deutschen Existenzialismus wie auch der theologischen Sprache Martin Bubers geprägt waren. Ihre Auseinandersetzung mit dem Tod ist vom Judentum geprägt, denn es ist offensichtlich, dass ihre Spiritualität einen Seelenzustand beschreibt, der nicht einfach schlicht verortet ist, sondern tiefste Ruhe im ewigen, kosmischen All erhofft, um schließlich die Nähe zu Gott finden zu dürfen.

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aus: „Gedichte von Anna Joachimsthal-Schwabe“ S.26

Die Gedichte, die so deutlich ihre essentiellen Erfahrungen angesichts eines drohenden vorzeitigen Todes beschreiben, wirken allerdings in manchen Zeilen eher wie ein verdichteter Gedanke und weniger wie ein sinnlich-sinnhaftes Bild.
Sie schreibt nicht als eine Überlebende, sondern als eine junge Frau, die versucht zu begreifen, was ihr widerfährt, auf was sie sich vorbereiten muss und was sie denen sein wird, die sie verlassen wird.

Das mag manch einem eine Schwäche sein und ohne Zweifel ist ihre Lyrik nicht zu vergleichen mit der z.B. von Nelly Sachs. Doch ihre Gedichte sind trotz mancher Mängel beeindruckend, denn oft berühren nur einzelne Zeilen tief und zeigen eine Sensibilität, die ihren Freunden auf jeden Fall bewusst war. „Sie war eine helfende und anregende Freundin der Dichter und Künstler obwohl vor ihrem Tode kaum einer, auch selten nur einer der von ihr Beschenkten wusste, dass sie selbst eine Dichterin war“, so 1940 die Worte von Manfred Sturmann in Jerusalem.

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erlöst von den Tränen… „Ohne Namen und Menschengesicht“

Wie aber könnte eine weitere Auseinandersetzung mit der Lyrik und der Geschichte von Anna Joachimsthal-Schwabe aussehen? Wünschenswert wäre, wenn es gelänge, in Varel gemeinsam mit Dresden und der jüdischen Kultusgemeinde Oldenburg ein Literaturcolloquium zu veranstalten. Die literarische Lektüre und das gemeinsame Gespräch sind für Varel eine Gelegenheit, Kunst und Literatur vor Ort geschehen zu lassen. Es stünde der Stadt Varel gut, wenn es einen Ort gäbe, der – ähnlich wie die Kammermusiktage am Vareler Hafen mit den Kompositionen zur Neuen Musik – die ernsthafte und intensive Auseinandersetzung mit der Literatur ermöglicht. Kunst findet sich nicht in der Aula, sondern an Orten, in denen sich das Besondere verdichtet, so wie es einst auch mal in Dangast der Fall war.

 

 

von Norbert Ahlers

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