Elternbildung in Varel / Teil 1

Elternbildung als Option ist mehr als nur eine Anregung: Es ist eine Herausforderung.

Im Landkreis Friesland findet die Elternbildung im Rahmen der evangelischen Familienbildungsstätte in Wilhelmshaven statt. Sie ist eine von 25 anerkannten Familienbildungsstätten, die vom Land Niedersachsen bzw. dem niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung gefördert werden. Es ist bemerkenswert, dass sich 22 von den 25 Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft befinden, doch das ist nur bedingt ein Problem. Schwieriger ist die räumliche Ferne zur Zielgruppe. In Varel finden die meisten Kurse der Familienbildungsstätte im Gemeindehaus der Arche in Büppel statt, nicht in den Schulen der Kinder. Und sie orientieren sich an einem konventionellen Bildungsangebot, das sehr der VHS ähnelt: Kurse im Umgang mit dem Smartphone, Fremdsprachen- oder Nähkurse. Das dürfte dem Bedürfnis der Gemeindemitglieder entsprechen, doch Elternbildung im engeren Sinne ist das nicht. Nur der Kurs „Klassenelternvertreter/in – Chancen und Aufgaben“ hat einen eindeutigen Bezug zur Schule und pädagogischer Arbeit. Es zeigt sich deutlich, dass hier die Bildungsangebote an den Zielen der Elternbildung vorbeigehen. In einem kirchlichen Haus wird das angeboten, was letztlich der Gemeindearbeit dient und nützt: Mehr Begegnungs- und Freizeitangebote denn pädagogisch gezielter Elternarbeit, die die Eltern in ihrem Familienalltag stärken würde. Daher ist es von zentraler Bedeutung, dass die Elternbildung im engen Verbund mit den jeweiligen Schulen und Stadtteilen stattfindet, es ist von zentraler Bedeutung, dass das Angebot der Elternbildung für interessierte Zielgruppen leicht zugänglich ist.

Schule als Bildungsgarten – die Lust der Neugierde könnte sich gegenüber klarer Linienführung behaupten.

Wer Elternbildung ernst nehmen möchte, muss sich über einige Prämissen im Klaren sein:

  • Elternbildung sucht die Eltern an die Momente zu erinnern, wo sie Kulturangebote als ermutigend erlebt haben.
  • sucht die Eltern daran zu erinnern, dass Bildung Freude und Selbstbestätigung sein kann – für Kinder wie Eltern.
  • Elternbildung sollte die konventionelle Vorstellung von Bildung nicht zum Maßstab nehmen.
  • Elternbildung ist milieugebunden, d.h. sie hat sich an der kulturellen Lebenssituation der Eltern und Kinder zu orientieren.
  • Elternbildung setzt immer den Dialog voraus und basiert nicht auf Unterricht.
  • Elternbildung ist freiwillig.

Das ist alles leichter gesagt und geschrieben, als in der Praxis realisiert. Die Elternarbeit ist eine pädagogische Arbeit, die kaum Beachtung findet, aber ein besonderes pädagogisches Gespür und Talent erfordert. Den eigenen Bildungshintergrund und dessen Ansprüche zurückzunehmen und sich auf die Eltern einzulassen, ohne diese zu düpieren, ist eine herausragende pädagogische Qualifikation.

Wer zum Beispiel mit einem Medienangebot einen klassischen Bildungsanspruch vermitteln möchte, verfehlt sowohl die Ziele der Elternarbeit, als auch die Adressaten. Wer Eltern auffordert, Filme zu nennen, die sie gerne gesehen haben, als sie so alt waren wie ihre Kinder, muss Filmtitel wie „Kevin allein zu Haus’“ auch ernst nehmen. Es geht nicht um cineastische Entdeckungen und Filmanalysen, sondern um das Erleben der Eltern, das sie mit diesem Filmtitel assoziieren.

Umgekehrt muss der inszenierte Anspruch, dem der Begriff Bildung anhaftet, zurückgebaut werden. Die Neugierde sowie das Entdecken und Verstehen haben im Vordergrund zu stehen. Bildung soll nicht Erwartungen provozieren, sondern den Dialog. Der gelingt just in den Momenten, wo nicht Erwartungen bedient werden.

Erwachsene – und vor allem diejenigen, die die Schule eher überstanden als gemeistert haben – wollen in der Regel nicht mehr unterrichtet oder unterwiesen werden. Sie haben ein Interesse, etwas gut zu machen und ihren Kindern das Beste zu geben,was in ihrem Vermögen steht, sie wollen Hilfe – aber nicht als Hilfsbedürftige wahrgenommen werden. Wer der Hilfe bedarf, hat meist wenig Spielraum für Experimente, sondern muss mit seinen knappen (materiellen wie seelischen) Ressourcen sehr sorgsam umgehen. Da muss sich etwas lohnen oder ein Ergebnis nutzen, aber Bildung ist eben in diesem Zusammenhang eher das Einüben im Wechsel von Perspektiven. Das ist weniger ergebnisorientiert als vielmehr Spiel und Erfahrung. Genau das, was die meisten Zeitgenossen in der Schule nicht durften und die daher mit Bildung eher 45-minütigen Frontalunterricht assoziieren. Als Eltern sollen sie nun das ausprobieren, was ihnen als Kind verwehrt wurde – und das noch vor dem Hintergrund, dass ihnen geholfen werden soll, sie also als Eltern defizitär wahrgenommen werden. So strukturiert, ist die Elternarbeit zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Es ist schon schwierig, die Eltern der Kinder zum Beispiel einer Oberschule in die Schule einzuladen. Sie kommen allenfalls zu Elternsprechstunden oder Schul- und Abschlussfesten. Tatsächlich sind die Schulen auch oft architektonisch so gebaut, dass man sich dort nicht länger aufhalten möchte als nötig. Es bedarf eines intensiv gepflegten Kontaktes mit den Eltern, um einerseits das Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen zu verstehen, als auch den Handlungsraum der Eltern zu begreifen. Nur mit diesen Kenntnissen kann für die Eltern ein Angebot entwickelt werden, was ihren Bedürfnissen und Schwierigkeiten entspricht. Ein solches Bildungsangebot muss über die Nähe zur Schule oder in deren Rahmen entwickelt werden.

Die schwierige Situation der beiden Oberschulen in Varel und Obenstrohe wäre eine Gelegenheit, hier ein modellhaftes Angebot zu erarbeiten, was überregional Beachtung finden dürfte – und die Corona-Krise eröffnet jetzt den Raum, in dem man dieses Modell ernsthaft skizzieren könnte, denn wer Kinder stärken möchte, muss Eltern unterstützen.

                                                                                                                                     Norbert Ahlers

 

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