Kulturhaus Tivoli – der bestgeeignete Ort

In Varel kommt etwas in Bewegung: In der Drostenstraße entsteht die „Börse der Ideen“ und die alte katholische Kirche wird zu einer „Kunst- und Kulturkirche“ umgestaltet. Für den ehemaligen Güterschuppen am Bahnhof wollte die SPD einen Antrag zur Nutzung als Fahrradstation, Ausstellungs- oder Kommunikationsfläche sowie „flexiblen großen Raum“ für Vorträge, Theater und andere Veranstaltungen stellen (der Antrag wurde inzwischen zurückgezogen). Für das Tivoli hingegen, der inoffiziellen Stadthalle Varels, bleiben nur die Träume von einem soziokulturellen Kulturhaus ähnlich dem „Vereenshus“ in Zetel, die Möglichkeiten einer Rettung und vor allem der Weiternutzung des Gebäudes werden bisher kaum diskutiert. Doch die Zeit drängt, denn im Frühjahr 2021 wird das Tivoli den regulären Betrieb schließen.

Der Grosse Saal des Tivoli – Spielstätte der Niederdeutschen Bühne

Hier zeigt sich eine grundsätzliche Schwierigkeit in der Vareler Kulturarbeit: Trotz einer bemerkenswerten Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement gibt es keine inhaltlichen Schwerpunkte, keinen Zusammenhang und wenig Kooperation. Hintergrund ist das Missverständnis in Varel, dass Kultur nicht Sache der Kommune, sondern der Bürger selbst sein soll. Es ist deswegen ein Missverständnis, weil somit gilt, dass die, die das Vermögen haben in Kultur zu investieren, auch definieren, was in der Öffentlichkeit als Kultur verstanden wird. Schwieriger aber ist, dass sich in Varel viele kleine Initiativen, Vereine oder Einzelpersonen für ein Anliegen oder eine Idee einsetzen, sich jedoch ohne stabile Rahmenstrukturen nach kürzester Zeit erschöpfen oder kaum substantiell weiter entwickeln. Im ländlichen Raum kommt zudem noch eine Neigung zur gegenseitigen Abgrenzung hinzu, die weder Kooperationen noch Innovationen ermöglicht. Unter diesen Bedingungen wird in den meisten Fällen ein dürftiges Mittelmaß erreicht. Der Mangel an Qualität wird dann als Indiz missverstanden, der die Ablehnung für eine substantielle Förderung, sprich eine institutionelle Förderung begründen soll. Statt den Mangel in der kulturellen Bildungsarbeit aufzuarbeiten dient eben gerade dieses Defizit als Grund, alles so zu belassen, wie es ist. So vergewissert man sich einander in dem Glauben, dass man sich in der Provinz nicht den Herausforderungen der Kunst und denen der sozialen und kulturellen Reflexion stellen müsse. Der Konsens ist banal: Kunst darf nichts kosten, solange sie selbst keinen Profit bringt.

Der Garten des Tivoli, der sich direkt an die Deharde-Wiese bzw. den Sportplätzen anschließt

Was aber wäre für Varel der Vorteil und die Besonderheit eines Kulturhauses im Tivoli? Für eine Stadt wie Varel wäre das Tivoli als Kulturhaus für die Niederdeutsche Bühne, für ein längst überfälliges Kino, für eine Literaturwerkstatt und verschiedene Werkateliers ein überzeugender Ort. Das Haus verfügt über drei Säle (Kleiner Saal, Großer Saal und das sogenannte Clubzimmer) und zwei weitere größere Zimmer, also Räume für Probebühnen, Seminarräume, Theater und Konzerte. Hinzu kommen die ehemaligen Hotelzimmer im ersten Stock, die lange Zeit als Wohnung der Pächter dienten. Es braucht wenig Fantasie, sich dort Werkateliers oder Unterkünfte für „Artist in Residenz“-Programme vorzustellen. Eine Gastronomie zum Verweilen und für Gespräche ist auch vorhanden. Der große Garten hinter dem Haus schließt sich an die Deharde-Wiese an und könnte so dem geplanten Sport- und Stadtpark eine sinnvolle Ergänzung sein.

Es reicht nicht aus, dass man in Varel immer nur auf Dangast, das Kurhaus und seinen Rharbarberkuchen hinweist, wenn es um Kultur geht. Dangast ist eine ganz eigene Destination, die in ihrer Geschichte eher unter Varel zu leiden hatte als dass das Dorf von der Stadt profitieren konnte. Varel, das sogenannte Mittelzentrum im Kreis Friesland, steht in Fragen der Kulturarbeit stets im Schatten von Jever und Rastede, von Oldenburg und Wilhelmshaven ganz zu schweigen.

Die kommunalen Gremien und deren Verantwortliche weisen auch immer wieder auf das vielfältige und reiche Kulturleben der Stadt Varel hin und dass man doch vieles im Rahmen der Möglichkeiten unterstütze. Dennoch gilt der Vorbehalt, dass Kultur eher Luxus als Notwendigkeit ist, um den sich die BürgerInnen angesichts der klammen Haushaltskassen selbst kümmern sollen.

Der Kleine Saal – ideal als Probebühne und Tanzsaal

In Baden-Würtemberg formuliert das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Bedeutung der Breitenkultur mit folgenden Worten: „Kulturelles und künstlerisches Engagement ist für viele Menschen zu einem Grundbedürfnis ihres Lebens geworden. Es führt Menschen zusammen, sei es als Akteure oder Publikum. Für eine moderne, hochentwickelte Gesellschaft sind die Identifikation mit Kultur und die Entwicklung neuer künstlerischer Impulse von unschätzbarem Wert.“ Ein solches Engagement braucht offene Orte mit entsprechendem Equipment, d.h. eine Theatergruppe braucht einen Saal und eine Bühne, Maler brauchen Ateliers, FilmemacherInnen brauchen einen Gerätepool und alle brauchen ein Haus, in dem sie arbeiten und einander begegnen können. Es geht um reale Grundbedürfnisse. Kulturelles und künstlerisches Engagement ist nicht nur eine Verständigung kultureller Identitäten in einer komplexer gewordenen Wirklichkeit, es ist auch der ständige Versuch, an den aktuellen Gegebenheiten und Veränderungen teilzuhaben, sie überhaupt zu verstehen. In Baden-Württemberg versteht man unter Breitenkultur die Förderung von Amateurtheater, -musik und der Kleinkunst, zudem die Förderung der Heimatpflege sowie die Unterstützung für Jugendkunst-, und Musikschulen und der kulturellen Jugendbildung.

Förderungen, die auch in Niedersachsen möglich wären, wenn es denn die Kommunen überhaupt wollten bzw. das Kulturengagement ihrer BürgerInnen als Grundbedürfnis anerkennen wollten. Wohl verstanden: Bei dieser Förderung geht es nicht um die Marketing-Events einer Stadt, sondern um die aktive Teilhabe am Kunst- und Kulturleben vor Ort. Will daher Varel der ihr zugeordneten Rolle eines Mittelzentrums gerecht werden, dann braucht die Stadt ein Kulturzentrum mit einer Theaterbühne. Dafür ist das Tivoli mit einer Gastronomie und den Sälen ein ideales Haus, was erhalten werden sollte. Nicht nur, dass man ein historisches Veranstaltungshaus, in dem man sich seit 1901 kontinuierlich zu geselligen Festen traf und trifft, für das Stadtbild erhalten würde und man das Gebäude mit seinem großen Garten dem skizzierten Bewegungs- und Begegnungspark angliedern könnte, es könnte vor allem in seiner neuen Funktion und im Zusammenspiel mit der „Börse der Ideen“ über die Grenzen der Stadt hinaus eine eindrucksvolle kulturelle und innovative Bedeutung entfalten. Will also Varel überregional repräsentiert sein, so wie es Bürgermeister Wagner anstrebt (vgl. den Friebo), dann gelingt dies nur, wenn die Stadt auch ein ernstzunehmendes Angebot in der Jugendförderung, der Breitenkultur und der Kreativwirtschaft vorstellen kann. Das Tivoli wäre dafür der bestgeeignete Ort.

Das Clubzimmer oder auch ein Ort für ein kommunales Kino Varel

 

Norbert Ahlers

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.