Eine Frage des Bürgermeisters ernst genommen

Wollen wir in ein altes, marodes Bauwerk Tivoli noch viel Geld stecken, oder ein neues errichten, in dem neue Formate wie die Landesbühne oder eine neue Niederdeutsche Bühne unsere Kulturszene beleben, bündeln und erneuern?“ So die rhetorische Frage von Varels Bürgermeister Gerd-Christian Wagner.

Hier aber ein Versuch, diese Frage ernstzunehmen. Gerd-Christian Wagner geht davon aus, dass ein Neubau per se besser sein muss als ein Altbau. Altes bedeutet hier marode1, also überholt, rückschrittlich und „abgewirtschaftet“ (nicht etwa geschichtsträchtig oder traditionsreich). Neues wäre dementsprechend zeitgemäß, fortschrittlich und belebend.

Dass ein Neubau die Kulturszene bündeln und beleben könnte, ist eine These, die hier durch nichts belegt wird. Der Stadtrat Varel, geschweige denn die Stadtverwaltung, haben keinerlei Konzeption für die Kulturarbeit. Weder gibt es in Varel ein kommunales Kulturbüro, noch gibt es eine KulturkoordinatorIn. Insofern sind Aussagen über potentielle Effekte eines neuen Kulturzentrums bestenfalls als vage zu bezeichnen.

Architektonisch dürfte ein solcher Neubau sehr wahrscheinlich für die kommenden zwei Jahrzehnte den technischen Standards eines Veranstaltungsortes entsprechen, doch vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Kulturzentren in anderen Orten sind diese Gebäude immer ein Ort der Nachbesserungen, weil die Ansprüche in der Kulturarbeit dynamisch und in stetem Wandel begriffen sind.

Der Gedanke, dass der Vareler Stadtrat sich dazu entschließen könnte, ein Schaupielhaus mit Probebühnen, vielleicht sogar mit einem integrierten kommunalen Kino zu bauen, gehört in der gegenwärtigen politischen Situation in die Welt der Wünsche und Visionen.

Daher wäre dieser Bau – auf Grund der Kosten – immer nur als Kompromiss gedacht, also bestenfalls als eine schlichte Mehrzweckhalle, in der neben Theaterveranstaltungen allerlei Events jedweder Art stattfinden könnten. Es ist unwahrscheinlich, dass von solch einer Halle eine relevante Belebung des Vareler Kulturlebens ausgehen könnte, geschweige denn dass der Neubau für die Kulturszene ein anregender, belebender und reizvoller Ort werden dürfte. Und das aus einem einfachen Grunde: Dieser Kulturbau am Rande des Gewerbegebietes wäre ohne Geschichte, ohne Beziehung zur Stadt und deren Lebensmitte und ohne Bezug zur Kunst- und Kulturszene Varels.

weberei teestube 1979 - 80

In dem ehemaligen Werkgebäude der Weberei gab es von 1979 – 1980 eine von Jugendlichen weitgehend selbst organisierte Teestube, die Anfänge des Jugendzentrums.  Foto: © Archiv Villa Schmalfilm

Und dass man in Varel kein glückliches Händchen mit Neubauten hat, zeigen Beispiele wie das Dienstleistungszentrum des Landkreises zu genüge, das immer noch vor allem an eine Kaserne erinnert oder die Baracken des Vereinshauses Weberei. Ganz zu schweigen von der Baugeschichte des Vareler Rathauses.

Was aber wäre, wenn man das Tivoli saniert, teilweise restauriert und schließlich einen Theaterbetrieb mit verschiedenen Werkstätten für Bühnenbild und Kostüme, für Schauspiel, Literatur und Sprachen einrichten würde? Das Ganze in einem Zusammenspiel mit einem erfolgreichen Restaurantbetrieb. Im Tivoli wären tatsächlich relevante Impulse für das Kulturleben zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg zu erwarten. Hier könnte eine Kulturszene sich bündeln, eben weil die Kunst an einen vertrauten Ort zurückfindet. Die Sanierung des Tivoli wäre – wenn es denn in Varel um Kultur und Kunst ginge – auf jeden Fall kostengünstiger und erfolgreicher.

Jeder weiß es im Stillen: Es geht hier nicht um die Niederdeutsche Bühne oder gar die Kunst- und Kulturszene Varels, denn sonst hätte diese Stadt schon längst ein Kulturmanagment und die Idee einer kulturpolitischen Leitlinie. Es verhält sich hier mit der Kunst- und Kulturszene genauso wie mit der Idee der Nachhaltigkeit oder dem Biosphärenreservat: Man muss sie sich leisten können. Es geht hier der Stadt Varel nicht darum, das Theater als ein wesentliches Gut und als Voraussetzung für ein waches und kritisches Gemeinwesen Ernst zu nehmen, sondern sich, möglichst kostengünstig, mit ein paar Federn zu schmücken, die nicht recht zum Rest des Kleides passen wollen.

Text: Ahlers & Hirdes

1)  Wenn die Stadt Varel als Eigentümerin des Tivoli die eigene Immobilie als „marode“ bezeichnet und sie deshalb verkaufen und einen Neubau errichten möchte, so zeigt sich in diesem Vorgehen eine naive Verantwortungslosigkeit: Nicht nur, dass sie selbst Schuld an dem baulichen Zustand des Tivoli hat (ähnliches gilt im übrigen in Bezug auf den traurigen Zustand des Waldstadions), es bringt auch nichts, etwas Neues zu bauen, wenn das Neue nicht auch eine neue Idee vermittelt. Eben diese neue Idee aber gibt es in Varel nicht.

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2 Antworten zu Eine Frage des Bürgermeisters ernst genommen

  1. Rlf Hartmann schreibt:

    Beim Lesen des Frieboartikels kam in mir genau das Gefühl auf, mit dem ich die Stadtentwicklung der letzten Jahrzehnte verbinde: erst abreißen, dann nachdenken…. Und in meinem Magen entwickelte sich wie ein analoges Foto in der Dunkelkammer das Bild eines Investors für die entstehende Freifläche an der schönsten und zentralen Allee der Stadt, der sich vergnügt die Hände reibt. Ein zweites Bild mit herkömmlichen, unspektakulären, langweiligen Wohngebäuden an dieser Stelle folgte und ich muss bekennen, dieses Magendrücken verfolgt mich immer noch. Meine Idee ist es, das Tivolie als Veranstaltungsort zu rehabilitieren und die Dehardehalle dazu als Kultursaal zu stellen (als Turnhalle ist sie überfällig und ein Neubau dafür sollte in der Nähe des Schulzentrums Varel an der Arngaster Straße entstehen…)
    Mit Tivolie und der wunderschönen Dehardehalle mitten in der Stadt hätte Varel ein Ensemble mit Charakter und lebendiger Stadtkultur. Und dann noch das Arbeitsamt resp. die Reichsbank als Museum für zeitgenössische Kunst dazu -welche Möglichkeiten stellt das zur Verfügung……

  2. Pingback: Tivoli – ein Bürgerhaus für die Stadt Varel | Vareler Randnotizen

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