Nachverdichtung ist ein anderes Wort für Verengung

Ende November überraschte das CDU-Mitglied Jens Kastner im Gemeinützigen der NWZ mit einem Beitrag über städtische Nachverdichtung, dem Dirk Wachtendorf entgegnete, dass eine Nachverdichtung nur in „Rücksichtnahme und Erhalt einer grundsätzlich intakten Nachbarschaft“ eine Option sein könnte. Diese Diskussion wird schon seit 2017 gelegentlich im Rat thematisiert und noch in einem Interview mit der NWZ am 31.12.2018 wies Bürgermeister Wagner auf die sozialen Spannungen bei Nachverdichtungen hin. Nach einem politisch turbulenten Herbst 2019 versucht die CDU nun offensichtlich dieses Thema wieder in Erinnerung zu bringen, wobei Herr Kastner weniger Sachargumente darstellt als vielmehr sein subjektives Bild süddeutscher Städte, die ihm als Beispiele gelungener Nachverdichtung dienen. Das verwundert, weiß man doch um die verheerende Zersiedelung in diesen Regionen wie etwa dem Rhein-Main-Gebiet oder dem Rhein-Neckar-Raum.

Bauentwicklung ohne konzeptionellen Zusammenhang ist strukturelle Gedankenlosigkeit.           Quelle: Stadt Varel

Worum geht es aber bei den Konzepten der Nachverdichtung?

Der Begriff der Nachverdichtung beschreibt in der Diskussion der Stadtentwicklung eine weitere Bebauung von innerstädischen Flächen. Noch vorhandene Freiflächen innerhalb eines schon bebauten Stadtgebiets werden dem gemäß durch eine weitere Bebauung effektiv genutzt. Anders gesagt: Nachverdichtung ist eine Verengung, eine Verdichtung ist die Versiegelung des städtischen Raums. Eine Verdichtung ist somit auch ein Verschließen.
Konkret: Das öffentliche Leben in einer Stadt versteht sich als ein offener Raum sowohl des freien Warenverkehrs als auch des Gedanken- und Informationsaustauschs. Dieser Austausch braucht Räume und Flächen. Verdichtung aber ist das Gegenteil. Vereinfacht gesagt ist es die Vernichtung von offenen Räumen. Nicht ohne Grund definieren sich in Süddeutschland immer mehr Zentren als sogenannte Metropolregionen. Tatsächlich will diese Bezeichnung Ballungsräumen eine Identität vermitteln und darüber hinwegtäuschen, dass die unkoordinierte Entwicklung von Städten und deren benachbarten Kommunen die Vorstellung des urbanen Lebens grundlegend verändert hat.
Mit der Idee der Nachverdichtung wurde ursprünglich der Versuch skizziert, die Zersiedelung suburbaner und ländlicher Räume aufzuhalten. Angesichts der Verknappung von Bauflächen erschien diese Idee vielen so praktikabel wie zweckmäßig. Schnell hat sich aber abgezeichnet, dass in vielen betroffenen Stadtvierteln die Bewohner protestierten. Dabei werden die Flächen, die im innerstädtischen Raum noch zur Verfügung stehen, weniger für den sozialen Wohnungsbau oder Orte der Begegnung, als vielmehr für Eigentumswohnungen oder Eigenheime genutzt, also als Immobilieninvestment.

„Der Schaden ist mehr als nur eine ästhetische Entgleisung.“

Die Kommunen sind dabei in einer Zwickmühle: Sie müssen sich in einer Konkurrenzsituation zu den benachbarten Gemeinden behaupten, können aber aufgrund der prekären Finanzlage des öffentlichen Haushalts selbst nicht als Investoren auftreten. So bleibt ihnen nur Rahmenbedingungen zu schaffen, die Banken und Bauunternehmen als private Investoren nutzen können. Private Investoren aber haben kein Interesse an kostengünstige Wohnungen für junge Familien oder eher finanzschwache Gruppen. So werden in der Provinz Eigenheime auf engstem Raum gebaut, mit dem Effekt, dass die historisch gewachsene Kleinstadt sich zu einer suburbanen Vorstadtsiedlung verwächst. Diese Wohnsiedlungen, in den 50er Jahren bekannt als Lewittowns und heute in der Diskussion als prägnate Beispiele der Zersiedelung (urban sprawl) werden bei der propagierten Nachverdichtung in Form und Funktion in die historisch gewachsenen Strukturen eines Statdteils ohne Rücksicht auf das Umfeld implantiert. Der Schaden ist mehr als nur eine ästhetische Entgleisung.
Unabhängig von den unterschiedlichen Argumentationslinien (mehr Wohnraum in der schon vorhandenen Infrastruktur vs. Verlust von Lebensqualität und urbaner Identität) verschleiert diese Auseinandersetzung einen ernsthaften gesellschaftlichen Widerspruch: Die Notwendigkeit des Zuzugs bei gleichzeitiger Verknappung der noch vorhandenen Flächen. Dabei ist die Dynamik dieses Widerspruchs schwierig zu begreifen: Während junge Menschen zwecks Studium oder beruflicher Weiterentwicklung in die Ballungsräume abwandern, zieht es ältere Menschen nicht selten in den ländlichen Raum. Die Kommunen aber sind an jungen Familien interessiert und die wiederum suchen – sofern es die berufliche Situation erlaubt – meist günstigen Wohnraum und die Nähe zu einer größeren Stadt. Oft sind bei dieser Klintel die Ansprüche so hochgeschraubt, dass der Leerstand alter Bausubstanz kaum noch rentabel zu sanieren ist. Im Zweifelsfall werden gerade bei der Nachverdichtung die Altbauten niedergerissen, um dann neue Wohnungen nach aktuellen Standards zu realisieren. Was bleibt, ist meist ein irreversibler Schaden im Ortsbild. Während in den größeren Städten einerseits der Ruf nach mehr Wohnungsbau lauter wird, mehren sich auch die Stimmen, dass eine weitere Zuwanderung in die großen Städte vermieden werden sollte. Umgekehrt heißt das, man möchte den ländlichen Raum attraktiver machen, um die Ballungszentren zu entlasten. Wenn nun aber eine kleine Stadt wie Varel meint, dass sie von solch einem Trend profitieren könne, so irrt man sowohl in der Verwaltung als auch im Rat der Stadt. Ohne ein klares Konzept einer strategischen Stadtentwicklung, die sich an den Kriterien der Nachhaltigkeit, ökologischen Verträglichkeit, sozialem Ausgleich und ökonomischen Leistungsfähigkeit orientiert, wird die Bevölkerungszahl in Varel vielleicht quantitativ wachsen, doch das gesellschaftliche Leben, über das sich eine Stadt identifiziert, zerfällt.

Das Waldviertel – ein Baugebiet, das sich mehr und mehr als eine Agglomeration zusammenhangsloser Eigenheime entpuppt.

Eine Stadt braucht Orte, an denen sie sich konkret erfahren lässt: Parklandschaften, Stadttheater, Bibliotheken und Sportplätze. Dieser öffentliche Raum wird aber in Varel weitgehend vernachlässigt. So wurde in Varel z.B. mehr Geld in Parkplätze als in die hiesige Stadtbücherei investiert. Anstatt innerstädtische Grünflächen als öffentliche Gartenanlagen zu entwickeln, plant man größere Projekte im Stadtrandgürtel. Dort muss man sich weniger mit gewachsenen Gegebenheiten konstruktiv auseinandersetzen, sondern kann alles nach dem Kriterium der Verkehrsanbindung für den Individualverkehr ohne weitere Rücksicht skizzieren. Eine Rücksichtslosigkeit, die durch das Verhalten der Mehrheit legitimiert wird, wobei man ignoriert, dass diese Mehrheit ohne attraktiven ÖPNV ja keine Alternativen hat. Mit anderen Worten: Das Falsche erklärt das Falsche zum Richtigen, weil alle zur falschen Handlung genötigt werden. Die Rücksichtslosigkeit legitmiert sich durch ihre eigene Rücksichtslosigkeit.

Will eine Stadt wie Varel sich wieder zu einer lebendigen Stadt entwickeln, dann ist es an der Zeit neue Stadtkonzepte zu erarbeiten. Mehr Ressourcen schonen und weniger bauen, dafür aber mehr Altes sanieren oder gar restaurieren. In den kommenden Wochen wird sich der Förderkreis Bürgerpark Waldstadion zu einem Verein konstituieren. Es sind solche Gruppierungen, die im Sinne der Nachhaltigkeit versuchen, die Stadtentwicklung konstruktiv zu unterstützen. Konkret: Ein Bürgerpark im zentraler Lage der Stadt ist ein öffentlicher Raum, den Varel angesichts der gegenwärtigen Entwicklung mehr denn je braucht und Varel selbst braucht mehr Bürger und Bürgerinnen, die sich in diesem Sinne für die Zukunft der Stadt engagieren.

von: Norbert Ahlers

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