Der Mangel an Ideen als strukturelles Defizit

Politik ist mehr als nur die Gunst der Gelegenheit, sie ist die Kunst sozialer Gestaltung.

Interessant war eine kaum beachtete Aussage des Vareler Kämmerers Jens Neumann, der im August beim Finanzausschuss der Stadt Varel bei den Defiziten des kommunalen Haushaltes von einem „strukturellen Defizit“ sprach. Er meinte damit schlicht, dass die Kommunen immer mehr neue gemeinnützige Aufgaben bewältigen müssen, aber nicht neue Einnahmen generieren können. Doch statt einer komplexen Diskussion um diese Defizite, will man die Strukturen nur weiter belasten, in dem man Steuererhöhungen erwägt. Die Defizite scheinen somit als Legitimation für die politischen Fehlentscheidungen und den Mangel an politischer Vorstellungskraft zu dienen. Grund für die Defizite sind Aufgaben, die der Kommune von Außen aufgebürdet wurden, so etwa der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Das entsprechende Förderprogramme die Kommunen unterstützen, bleibt dabei eher unerwähnt.

Viel gravierender erscheinen zwei Aspekte, die in der Regel in der Kommunalpoltik ausgeblendet werden: Die Haltung einer Gleichgültigkeit gegenüber argumentativer Gedankenarbeit und eine gegenseitige Herabsetzung der jeweiligen Beteiligten. Beides sind Indizien eines mangelnden Selbstvertrauens in die eigene Ausdrucksfähigkeit und einer Sehnsucht nach simpler Überschaubarkeit. Beides sind auch Indizien, wie fragil der soziale Zusammenhang in einer Kommune ist.

Wer sich aufmerksam in den Zusammenhängen der Kommunalpolitik bewegt, ist immer wieder überrascht, mit welcher Ambivalenz sich die Räte und Verwaltung nicht selten begegnen: Mit Geringschätzung und Vertrautheit.

Die Stadtverwaltung hat ob der Unprofessionalität der ehrenamtlichen Mandatsträger in der Regel eine bescheidene Meinung von Stadträten und die wiederum begreifen die Verwaltungsangestellten oft nur als die bloßen Exekutivorgane ihrer politischen Hoheitsgewalt. Vertraut ist man einander, weil alle in zahllosen Sitzungen viele Stunden miteinander verbringen, miteinander telefonieren und die jeweiligen Mails und Schriftsätze lesen. Gemeinsam ist beiden Seiten letztlich aber vor allem das Gefühl, dass man sich gegenseitig entsprechend der jeweiligen politischen Rolle und Mehrheit eine gesellschaftliche Relevanz suggeriert.

In dieser seltsamen Ambivalenz zwischen Vertrautheit und Geringschätzung werden vor allem praktische Effekte und Lösungen verhandelt, nicht aber Gedanken ausgetauscht oder gar Ideen diskutiert und entwickelt. Seitens der Stadträte wird mehr darauf geachtet, von wem etwas mit welchem Hintergrund geäußert wird und nicht, was gesagt wird. Es werden nicht die geäußerten Gedanken nachvollzogen oder sie in ihren Widersprüchen widerlegt. Es werden vielmehr in der Bequemlichkeit des Jargons die vorab geklärten Positionen schlicht behauptet und dann die Stimmkarten erhoben. Eine politische Kontroverse wird somit konsequent vermieden – und das ist in der Tat ein strukturelles Defizit in Varel.

Will man in Varel ernsthaft die Defizite im kommunalen Haushalt angehen, dann gilt es eine andere politische Kultur zu entwickeln, in der gemeinsam gestritten wird, Gedanken und nicht Ressentiments entwickelt werden. Vor allem sollte man im Rat sowohl die Vorstellungskraft und den Mut erarbeiten, neue Wege zu denken und sie auch gemeinsam zu gehen. Die Kommunalpolitiker brauchen mehr Zeit, um Sachverhalte nachzuvollziehen und in Gesprächen auf Seminaren und Barcamps mit Bürgern und Bürgerinnen die Belange zu verstehen. Politik ist mehr als nur die Gunst der Gelegenheit, sie ist die Kunst sozialer Gestaltung. Die Haltung, dass ein Problem erst dann angegangen wird, wenn es nicht mehr verleugnet werden kann, ist ein Verhältnis zur Wirklichkeit, das sich niemand erlauben kann – schon gar nicht an der Küste. Zukunftsorientiert nachzudenken heißt heute miteinander im Gespräch zu sein und immer wieder zu lernen.

Norbert Ahlers

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Ein Knoten in Varel

Hellmut-Barthel-Straße / Quelle: Stadt Varel

Es braut sich etwas zusammen, das sich in einer Kostenexplosion entladen könnte: Der Knotenpunkt an der Hellmut-Barthel-Straße.

Die Stadtverwaltung hat am 09.07.2019 im Ausschuss für Stadtentwicklung, Planung und Umweltschutz den konkretisierten Entwurf für den Sportpark vorgestellt. Die besondere Schwierigkeit ist die verkehrstechnische Anbindung, denn über die jeweiligen Zufahrtstraßen des Langendammer Sportgeländes, den Herrenkampsweg und die Schuhmacherstraße, wird der prognostizierte Verkehr nicht zubewältigen sein. Daher heißt es in der entsprechenden Präsentation:

Die Erschließung erfolgt für den motorisierten Verkehr von der Hellmut-Barthel-Straße über eine Verlängerung der Straße im Bereich des ehemaligen Fußballgolf-Geländes. Der dortige Knotenpunkt soll eine Ampelanlage erhalten. Über die gleiche Zuwegung (dann allerdings über eine geschützte Nebenanlage) können die Fußgänger und Radfahrer aus Richtung Norden den Sportpark erreichen.

die geplante Entflechtung des Knotenpunktes /Quelle: Stadt Varel

Dieser Knotenpunkt entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein ausgesprochen schwieriger Knoten: Nicht nur, dass die notwendige Verbreiterung der Hellmut-Barthel-Straße als Baustelle den Lieferverkehr der Papier- und Kartonfabrik Varel (PKV) temporär beeinträchtigen wird (Vgl. nebenstehendes Luftbild); auch die Ampelanlage wird seitens der PKV ausgesprochen kritisch gesehen. So äußerte sich Sönke Klug, Unternehmenssprecher der PKV, mit folgenden Worten:

Pro Tag erreichen im Durchschnitt 300 bis 350 LKW unser Werk, die uns vor allem unseren Rohstoff Altpapier (…) liefern. Im Interesse einer effizienten und nachhaltigen Logistik organisieren wir die Verkehre so, dass möglichst viele dieser LKW wieder beladen mit fertigen Produkten für unsere Kunden das Werk verlassen und nicht leer kommen oder leer abfahren. (…) Angesichts des Verkehrsaufkommens sind wir nicht davon überzeugt, dass eine Ampelanlage an der beschriebenen Stelle eine gute Lösung wäre. Wir befürchten unter anderem erhebliche Rückstaus zu der nahen Ampelanlage an der Kreuzung zur B437.“

Klug geht davon aus, dass der Bedarf an umweltfreundlichen Verpackungen aus Altpapier steigen wird und der Betrieb stellt sich auf diese wachsende Nachfrage ein. Daher rechnet er damit, „dass die Zahl der LKW-Verkehre dadurch in den nächsten Jahren um 10 bis 15 Prozent steigen könnte.“ Dass diese Perspektive ernstzunehmen ist, zeigt sich nicht zuletzt in den umfangreichen Investitionen der PKV, mit der der Vareler Standort modernisiert wird. Die PKV beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter und ist als bedeutende Arbeitgeberin bei der Diskussion um die Entwicklung des Sportparks kaum zu ignorieren.

Wenn das geplante Wettkampfstadion (Typ B) und der neue Kunstrasenplatz realisiert werden, dann ist an diesem Knotenpunkt nicht nur mit einem Stau des Lieferverkehrs zu rechnen, sondern auch ein stetig wachsendes Aufkommen an Individualverkehr zu erwarten. Es wird nicht nur der Verkehrsfluss der PKV empfindlich gestört werden, sondern die Planung der Stadtverwaltung zeigt auch, wie wenig zukunftsorientiert das Verkehrskonzept der Stadt Varel ist: Die von Bürgermeister Wagner immer wieder betonten stadtpolitischen Entwicklungsimpulse, die er durch den Sportpark Langendamm erwartet, sind bisher nur in einem greifbar: Es wird mehr Individualverkehr mit dem Auto geben und den Warenverkehr der PKV behindern.

Es wird auch kaum jemanden in Varel überzeugen, dass just an dieser Kreuzung die Schüler auf dem Weg zum Sportunterricht oder Jugendliche zum Vereinstraining mit dem Fahrrad die Straße sicher überqueren können, an der es 2018 – ebenfalls an einer Ampelkreuzung – zu zwei schweren Unfällen kam, bei denen Sattelzüge Fahrradfahrer lebensgefährlich verletzten.

Das kann nicht die Lösung sein und eine Ausweitung der Hellmut-Barthel-Straße zu einer mehrspurigen Zufahrtstraße inklusive Unterführung für Fußgänger und Fahrradfahrer, ist sehr wahrscheinlich kaum finanzierbar oder eben nur, wenn man eine Kostenexplosion in Kauf nimmt.

von Norbert Ahlers

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Die „brutalstmögliche“ Sanierung

In diesen Tagen fühlen sich viele Vareler Bürger in der Diskussion um den Erhalt des Waldstadions an die Vorgänge in Dangast um 2013 erinnert. Peter Beyersdorf hat auch knapp und präzise die Übereinstimmungen beschrieben und es kommt einem in der Tat so vor, als wollte die Stadtverwaltung einen Coup nochmals versuchen.

Doch es gibt Unterschiede: Während man seinerzeit in Dangast einen finanziell maroden Kurbetrieb in der „brutalstmöglichen“1 Form sanieren wollte, der einen ebenso sanierungsbedürftigen Kommunalhaushalt belastete, so wird nun in Varel kein Handlungszwang begründet. Hier beschränkt man sich allein auf die in Aussicht gestellten Fördergelder. Der seit langem geäußerte Wunsch der Rasensportvereine nach einem ganzjährig nutzbaren Sportplatz mutierte in den Büros der Stadtverwaltung zu einem Sportzentrum, dessen Entwicklungspotenzial den Bau eines neuen Hallenbades, neuer Sporthallen, weiterer Feldplätze und einer Veranstaltungshalle mit 400 – 800 Plätzen beschreibt.

Für all dies sollen zwecks Gegenfinanzierung die Flächen des Waldstadion-Areals verkauft werden – und wenn Bürgermeister Wagner von der Notwendigkeit eines Entwicklungskonzeptes Windallee spricht, dann dürften mittelfristig auch das Tivoli samt Parkplatz, die Weberei2 und das Schulgelände der Heinz Neukäther Schule/Pestalozzi-Schule zur Disposition stehen.

Dem blumigen Strauß an Versprechungen und Möglichkeiten, die sich in Langendamm bald entfalten sollen, steht ein Mangel an plausiblen Sachargumenten gegenüber. Es überrascht auch, wie selten Statements der Stadträte von SPD, CDU, FDP und BBV in den lokalen Medien zu lesen sind. Es ist, als würde sie ihren eigenen Visionen nicht glauben. So ist dieser Text hier eine Skizze, die sich aus einzelnen Mosaiksteinen zusammensetzt. Mosaiksteinen, die so zusammengestellt eine Art von Phantombild ergeben:

Anfang 2018 konstatierte man, dass es im Landkreis und somit auch in Varel vor allem an kleineren, preisgünstigen Mietwohnungen mangele. Zwar zeichnet sich mit dem demografischen Wandel ein Bevölkerungsrückgang ab, doch im Segment der kleineren, preisgünstigeren Mietwohnungen würde sich ein Mangel entwickeln. Ebenso im Bereich des sozialen Wohnungsbaus, der lange Zeit vernachlässigt wurde. Ein Jahr später, am 31.12.2018 äußerte sich Bürgermeister Wagner gegenüber der NWZ, dass demgegenüber die Entwicklung der Einwohnerzahl die Attraktivität der Stadt Varel dokumentiere. Daher wäre es das Ziel der Stadtverwaltung, Bauland zu entwickeln. In der Stadtplanung setze man hier auf die sogenannte Nachverdichtung. Im Juli 2019 wurde der bundesweit beachtete IW-Report 28/2019 „Ist der Wohnungsbau auf dem richtigen Weg“ von R. Henger und M. Voigtländer veröffentlicht, der für den Landkreis Friesland eine 178% Überversorgung an fertiggestelltem Wohnraum konstatierte. Einfach gesagt: Es wurde fast doppelt so viel gebaut wie gebraucht wurde. Damit – und das ist das wirklich Kuriose – zeigt Friesland die gleiche Tendenz wie etwa die Landkreise Wittmund (167%), Schaumburg (190%), Vogelsbergkreis (230%), Nordfriesland (230%) u.a.m. Allesamt ländliche Gebiete mit touristischen Erholungswert, die für die Mittelschicht ideale Immobilienangebote als Kapitalanlagen zu bieten scheinen.

In Friesland kommt aber noch ein weiteres Moment hinzu: Es steigen die Wohnungspreise stärker als die Mietpreise3, d.h. es ist langfristig günstiger zu mieten als eine Wohnung zu kaufen. Wer also baut, will vor allem vermieten – und das nicht an eine finanzschwache Klientel. Man baut weniger für den Eigenbedarf oder aus Interesse an einer biederen Kapitalanlage, sondern spekuliert auf einen stabilen Profit. Sollte sich der Markt weiterhin so entwickeln, dann ist eine Wertsteigerung der Immobilie ohnehin zwangsläufig. All das ist in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft nichts Anrüchiges, doch geschieht dies auf Kosten öffentlicher Ressourcen, dann ist Widerspruch Pflicht.

In Varel, wo man sich auf die Nachverdichtung konzentriert, sollen das Waldstadion, der Schlackeplatz und die Deharde-Wiese zu Bauland umgestuft werden. Die Flächen zwischen Windallee und Steinbrückenweg sind in ihrer Lage nur potenziell wertvoll. Erst durch eine Umwidmung der Nutzung könnten sie ihren spekulativen Wert entfalten, d.h. würde die Stadt die 25.000 m² im günstigen Fall für 180,- €/ m² verkaufen, so wäre das ein Erlös von 4.500.000 €. Davon müssten die Erschließungskosten für das Areal wiederum abgezogen werden. Diejenigen, die nun aber dieses Bauland verkaufen und bebauen, würden dann den Wert dieser Flächen um ein Vielfaches steigern, so dass man wohl durchaus von mindestens 15 Millionen € sprechen kann. Diese Wertsteigerung aber ist allein in privater Hand und der Kommune bzw. den Einwohnern endgültig entzogen. Die Bebauung wird wohl kaum bedarfsorientiert sein, d.h. kleinere, günstigere Mietwohnungen mit sozialgebundener Mietpreisbindung. Auch stehen die Einnahmen, die hier durch die Grundsteuer generiert werden könnten, in keinem Verhältnis zu den privaten Gewinnen.

Der Restrukturierungsmanager Johann Taddigs, der nun auch im Gespräch ist für die Leitung des neuzugründenden Eigenbetriebes „Wohnungswirtschaft der Stadt Varel“, dürfte in seiner unsentimentalen Art so umsichtig vorgehen, wie er es in Dangast schon gezeigt hat: brutalstmöglich.

Man kann sagen, dass dieses Mosaik, was hier skizziert ist, nicht stimmig ist, dass es viele leere Stellen hat und man überhaupt das Positive vermisst, doch ich möchte zu bedenken geben, dass diese Zeilen nur ein Versuch sind, hinter der zaghaften Argumentation, den dürftigen Projektbegründungen, den übereilten Entwurfskizzen4 und den blumigen Versprechungen der Stadtverwaltung einen Sinn zu erkennen. Es ist der Versuch, die Zusammenhänge zu verstehen, weshalb ein Bürgermeister so massiv auf eine fantasielose Projektskizze beharrt, ohne sie substantiell in ihrer Notwendigkeit oder gar in ihrer sozialen Vision begründen zu können. Offensichtlich geht es nicht um den Sport, sondern um die postulierte Attraktivität der Stadt Varel, die aber gerade mit den geplanten Baumaßnahmen der Stadtverwaltung irreversibel beschädigt werden würde5. Ist dieses Mosaik- oder Phantombild nicht zutreffend, dann darf ich allerdings erwarten, dass man meine Überlegungen argumentativ widerlegt.

Im Kern wird das Förderprogramm zur Sanierung kommunaler Sportstätten hier in Varel auf eine bloße Wirtschaftsförderung reduziert. Der Sport selbst ist für die Stadtverwaltung das Vehikel, mit dem der lokalen Immobilien- und Bauwirtschaft neue Ressourcen auf Kosten des öffentlichen Eigentums und der Daseinsvorsorge zugeführt werden soll. Die Privatisierung der öffentlichen Flächen Waldstadion, Schlackeplatz, Deharde-Wiese, Weberei und Tivoli wäre für die Stadt Varel nicht nur ein kulturhistorischer Verlust, es wäre auch der unwiederbringliche Verlust eines innerstädtischen Erholungsraumes mit unvergleichlichem Entwicklungspotenzial für einen lebendigen Ort als öffentlichen Raum der Begegnung und des Zusammenlebens.

von Norbert Ahlers

Eine alte Kreuzung in Varel, die die Neue Straße und Hindenburgstraße zusammenführte. Links im Bild eine Grünfläche, der alte Stadtfriedhof, heute eine Parkplatzfläche an der B 437.  – Bild: Villa Schmalfilm

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1) Wortschöpfung vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Bedeutung laut Duden „ohne jegliche Rücksichtnahme“.

2) Bei der Bürgerfragestunde sagte Wagner, dass er mit den Jugendlichen schon im Gespräch sei, einen neuen Standort für die Skaterbahn zu erörtern und das Biker-Gelände im Entwurf des Langendammer Sportpark ist nicht weniger beredt.

3) Es erstaunt doch, wenn im Vergleich des Kauf-Miet-Verhältnisses der Landkreis Friesland (wie auch der Vogelsbergkreis und Nordfriesland) die gleiche Dynamik zeigen wie die Städte Düsseldorf, München, Stuttgart, Berlin und Hamburg, also die Brennpunkte der aktuellen Wohnungsnot. Nicht, dass die Situation in Friesland mit der in Hamburg zu vergleichen ist,  die bizarre Gemeinsamkeit verblüfft dennoch.

4) Beispiel: So findet sich in der Entwurfsskizze ein Badmintonfeld unter freiem Himmel. Badminton ist ein Hallensport. Meint man aber Crossminton, so sollte das Feld auch als solches bezeichnet werden. Allerdings spielt kaum jemand in Varel diese Variante des Badmintons.

5) Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der geplante Sportpark Langendamm mit all seinen möglichen Erweiterungen sich im Ergebnis ebenso unbeeindruckend entpuppen wird, wie der Seekurpark in Dangast.

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Anders ist besser

Von dem Vorschlag, der sowohl besser durchdacht als auch kostengünstiger ist.

Bürgerpark Waldstadion

Entwurf vom Förderkreis Bürgerpark Waldstadion (Bild: © J.Spanjer)

Der Bürgerpark Waldstadion (s.o.) ist eine reale Alternative zum Entwurf der Stadtverwaltung. Bürgermeister Wagner bezeichnete ihn allerdings in einer Stellungnahme in der NWZ vom 26.07.2019 jüngst als ein „ganz anderes Projekt.“ Es ist insofern tatsächlich ein anderes Projekt, als es schlicht das bessere ist. Besser in der Lage, besser in der skizzierten Konzeption, besser in der inhaltlichen Begründung und nicht zuletzt auch besser in der Finanzierung.

Nimmt man die Zahlen der Projetskizze FRI_SpoBuePark (Titel: „Sanierung der Sportstätten Langendamm und Windallee durch Errichtung eines zentralen Sport- und Bürgerparks am zu sanierenden Standort Langendamm sowie Aufgabe des Standortes Windallee im Rahmen des Sportstättenentwicklungskonzeptes“), die die Stadtverwaltung in Berlin eingereicht hat, dann fällt auf, dass 2019 allein 1.539.000 € nur für Grunderwerb (800.000,-), Planung (357.000,-) und Verkehrserschließung (382.000,-) verausgabt werden, jedoch kein Cent für eine Sanierungsmaßnahme. Erst 2020 werden 1.173.000 € in einen Sportplatz investiert, 2021 dann nochmal 1.150.000 € in die weiteren Plätze.

Im Jahr 2023 sind dann noch einmal 983.000 € für das Vereinsheim eingeplant.

Das sind 3.899.000 für die Sportstätte Langendamm. Dem gegenüber stehen 3.665.000,- € für den Zeitraum 2019 – 2023 allein für Planung und die Verkehrserschließung. Anders gesagt: Die Sportstättensanierung ist zu 50% eine Verkehrsförderung, primär für den Autoverkehr.

All dies wäre mit dem Entwurf des Förderkreises Bürgerpark wesentlich kostengünstiger und bedarfsgerechter zu realisieren. Die Instandsetzung des Rasenplatzes im Waldstadion kann mit 250.000,- €, die der Kleinfelder, Finnbahn, Umkleidekabine, Begrünung u.v.m. mit 450.000,- €, die Planung mit 300.000,- € und die Naturbühne nebst Pavillon mit 700.000,- € veranschlagt werden. Dabei könnte die Naturbühne an einem solch zentralen Ort in der Stadt sehr wahrscheinlich durch Sponsorengelder kofinanziert werden. Das wäre insgesamt ein Kostenvolumen von 1.700.000,- €.

Für Langendamm stünden somit 2.300.000,- € zur Verfügung plus dem notwendigen Eigenanteil der Kommune. Mit diesem Geld wäre ein ganzjährig bespielbarer Feldplatz und ein separater Tunierplatz zu finanzieren, ohne dass der kommunale Haushalt ernsthaft belastet würde.

Weshalb aber insistiert Bürgermeister Wagner so vehement auf den wesentlich kostspieligeren Entwurf der Stadtverwaltung?

Es gibt viele Vermutungen, die jedoch nicht belegt werden können. Somit müssten schon für 2019 die Ausgaben zum Grunderwerb in Langendamm gebunden sein, denn nach Auskunft des Bürgermsieters wurden schon Flächen per Handschlag angekauft. Allerdings muss man durch die überraschende Kostensteigerung eines notwendigen Grundstücks nochmals neu kalkulieren. Zudem wurde auch schon ein Planungsbüro wurde beauftragt. Es geht also hier immerhin um 1.157.000,- € für den Flächenerwerb und die Planung, die schon fest gebunden wurden und bei Nicht-Erfüllung wahrscheinlich auch regressflichtig würden. Ausgaben, die laut Projektskizze für 2019 mit 813.900,- € durch Bundesmittel alimentiert werden sollten. Ohne eine endgültige Zusage seitens des BBSR, die erst noch in einem Gespräch am 30.09.2019 bestätigt werden muss, hat man also schon kommunale Gelder ausgegeben.

Insofern ist der alternative Entwurf des Förderkreises Bürgerpark Waldstadion für den Bürgermeister ein ernsthaftes Dilemma, denn er ist effektiver und kostengünstiger. Die notwendigen Flächen sind schon im Besitz der Kommune und die innovativen Impulse einer nachhaltigen Stadtentwicklung für Varel liegen auf der Hand. Das dürften auch die Kriterien sein, die in Berlin und Bonn überzeugen. Ein ausführliches  Begründungsschreiben in diesem Sinne liegt dem Ministerium vor.

von Norbert Ahlers

bürgerpark. jpg

Mit ein wenig Fantasie: Die Fläche, auf der man ein Kleinfeld, eine Naturbühne, Blühwiesen und ein Pavillon errichten könnte – und alles mit Blick auf das Zentrum der Stadt.

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Bürgerpark Waldstadion

Reden wir mal über Alternativen

Bei der Kundgebung für den Sport- und Bürgerpark in Langendamm am 02.07.2019 hieß es von Seiten der Vereine, es sei besser für etwas zu sein, als gegen etwas. Das übersieht die Tatsache, dass es Alternativen jenseits des Schwarz-Weiß-Denkens gibt und man zugleich für einen Turnierplatz in Langendamm und für einen Bürgerpark im Waldstadion sein kann.

Bürgermeister Wagner äußerte in der vergangenen Sitzung des Ausschusses für Schulen, Kultur und Sport am 24.06.2019 gegenüber Werner Vogel, dass seitens des Bundes von den Antragsstellern erwartet werde, dass man mit der Sanierung von Sportstätten städteplanerische Impulse setzen müsse, man also keine 08/15-Sportstättensanierungen darunter fassen könne. Dieses Geld bekomme man für gewichtige Maßnahmen. Die „Trauben dieses Antrags“ hingen hoch und so waren die Kriterien für die Projektskizze eine Herausforderung. Liest man jedoch die formellen Kriterien des BBSR , dann findet man von alldem kein Wort. Dort heißt es vielmehr: „Gefördert werden investive Projekte mit besonders sozialer und integrativer Wirkung. (…) Ein Qualitätsmerkmal der Projekte ist eine gute Einbindung in das städtische Umfeld. (…) Die Zweckbindung ist die Sanierung der kommunalen Infrastruktur.“ Aspekte, die umstandslos für alle Sportstätten Varels gelten, auch und vor allem für das Waldstadion. Die besondere Schwierigkeit für die Stadtverwaltung bei der Antragsskizze war weniger die Erwartungshaltung, wie man eine „gewichtige Maßnahme“ entwickelt, sondern wie man den eigenständigen Neubau einer Sportstätte so beschreibt, dass er als Ersatzneubau interpretiert werden kann. In den Antragsformalien steht eindeutig, dass der Altbau einer Sportstätte abgerissen werden muss, da „es sich sonst um einen eigenständigen Neubau handelt, nicht um einen baulich unmittelbaren Ersatz. Ein Ersatzneubau muss im Wesentlichen den gleichen Charakter haben wie vorher (einschließlich neuerer Anforderungen und Auflagen). (…) Gibt es zudem eine Erweiterung, die nicht unwesentlich ist, muss diese aus der Gesamtsumme des Projektes herausgerechnet werden. Unwesentliche, den ursprünglichen Charakter nicht verändernde Erweiterungsbauten sind förderfähig. (…) Grundsätzlich soll die örtliche Unmittelbarkeit für den Ersatzneubau gegeben sein. Damit ist ein Ersatzneubau an anderer Stelle im Stadtgebiet nicht möglich.“ Ausnahmen sind möglich, müssen aber zwingend begründet und belegt sein. Diese Begründung aber bleibt die Projektskizze weitgehend schuldig, denn dort heißt es nur: „Das Projekt ist das zentrale Schlüsselprojekt – quasi der Startschuss zur Umsetzung des SSEK der Stadt Varel. Mit der Sanierung gleich zweier Sportstätten entstehen deutliche stadtentwicklungspolitische Impulse.

Die Zusammenführung an einem Standort führt zu einer enormen Entlastung sowie besonderer regionaler und überregionaler Wahrnehmbarkeit. (…) Der SBP fügt sich in das Wohnumfeld Langendamm/Innenstadt städtebaulich ein und liefert unter baukulturellen Aspekten eine interessante, qualitative Erweiterung.“ (vgl. Projektskizze, Begründung des Projektes).

Zusammengefasst: Das zentral gelegene Waldstadion mit den angrenzenden Flächen wird verkauft und bebaut, um in Langendamm seinen Ersatz zu finden. Diesen Flächenverkauf bezeichnet man gegenüber dem Bund als Sanierungsmaßnahme und erklärt, dass man in Langendamm städteplanerische Impulse schafft. Diese aber werden nicht benannt und verfolgt man die aktuellen Entwürfe, so ist der einzige Impuls ein Zuwachs an Autoverkehr in Langendamm bzw. auf der Barthelstraße.

Bürgermeister Wagner hat in der oben genannten Ausschusssitzung auch zugegeben, dass er keine Alternative zu den präsentierten Entwürfen hat entwickeln lassen. Trotzdem gibt es – schon seit 2013 in den Skizzen von Jens Pöhlandt, Gymnasiallehrer am LMG und Fachbereichsleiter Sport, einen Gegenentwurf, der bisher offensichtlich konsequent ignoriert wurde. In den Kreisen, die sich für den Erhalt des Waldstadions einsetzen, kursiert zudem der durchaus begründete Entwurf eines Bewegungs- und Bürgerparks Waldstadion bei gleichzeitiger Sanierung eines erweiterten Tunierplatzes in Langendamm. Würde in Langendamm der Feldplatz dergestalt saniert werden, dass er den neuen Wettkampfkriterien entspricht und man auf den vorhandenen Flächen zwischen Windallee und Steinbrückenweg eine Version des Volksparks für Training, Bewegung und Erholung entwickelt, wäre die Fianzierung mit Förderung und bestehenden Eigenmitteln gewährleistet. In dieser Konstellation würde die Stadt Varel tatsächlich stadtentwicklungspolitische Impulse setzen. Die kommenden Generationen der Stadt werden es zu schätzen wissen, wenn heute eine zentrale, innerstädtische Grünfläche als Bewegungs- und Bürgerpark zum Erholungsort gesichert wird.

Bürgerpark-Waldstadion-klein

Schlicht zusammengefasst sprechen folgende Punkte für die Sport-und Trainingsflächen Windallee/Steinbrückenweg:

  • sie liegen in zentraler Lage der Stadt Varel und sind vor allem für die Schulen im Stadtgebiet die direkt erreichbaren Sportflächen,
  • sie hätten einen sozial integrativen Charakter, weil auch Jugendliche ohne Vereinszugehörigkeit gegenwärtig dort gerne kicken,
  • sie stellen räumlich mit der Umgebung einen historisch gewachsenen Stadtraum dar (was die Kommune mit der Erhaltungssatzung auch anerkannt hat), sie bilden eine räumliche Einheit zur Freizeitfläche Weberei,
  • sie haben für die zukünftige Stadtentwicklung der Stadt Varel einen unschätzbar hohen Wert, denn im Zusammenhang mit dem Wald stellen sie einen innerstädtischen Erholungsraum von unvergleichbarer Qualität dar,
  • sie haben mit dem Haus Tivoli und der Heinz-Neukäter-Schule/Pestalozzischule zwei weitere wichtige Bezugspunkte kommunaler Aufgabenbereiche (Kultur und Bildung), die ein enormes bildungskulturelles Potenzial darstellen.

Eine soziokulturelle Nutzung dieser Areale wäre genau der Aspekt und Impuls, an die das Bundesinnenministerium und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) gedacht – und die es erwartet hat. Demgegenüber erschreckt die Vorstellung Wagners, Varel auf die Überholspur bringen und endlich Gas geben zu wollen– so seine Worte auf der Veranstaltung am 02.07. auf dem Sportplatz Langendamm vor den Fußballvereinen. Wer mit Vollgas auf der Überholspur dahin jagt, hat vor allem Lust, sich in dem machtvollen Gefühl der Geschwindigkeit zu spüren, ohne dabei die Umgebung, durch die er rast, wahrzunehmen. Verantwortungsvolle Politik aber im Sinne der Stadt setzt darauf, dass Bestehende zu wahren, um Zukunft zu ermöglichen.

waldstadion-varel

 

von Norbert Ahlers

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Varel: Wenn mit heißer Nadel gestrickt wird

Vareler Waldstadion, Linoldruck N.Ahlers 2018

Vareler Waldstadion, Linoldruck N. Ahlers 2018

Wir müssen uns irgendwann entscheiden. Die Stadtverwaltung arbeitet mit ganz heißer Nadel und sie wird das auch weiter tun.“ (Bürgermeister Wagner in der Ausschusssitzung vom 4.6.2019, zitiert NWZ 06.06.2019)

Mit diesen Worten hat der Vareler Bürgermeister nichts anderes gesagt, als dass die Stadtverwaltung gegenwärtig unter ausgesprochenem Zeitdruck und damit vor allem fahrlässig arbeitet, denn in diesem Sinne wird dieses Idiom herkömmlich verwendet. Diesen Vorwurf würde Herr Wagner aber so nicht stehen lassen – und das auch mit Recht, denn tatsächlich arbeitet die Stadtverwaltung ungewöhnlich zielorientiert auf die Realisierung des neuen Sportparks Langendamm und auf den Verkauf des Waldstadions hin.

Die Projektskizze des Antrags auf Bundesfördermittel lautet im Titel: „Sanierung Sportanlage Langendamm und Windallee durch Errichtung eines zentralen Sport- und Bürgerparks am zu sanierenden Standort Langendamm sowie Aufgabe des Standortes Windallee im Rahmen des Sportstättenentwicklungskonzeptes“.

Wohl gemerkt: Es geht um die Sanierung zweier Standorte, die aber praktisch den Verlust des eines zentralen Platzes zugunsten des anderen in der Randlage darstellt. Dabei wird der Sanierungsbedarf des Waldstadions im Rahmen der Informationsveranstaltungen und Ausschusssitzungen zum Sportstättenentwicklungskonzept als so umfangreich beschrieben, dass man den Eindruck bekommt, eine Sanierung wäre kostspieliger als ein Neubau andernorts. Der konkrete Nachweis dafür aber in Form einer seriösen Kostenkalkulation für Investitions- und Betriebskosten wird seitens der Stadt Varel nicht erbracht. Im Gegenteil: Mit Hinweis auf einen umfangreichen Diskussionsprozess bei gleichzeitigem Zeitdruck durch Förderfristen betont man immer wieder, dass noch nichts entschieden sei. Wenn denn nicht fehlerhafte Fahrlässigkeit die Arbeit des Stadtrates und der Verwaltung kennzeichnet – ein Vorwurf, dem gegenüber sich der Bürgermeister vehement verwahrt – dann hat dieses Vorgehen offensichtlich Methode: Die Sportstätten in der Windallee (Waldstadion und Kleinplätze), zeigen von allen Sportplätzen den größten Sanierungsbedarf, weil die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren eine adäquate Instandhaltung vernachlässigt haben.

2013 zeigte ein Investor sein deutliches Interesse an innerstädtischen Grünflächen wie etwa an dem Weberei-Gelände, das in unmittelbarer Nähe zum Waldstadion liegt. Die Bebauung, die damals noch verhindert werden konnte, dürfte allerdings über die Jahre weiterhin Begehrlichkeiten provoziert haben. Die dynamische, doch zusammenhangslose Bauentwicklung im sogenannten Waldviertel (ehemaliges Kasernengelände) seit 2015/16 wird ihr übriges dazu beigetragen haben. Bürgermeister Wagner betont in den Sitzungen immer wieder die Impulse für die Vareler Statdtentwicklung, wenn denn die Grünflächen zwischen Steinbrückenweg und der Windallee bebaut werden könnten. Diese Impulse bleiben aber unklar. Ob es sich nun um soziale Wohnungsbauten oder gar andere Ideen wie der Neubau für das Rathaus handelt – alles scheint offen.

Hingegen hat aber das Planungsbüro Richter Sportstättenkonzepte GmbH auf den Seiten 159ff des Sportstättenentwicklungskonzeptes 2018 schon klare Vorstellungen geliefert, wie eine Bebauung der neuen Flächen aussehen könnte. Dieser Entwurf dürfte nahe dran sein an dem, was Investoren sich vorstellen mögen. Diese Skizzen haben jedoch nichts mit sozialem Wohnungsbau oder innovativen Ideen zu tun.

plannungsentwurf richter

Quelle: Sportstättenentwicklungskonzept der Stadt Varel  S.161

Tatsächlich existiert ein Zeitdruck bei Planung, denn bis zum Herbst 2019 müssen die Voraussetzungen für die Förderung durch Bundesmittel geschaffen sein, d.h. Kauf der neuen Flächen in Langendamm, Bodenuntersuchungen und die Bereitstellung des finanziellen Eigenanteils müssen abgeschlossen sein. Der aber kann nur durch den Verkauf der Flächen zwischen der Windallee, der Waldstraße und dem Steinbrückenweg gewährleistet werden. Dieser Verkauf wiederum muss durch einen Ratsbeschluss bestätigt werden. Im Antrag an den Bund schrieb man, dass man den nachreichen werde. Die Frage ist nur, wann dieser Beschluss gefasst wird bzw. ob man den Beschluss zum Antrag vom 19.09.2018 selbst schon als einen solchen interpretieren will?

Letzteres hieße, dass man mit dem Antrag auch dem Verkauf des Waldstadions zugestimmt hätte, ohne in der Öffentlichkeit konkret darüber diskutiert oder direkt abgestimmt zu haben. Da Letzteres doch eher unwahrscheinlich, weil verantwortungslos und täuschend gewesen wäre, wird man in Varel wohl in den kommenden Wochen mit einer entsprechenden Beschlussvorlage für den Stadtrat rechnen dürfen. Daher wird sich in den kommenden Wochen mit aller Wahrscheinlichkeit eine ungewöhnlich intensive Diskussion in Varel entwickeln.

Norbert Ahlers

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Lebenzeichen in der Vareler Kulturlandschaft?

Erst wegen der „Förderkulisse“ die Planung eines Kulturzentrums im Kasernengelände, dann die Aussicht eines Veranstaltungsortes in der alten Katholischen Kirche und nun der Begegnungsort im Neubau des Gymnasiums. Man möchte meinen, dass sich etwas in der kargen Kulturlandschaft Varels bewegen würde. Doch leider sind all diese Verlautbarungen nicht mehr als der Ausdruck einer Gedankenlosigkeit, die Varels politische Gremien schon seit Jahrzehnten kennzeichnet. Wie begründet sich diese Einschätzung?

Zum einen wäre es fast schon wunderhaft zu nennen, wenn plötzlich in der Kulturpolitik, einem stets konsequent vernachlässigten Bereich der Stadtpolitik, die strategischen Impulse im Sinne der Nachhaltigkeit gesetzt werden würden, die in der Verkehrspolitik, im Tourismus oder in der Frage um das Biosphärenreservat bisher strikt abgelehnt wurden. Man muss in Varel und Umgebung nur an die Initiative des Herrn Freese denken, der ein Automuseum im Hansa-Gebäude errichten wollte und die der Stadtrat mit seinen Bedenken wegen der Betriebskosten eines solchen Vorhabens ablehnte (ein Kostenfaktor, der nun weder bei dem geplanten Kulturzentrum noch bei dem Sportstättenkonzept eine Rolle zu spielen scheint). Mit anderen Worten: Es gibt einen langjährigen Erfahrungswert, der die Skepsis gegenüber den genannten Verlautbarungen unterfüttert. Doch unabhängig von diesem eher subjektiven Erfahrungswert sprechen auch Fakten gegen diese neue Umtriebigkeit in Sachen Kultur. Der Haushalt der Stadt Varel ist da sehr beredt: Die Schuldenlast der Kommune wird für 2022 auf 18.878.800,- € veranschlagt, allein für das Jahr 2019 auf 3.931.600,- €. Insgesamt geht man also von einer Mehrverschuldung von 3.290.800,- € gegenüber der Schuldenlast von 2017 aus. Die Verwaltung kann allenfalls als Erfolg behaupten, dass 2018/19 keine Liquiditätkredite notwendig sind, ansonsten ist ihre Einschätzung alles andere als ermutigend: „Nach derzeitiger Lage ist ein dauerhaft strukturelles Defizit zu erwarten“ und die „Erwartung steigender Gewerbesteuererträge allein (sind) für einen dauerhaften Haushaltsausgleich nicht ausreichend.“ Für Investitionen, z.B. Kinderbetreuung, müssen Kredite aufgenommen werden. Potentielle Mehreinnahmen sollen, wenn vorhanden, vor allem für die Instandhaltung der Straßen verwendet werden. In einer solchen finanziellen Situation ist es kaum zu erwarten, dass die öffentliche Hand der Stadt Varel den Schneid hat, in Bildung und Kultur zu investieren. Schaut man auch die Verlautbarungen genauer an, so lobt man hier vor allem Projekte, die entweder aus privater Initiative entwickelt werden (Alte Katholische Kirche) oder vom Bund, Land oder Kreis finanziert werden. In beiden Fällen begrüßt die Stadtverwaltung diese Entwicklungen, wohl wissend, dass sie im Schatten dieser Entwicklungen Immobilien wie das Tivoli, die Weberei und anderes mehr profitabel veräußern kann. So muss man also leider davon ausgehen, dass die obengenannten Schwächen der Komunalpolitik in dieser Stadt weiterhin ihr unseliges Beharrungsvermögen zeigen und die Zukunft dieser Stadt vertan wird.

Schauspielhaus. Zeichnung

rekonstruierte Zeichnung des einst geplanten gräflichen Schauspielhaus zu Varel (1841), vgl. Originalpläne im Landesarchiv Oldenburg.

von Norbert Ahlers

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Varels Ansichten verlieren ihre Weite

Varel 19. Jahrhundert

Varel in der Perspektive des 19.Jahrhunderts – Überschaubarkeit, die Vertrauen in Zukunft produzierte (Bild: Archiv Villa Schmalfilm)

Stadtansichten von Varel aus dem 19. Jahrhundert zeigen eine kleine Stadt mit Windmühlen, Fabrikschornsteinen, Schlosskirche und Bäumen. Diese Bilder fallen aber auch dadurch auf, dass sie in der unteren Bildhälfte mit Wiesen eine Weite zeigen, die in gewisser Hinsicht mit der des Himmels korrespondiert. Diese Weideflächen waren bzw. sind agrarische Wirtschaftsflächen und somit in gewisser Weise Gewerbeflächen.

Im Bildaufbau aber vermitteln sie in der historischen Stadtansicht eine ausgewogene Stimmigkeit. Die Stadt, die Arbeitswelt und die Landschaft stellen visuell eine Einheit dar. Diese Bilder beschrieben keine Idylle, aber im Zusammenspiel bezeichneten sie etwas Vertrautes. Dieses Landschaftsbild ist auch heute noch für viele Vareler die vertraute Idee, die sie assoziieren, wenn sie sich eine Gesamtansicht ihrer Stadt vorstellen oder wie sie sie auch von Hohenberge aus noch teilweise betrachten können.

Diese Stadtansichten sind in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive demontiert worden. Angefangen mit dem Bau der Autobahn und der eher bizarren Straßenführung im Bereich Torhegenhausstraße im Zusammenhang mit der B 437 bis zur endgültigen Aufgabe der Güterbahnlinie Borgstede – Varel (Stilllegung schrittweise zwischen 1997 und 2001) und dem Verlust der Grünflächen durch die gegenwärtige Ausdehnung des sogenannten Gewerbe- und Logistikports Varel. Doch damit wird es sicher nicht sein Ende haben und die Möglichkeiten für neue Gewerbegebiete werden seitens der Stadt schon ausgelotet.

Die Umwandlung von agrarischen Grünflächen in herkömmliche Gewerbegebiete für Logistik- und Produktionsbetriebe aber ist signifikant für die Veränderungen der Oldenburger Provinz. Die ländlichen Flächen werden einerseits immer weiter zurückgedrängt und gleichzeitig in ihrer Nutzung intensiviert und optimiert. Der Stadtrand selbst aber wird zersiedelt und ist als Gesamtansicht nicht wiederzuerkennen. Die Stadtansicht verschwindet hinter einem Konglomerat gesichtsloser Bauten und Hallen, die jedes architektonische Proportionsgefühl zur Umgebung vergessen zu haben scheinen. Es verschwinden dabei mehr als nur einige Grünflächen: Mit ihnen verlieren sich die imaginierte Weite eines Landschaftsbildes und der vertraute Zusammenhang zwischen Stadt und Land.

Der sanfte Übergang von Weiden und Feldern zum Stadtrand verliert sich in zerfaserten Gewerbeansiedlungen, beziehungslosen Wohngebieten mit auf engstem Raum verdichteten Einfamilienhäusern und überlasteten Straßen. Vor allem aber verliert sich mit der Stadtansicht das, was eine Stadt ideell zusammenhält – und somit auch ihre Identität.

 

von Norbert Ahlers

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Tivoli – ein Bürgerhaus für die Stadt Varel

Seit 1999 wird das Tivoli, Varels Traditionsgaststätte, von Fred und Jeannine Lienemann erfolgreich geführt. Eigentümerin dieses Hauses ist die Stadt Varel und 2021 wird der aktuelle Pachtvertrag enden. Das Tivoli, das seit 1901 als Gaststätte in der Windallee existiert, steht mit dem Vertragsende zur Disposition. Die Stadtverwaltung präferiert den Verkauf des Grundstückes mitsamt dem Parkplatz und setzt auf den Neubau einer großen Veranstaltungshalle am Stadtrand. Der Gegenentwurf wäre eine Sanierung des Gebäudes und die Umgestaltung zu einem Kulturhaus für Theater, Film und Literatur. Grund genug für die Vareler Randnotizen, denjenigen zu fragen, der das Tivoli am besten kennt und es zu dem gemacht hat, was es heute in Varel wieder ist. Hier das Interview mit Fred Lienemann, Geschäftsführer und Gastwirt der Windallee 21, dem Tivoli.

 

Ahlers: Was hat Sie bewogen, nach Varel zu ziehen?

Lienemann: Ganz einfach: Ich wollte mich selbstständig machen. Mein Werdegang ist: Realschule im tiefsten Ostfriesland, in Großenfehn. Ich habe dann in Neuharlingersiel ganz klassisch Koch gelernt und nach der Lehrzeit ging ich nach Berlin ins Excelsior. Da bin ich dann 10 Jahre geblieben – mit Unterbrechung der Meisterschule in Koblenz. Ich hatte noch vier Semester BWL-Studium und fühlte mich nun gewappnet. Mit 28 Jahren war ich dann soweit, dass ich mir gesagt habe, jetzt mache ich mich selbstständig. Das war auch immer mein Ziel. Das liegt in meiner Familie, mein Vater, meine Großväter waren alle selbstständig, das war schon immer so. Mit 28 machte ich mich also auf die Suche und es kamen für mich nur zwei Regionen in Frage: Das waren Berlin und der Nordwesten. Ich habe meinen Vater gefragt, ob er die Augen aufhalten könne und er hat mir dann das Zeitungsinserat zugeschickt: Stadt Varel sucht Pächter für das Allee-Hotel. Wir uns den Laden angeschaut und ich sah, dass es ein großes Haus war. Ich wollte nichts kleines. In der Gastronomie können sie mit einem kleinen Laden nicht weit kommen. Mit einem größeren Haus hat man zwar größere Risiken, aber man hat die Chance auf einen größeren Umsatz – und mit dem kann man es schaffen. Ich habe mich dann beworben und meine Chancen standen recht gut. Ende April 1999 war dann eine Sitzung der Ratsmitglieder und meine Frau und ich hatten die gesamte Kriegsbemalung der Zertifikate und Qualifikationen dabei. Nach ein paar Tagen meldete sich dann Herr Busch und teilte uns mit, dass wir – wenn wir denn noch Interesse hätten – das Allee-Hotel übernehmen könnten. So bin ich wieder in den Nordwesten bzw. nach Varel gekommen.

Ahlers: Das Haus hieß ja noch Allee-Hotel. Wie kam es, dass Sie es in Tivoli umbenannt haben?

Lienemann: Das war aus der Not geboren. Erst hieß das Haus weiter Allee-Hotel, dann versuchte ich es kurzzeitig mit dem Namen Storchennest, aber das funktionierte nicht. Das Haus hieß erst seit 1920/21 Allee-Hotel und wer das Schild Allee-Hotel liest, vermutet hier auch ein Hotel. Der Hotelbetrieb ging jedoch nur bis zum Krieg und die letzten Gäste, die das Haus gesehen hat, waren Verwundete im Krieg. 1945 hatten es die kanadischen Truppen beschlagnahmt. Bei der Wiedereröffnung nach dem Krieg nahm man dann den Gaststättenbetrieb wieder auf, verzichtete aber auf den Hotelbetrieb. Die Hotelzimmer lagen über der Gastronomie, haben aber schon seit langem nicht mehr dem Standard für eine Übernachtung entsprochen. Diese Räumlichkeiten wurden somit als Wohnung für die jeweiligen Pächter genutzt. Ich habe dort auch bis 2007 gewohnt. Das hat Vor- und Nachteile, doch wenn man dort mit kleinen Kindern wohnt, wird es schwierig.

Allerdings kam es regelmäßig vor, dass immer wieder Menschen nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragten und als 2004 die niedersächsischen Skatmeisterschaften im Haus stattfanden, kamen 250 von 300 Teilnehmern von Auswärts. Entsprechend oft wurde angerufen, ob wir denn noch ein freies Zimmer hätten. Da hat es uns gereicht. Ich wusste, dass das Haus früher Tivoli hieß und da habe ich beim Rathaus gefragt, ob wir es umbenennen können. Das klappte dann auch. Es war zwar kostspielig, aber letztlich war es gut. Wenn man kein Hotel ist, soll man auch nicht Hotel heißen.

Ahlers: Sie mussten 1999 praktisch von Null anfangen. Sie hatten nur das Gebäude. Was war in dieser Situation ihr Konzept?

Lienemann: Im Prinzip einfach eine gute Küche und einen guten Service bieten. Ich wusste, dass der Laden Potential hat, weniger wegen des Restaurants, sondern vor allem wegen des Saales. Der Saal ist groß und es gibt Veranstaltungen, die immer wiederkehren. Dafür braucht es einen großen Saal, z. B. etwa für einen Silvesterball oder für Firmenveranstaltungen. Meine Situation war so, dass mein Vorgänger den Laden wirklich gegen die Wand gefahren hatte. Da sind damals einige kuriose Dinge passiert und am Ende hatte man nur noch 26 Gäste für den Silvesterball im großen Saal. Da funktionierte nichts mehr. Wäre der Abriss 1998/99 Thema gewesen, hätte wohl kaum jemand dem damaligen Allee-Hotel eine Träne nachgeweint.

Ahlers: Als Sie das Haus 1999 übernommen haben, hatten sie den Eindruck, dass das Haus damals sanierungsbedürftig gewesen wäre?

Lienemann: Nun, ich war damals 20 Jahre jünger und hatte weniger Ahnung von Technik. Doch als wir 1999 kamen, funktionierte alles. Die Küche allerdings mussten wir renovieren. Das haben wir in Zusammenarbeit mit der Stadt damals gemacht, ansonsten gab es nur kosmetische Veränderungen. Technisch ist das Gebäude auf dem Stand von 1973. Die Stadt hatte seinerzeit das Gebäude übernommen und dann massiv renoviert. Danach hatte sich nicht viel verändert, also Steckdosen und Leitungen sind immer noch auf dem Standard jener Jahre. Die Heizung wurde – denke ich – in den 80er Jahren erneuert. Insgesamt ist das Haus auch heute noch gut in Schuss. Es ist nicht marode. Es tropft nicht irgendwo durch, aber was teuer wird, ist der Brandschutz: Die Auflagen von heute gab es vor 20 Jahren noch nicht. Wenn Behörden andere Gastronomen auf diesen Brandschutzvorgaben hinweist, kann es nicht sein, dass eine Kommune bei ihren eigenen Häusern diesen Vorgaben nicht nachkommt und nicht investiert. Da muss also was getan werden.

Ahlers: Handlungsbedarf besteht also vor allem beim Brandschutz?

Lienemann: Ja – und wenn man dann anfängt, ist man auch gleich bei der Wärmedämmung. Die gab es damals so auch nicht. Geht man das grundlegend an, dann wird es umfrangreich und sehr teuer.

Ahlers: Es war überraschenderweise Anfang des Jahres in der Zeitung zu lesen, dass Sie vorzeitig aufhören wollen.

Lienemann: Nein, ich erfülle meinen Pachtvertrag, der bis zum 31.07.2021 geht.

Ahlers: Laut Zeitung hieß es, dass der Pächter früh aus seinem jetzigen Beruf aussteigen wolle.

Lienemann: Nein, das war ein wenig irreführend. Ich habe immer gesagt, dass ich das nicht bis zur Rente machen werde. Die statistische Lebenserwartung von Gastwirten mit einem Saalbetrieb liegt bei 54 Jahren. Ich alleine kenne fünf Küchenchefs, die zwischen 54 und 60 mit einem Herzinfarkt dahingerafft worden sind. Den Job kann man nicht bis 67 machen. Die Arbeitsbelastungen sind enorm. Aber bis 2021 bin ich auf jeden Fall dabei – und ich hoffe, meine Gäste auch. Ich bin mit der Stadt so verblieben, dass ich – wenn der Neubau einer Mehrzweckhalle, einer Art Stadthalle, aber ohne Gastronomie, sich verzögert – ich noch bis Ende des Jahre 2021 bleibe oder vielleicht auch bis zum Sommer 2022. Doch das muss man dann sehen.

Ahlers: Das Tivoli ist ein Gaststättenbetrieb mit Veranstaltungsprogramm. Kann man das so beschreiben?

Lienemann: Das Tivoli ist die Stadthalle bzw. das Bürgerhaus der Stadt Varel, es heißt nur aus historischen Gründen nicht so.

Ahlers: Nun wird die Diskussion um ein Kulturzentrum geführt. Ist denn das Tivoli immer auch das Kulturzentrum Varels gewesen?

Lienemann: Varel hat eine besondere Situation. In anderen Orten konzentriert sich das meist auf eine Location. In Varel aber haben wir mehrere Orte. Lesungen, Theater usw. finden in der Aula des LMG statt und in zwei großen Kirchen finden Konzerte statt. Zudem gibt es die Schulaula an der Arngaster Straße und wir haben in Varel dann noch die Weberei und das Tivoli. Das Tivoli ist inzwischen in der regionalen Kulturszene nicht unbekannt. Wir stellen den Saal für Veranstalter zur Verfügung und so gibt es auch hier Theater, Lesungen, Konzerte und Vorträge. So sind wir gewissermaßen auch ein Kulturhaus. Wir sind aber kein Kulturzentrum im Sinne etwa des Bürgerhauses Schortens, wo große Namen auftreten. Das haben wir in Varel nicht.

Ahlers: Könnten Sie sich vorstellen, dass das Tivoli ein Potential für Theater, Literatur und für Kino hätte?

Lienemann: Ja, durchaus. Theater sind wir. Wir sind das Domizil der niederdeutschen Bühne mit drei Inszenierungen pro Jahr bzw. Saison mit je 10 Aufführungen. Mit Lesungen ist das in Varel schwieriger, denn da ist eine Veranstaltung mit 50 Besuchern schon gut besucht. Ausnahmen sind vielleicht Veranstaltungen wie im Kurhaus, wo Autoren wie Wigald Boning oder Heinz Strunk kommen. Aber das Potential liegt letztlich im Vareler Publikum – und wer solch ein Programm auf die Beine stellt. Doch ich als Gastwirt stelle kein Kulturprogramm auf die Beine.

Ahlers: Sehen Sie denn aufgrund ihrer Erfahrungen ein solches Potential für das Tivoli?

Lienemann: Ja, das Potential ist schon da. Wenn eine Sanierung nicht zuviel Geld verschlingt, dann wäre das schon drin. Allerdings konkurriert man in Varel z.B. mit dem LMG. Die Situation müsste man dann schon verändern – aber aus Sicht eines Gastwirts weiß ich, dass man mit Kulturveranstaltungen nicht das große Geschäft macht. Die dürfen z.B. nicht mit anderen Festen kollidieren, weshalb sie im Tivoli oft in der Mitte der Woche stattfinden. Das ist einfach eine ökonomische Frage. Eine Hochzeit macht einen Umsatz von 6000,- €. Bei einer Lesung reden wir von 130,- € Umsatz. Aber klar: Man muss Kulturveranstaltungen machen, doch das muss man subventionieren. Es werden ja noch ganz andere Sachen um ein Vielfaches subventioniert – und dann finde ich das Fördergeld beim Theater ganz gut angelegt.

Ahlers: Wäre es sinnvoll, wenn Varel solch ein Kulturhaus hätte?

Lienemann: Ja, also wenn die die Halle, also das neue Kulturzentrum im ehemaligen Kasernengelände bauen, dann vor allem im Hinblick auf die niederdeutsche Bühne, um die nicht sterben zu lassen. Darum geht es im Endeffekt. Es wird sich hier jetzt kein Ensemble bilden, was ein hochrangiges Programm entwickelt, schon weil es hier kein Publikum dafür gibt. Es müssen ja auch die Besucherzahlen stimmen und bei der niederdeutschen Bühnen stimmen die Zahlen wieder halbwegs. Die haben auch ihr Potential.

Ahlers: Im Haus gibt es mehrere Säle, d.h. man hätte die Option für eine Probebühne, für ein kleines Schauspielhaus, für einen kleinen Kinosaal und gleichzeitig gäbe es eine Gastronomie, also einen Ort, an dem Begegnung stattfände.

Lienemann: Würde man das so machen, würde sich die Gastronomie nicht tragen. Wäre der kleine Saal eine Bühne, wären keine Hochzeiten oder Grünkohlfeiern mehr möglich. Unser Erfolg liegt in der Gastronomie und nicht in den Kulturveranstaltungen. Davon leben wir. Ich habe hier zehn Festangestellte, da kann man sich die Lohnsumme ausrechnen und die muss jeden Monat bewegt werden. Wenn man keine Hochzeit mehr machen kann, weil Kulturveranstaltungen Vorrang hätten, dann hätte ich auch keine zehn Festangestellten mehr.

Ahlers: Sie haben eine moderate Pacht und müssen zudem die Nebenkosten aufbringen.

Lienemann: Die Kostenstruktur der Betriebskosten ist für die Stadt Varel nicht das große Problem. Natürlich hat die Stadt mit dem Haus Kosten, aber wenn man das mit anderen Bürgerhäusern vergleicht, ist man hier gut aufgestellt. Konkret: Die Energiekosten belaufen sich auf 4400,- € pro Monat, die muss ich tragen. Außerdem übernehme ich mehr oder weniger die Hausmeistertätigkeiten. Ich finanziere die Pacht und damit auch die städtischen Gebühren. Größere Reparaturen übernimmt die Stadt als Eigentümerin. Wenn also die Stadt in einen Neubau investiert, dann hätte sie beim Bau einen Vorteil, aber die Betriebskosten wären ungeklärt. Denn es gäbe keinen Pächter und somit wäre die Stadt selbst Betreiberin. Die Nebenkosten müsste die Stadt konsequenterweise selbst erwirtschaften. Und Veranstaltungen gehen oft bis tief in die Nacht… da muss dann jemand vor Ort sein. Gastronomie ist kein 9 to 5-Job. Da gäbe es einiges an Nachtzuschlägen. Die Gastronomie würde durch einen Catering-Dienst übernommen. Billiger wird der Betriebskostenanteil mit dem Neubau nicht.

Ahlers: Ist hinten an dem Gebäude noch Grünfläche?

Lienemann: Da gibt es einen große Garten, dafür gibt es aber keine Konzession. Den Garten pflegen wir und bei Hochzeiten wird er gelegentlich für einen Sektempfang genutzt, aber mehr auch nicht. Gastronomisch nutzen wir ihn nicht. Das Problem ist schon die Theke, die ja im Haus ist. Damit wäre der Laufweg zu weit, um einen Service zu gewährleisten. Zudem ist bisher die Sommersaison in Friesland eher überschaubar gewesen.

Ahlers: Wie ist der Zustand der Fassade? Früher gab es der Zeit entsprechende Fassadenornamente. Sind die alle hinter der Verkleidung noch verborgen oder hat man die damals abgeklopft?

Lienemann: Das ist meines Wissens alles abgeklopft worden. Es gab die Sprossenfenster, doch die sind ja schon lange weg und die Fensterläden sind es ja auch.

Ahlers: Wie stellen Sie sich die Zukunft dieses Hauses vor?

Lienemann: Ich sehne mich nach einem etwas zivilisierterem Leben, also nach einer besseren work-live-Balance. Für mich persönlich ist die Frage damit beantwortet. Die Zukunft des Hauses ist mir nicht egal, aber wenn es so ist, wie der Bürgermeister sagt, dass man für den Neubau eine Förderung bis zu 60% bekommen könnte und eben für eine Sanierung gar keine Förderung, dann stellt sich für mich aus ökonomischer Sicht keine Frage mehr.

Ahlers: Aus rein ökonomischer Sicht betrachtet, gibt es einen schwerwiegenden Grund, aber gibt es nicht auch einen emotionalen Grund, der nicht weniger bedeutend ist?

Lienemann: Stimmt. Dann ist das hier vorbei. Hier wird nie wieder eine Gastronomie aufgebaut werden. Sehr wahrscheinlich würden hier seniorengerechte Wohnblocks entstehen, drei Blocks mit je acht Wohnungen und Fahrstuhl. Doch andererseits, klar: Das Haus ist Vareler Geschichte und wenn man die ältere Generation fragt, werden nicht wenige sagen, dass sie hier gefeiert oder sich gar kennengelernt haben. Ein prominentes Vareler Pärchen sind Anita und August Osterloh. Die haben sich hier beim Tanzen kennengelernt. Wenn man eine Umfrage machen würde, das Haus zu erhalten oder nicht, dann würde wohl für den Erhalt 80:20 abgestimmt werden. Das hängt aber immer auch vom aktuellen Standing ab. 1999 wäre das sicher anders gewesen.

Ahlers: Hat sich in all den Jahren das Publikum verändert?

Lienemann: Nein, das Tivoli ist gutbürgerlich, also ein klassisches Dorfgasthaus. In Varel gibt es für die Größe der Stadt eine bemerkenswerte gastronomische Vielfalt und in dieser hat das Tivoli einen guten Platz. Wir sind kreisweit bekannt. Es kommen Leute aus Wittmund, Wilhelmshaven, Schortens und für größere Festgesellschaften sind wir hier die gute Adresse. All das zeigt eine Kontinuität. Es ist ein wenig wie früher: Man feiert hier die Hochzeit, dann kommen Kinder und man feiert hier auch die Taufe, anschließend die Konfirmation und irgendwann kommt man als Trauergemeinschaft zum Kaffee wieder zusammen.

Ahlers: Wenn es das Tivoli nicht mehr gibt, wer würde dann dessen Funktion ersetzen?

Lienemann: Dann würde ein großer Saalbetrieb fehlen, aber es würde sicher auch etwas Neues entstehen. Vielleicht würde jemand in einen neuen Saalbetrieb investieren.

Ahlers: Für Varel würden sie den Erhalt wünschen oder würden sie für ein Kulturhaus plädieren?

Lienemann: Schwierige Frage. Es wäre schön, wenn es einen Nachfolger gäbe. Es wäre schön, wenn die Geschichte, die wir geschaffen haben, fortgeschrieben werden könnte. Aber ich kann die Bedenken der Stadtverwaltung durchaus nachvollziehen. Die Sanierung darf kein Fass ohne Boden werden. Es ist auch nicht so, dass es die Aufgabe einer Kommune wäre, einen Gastbetrieb in der Stadt anzubieten. Andererseits ist es auch so, dass eine Stadt nicht allein aus Gewerbegebieten besteht. Das müssen allerdings letztlich die politischen Gremien entscheiden. Ich bin da neutral.

Tivoli 2019, Foto: Villa Schmalfilm

Ein Haus für die Kunst ist weniger Leuchtturm als vielmehr ein Hafen, ein Umschlagsplatz von Informationen, Ideen und Gefühlen.

Das Interview führte Norbert Ahlers

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Eine Frage des Bürgermeisters ernst genommen

Wollen wir in ein altes, marodes Bauwerk Tivoli noch viel Geld stecken, oder ein neues errichten, in dem neue Formate wie die Landesbühne oder eine neue Niederdeutsche Bühne unsere Kulturszene beleben, bündeln und erneuern?“ So die rhetorische Frage von Varels Bürgermeister Gerd-Christian Wagner.

Hier aber ein Versuch, diese Frage ernstzunehmen. Gerd-Christian Wagner geht davon aus, dass ein Neubau per se besser sein muss als ein Altbau. Altes bedeutet hier marode1, also überholt, rückschrittlich und „abgewirtschaftet“ (nicht etwa geschichtsträchtig oder traditionsreich). Neues wäre dementsprechend zeitgemäß, fortschrittlich und belebend.

Dass ein Neubau die Kulturszene bündeln und beleben könnte, ist eine These, die hier durch nichts belegt wird. Der Stadtrat Varel, geschweige denn die Stadtverwaltung, haben keinerlei Konzeption für die Kulturarbeit. Weder gibt es in Varel ein kommunales Kulturbüro, noch gibt es eine KulturkoordinatorIn. Insofern sind Aussagen über potentielle Effekte eines neuen Kulturzentrums bestenfalls als vage zu bezeichnen.

Architektonisch dürfte ein solcher Neubau sehr wahrscheinlich für die kommenden zwei Jahrzehnte den technischen Standards eines Veranstaltungsortes entsprechen, doch vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Kulturzentren in anderen Orten sind diese Gebäude immer ein Ort der Nachbesserungen, weil die Ansprüche in der Kulturarbeit dynamisch und in stetem Wandel begriffen sind.

Der Gedanke, dass der Vareler Stadtrat sich dazu entschließen könnte, ein Schaupielhaus mit Probebühnen, vielleicht sogar mit einem integrierten kommunalen Kino zu bauen, gehört in der gegenwärtigen politischen Situation in die Welt der Wünsche und Visionen.

Daher wäre dieser Bau – auf Grund der Kosten – immer nur als Kompromiss gedacht, also bestenfalls als eine schlichte Mehrzweckhalle, in der neben Theaterveranstaltungen allerlei Events jedweder Art stattfinden könnten. Es ist unwahrscheinlich, dass von solch einer Halle eine relevante Belebung des Vareler Kulturlebens ausgehen könnte, geschweige denn dass der Neubau für die Kulturszene ein anregender, belebender und reizvoller Ort werden dürfte. Und das aus einem einfachen Grunde: Dieser Kulturbau am Rande des Gewerbegebietes wäre ohne Geschichte, ohne Beziehung zur Stadt und deren Lebensmitte und ohne Bezug zur Kunst- und Kulturszene Varels.

weberei teestube 1979 - 80

In dem ehemaligen Werkgebäude der Weberei gab es von 1979 – 1980 eine von Jugendlichen weitgehend selbst organisierte Teestube, die Anfänge des Jugendzentrums.  Foto: © Archiv Villa Schmalfilm

Und dass man in Varel kein glückliches Händchen mit Neubauten hat, zeigen Beispiele wie das Dienstleistungszentrum des Landkreises zu genüge, das immer noch vor allem an eine Kaserne erinnert oder die Baracken des Vereinshauses Weberei. Ganz zu schweigen von der Baugeschichte des Vareler Rathauses.

Was aber wäre, wenn man das Tivoli saniert, teilweise restauriert und schließlich einen Theaterbetrieb mit verschiedenen Werkstätten für Bühnenbild und Kostüme, für Schauspiel, Literatur und Sprachen einrichten würde? Das Ganze in einem Zusammenspiel mit einem erfolgreichen Restaurantbetrieb. Im Tivoli wären tatsächlich relevante Impulse für das Kulturleben zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg zu erwarten. Hier könnte eine Kulturszene sich bündeln, eben weil die Kunst an einen vertrauten Ort zurückfindet. Die Sanierung des Tivoli wäre – wenn es denn in Varel um Kultur und Kunst ginge – auf jeden Fall kostengünstiger und erfolgreicher.

Jeder weiß es im Stillen: Es geht hier nicht um die Niederdeutsche Bühne oder gar die Kunst- und Kulturszene Varels, denn sonst hätte diese Stadt schon längst ein Kulturmanagment und die Idee einer kulturpolitischen Leitlinie. Es verhält sich hier mit der Kunst- und Kulturszene genauso wie mit der Idee der Nachhaltigkeit oder dem Biosphärenreservat: Man muss sie sich leisten können. Es geht hier der Stadt Varel nicht darum, das Theater als ein wesentliches Gut und als Voraussetzung für ein waches und kritisches Gemeinwesen Ernst zu nehmen, sondern sich, möglichst kostengünstig, mit ein paar Federn zu schmücken, die nicht recht zum Rest des Kleides passen wollen.

Text: Ahlers & Hirdes

1)  Wenn die Stadt Varel als Eigentümerin des Tivoli die eigene Immobilie als „marode“ bezeichnet und sie deshalb verkaufen und einen Neubau errichten möchte, so zeigt sich in diesem Vorgehen eine naive Verantwortungslosigkeit: Nicht nur, dass sie selbst Schuld an dem baulichen Zustand des Tivoli hat (ähnliches gilt im übrigen in Bezug auf den traurigen Zustand des Waldstadions), es bringt auch nichts, etwas Neues zu bauen, wenn das Neue nicht auch eine neue Idee vermittelt. Eben diese neue Idee aber gibt es in Varel nicht.

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