Varel: Wenn mit heißer Nadel gestrickt wird

Vareler Waldstadion, Linoldruck N.Ahlers 2018

Vareler Waldstadion, Linoldruck N. Ahlers 2018

Wir müssen uns irgendwann entscheiden. Die Stadtverwaltung arbeitet mit ganz heißer Nadel und sie wird das auch weiter tun.“ (Bürgermeister Wagner in der Ausschusssitzung vom 4.6.2019, zitiert NWZ 06.06.2019)

Mit diesen Worten hat der Vareler Bürgermeister nichts anderes gesagt, als dass die Stadtverwaltung gegenwärtig unter ausgesprochenem Zeitdruck und damit vor allem fahrlässig arbeitet, denn in diesem Sinne wird dieses Idiom herkömmlich verwendet. Diesen Vorwurf würde Herr Wagner aber so nicht stehen lassen – und das auch mit Recht, denn tatsächlich arbeitet die Stadtverwaltung ungewöhnlich zielorientiert auf die Realisierung des neuen Sportparks Langendamm und auf den Verkauf des Waldstadions hin.

Die Projektskizze des Antrags auf Bundesfördermittel lautet im Titel: „Sanierung Sportanlage Langendamm und Windallee durch Errichtung eines zentralen Sport- und Bürgerparks am zu sanierenden Standort Langendamm sowie Aufgabe des Standortes Windallee im Rahmen des Sportstättenentwicklungskonzeptes“.

Wohl gemerkt: Es geht um die Sanierung zweier Standorte, die aber praktisch den Verlust des eines zentralen Platzes zugunsten des anderen in der Randlage darstellt. Dabei wird der Sanierungsbedarf des Waldstadions im Rahmen der Informationsveranstaltungen und Ausschusssitzungen zum Sportstättenentwicklungskonzept als so umfangreich beschrieben, dass man den Eindruck bekommt, eine Sanierung wäre kostspieliger als ein Neubau andernorts. Der konkrete Nachweis dafür aber in Form einer seriösen Kostenkalkulation für Investitions- und Betriebskosten wird seitens der Stadt Varel nicht erbracht. Im Gegenteil: Mit Hinweis auf einen umfangreichen Diskussionsprozess bei gleichzeitigem Zeitdruck durch Förderfristen betont man immer wieder, dass noch nichts entschieden sei. Wenn denn nicht fehlerhafte Fahrlässigkeit die Arbeit des Stadtrates und der Verwaltung kennzeichnet – ein Vorwurf, dem gegenüber sich der Bürgermeister vehement verwahrt – dann hat dieses Vorgehen offensichtlich Methode: Die Sportstätten in der Windallee (Waldstadion und Kleinplätze), zeigen von allen Sportplätzen den größten Sanierungsbedarf, weil die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren eine adäquate Instandhaltung vernachlässigt haben.

2013 zeigte ein Investor sein deutliches Interesse an innerstädtischen Grünflächen wie etwa an dem Weberei-Gelände, das in unmittelbarer Nähe zum Waldstadion liegt. Die Bebauung, die damals noch verhindert werden konnte, dürfte allerdings über die Jahre weiterhin Begehrlichkeiten provoziert haben. Die dynamische, doch zusammenhangslose Bauentwicklung im sogenannten Waldviertel (ehemaliges Kasernengelände) seit 2015/16 wird ihr übriges dazu beigetragen haben. Bürgermeister Wagner betont in den Sitzungen immer wieder die Impulse für die Vareler Statdtentwicklung, wenn denn die Grünflächen zwischen Steinbrückenweg und der Windallee bebaut werden könnten. Diese Impulse bleiben aber unklar. Ob es sich nun um soziale Wohnungsbauten oder gar andere Ideen wie der Neubau für das Rathaus handelt – alles scheint offen.

Hingegen hat aber das Planungsbüro Richter Sportstättenkonzepte GmbH auf den Seiten 159ff des Sportstättenentwicklungskonzeptes 2018 schon klare Vorstellungen geliefert, wie eine Bebauung der neuen Flächen aussehen könnte. Dieser Entwurf dürfte nahe dran sein an dem, was Investoren sich vorstellen mögen. Diese Skizzen haben jedoch nichts mit sozialem Wohnungsbau oder innovativen Ideen zu tun.

plannungsentwurf richter

Quelle: Sportstättenentwicklungskonzept der Stadt Varel  S.161

Tatsächlich existiert ein Zeitdruck bei Planung, denn bis zum Herbst 2019 müssen die Voraussetzungen für die Förderung durch Bundesmittel geschaffen sein, d.h. Kauf der neuen Flächen in Langendamm, Bodenuntersuchungen und die Bereitstellung des finanziellen Eigenanteils müssen abgeschlossen sein. Der aber kann nur durch den Verkauf der Flächen zwischen der Windallee, der Waldstraße und dem Steinbrückenweg gewährleistet werden. Dieser Verkauf wiederum muss durch einen Ratsbeschluss bestätigt werden. Im Antrag an den Bund schrieb man, dass man den nachreichen werde. Die Frage ist nur, wann dieser Beschluss gefasst wird bzw. ob man den Beschluss zum Antrag vom 19.09.2018 selbst schon als einen solchen interpretieren will?

Letzteres hieße, dass man mit dem Antrag auch dem Verkauf des Waldstadions zugestimmt hätte, ohne in der Öffentlichkeit konkret darüber diskutiert oder direkt abgestimmt zu haben. Da Letzteres doch eher unwahrscheinlich, weil verantwortungslos und täuschend gewesen wäre, wird man in Varel wohl in den kommenden Wochen mit einer entsprechenden Beschlussvorlage für den Stadtrat rechnen dürfen. Daher wird sich in den kommenden Wochen mit aller Wahrscheinlichkeit eine ungewöhnlich intensive Diskussion in Varel entwickeln.

Norbert Ahlers

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Eine Antwort zu Varel: Wenn mit heißer Nadel gestrickt wird

  1. hajo teschner schreibt:

    Wobei bis jetzt niemand den Begriff »Bürgerpark« genau definiert hat, ihn mit konkretem Inhalt gefüllt hat. Eine Sprechblase. Inzwischen scheint man sich den sog. Bürgerpark in der Ausgestaltung als »Mehrgenerationenspielplatzes« vorstellen zu können, wie er vom KSB für Jever angedacht wurde. Keine schlechte Idee. Dafür wiederum wäre der Webereiplatz nach den dort vorgebrachten Voraussetzungen ideal. Die Folge: Ein Auseinanderreißen von Sport- und Bürgerpark auf zwei Standorte, wenn Langendamm weiterhin favorisiert wird. Oder kann sich jemand einen »Mehrgenerationenspielplatz« in der Randlage der Stadt vorstellen, in der Näahe der Papierfabrik und der Eisenbahn?

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