Gemeinsames Lernen – eine Herausforderung im steinigen Gelände

Das Niedersächsische Kultusministerium gab vor kurzem dem Antrag der Oberschule Varel auf eine abweichende Organisation der Fachleistungsdifferenzierung in den Schuljahrgängen 9 und 10 der jahrgangsbezogenen Oberschule statt.

Diese Neuigkeit wurde in der vergangenen Woche der Vareler Öffentlichkeit kundgetan und es fand sich ein großer Bahnhof: Andreas Michalke, Sebastian Wosnitza und Sabine Kampmann, sie repräsentierten die Schulleitung der OBS Varel, erläuterten den neuen pädagogischen

Ansatz gegenüber Tanja Mlodzian (Landesschulbehörde Regionalabteilung Osnabrück für den Bereich Varel), Gerd-Christian Wagner (Bürgermeister der Stadt Varel), Sven Ambrosy (Landrat des Kreis Friesland), Miriam Engels-Isigwe (Rektorin der Schlossplatzschule Varel), Ronald Ernst (Hauptsachgebietsleiter für Schulen im Landkreis Friesland), Silke Faulwetter (Regionale Beratungs- und Unterstützungszentren Inklusive Schule RZI Friesland), Reinhold Harms (Bildungsregion Friesland), Franziska Scholl (Barthel-Stiftung) und Sandra Heidenreich und Holger Behnken (beide Schulleitung der Heinz-Neukäter-Schule) sowie Vertreter der Presse. Es fehlten die Schulleitungen des Lothar-Meyer-Gymnasiums und der BBS.

Die Räumlichkeiten von Institutionen haben eine eigene Textstruktur: Das Gebäude vermittelt immer, wie sich der Anwesende in den Räumen zu bewegen hat. Das gilt für Schulen ebenso wie für Gerichte, Kirchen oder Rathäuser.

Die Besonderheit dieses neuen Modells der Oberschule Varel, das tatsächlich singulär in Friesland und Oldenburg ist, zeichnet sich durch die Betonung der Erfahrung der Gruppengemeinschaft aus, die bisher zu wenig Beachtung findet. Die Kontinuität einer Klassengemeinschaft kann SchülerInnen den notwendigen Rückhalt geben, den Heranwachsende brauchen, nicht zuletzt um sich in der Pubertät gegenüber den Ansprüchen des Elternhauses, der Peer-Group und der Konsumgesellschaft eigenständig und stabil zu entwickeln. Dass man nun auch weiterhin in den Klassenstufen 9 und 10 den Klassenverband erhält und im Rahmen der sogenannten Binnendifferenzierung unterrichtet, gilt nachweislich als Vorteil, zumal auch die Klassenleitung als zentrale Bezugsperson für die SchülerInnen in ihrer Verbindlichkeit erhalten bleibt.

Die inhaltlichen Neuerungen der Oberschule, deren Modell seit 2011 in Niedersachsen Standard geworden ist, sind in der Bevölkerung immer noch nicht ernsthaft verstanden worden. In der Öffentlichkeit begreift man die Oberschule als eine Zusammenlegung der Haupt- und Realschule bzw. als die schlechtere Alternative zum Gymnasium. Dass sich die Oberschule gegenüber den alten Schulformen pädagogisch grundlegend anders versteht und auch arbeitet, ist in der breiten Öffentlichkeit immer noch nicht angekommen.

Die Oberschule konzentriert sich auf ein Miteinander, sowohl im Bereich der Inklusion als auch der Integration. Sie setzt auf Kooperation und nicht auf Hierarchie. Das pädagogische Credo für die Oberschule Varel lautet „WIR LERNEN GEMEINSAM“, es geht darum, gezielt Gemeinsamkeiten zu stärken und vor ihrem Hintergrund und aus ihrer Sicherheit heraus auf die Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft vorzubereiten.

Dazu Andreas Michalke, Oberschulrektor der OBS Varel, im Interview:

N. Ahlers: Was sind die Erwartungen an die Lehrer? Was erwarten die Eltern von der Oberschule?

A. Michalke: Anfangs gab es einige Verwirrung wegen der Umbenennung durch die Schulreform. Viel wird immer noch mit den alten Bezeichnungen Haupt- und Realschule gedacht, das heißt man sucht alte, vertraute Elemente wieder zu entdecken. Das wird sich irgendwann demografisch auswachsen. Der Bildungsauftrag ist klar beschrieben, auch in Abgrenzung zur gymnasialen Bildung, wo eben die Studienorientierung fokussiert wird, ist der Hauptschwerpunkt der Oberschule eine Berufsorientierung. Das ist verankert im Niedersächsischen Schulgesetz. Nichtsdestotrotz gibt es auch hier eine Studienorientierung.

N. Ahlers: Wie sind die neuen Prozesse und Herausforderungen in der Erwartungshaltung abgebildet?

A. Michalke: Noch vor der Umstrukturierung zur Oberschule gab es den Trend zu Ganztagsschulen, das war eine gravierende Veränderung in den 90er Jahren, die aber mit der erhöhten Arbeitszeit der Eltern zusammenhing. Das brach die traditionelle Vorstellung von Elternhaus und familiärem Leben auf.

N. Ahlers: Die Ganztagsbetreuung macht ja durchaus den Eindruck des Provisorischen. Es ist nicht so wie in Frankreich.

A. Michalke: Das stimmt, das hatte hier nicht die Tradition und so kann man den Eindruck durchaus bekommen.

N. Ahlers: Ist dieses Credo ‚gemeinsam lernen‘ das neue Profil, mit dem sich die Oberschule gegenüber dem Gymnasium neu positionieren will?

A. Michalke: Das Gymnasium hat im Grunde mit einer ähnlichen Heterogenität zu tun, wie die Oberschule. Es ist ja so, dass das Anwahlverhalten vieler Eltern aus mancherlei Gründen einen ganz starken Andrang in Richtung Gymnasium zeigt. Das dokumentieren die Anmeldezahlen. Das hat zur Folge, dass sich die pädagogische Herausforderung am Gymnasium auch stark gewandelt hat. Die Gymnasien können sich mit ihren klar definierten Leistungsanforderungen von vielen dieser Schüler trennen.

N. Ahlers: Die dann wieder zurückkehren in die Oberschule?

A. Michalke: Ja, genau.

N. Ahlers: Sie erlernen also erst eine massive Frustration, z.B. weil sie die Eltern scheinbar enttäuscht haben, und dann versuchen sie sich wieder neu zu entwickeln?

A. Michalke: Ja, und da gibt es ganz verschiedene Verläufe: Wenn das zu spät geschieht, brauchen die SchülerInnen eine längere Zeit, um mit Erfolgserlebnissen wieder Freude am Lernen und an der Schule zu haben und wir hatten durchaus auch Fälle, wo Kinder das alles erleben mussten und man dann bei den jüngeren Geschwistern bei der Anmeldung dann anders vorgegangen ist.

N. Ahlers: Inklusion, was versteht man hier an der Oberschule ganz konkret darunter?

A. Michalke: Das ist eine Sache, die ja mit dem Motto ‚gemeinsam lernen‘ abgedeckt wird. Also ganz einfach: Neben mir als Schüler kann ein/e SchülerIn sitzen, der/die andere Lernvoraussetzung hat als ich und – so die Idealvorstellung – es gelingt, dass sich beide mit demselben Gegenstand auf dem jeweils angemessenen Anforderungsniveau gemeinsam mit einem Thema befassen.

N. Ahlers: Konzentriert sich Inklusion auf sozial Benachteiligte, auf körperlich und geistig Beeinträchtigte oder auf Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund?

A. Michalke: Wenn man den Begriff benutzt, wie er im Schulgesetz steht, gibt es eben anerkannte sonderpädagogische Unterstützungsbedarfe – Sehen, Hören, KME, Lernen, geistige Entwicklung und sozial-emotionale – und für die gab und gibt es in Niedersachsen eine eigene Förderschullandschaft- Im Förderbedarf Lernen ist es erklärtes Ziel, die Förderschule Lernen auslaufen zu lassen, d.h. dass alle Schüler mit einem Unterstützungsbedarf Lernen inklusiv an Oberschulen beschult werden – aber nicht nur Oberschulen, sondern auch an Gymnasien. Das hängt von der Wahl der Eltern ab, wo sie dann zieldifferent unterrichtet werden. Was den interkulturellen Unterricht angeht, so sind wir hier an unserer Schule in der glücklichen Situation, dass wir im Kollegium auch Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte haben, die so auch veranschaulichen, dass der Lehrerberuf auch für die SchülerInnen eine Option sein kann.

N. Ahlers: Spannend ist, wie sich unter den Bedingungen der Heterogenität ein neues Gemeinsames definieren kann. Erleben Sie so etwas – dass man sich in einer neuen Gemeinsamkeit entdeckt?

A. Michalke: Naja, zum einen ist die Schraubzwinge der Schulpflicht eine Gemeinsamkeit. Man trifft sich hier ja nicht ganz freiwillig; und zum anderen ist es unser Konzept der stabilen Klassengemeinschaften, das ja für uns eine zentrale Rolle spielt, das diese Prozesse extrem begünstigt. Es werden Vorurteile abgebaut, weil man in der alltäglichen Begegnung den konkreten Menschen kennenlernt und nicht auf eine trennende Kategorie beharrt.

N. Ahlers: Der neue Ansatz ‚gemeinsam lernen‘ basiert ja darauf, dass man gemeinsam eine Leistungserwartung auf dem jeweiligen Niveau erfüllt. Sie versuchen somit Leistung individuell zu definieren. Wie entwickelt sich hier die Klassengemeinschaft, wenn doch individuell gelernt wird?

A. Michalke: Nun, es ist insbesondere eine hohe Kunst – und auch eine neue Herausforderung – für unsere Lehrkräfte bei dieser individualisierten Form des Lernens im gemeinsamen Klassenverband. Die Anforderungen werden sich steigern. Alle haben das gleiche Thema, aber einen unterschiedlichen Zugang. Der Lernzuwachs besteht darin, dass die SchülerInnen eben gegenüber diesen Unterschieden bzw. für diese Andersartigkeit ihr eigenes Verständnis und die eigene Empathie entwickeln müssen. Im Streitfall sind dann hier die LehrerInnen auch als Moderatoren gefordert. Das sind Kompetenzen, die jenseits der bloßen Wissensvermittlung liegen. Das ist dann auch der erzieherische Auftrag, den die Lehrkraft hat.

Die Gängen, konzipiert in der 70er Jahren, scheinen licht und offen zu sein, doch sie werden vor allem durch Kunstlicht erhellt.

Bei allem Zuspruch muss aber doch konstatiert werden, dass zum einen Varel ein reales Bildungsproblem hat, denn im Gegensatz zu den Bildungsreformen im 19. und 20. Jahrhundert scheint Bildung nicht mehr für ein Versprechen der Emanzipation und Befreiung zu stehen, sondern nur noch für Kompetenzentwicklung und Valuationsnachweise für den weiteren Ausbildungs- oder Studiengang. Steine lügen nicht und wenn Bauten in Stein formulierte Gedanken sind, dann dokumentieren gerade die Schulgebäude die Zweckorientierung, die offensichtlich die zentralen Ideen dieser Gesellschaft bilden. Sie sind der fragwürdige Konsens, gegenüber dem sich die Lehrkräfte und die Schüler mühevoll behaupten müssen. Die Bauten veranschaulichen auch, wie klein die Freiräume sind, in denen sich Schulleitungen und Lehrkräfte bewegen können.Wenn die zentralen Vorteile des Vareler Modells, eben die Optionen der Fachdifferenzierung (Lernen entsprechend der eigenen Stärken, Interessen und Möglichkeiten) und die Stabilität der Klassengemeinschaft gleichsam zu erhalten, nicht selbstverständlich sind, sondern in Niedersachsen einen experimentellen Schritt darstellen, dann zeigt diese Sachlage die Verengung des gegenwärtigen Bildungssystems und dessen Vertrauenskrise. In § 4 des Niedersächsischen Schulgesetzes heißt es:

„1) Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang und sind damit inklusive Schulen. Welche Schulform die Schülerinnen und Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten (§ 59 Abs. 1 Satz 1).

2) In den öffentlichen Schulen werden Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam erzogen und unterrichtet. (…)“

Solange die Erziehungsberechtigten nicht davon überzeugt werden können, dass ein gemeinsames Lernen und die Entwicklung von Empathie für die besondere Situation des Anderen mehr zählt als der bloße Leistungsnachweis, wird die Oberschule immer noch als eine bloße Zusammenlegung der Haupt- und Realschule begriffen. Somit wird sie als „Restschule“ gegenüber dem Gymnasium missverstanden und es war bezeichnend, dass trotz manch gelungener Kooperation zwischen der OBS und den weiterführenden Schulen bei diesem Termin die Schulleitungen der Gymnasien fernblieben.

Dass zu Schulbeginn unter dem Schatten der Pandemie andere Themen nicht so sehr in den Fokus genommen werden, wie sie es verdienen, ist eine Sache, doch eine ganz andere Sache ist es, dass man in Varel seit der Auseinandersetzung um die OBS Obenstrohe die überfällige Diskussion um die Bildung vor Ort oder auch im Landkreis gänzlich aus den Augen verloren zu haben scheint. Es bedarf mehr solcher Initiativen wie die der Gesamtkonferenz und des Vorstands der Oberschule Varel und öfter solche Ermutigungen wie die des Niedersächsischen Kultusministeriums. Es bedarf mehr solcher Experimente, in denen Erfahrungsräume des Gemeinsamen bei gleichzeitiger Wahrnehmung der Differenzen erlebbar werden. Nicht nur SchülerInnen lernen, sondern auch Institutionen – und auch die Erziehungsberechtigten. Doch das gelingt nur, wenn man der Schule und ihren Zielen Vertrauen entgegenbringt. In Varel ist da noch einiges zu tun.

von Norbert Ahlers

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