Kunstwerke brauchen kein Publikum, sie brauchen Gespräche

Als meine Großmutter mit ihrer jungen Familie gerade den Ersten Weltkrieg überstanden hatte und das Wüten der Spanischen Grippe noch weiterhin zahllose Menschen dahinraffte, hungerte man – so erzählte sie – nach Tanz, Theater und Kino. Eine Sehnsucht der Städte, die aber auch in den Badeorten der Provinz zu spüren war.Wie in einem Fieber entstanden neue Stile und Ideen. Ideen, die das 20. Jahrhundert prägten. Von dieser Sehnsucht nach Kunst und Kultur ist gegenwärtig nichts mehr zu spüren oder zu hören. Es wird über die KünstlerInnen geredet, weil ihnen die Einnahmen wegbrechen, über ihre neue Ideen wird nicht gesprochen. Jedenfalls scheint dies für das Oldenburger Land der Fall zu sein.

Die KünstlerInnen selbst aber sind aktiv. Es wird kein Geld verdient, aber die meisten sitzen zu Hause und probieren mit neuen Techniken und neuen Formaten. Diedel Klöver berichtet, dass er in diesen Wochen ständig an neuen Musikstücken arbeite, dass er anderen neue Ideen als digitale Aufnahme zusendet, die diese wiederum weiter entwickeln und ihm als File zurückschicken. Gelegentlich findet man auch Wege zu einer Onlinesession. Bei bildenden KünstlerInnen ist die Situation eine andere: Hier arbeiten die KünstlerInnen weit weniger in Teams, sondern jeder ist für sich allein im Atelier. Vor allem die Einnahmen von Workshops oder die Verkäufe in Galerien sind weggebrochen. Claus Rabba hat unmittelbar darauf reagieren können und bietet seine Malkurse nun online an. So konnte er den Kontakt zu seinen KundInnen und Interessierten aufrechterhalten und die Einnahmeverluste weitgehend abfedern. Hingegen hat der Shutdown manch anderen mit voller Wucht getroffen. KünstlerInnen in Varel haben somit ausgesprochen unterschiedliche Voraussetzungen und Hintergründe.

Nach mehr als einem Monat irritiert es aber dennoch, dass innerhalb der Kunst- und Kulturszene in Varel und Umgebung nicht öffentlich über die weiterreichenden Konsequenzen der Kontaktsperre gesprochen und geschrieben wird. Es wird hier und da ein wenig beklagt und geklagt, gelegentlich suchte die eine oder der andere „neue“ Wege mittels Clips auf Videoplattformen zu gehen, doch eine substantielle Diskussion in der Öffentlichkeit wird nicht geführt. Die neuen Ideen, Bilder und Texte, die nun erarbeitet werden, finden hier vor Ort nicht in die kommunale Öffentlichkeit. Dabei bieten die digitalen Techniken durchaus die Möglichkeit, eine Nähe durch virtuelle Distanz zu schaffen. Es ist ein spannendes Experiment, die konkreten Räume sozusagen in ein Spacelab zu transponieren. Der Kunstraum Varel zum Beispiel hat einen ersten Versuch mit seiner aktuellen Schülerausstellung erarbeitet und entwickelt nun weitere Ideen, die die Axiome der digitalen Ästhetik stärker berücksichtigen möchten. Gegenwärtig werden all diese Aktivitäten nur in Freundeskreisen oder bestenfalls in der jeweiligen Szene wahrgenommen.

Damit stellt die Situation die Kulturarbeit im ländlichen Raum grundlegend in Frage.Wer nicht über Kunstwerke spricht, entbehrt sie offensichtlich auch nicht.

Die Probleme der Zeitgenossen sind offensichtlich andere – und die Bedürfnisse oder gar Sehnsüchte auch. Auf dem Land ziehen sich die meisten vorzugsweise in ihre Hausgärten zurück oder machen Spaziergänge in den Wäldern und Feldern. Manch einer würde nun vielleicht gerne einen Rhabarberkuchen in einem Café genießen, seinen Gedanken nachhängen oder schlicht ein wenig klönen. Viele würden auch ein Schwimmbad oder Sportplätze aufsuchen wollen, weil sie Bewegung und Geselligkeit suchen. Viele vermissen vor allem den Kontakt zu Freunden und Familienmitgliedern. Kunst allerdings fehlt den meisten hier in Varel so sehr wie ein Kino: nicht wirklich oder gar ernsthaft.

Es ist weniger die Pandemie bzw. der Shutdown, als vielmehr der Mangel an Dialogen mit und über die Kunst, der die Kulturarbeit auf ein Randproblem dieser Tage reduziert. Die Schwierigkeiten von KünstlerInnen bzw. Kulturorten wird in der Öffentlichkeit bestenfalls im Zusammenhang mit dem Tourismus wahrgenommen, doch aus der Kunstszene vor Ort selbst wird keine Diskussion eingefordert oder selbst initiiert. Es erschreckt, wie konsequent die KünstlerInnen und VeranstalterInnen kulturpolitische Zusammenhänge ausblenden, sei es nun aus Angst, Gleichgültigkeit oder intellektueller Trägheit. KünstlerInnen wie VeranstalterInnen gehen davon aus, dass man im Herbst irgendwie dort wieder nahtlos anschließen könne, wo man vor der Kontaktsperre aufhören musste. Das ist nicht nur ein Ausdruck von hilfloser Ohnmacht, es ist auch ein Mangel an kulturellem und öffentlichem Leben: Ohne Diskussionen keine Ideen, ohne Ideen keine Alternativen. Insofern ist es so konsequent wie fatal, dass man schlicht dort weitermachen möchte, wo man unterbrochen wurde. Der Horizont dieses Denkens: Kunst und Kultur scheinen dann relevant zu sein, wenn es darum geht, als Event die touristische Attraktivität zu steigern. Das ist ein reales Dilemma, denn alles war auf den Event ausgerichtet, nicht auf die inhaltliche Auseinandersetzung. Der Kunstwert ist aber nicht die Aufmerksamkeit, sondern realisiert sich im aufmerksamen Zuhören und Verstehen. Das braucht Zeit und kein Spektakel.

Das Schweigen der KünstlerInnen ist – je länger es dauert – beunruhigend, denn es zeigt, dass sie nicht mehr das sind, was sie einmal wesentlich waren und was sie vom Kunsthandwerk und Design unterschied: Beobachter aus einer kritischen Distanz, denen die Wirklichkeit unter die Haut geht und die mit ihren Werken zu einem Perspektivwechsel auffordern. Genau dies ist in diesen Monaten dringend geboten. KünstlerInnen, die diese Dringlichkeit nicht empfinden und wahrnehmen, sind keine – jedenfalls in diesem Sinne. Sie sind Kreative oder Kulturschaffende, die vor allem Publikum und Anerkennung suchen.

Es braucht KünstlerInnen, um aus dieser Situation  Chancen und Ideen zu entwickeln – und neue Perspektiven braucht Varel, schon wegen seines kommunalen Haushalts der kommenden Jahre. Kunstwerke brauchen kein Publikum, sie brauchen Gespräche. Die List der KünstlerInnen in ihrem Spiel und ihren Arbeiten ist dringender denn je, denn Krankheiten und Zusammenbruch bewältigt man nicht mit Waffen, sondern mit Erfahrung, Witz und Spiel.

Es braucht Mut – und den können wir uns gegenseitig zusprechen.

Zuspruch finden wir in Gesprächen und es wäre ein Anfang, wenn die KünstlerInnen wieder in die Öffentlichkeit zu einem Dialog vor Ort zurückfinden könnten – auch in Varel.

Technisches Denkmal in einer Kulturlandschaft – das Kulturzentrum Seefelder Mühle 2019

Norbert Ahlers

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