Menschenwitz in seiner besten Form

Varel hat einen „neuen Klöver“

In Varel wurde in diesen Tagen – mehr oder weniger im Schatten der aktuellen Coronakrise – ein neues Kunstwerk von Juan Miguel Cubas aufgestellt. Die lokale Öffentlichkeit hat diesen Akt kaum wahrgenommen. Diese Skulptur steht nun am neu errichteten Parkplatz an der Dangaster Straße, gegenüber vom Werkeingang I der Papier- und Kartonfabrik Varel und kurz vor dem angrenzenden Bahnübergang Richtung Rallenbüschen. Es handelt sich bei der Skulptur um einen Mistkäfer in Menschengestalt, über den schon Christopher Hanraets am 26. August letzten Jahres nach dem Besuch auf der Yard-Art in Rallenbüschen berichtete.

Chimäre 2

Die Milchkanne in der Kugel wurde schon als ein Ziergegenstand genutzt, weil die Milch nicht mehr in diesen Kannen zur Molkerei gebracht wurde.

Die Idee ist beeindruckend, denn sie ist vielschichtiger als man es auf den ersten Blick meinen möchte. Die Figur, eine imposante Männergestalt mit Käferflügeln auf dem Rücken, wälzt mühsam eine Kugel vor sich her, in der sich Abfall gesammelt hat. Die Gegenstände sind aber nicht Alltagsgegenstände der Gegenwart, sondern eher Gebrauchsgegenstände einer längst vergangenen Zeit. Dinge, die eher dem ländlichen Alltag der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ähneln als dem Müll, der heute in den Wertstofftonnen zu finden wäre. Kein Plastik, sondern altes Blech.

Die männliche Skluptur selbst wirkt, je nach Blickwinkel, entweder tragisch oder schlicht von stumpfer Anstrengung. Chimäre 4Die Bewegungsrichtung suggeriert, dass die Kugel nach vorne geschoben bzw. gerollt wird. Der Käfer schiebt die Dungkugel mit den Hinterläufen, doch dieser Gegensatz zum mythischen Mischwesen von Juan Miguel Cubas ist irrelevant. Chimäre 3Vielmehr ist es nicht ohne Witz, dass diese Figur, die den Blick nach unten richtet und wie unter dem Joch mit seiner Kugel müht, auch an den altägyptischen Skarabäus, den Käfer als Glücksbringer, erinnert. Eine Assoziation, die allerdings nahe am Klischee ist, da altägyptische Motive in Schmuck- und Trendshops gang und gäbe sind.

Dieser Käfer sammelt in seiner Dungkugel die Gegenstände einer Zeit, die eher wie Fragmente einer dörflichen Geschichte und deren vergessenen Lebensweise erscheinen. Insofern handelt es sich allenfalls um den Müll der Geschichte. Es mag manchen verwundern, aber Cubas Figur kann auch wie ein stiller Gegenentwurf zum berühmten „Angelus Novus“ von Paul Klee verstanden werden. Klee-angelus-novusDieser „Engel der Geschichte“, wie ihn Walter Benjamin in seiner bestechende Interpretation nannte, blickt – so Benjamin – auf das Paradies zurück. „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin „Über den Begriff der Geschichte“ S. 697f , Hrsg.: Tiedemann/Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1980)

Doch Cubas Figur dreht seine Mistkugel ohne jedweden eschatologischen Pathos. Keine Idee von einem Paradies. In der Natur nutzen die Käfer die Mistkugeln als Nahrung und als Brutnest und so deutet die Figur hier den lebenswichtigen Wert der Geschichte an, die sie für die Menschen besitzt. Kein Wort davon, dass nur der Zukunft habe, der sich seiner Geschichte erinnere. Cubas nimmt einfach die Alltagsgegenstände, die hier nur noch der Dung der Geschichte sind. Es ist der Mist der Menschen, der sogenannten kleinen Leuten, aus denen Cubas Mischwesen aus Tier und Mensch sich das Material für seine Nahrung und Zukunft sammelt. Da ist keine Richtung, kein Ziel, bestenfalls ein verborgenes Nest. Das ist nicht charmant, genauso wenig wie die Figur, aber es ist sehr dicht an der Wirklichkeit. Das ist keine Frage komplexer Ästhetik, sondern von Erfahrung und kluger Wahrnehmung.

Dass diese Figur nun am Rand eines Parkplatzes steht, so als würde sie an den Fahrzeugen vorbei auf eine weite Grünfläche ziehen, ist nicht ohne Ironie. Die Bewegung dieser Figur scheint auch etwas Rettendes zu signalisieren. Die Autos aber, die Bewegung und Freizügigkeit symbolisieren, stehen dort nur stumm in Reih und Glied und warten ungenutzt auf ihren Besitzer. In Bewegung scheint die Geschichte zu sein, die vergessenen Gegenstände namenloser Leute und die Figur, in der die meisten nur den Käfer erkennen möchten, hat zumindest Flügel, die wie ein Rückenpanzer den Menschen schützen. Sie erinnern, dass man bei aller Mühe, wenn auch nicht fliegen, so doch mit den Flügeln mächten brummen könnte. Im Gegensatz zum „Angelus Novus“ hat sich aber die Figur von Juan Miguel Cubas eben nicht im Sturm der Geschichte verfangen. Das ist Menschenwitz in seiner besten Form.

Norbert Ahlers

Chimäre 1

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2 Antworten zu Menschenwitz in seiner besten Form

  1. Martin schreibt:

    Der Künstler heisst Juan Miguel Cubas und nicht Diedel Klöver.

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