Elternbildung in Varel / Teil 2

Elternbildung – oder man kann nicht lernen, nicht zu lernen.

Sollen die Oberschulen in Varel weiterhin eine Zukunft haben, dann müssen sie andere werden, als sie sind. Konkret: Sie könnten sich mit dem Format der Elternbildung ein Profil schaffen, das über den konventionellen Schulbetrieb hinausgeht und somit tatsächlich eine Alternative gegenüber dem populären Gymnasium darstellt.

Schulhöfe in Varel – trotz der verschiedenen Schulkonzepte dokumentieren die leeren Flächen eine beunruhigende Gemeinsamkeit.

Elternbildung ist im Wesentlichen ein Lernen, das sich von dem konventionellen Unterricht unterscheidet. Im Kern steckt die Idee, dass Eltern das Lernen für sich neu entdecken und so die eigene Erziehungskompetenz stärken. Eltern, die selbst lernen, können Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit besser begleiten.

Zudem könnte man mit einer gehörigen Portion Chuzpe auch sagen, dass Schulen, in denen Erwachsene lernen, keine sinkenden Schülerzahlen haben. Doch was so simpel klingt, ist alles andere als einfach. Es bedarf dazu nicht nur der engagierten und konstruktiven Offenheit aller Beteiligten, sondern auch ungewöhnlicher Pädagogen: Denn ist es schon eine Herausforderung, Jugendliche zu motivieren, so ist Bildungsarbeit mit Erwachsenen die pädagogische Königsdisziplin.

Wie ist aber die Lage in Varel?

Als am 03.12.2019 in einem Pressegespräch Landrat Sven Ambrosy überraschend erklärte, dass man die Beschlussvorlage Nr. 0802/2019 zurücknehme, atmeten viele Eltern und Schüler in Obenstrohe auf. Der Vorschlag, die Oberschule Obenstrohe zu schließen, war damit in der Kreistagssitzung nicht mehr Gegenstand der Diskussion. Hintergrund für die geplante Schließung waren die Arbeitsergebnisse des Schulentwicklungsplans 2019 für den Landkreis Friesland. Der Protest des Schulelternsprecherrats, der SchülerInnen, der Eltern und der politischen Fraktionen in Obenstrohe waren jedoch so massiv wie engagiert, dass man kurz vor der letzten Kreistagssitzung 2019 die erwähnte Vorlage von der Tagesordnung strich.

Seitdem ist es um das Thema still geworden. Die Schulen sind durch die Corona-Krise, den Unterrichtsausfall bzw. die Umstellung auf Homeschooling mit anderen Herausforderungen konfrontiert. In dieser Situation interessiert sich niemand für die Ergebnisse und problematischen Perspektiven des Schulentwicklungsplans, gleichwohl müssen sie diskutiert werden. Sie basieren auf dem sogenannten Hildesheimer Bevölkerungsmodell, mit dem anhand des konkreten Zahlenmaterials der jeweiligen Einwohnermeldeämter auch Kommunen und kleinere Regionen präzise Bevölkerungsprognosen entwickeln können. Danach werden die Schülerzahlen für die Oberschulen folgendermaßen beschrieben:

Sollen es 2020/21 in Obenstrohe noch 232 SchülerInnen sein, so rechnet man 2024/25 nur noch mit 179 SchülerInnen. Zum Vergleich: Für die OBS Arngast werden 2020/21 312 und 2024/25 271 SchülerInnen erwartet, für das LMG für die Sekundarstufe I 2020/21 834 und 2024/25 gar 988 SchülerInnen. An zwei Oberschulen in Varel werden 450 SchülerInnen unterrichtet. Das ist noch nicht einmal die Hälfte der Schülerzahlen, die zum örtlichen Gymnasium gehen.

Bildungspolitisch ist das ein Dilemma, denn neben der Entwicklung der Schülerzahlen wurden die Erwartungen an das örtliche Gymnasium in dieser Diskussion weitgehend ausgeblendet. Dabei macht es keinen Sinn, den elterlichen Entschluss in Frage zu stellen, ihre Kinder auf ein Gymnasium zu schicken, wenn gleichzeitig ein Abitur in vielen Bereichen als Zugangsvoraussetzung für fast alle weiteren beruflichen Entwicklungen ist.

Das Gymnasium ist so populär geworden, dass fast die Hälfte der Schüler der Sekundarstufe I diesen Weg gehen (2016 erreichten bundesweit 52 % die Hochschulreife, davon ca. 41% über das gymnasiale Abitur), die andere Hälfte entscheidet sich für die Oberschulen, in denen sowohl Haupt- als auch Realschulabschlüsse absolviert werden können. Das ist eine grundlegend andere Situation als z.B. zu Beginn der 90er Jahre im 20. Jahrhundert, wo bundesweit ca. 31 % die Allgemeine Hochschulreife erreichten, ganz zu schweigen von den 60er Jahren, wo in Westdeutschland 7% die Allgemeine Hochschulreife erlangten. Im Kern ist dieser Zuspruch gegenüber dem Gymnasium nur zu begrüßen und es ist eine enorme Leistung, dass diese Schulform sich der Herausforderungen angenommen hat. Ursprünglich war sie weder strukturell noch dem eigenen Selbstverständnis nach auf diese Massen ausgerichtet.

Allerdings kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Entwicklung die anderen Schulformen deklassiert und in dieser Lage müssen die Oberschulen nun ihre Attraktivität gegenüber dem Gymnasium steigern. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade die Oberschulen die sozialen Herausforderungen und Veränderungen klassischer Ausbildungs- und Berufsbilder durch die fortschreitende Digitalisierung, die soziale Integrationsarbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Selbstbehauptung von Bildungsansprüchen gegenüber der Unterhaltungsindustrie zu bewältigen haben. Es kann mit den konventionellen Maßnahmen faktisch nicht gelingen, eine nennenswerte Zahl an neuen Schülern zu gewinnen und den oben beschriebenen Trend umzukehren.

Das Desinteresse an diesen Zahlen ist zwar nachvollziehbar, aber weder zwingend noch zweckmäßig, denn gerade im aktuellen Shutdown des öffentlichen Lebens wären Überlegungen zur Bildungssituation in Varel mehr als nur eine Option. Sie wären eine Chance, wobei es weniger um die Optimierung der Unterrichtsformen z.B. durch digitale Techniken ginge, als vielmehr um inhaltliche und strukturelle Fragen und visionäre Experimente.

Die gegenwärtige Ausgangslage wird nun allerdings als ein „Zurück auf Anfang“ beschrieben. Die mehrjährige Arbeit des Arbeitskreises Schulentwicklungsplanung scheint unbeachtet zu bleiben, weil gegenwärtig keiner der Beteiligten einen politischen Auftrag hat, die Perspektiven der Vareler Oberschulen weiter zu entwickeln. Zudem sind die Eltern der SchülerInnen froh, dass der Status quo erhalten bleibt. Die Schulleitung in Obenstrohe sieht sich letztlich in ihrem pädagogischen Konzept bestätigt und die Parteien vor Ort verharren angesichts der kommenden Wahlen in bleiernem Schweigen. Lediglich die Schulleitung der Oberschule Varel an der Arngaster Straße hat ein erklärtes Interesse an der Veränderung dieser Situation, denn aus ihrer Sicht sind beide Schulstandorte in der bisherigen Form bei den prognostizierten Schülerzahlen langfristig nicht mehr zu halten.

Nach Dezember 2019 wurde zwar ein neuer Arbeitskreis zusammengestellt, an dem die Schulleitungen der jeweiligen Schulen, der Landkreis und die Landesschulbehörde teilnehmen, doch ohne einen politischen Auftrag seitens des Kreistages kann sich niemand effektiv bewegen.

Welche Spielräume aber hätten Kreis und Kommune, hier eigene Wege zu gehen? Eine Idee ist die oben angedeutete: intensiver auf Elternbildung zu setzen. Hier könnte unabhängig von der Schulbehörde, aber letztlich mit ihr ein Campus entwickelt werden, auf dem alle Generationen das Lernen entsprechend ihrem Alter und ihrer Situation für sich entdecken und sich gegenseitig stärken können. Erste behutsame Ansätze zu einer konstruktiven Elternbildung finden sich in der Oberschule Varel mit einem „Elterncafé“. Von Eltern für Eltern an der Schule initiiert, konnten mit diesem Angebot positive Erfahrungen der aktiven Teilhabe gesammelt werden und so wurde auch ein thematischer Schwerpunkt aus dem Kreis der Teilnehmenden für den Schulbetrieb aufgenommen. Dabei muss das grundlegende Missverständnis aufgeklärt werden, dass Bildung auf den Erwerb von Zertifikaten reduziert wird. Bildung ist vielmehr eine komplexe Erziehung zur zweckfreien und spielerischen, also zu einer intellektuellen Neugierde. Die Lust, gemeinsam mit anderen im Gespräch die Welt zu begreifen. Nicht anderen die Zusammenhänge zu erklären, sondern sie mit anderen zusammen zu verstehen. Jeder Schüler ist bereit zu lernen, wenn er einem Lehrer gegenüber sitzt, der sich selbst so sehr für seinen Stoff interessiert, dass er dieses Interesse mit allen teilen möchte, um es selbst besser zu verstehen. Diese Lust sollten Eltern wieder für sich entdecken, nicht nur weil dieses Interesse ihre Kinder stärkt, sondern weil es sie selber ermutigen könnte – nicht zuletzt in Krisenzeiten wie den unsrigen. Es ist an der Zeit, dafür zu arbeiten. 

Norbert Ahlers

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