Stadtgespräche – lasst uns reden

Einen öffentlichen Disput einzufordern ist die eine Sache, ihn zu führen oder zu moderieren eine andere. Öffentliche Diskussionen scheinen sich ihrer Umgangsformen unsicher geworden zu sein. Insbesondere in den sozialen Netzwerken kommt es zu Statements, die eher von vehementen Ressentiments als gedanklichen Argumenten geprägt zu sein scheinen. In öffentlichen Auseinandersetzungen geht es parallel zu den jeweiligen Themen immer auch um Aufmerksamkeit. Das war zu anderen Zeiten nicht anders – und dennoch scheint etwas anders geworden zu sein. Dass in einer Konfrontation eher bloße Haltungen als reflektierte Gedanken zum Ausdruck kommen, ist nichts Neues. Die Intentionen in einer solchen Auseinandersetzung scheinen sich allerdings verändert zu haben. Wollte man früher seinen Gegenüber überzeugen, so zielt man heute eher auf die Aufmerksamkeit des eigenen Auftritts. Dabei verstört die Vehemenz mancher Statements. Ein Beispiel: Der Widerstand gegenüber den Forderungen der Klimaaktivisten oder den SchülerInnen der Friday for Future-Bewegung haben eine Wut, die man früher in Westdeutschland nur zu hören bekam, wenn ein Antikommunisten sich in Rage geredet hatte. Allerdings hatten jene Herren noch einen verlorenen Krieg in den Knochen und eine präzise Vorstellung davon, wie verroht Menschen zueinander sein können. Das ist heute glücklicherweise bei den meisten Bundesbürgern nicht mehr der Fall und trotzdem artikuliert sich aktuell eine Wut, die einen erschreckt.

Was ist das für ein Widerstand?

Es ist zweckmäßig, diesen Widerstand in seinen Motiven nachzuvollziehen. Ein Beispiel: Jürgen Bruns, SPD-Ratsmitglied der Stadt Varel, sagte vor längerer Zeit auf einer Veranstaltung, dass er die umstrittene Umgehungsstraße für Varel begrüße, denn Straßen bringen Warenverkehr und dieser wiederum Wohlstand. Anders gesagt: Je mehr Warenverkehr, desto mehr Konsum und mit steigendem Konsum mehr Wachstum. Solange Menschen konsumieren ist daher das Wachstum unendlich. Bruns Satz kam nicht von ungefähr: Drohten sich noch um die Milleniumswende weite Teile der ländlichen Regionen zu strukturschwache Randzonen zu entwickeln, so konnte ein solcher Prozess tatsächlich durch Tourismus und Ansiedlungen von Unternehmen, z.B. im Bereich der Logistik oder der regenerierbaren Energietechnologien, vermieden werden.

In der Provinz suchte man zudem die Vorzüge der Abgeschiedenheit mit den Event-Angeboten der urbanen Zentren zu kombinieren. Damit schuf man eine neue, regionale Attraktivität durch Innovationen. Der Erfolg war nachhaltig: Dachte man in den 90er Jahren bei ländlichen Räumen vor allem an Landflucht, Überalterung, strukturschwache Kommunen, dürftige medizinische Versorgung und schlechte Verkehrsanbindungen, so vollzog sich in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts mancherorts eine rasante Veränderung. Durch vielfältige Anstrengungen wurden die Provinzen an die vielfältige Entwicklungen der Metropolregionen angebunden. Wachstum war also auch auf dem Land möglich und die Abwanderung von Talenten (braindrain) schien nicht mehr zwangsläufig. Dennoch scheint sich etwas grundlegend verändert zu haben. Eine Veränderung, die weit älter und tiefgreifender ist, als die Förderprogramme für strukturschwache Regionen in den vergangenen Jahren. Das Credo vom unendlichen Wachstum in den vergangenen Jahren ist zutiefst erschüttert worden und inzwischen haben es sogar die Grundschüler begriffen, dass der hemmungslose Konsum der Eltern und Großeltern auf Ressourcen basiert, die endlich sind. Versprechen, wie sie Jürgen Bruns deduzierte, überzeugen die Kinder nicht mehr. Diese Kinder sind aber nicht selten die der neuen urbanen Mittelklasse, deren Arbeitsfelder eher die der Wissensökonomie sind, also der wissensintensiven Dienstleistungen in Bereichen wie Forschung, Kommunikation, Design, Planung und Informationsdienstleistungen. Daher geht es um den Transformationsprozess der sogenannten breiten Mitte bzw. der nivellierten Mittelschicht1, die von den 50er Jahren bis Mitte der 80er Jahre des 20.Jahrhunderts das soziale Gefüge der westdeutschen Gesellschaft definiert hat. Einer relativ homogenen Gesellschaft mit einem gemeinsamen Erfahrungshintergrund und einem gesellschaftlichen Wertekonsens. Dass nur drei Parteien (CDU, SPD und FDP) über Jahrzehnte die politischen Geschicke dieser Republik bestimmten, war für diese Gesellschaft bezeichnend. Die nivellierte Mittelschicht war das, was heute noch als Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird. Eine Mehrheit, die es in diesem Sinne gar nicht mehr gibt. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist diese Mitte weitgehend erodiert, d.h.wer das anstrebt, womit man einst in der Mitte der Gesellschaft ankommen und soziale Anerkennung finden konnte, findet sich nun in einer zunehmend fragmentierten Sozialstruktur wieder. Das ist ein Dilemma, denn obwohl es der Mehrheit finanziell vergleichsweise gut geht, ist sie zutiefst verunsichert, denn sie weiß, dass eine Vermögensbildung, wie sie noch den Eltern gelang, für die Jüngeren nicht mehr möglich ist.

Das starrsinnige Beharren auf Ideologeme ist gerade in dieser traditionellen Mittelschicht massiv. Andreas Reckwitz beschreibt in einem Interview die traditionelle Mittelklasse mit folgenden Worten: „Menschen mit mittlerer Bildung, oft in kleinstädtisch-ländlichen Regionen beheimatet, in Einstellung und Lebensführung eher konservativ-traditionell: ein bescheidenes Eigenheim, zwei Kinder, der Kombi steht vor der Tür. Hier finden Sie gewissermaßen das Erbe der einstigen „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“.“ Politisch sind sie meist von der SPD bzw. der CDU geprägt. Es sind Menschen, die sich durch kontinuierlichen Konsum versichern, dass ihre Lebensentwürfe gelungen sind. Statussymbole haben für sie einen hohen Stellenwert. Sie sind Anwender der digitalen Techniken und somit scheinbar auf der Höhe der Zeit, doch sie sind nicht deren Entwickler. Dieser Widerspruch ist spürbar. Sie stehen in der Mitte des Lebens oder sind älter, haben einen relativ hohen materiellen Lebensstandard und empfinden gleichzeitig eine Erosion ihrer Wertvorstellungen. Gegenüber der neuen Mittelschicht der Wissensökonomie in den Metropolen erleben sie sich in einem permanenten Leistungs- und Rechtfertigungsdruck und damit in einer hoffnungslosen Defensive. Es fehlt ihnen am sogenannten kulturellen Kapital. Diese soziale Marginalisierung kann nicht durch die Wirklichkeit der Provinz ignoriert werden und so wird sie zum Nährboden für Abstiegsängste. Das Empfinden der soziokulturellen Marginalisierung kann ein zentrales Motiv sein, weshalb erwachsene Menschen mit einer solch unverhältnismäßigen Vehemenz ihre Ablehnung gegenüber grünen Themen oder einem Mädchen wie Greta Thunberg in den sozialen Medien mit hasserfüllter Wut zum Ausdruck brachten – und immer noch bringen.

Eine Mittelschicht, die mehrere Generationen lang in ihren Haltungen und in ihrer beharrlichen Ausdauer den Erfolg dieser Bundesrepublik verkörpert hat, wird nicht nur in ihren Vorstellungen, sondern auch in ihren Aufstiegsmöglichkeiten in Frage gestellt und so stehen nun Glaubenssätze dieser Lebensentwürfe zur Disposition. Wer will jedoch die Ahnungen herbeireden, die man allerorten wahrnimmt, aber in der eigenen Comfortzone nicht erkennen will? Die Generation, die mit der Globalisierung aufgewachsen ist, handelt gemeinsam mit den Älteren im Glauben an die eigenen Rationalisierungen2 daher konsequent gegen die eigenen Interessen. Sie setzen aus Mangel an solidarischen Visionen auf die Erfolgsmodelle der Vergangenheit, die sie allerdings just in diese Situation gebracht haben. Wenn es aber um Ängste und Glaubensgrundsätze geht, wird der sachliche Dialog schwierig und wo Aufstiegsmöglichkeiten ausgebremst werden, erwachen die eigenen Abstiegsängste. Statt Dialog werden starrsinnige Haltungen artikuliert, doch nicht um zu überzeugen, sondern andere auf sich aufmerksam zu machen. Gerade im ländlichen Raum kann man es sich aber nicht mehr leisten, den Dialog um eine Postwachstumsökonomie zu verweigern. Es geht weniger um ein Verstehen der Menschen, die in diesen Regionen leben, als vielmehr um die neuen Optionen, die mit den notwendigen Neuorientierungen angesichts des Klimawandels verbunden sind. Diese Chancen schwinden, je vehementer der Widerstand gegenüber den Veränderungen in Gesellschaft und Ökonomie wird. In Varel stehen zahlreiche Herausforderungen an: Bildungsarbeit, Biosphärenreservat, nachhaltiger Tourismus, neue Mobilitätskonzepte, Stadtpark, soziokulturelles Zentrum, interkulturelle Kommunikation u.a.m. Es ist an der Zeit, dass in Varel dieser Dialog aufgenommen wird – und zwar jenseits der Illusion vom unbegrenzten Wachstum.

                                                                                                                               Norbert Ahlers

 

1 ) der Begriff nivellierte Mittelschicht geht auf den Soziologen Helmut Schlesky zurück und meint eine Angleichung zwischen der Arbeiterklasse und dem Kleinbürgertum. Gleichzeitig suggerierte der Begriff die Überwindung der sogenannten Klassengegensätze.

2 ) Tiefenpsychololgisch bedeutet Rationalisierung das verstandesmäßige Rechtfertigen eines Verhaltens (Innere Ausrede). Das Ich ersetzt aus dem Es stammende, wahre, aber nicht eingestandene Motive (Motiv, vom Über-Ich verboten) durch unwahre, aber eingestandene Motive (vom Über-Ich nicht verboten). (Quelle: DORSCH Lexikon der Psychologie, Hrsg. Markus Antonius Wirtz) Gemeint sind hier Begründungen wie etwa, dass man z.B. eine Fitnessuhr wegen der motivierenden Selbstkontrolle und den Vergünstigungen bei den Krankenkassen kaufen würde.

Varel aus der Luft, ein Blick aus längst vergangenen Jahren. Es überrascht die innerstädtische Offenheit durch große Grünflächen. Man wünscht sich diese Offenheit in den Köpfen der StadtbewohnerInnen. Bild: Privatbesitz

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Eine Antwort zu Stadtgespräche – lasst uns reden

  1. Axel Schindler schreibt:

    Vielen Dank für diesen kurzweiligen, gut nachvollziehbaren Erklärungsversuch eines gesellschaftlichen Phänomens.
    Gespannt, neugierig, hoffnungsvoll aber auch ein wenig besorgt blicke ich auf die Zeit nach dem unbegrenzten Wachstum.
    Liebe Grüße Axel Schindler

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