Varel in unwegsamem Gelände

„In der Stunde größter Not, bringt der Mittelweg den Tod.“ Dieses Epigramm schreibt man dem Barockdichter Friedrich von Logau (1605 – 1655) zu.

Bruecke 437 Varel 2

Die Brücke an der Bundesstraße 437 ist wegen des Scheiterns ihrer geplanten Ausmaße der einzige Abschnitt dieser Straße, der ein Interesse provoziert. Die Magistrale selbst ist ohne jedweden Reiz.

Am 31.08.2020 tagt wieder der Finanzausschuss der Stadt Varel. Da im Moment weder für den September noch für den Oktober weitere Sitzungen für diesen Ausschuss terminiert sind, ist davon auszugehen, dass Ende August die Zahlen für das vergangene Quartal Mai/Juni und Juli vorgestellt werden, also die Monate, in der der Shutdown massiv zu spüren war, aber auch die ersten Lockerungen zur Wiederherstellung der sogenannten Normalität eingeführt wurden. Wieder wird der Kämmerer darauf hinweisen, dass der Rat der Stadt seine Finanzlage für 2021/22 neu ausrichten muss – was man aufschiebend zur Kenntnis nehmen wird, da im kommenden Jahr die Kommunalwahlen anstehen. Sehr wahrscheinlich wird überhaupt zur Vorsicht gemahnt, denn die Gesamtsituation bewegt sich vor dem Hintergrund einer drohenden zweiten Welle, die durch Urlaubsrückkehrer, die alltägliche Leichtsinnigkeit und einen kollektiven Unmut gegenüber den Hygieneauflagen befürchtet wird. Latent korrespondiert diese Bedrohung allerdings auch mit den immer wieder erwarteten Einbrüchen bei den Steuereinnahmen und dem vorsichtigen Konsumverhalten.

Wurden im Juli die Einnahmenverluste in den Tabellen der kommunalen Haushaltspläne noch als „Delle“ visualisiert und entsprechend als beherrschbar kommuniziert, so dürfte eine erneute Zuspitzung der Pandemie in den kommenden Wochen eine ernsthafte Verschärfung der Situation darstellen. Eine Delle ist kein Totalschaden und der Vareler Haushalt wurde noch im Juli dieses Jahres allgemein als robust beschrieben. Doch die Zahlen hatte man da nur unter Vorbehalt vorgestellt; sie seien eben nur eine Momentaufnahme. Gerade recht kommt da die Bewilligung der Zuschussgelder für den geplanten Sportpark, denn so kann die Stadt Varel mit einer umfangreichen öffentlichen Investition den Bauboom in der Krisensituation jedenfalls vorübergehend stützen. So bleibt weiterhin die Devise bestehen: Keine Panik – Normalität wird wiederhergestellt und das Ganze ist zu schaffen.

Tatsächlich war der Lockdown ein drastisches Mittel, was sehr wahrscheinlich viele Leben gerettet, doch manche Existenz ruiniert haben dürfte. Seit Mai/Juni wird nun mit den Lockerungen kontinuierlich versucht, die sogenannte Normalität wieder herzustellen und wer Normalität will, sollte Panik vermeiden. Insofern macht die Devise durchaus Sinn.

Was aber heißt unter den aktuellen Bedingungen Normalität? Der Shutdown hat die Momente in der Gesellschaft und in der ökonomischen Logik aufgezeigt, die schon vor der Pandemie fragil und kritisch waren: Die mangelnde Wertschätzung sozialer Berufe und Versorgungssysteme, die Belastungen der Menschen in Logistikbereichen, die irrationalen Muster des Konsumverhaltens, die Schadstoffbelastungen durch anachronistische Verkehrs- und Tourismuskonzepte usw. Doch von all dem will man nun in der Rekonstruktion der sogenannten Normalität nicht mehr viel wissen.

Bei der Sonderprämie für das Krankenhauspersonal wird geknausert, SUVs müssen verkauft werden wie zuvor, gegen das UNESCO-Biosphärenreservat an der Küste und dem niedersächsischen Volksbegehren für mehr Artenvielfalt wird vehement protestiert und wer nur etwas von Einschränkungen im Urlaubsverkehr, bei Partys oder beim Motorradfahren sagt, wird mit einem „es muss Geld verdient werden“ abgefertigt. Es muss wieder „brummen“. Niemand soll einem jetzt noch mit Abstand und Maskenpflicht daherkommen und überhaupt – sind wir nicht alle irgendwie systemrelevant?

In dieser Atmosphäre findet sich die Stadtverwaltung von Varel – wie viele andere Städte auch – in einer Zwickmühle, denn zum einen steht man vor enormen und langwierigen Herausforderungen (Klimawandel, Verkehr, Bildung und Integration) und zum anderen wird man die gesellschaftliche Stabilität nur dann gewährleisten können, wenn die Einkommens- und Einnahmeneinbrüche eben tatsächlich nur eine Delle bleiben und nicht zu einer nachhaltigen Lähmung des Wirtschaftsleben führen.

Solange die Leute kaufen, lässt man sich die Konsumkritik gefallen, doch was ist, wenn der Konsum tatsächlich einbricht? Die Maßnahmen in diesem Frühjahr gaben einen Eindruck, was notwendig wäre, um Klimaziele zu erreichen und tatsächlich haben Messwerte ergeben, wie sehr sich die Natur in vielen Bereichen in jenen Wochen erholen konnte. Wer also tatsächlich für die kommenden Generationen die Lebensbedingungen erhalten will, muss neue Konzepte entwickeln – jenseits der quasireligiösen Wachstumsideologie. Doch wie soll das gelingen, wenn mit den veröffentlichten Haushaltszahlen die besorgten Gemüter vorerst beschwichtigt werden sollen? Mit der scheinbar gewonnenen Zeit und Ruhe will man auch suggerieren, dass man so weitermachen könne, wie bisher. Aber das ist eben eine Illusion.

Die Pandemie hat ja nur eine Ahnung vermittelt, was in den kommenden Jahrzehnten auf uns zu kommen wird. Das gilt sowohl für die urbanen Zentren als auch für den ländlichen Raum und man muss unter Hochdruck neue Konzepte konsequent entwickeln und Hilfen skizzieren, wie die beruflichen Existenzen auf diese Umbrüche konstruktiv vorbereitet werden können. Die oft beschworene Normalität ist demgegenüber keine reale Alternative mehr. Im Gegenteil: Sie ist der besagte Mittelweg mit tödlichem Ausgang.

Es gilt für die Stadt, sich in einer breiten Fläche neu und anders aufzustellen, d.h. neue Schwerpunkte, insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit und Ökologie zu entwickeln. Wenn die Versorgungsketten im Krisenfall nur durch Einzelhandelskonzerne wie Famila, Aldi oder Lidl aufrechtzuerhalten sind, dann stimmt etwas nicht mit den Versorgungsketten. Eine Kommune allein wird daran wenig ändern können, aber sie kann die Rahmenbedingungen für ein vielfältiges Angebot im Kleinen schaffen, insbesondere im Innenstadtbereich. Sie kann zukunftsorientierte Mobilitätskonzepte forcieren, sie kann regionale Versorgungswege stärken und ein soziokulturelles Miteinander fördern. Doch dazu braucht es Entschlossenheit zu grundlegenden Veränderungen, Ideen eben jenseits des Mittelweges. Es ist ein fataler Widerspruch, einen Ausweg aus der Krise suchen zu wollen, wenn man gleichzeitig auf die Normalität setzt, die einen letztlich in diese Krise geführt hat. Wer sich aber mit seiner Strategie allein auf die Wiederherstellung der Normalität konzentriert, verhindert die Chancen zu entwickeln, die sich uns in der Krise für einen Moment kurz eröffnet haben.

 

Norbert Ahlers

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.