Der etwas andere Gruß zum neuen Jahr

Der Immobilienmarkt boomt immer noch. Der Finanzmarkt profitiert davon, aber auch ebenso die mittelständischen Unternehmen vor Ort. Das Dilemma der Finanzkrise von 2008 ist vergessen oder es wird schlicht behauptet, dass heute eine ganz andere Situation existiere. Es wird gebaut – und zwar so, wie es der Markt verlangt und nicht, wie die Gesellschaft es bräuchte. Auf dem Land werden weiterhin Eigenheime, Einkaufszentren und Sportplätze gebaut und in den Städten werden Stadtteile aus dem Boden gestampft und die Gentrifizierung vollzieht sich in rasantem Tempo. Man setzt auf neue Stadtteile wie Grasbrook in Hamburg oder auf Berliner Visionen, wie sie der Berliner Finanzsenator Dr. Matthias Kollatz in seinem Text „Berlin 2030“ skizziert.

In einer Provinz wie Varel oder Nordenham kopiert man diese Trends in Billigversionen, weil man diesen Boom nicht an sich vorbeiziehen lassen möchte. Tatsächlich ließen sich aber gerade im ländlichen Raum andere, eigene Modelle entwickeln, auch weil hier noch Flächen für soziale Gestaltungen existieren. Wenn also der ländliche Raum nicht zwingend unter dem Druck der Zuwanderung durch Binnenmigration einen Aktivismus von Baumaßnahmen entwickeln muss, bleibt die Frage, weshalb man sich in der Provinz die Möglichkeiten versagt, die dort noch existieren.

Selbst für Laien ist es offensichtlich, dass eine überalterte Gesellschaft nicht kontnuierlich auf den aktuellen Bauboom setzen sollte. Wer gespartes Geld mit billigen Krediten in Baueigentum umwandelt, schafft für sich oder seine Kinder keine stabile Wertanlage.

Wer mehr Wohnungen oder Häuser als eigene Kinder hat, glaubt allerdings, zu einer sozialen Klasse zu zählen, die es geschafft hat. Praktisch aber lebt man lediglich fern ab der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Mal abgesehen davon, dass die Zahl derer steigt, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können, zeigt die Verknappung von Flächen, dass die Ressource Land und naturnaher Raum zu einem exklusiven Luxusgut wird. Überall dort, wo man exzessiv baut, setzt man auf eine Verschleuderung dieser Ressourcen und eine Deklassierung der Region.

Kommunalverwaltungen bedienen diese Logik, in dem sie öffentliche Flächen aus einem vermeintlichen Zwang privatisieren anstatt sie selbst nachhaltig zu entwickeln. So versprechen Kommunalverwaltungen bzw. deren Bürgermeister – wie etwa in Varel – ein neues Veranstaltungshaus oder neue Sportplätze, doch all dies ohne finanzielle Rücklagen und betriebliche Konzeptionen.

Ähnlich wie bei dem Sportpark Langendamm forciert in Varel Bürgermeister Wagner nun den Bau einer größeren Veranstaltungshalle, um das zentral gelegene, aber in die Jahre gekommene Veranstaltungshaus der Stadt Varel, das Tivoli, zu verkaufen und abreißen zu lassen. Was bei diesem Projekt vor allem im Blick ist, sind die stadtnahen Bauflächen, die nur scheinbar profitabel privatisiert werden sollen, denn letztlich fügt sich die Kommune mit dem Verlust öffentlicher Infrastruktur einen folgenschweren Schaden zu.

Gedanken von einer nachhaltigen Stadtentwicklung werden weder in den politischen Gremien noch in der Verwaltung ernsthaft entwickelt. Im Gegenteil: Am Beispiel der Mobilitätszentrale am Vareler Bahnhof wird deutlich, wie der Stadtrat ein so konstruktives wie längst überfälliges Projekt und dessen Investor ausbremst. Anstatt also intelligente und zukunftsorientrierte Projekte zu unterstützen und die Stadt in Kooperationen mit Universitäten und Kulturinstitutionen langfristig zu entwickeln, so dass die kommenden Generationen hier weitere Entwicklungsspielräume haben werden, setzen die heute Verantwortlichen auf die Modelle der Vergangenheit. Man meint im Recht zu sein, weil die Mehrheit sich nichts anderes vorstellen kann und ihr Leben entsprechend dieser Modelle ausgerichtet hat. Das ist fatal.

Es ist, als würden die Jahrgänge der „Babyboomer“ (1955 – 1965) und der „Generation X“ (1965 – 1980) in ihrer Angst alles auf eine Logik von Wachstum setzen, von der sie selbst wissen, dass sie eine Illusion ist. Es ist, als müsste man den Lügen des Neoliberalismus der 80er und 90er Jahre glauben, weil man ihnen auch früher vertraut hat. Man meint, sie würden sich als wahr bestätigen, wenn man sie noch weiter radikalisiert. Das ist umso ärgerlicher, weil eben im ländlichen Raum Freiräume existieren, die neue Wege und Möglichkeiten eröffnen könnten. Statt falsche Erfolgsmodelle zu kopieren, könnten soziale Experimente und bildungspolitische Modelle entwickelt werden, die überregionale Impulse entfalten. Doch statt ernsthaft auf eine kluge und humanistische Bildung zu setzen, feiert man provinzielle Automessen, bei denen die überdimensionierten SUVs oder die noch aggresivere Variante des Ranger Pickups präsentiert werden. Diese Autos sind keine Nutzfahrzeuge, sondern sind Statements ohne Antworten. Sie dokumentieren mit ihrer symbolischen Stärke die eigene Ohnmacht gegenüber den existentiellen Fragen und Problemen der nächsten Generationen. Eine Ohnmacht, die das Auto, das einmal der Inbegriff der Beweglichkeit und des Fortschritts war, in eine mobile Festung verwandelt hat.

Mit dieser Mentalität verschenken wir die Chancen, die uns – nicht zuletzt im ländlichen Raum – noch für unsere Zukunft bleiben.

Das kommende Jahr 2020 ist für Varel ein Jahr der Möglichkeiten: Mit der gleichen Energie, wie die Vareler Stadtverwaltung den Sportpark Langendamm forciert hat, ist zu hoffen, dass sie sich auch für einen Bürgerpark an der Windallee mit einem soziokulturellen Zentrum im Tivoli einsetzen wird.

Allen Leserinnen und Lesern der Randnotizen wünsche ich einen gelungenen Jahreswechsel.

Norbert Ahlers

Stadtansicht Varel

Die klassische Stadtsicht von Varel. Die Weide ist jedoch in manch einem Kopf schon überplant mit einem neuen Wohngebiet und einer Umgehungsstraße.

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